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Einleitung
Die Geſchichte von den Leuten aus dem Lachs waſſertal hat,
abgeſehen von einzelnen Epiſoden, einen beſchraͤnkten
Schauplatz, umſpannt aber dafür einen großen Zeitraum. Mit
der Beſiedelung des Zvammsfjord, der vom Breidifjord nach
Oſten ſich ins Land hineinzieht, beginnt die Saga, in den Taͤ⸗
lern, die von Norden, Weſten, Suͤden her in den innerſten
Teil des Sjords auslaufen, im ‚Tälerbezirf‘ ſpielt ſich der
Hauptteil der Saga ab, und in dem unweit der Muͤndung des
Zgvammsfjord gelegenen Helgafell nehmen wir Abſchied von
den Menſchen, deren Schickſale uns hier erzaͤhlt werden.
Es ſind die Schickſale von acht Geſchlechtern, natuͤrlich nicht
mit gleicher Ausfuͤhrlichkeit geſchildert; die Solge der Geſchlechter
iſt bezeichnet durch: Ketil Slachnaſe, deſſen Tochter Unn, deren
Sohn Thorftein den Roten, deſſen Sohn Olaf Seilan, deſſen
Neffen goͤskuld, deſſen Sohn Olaf Pfau, deſſen Sohn Kjartan
und Neffen Bolli und ſchließlich durch Bollis Sohn Bolli.
Am Beginn der Saga ſteht wie ſo oft die gewaltige Geſtalt des
Königs Harald Schoͤnhaar, der den Trotz der norwegiſchen
Zaͤuptlinge zerbricht oder fie aus dem Lande treibt (872 bis
ungefähr 943), am Schluß Rönig Olaf der Heilige, gefallen
in der Schlacht bei Stikleſtad 1030, der das ftörrifche Volk end⸗
gültig dem Chriſtentum unterwirft. Auch die in der Zwiſchen⸗
zeit in Norwegen herrſchenden Sürften treten mit Ausnahme
von Eirik Blutaxt und der beiden Jarle Eirik und Svein,
die Olaf dem Heiligen vorangehen, in der Saga auf: gakon, der
juͤngſte Sohn des Harald Schoͤnhaar, gefallen im Kampf gegen
die Söhne Eiriks in der Schlacht von Sitje 961; Harald Grau⸗
mantel, gefallen etwa 970 im Kampf gegen den Daͤnen Gold⸗
Sarald; der Jarl Zakon, ermordet 995; Olaf Tryggvaſon, ge⸗
fallen in der Seeſchlacht bei Svoldr im Jahre 1000.
Die Saga beginnt um die Mitte des 9. Jahrhunderts, das
letzte, was ſie erzaͤhlt, iſt der Tod des Gellir, des Sohnes der
Gudrun (1073).
Dieſer Gellir iſt der Großvater des Geſchichtsſchreibers Ari,
der feine fruͤhſte Jugend bei ihm in Helgafell verlebte.
1 Meißner, Lachstalſaga 1
Die Einleitung erzählt, wie das Geſchlecht des mächtigen
Zerſen Ketil Flachnaſe aus Norwegen auswandert und in
Island ‚Land nimmt‘. Unn (in andern Quellen Aud), die
Stammmutter der maͤchtigſten Geſchlechter am Breidifjord,
gründet den Hof Zvamm, wo fie ihren Enkel Olaf Seilan zum
Erben einſetzt und das in Beſitz genommene Land verteilt.
Dann beginnt die eigentliche Saga von den Leuten im Lachs⸗
waſſertal. Die Zauptperſonen find Zoͤskuld, fein Sohn Olaf
Pfau, und deſſen Sohn Rjartan. Dieſer Teil endet mit der für
Kjartans Tod vollzogenen Rache, reicht alſo bis Kap. 56.
Zoͤs kuld iſt ein Neffe des Olaf Seilan, ein Sohn des Roll und
der Thorgerd, einer Schweſter des Olaf. Bei der Hochzeit er⸗
hält Koll das ganze Cachswaſſertal als Mitgift (Rap. 5).
Sobald ſich die Erzählung dem Zoͤskuld zuwendet, tritt gvamm
mit ſeinen Bewohnern voͤllig zuruͤck. Olaf Seilans Sohn war
der maͤchtige und geſchichtlich ſehr bedeutſame Häuptling Thord
Bruͤller: auf feinen Vorſchlag wurde ungefähr 965 die Ein⸗
teilung der Inſel in Viertel und die damit zuſammenhaͤngende
Thing⸗ und Gerichtsordnung feſtgeſetzt. Waͤhrend er in an⸗
dern Erzählungen eine wichtige Rolle ſpielt, ſteht er in der
unfrigen ganz im Zintergrunde, aber doch als der erſte Mann
im ganzen Bezirk, deſſen Wille entſcheidend iſt; vgl. Kap. 16.
Zoͤskuld hauſt auf dem noch jetzt beſtehenden Zofe Zoͤskulds⸗
ſtadir am ſuͤdlichen Ufer des Lachswaſſers. Seine Mutter
Thorgerd verlaͤßt Island nach dem Tode ihres Mannes, ver⸗
heiratet ſich in Norwegen mit Herjolf, wird bald zum zweiten
Male Witwe und kehrt wieder nach Island zuruͤck; ihr und
Zerjolfs Sohn Hrut wird in Norwegen erzogen. Weiter er⸗
zahlt die Saga von Zoͤskulds Verheiratung mit der ftolzen
Jorunn, und von den Kindern, die der Ehe entſprießen. Von
dieſen iſt der aͤlteſte Sohn Thorleik fuͤr die Saga wichtig, als
Vater des Bolli.
Zoͤskuld bringt von einer Auslandsreiſe eine ſtumme Sklavin
als Nebenfrau mit, die er auf dem großen Markt an der Muͤn⸗
dung des Goͤtaelf gekauft hat. In Island gebiert ſie einen
Sohn, der den Namen Olaf erhaͤlt. Hösfuld belauſcht eines
Tages Mutter und Kind und macht dabei die Entdeckung, daß
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die Mutter nur aus Stolz ihre Stummbeit angenommen bat.
Er erfährt nun, daß die Sklavin die Tochter des iriſchen Königs
Myrkjartan iſt und Melkorka heißt. Mit 15 Jahren iſt ſie in
Kriegsgefangenſchaft geraten. Das Verhaͤltnis zwiſchen den
beiden Srauen wird allmählich unerträglich, Melkorka bekommt
einen eigenen Hof im Cachswaſſertal, dort waͤchſt Olaf auf
(Kap. 13).
Zrut, Söskulds Halbbruder, kehrt nach Island zuruͤck und
erhebt Anſpruch auf den ihm vorenthaltenen Anteil am muͤtter⸗
lichen Erbe. Der Zwift zwiſchen beiden Brüdern wird ſchließ⸗
lich auf Jorunns Rat beigelegt, und Hrut richtet ſich feinen
Zof in Hrutsftadir ein. Dieſer Hof lag ſuͤdlich von Rambsnes
an der Oſtkuͤſte des Fvammsfjord. Die Hefte des von Hrut
errichteten Tempels, fuͤr die ſchon der Sagaſchreiber Intereſſe
hatte (Kap. 19), find noch zu ſehen.
Von Kapitel 20 ab wird Olaf Pfau, der Sohn des Hösfuld
und der Melkorka, Zauptperſon der Saga. — Das Verhältnis
zwiſchen Zoͤskuld und Melkorka iſt ſchlechter geworden, fie
verheiratet ſich mit Thorbjoͤrn Skrjup, der Olaf die Mittel für
eine Auslandsreiſe gibt. Olaf geht zunaͤchſt nach Norwegen,
wo er ehrenvolle Aufnahme bei Harald und der Röniginmutter
Gunnhild findet. Dann ſegelt er nach Irland und wird dort
von König Myr kjartan als Enkel anerkannt. Das Anerbieten
des Königs, fein Nachfolger zu werden, lehnt er ab, und kehrt
nach Island zuruͤck. Auf den Rat Zoͤskulds wirbt er um Thor⸗
gerd, die Tochter Egils, die zuerſt den Magdsſohn ſtolz zuruͤck⸗
weiſt, dann aber doch von ihm gewonnen wird. Olaf baut den
Zof Zjardarholt, auf der Nordſeite des Cachswaſſertals gegen
über dem auf dem ſuͤdlichen Ufer liegenden Hof feines Vaters.
Zjardarholt iſt jetzt ein Pfarrhof.
Olafs Tüchtigkeit und Reichtum, ſeine verbindung mit der maͤch⸗
tigen Familie des Egil, erheben ihn zum Arger der Jorunn
weit über die ehelichen Söhne des Zoͤskuld, von denen ihm
Thorleik, der den Hof Kambsnes (etwas noͤrdlich von Hruts
ſtadir) uͤbernommen hat, feindlich geſinnt iſt, waͤhrend der
zweite Sohn Bard Freundſchaft mit ihm hält. Das zeigt ſich
beim Tode Zoͤskulds (Kap. 26). Thorleik weigert ſich dem
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fterbenden Vater gegenüber, Olaf, den unehelich Geborenen,
als gleichberechtigten Erben anzuerkennen, waͤhrend Bard da⸗
zu bereit iſt. Nach dem Erbmahl gewinnt aber Olaf ſeinen
galbbruder Thorleik dadurch, daß er deſſen Sohn Bolli zur
Erziehung uͤbernimmt, — ein verhaͤngnisvoller Entſchluß.
Von Kap. 28 ab geht die Saga zum naͤchſten Geſchlecht uͤber.
Junaͤchſt wird von Thurid, der Tochter Olafs, erzaͤhlt, von
ihrer kurzen, ungluͤcklichen Ehe mit dem Norweger Geirmund,
den Olaf von einer zweiten Reife mitgebracht hat. Geirmund
verlaͤßt ſie, Thurid raubt ihm ſein Schwert Sußbeißer, uͤber
das er einen Fluch aus ſpricht. Die ſes Schwert ſchenkt Thurid
ihrem Vetter und Ziehbruder Bolli.
Im Kap. 32 wird die Familie des Oſvifr auf Laugar im
Saͤlingstal vorgeſtellt. Auch Oſvifr ſtammt von Ketil Flach⸗
naſe ab. Das Saͤlingstal oͤffnet ſich nach dem innerſten nord⸗
oͤſtlichen Zipfel des Zvammsfjord, am Ausgang des Tales
liegt Saͤlingsdalstunga (auch nur Tunga genannt). Caugar,
ſo genannt nach einer warmen, zum Baden benutzten Quelle,
liegt etwas aufwärts im Tal. Auf Saͤlingsdals tunga ſitzt der
Bauer Thorarin, der Sohn des Thorir.
Unter den Kindern des Oſpifr ift es die Tochter Gudrun, die
jetzt in den Vordergrund tritt. Der auch aus andern Erzaͤh⸗
lungen wohlbekannte Geſt, der Sohn des Oddleif, deutet ihr
an der warmen Quelle ihre Traͤume auf vier Ehen, in denen
ſich das Geſchick ihres Lebens erfüllen ſoll. Die beiden erſten
Ehen werden in Kap. 34 und 35 behandelt, die erfte endet
durch Scheidung, die zweite damit, daß ihr Gatte ertrinkt.
Nachdem Gudrun wieder Witwe geworden und auf den Hof
ihres Vaters zuruͤckgekehrt iſt, beginnt ihre Bekanntſchaft mit
Kjartan, dem Sohne des Olaf Pfau, und Bolli, Rjartans Jieh⸗
bruder (Kap. 39). Kjartan und Gudrun lieben ſich, aber es
kommt nicht zur Verlobung, denn Kjartan entſchließt ſich zu
einer Reiſe nach Norwegen. Beim Abſchied gibt Gudrun ihre
leidenſchaftliche Liebe zu erkennen, indem fie Kjartan bittet,
ſie mitzunehmen. Stolz und unwillig weiſt dann Gudrun
Kjartans Verlangen, daß fie drei Jahre auf ihn warten möge,
zuruͤck.
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Kjartan tritt feine Reife auf dem Schiffe des Ralf an, der aus
einer angeſehenen Familie des Nordviertels ſtammt. Bolli be⸗
gleitet ihn. Der folgende Abſchnitt uͤber ihre Erlebniſſe in Nor⸗
wegen findet ſich auch in andern Quellen. Kjartan trifft in
Trondhjem mit Koͤnig Olaf Tryggvaſon zuſammen, leiſtet
zunaͤchſt dem Drängen des Königs, der die Islaͤnder durch
Uberredung und Drohung zum Chriftentum zu bekehren ſucht,
Widerſtand, wird aber ſchließlich durch den Eindruck, den
der König auf ihn macht, überwältigt und laͤßt ſich taufen.
Kjartan wird dann über die Zeit, die er Gudrun angegeben
hatte, durch den König in Norwegen zuruͤckgehalten, aber
Bolli kehrt heim und wirbt, obgleich Olaf Pfau abraͤt, obgleich
Gudrun ihm erklaͤrt, daß fie auf Kjartan warte (Rap. 42), um
die Geliebte ſeines Freundes. Gudrun, von ihrem Vater und
ihren Brüdern gedrängt, an der Treue des Geliebten zweifelnd,
da Bolli ihr von Kjartans Neigung zu Ingeborg, der Schweſter
des norwegiſchen Rönigs, erzählt, gibt ſchließlich nach.
Als Rjartan im Sommer darauf mit Kalf in der Zvita im
Borgarfjord landet, hört er, daß Gudrun feit dem Winteran⸗
fang des vergangenen Jahres mit Bolli vermaͤhlt iſt. Kjar⸗
tan laͤßt ſich bewegen, Hrefna, die Schweſter feines Reifes
gefaͤhrten Kalf, zur Frau zu nehmen, und nun hofft Olaf
Pfau, daß es möglich fein werde, ein ertraͤgliches Verhaͤltnis
zwiſchen den Höfen Zjardarholt und Laugar zu wahren. Er
haͤlt deshalb an den gewohnten gegenſeitigen Beſuchen und
Einladungen feſt. Aber grade dadurch fuͤhrt er herbei, was er
fernhalten will. Kjartan erwidert die Seindſeligkeiten Gud⸗
runs und ihrer Brüder durch eine grobe Verhoͤhnung (Rap. 47)
und noͤtigt Thorarin auf Saͤlingsdalstunga, der feinen Hof
an Bolli verkauft hat, dieſen Handel ruͤckgaͤngig zu machen.
Gudrun reizt nun ihre Brüder auf, Kjartan zu überfallen, und
zwingt auch Bolli, an dem Juge teilzunehmen. Im, Schweine⸗
tal‘, nicht weit von Saͤlingsdalstunga, wird Kjartan ange⸗
griffen und von Bolli mit dem Schwert Sußbeißer getötet
(Rap. 49). Das geſchah nach den aͤlteſten islaͤndiſchen Annalen
im Jahre 1003, und wenn der Tag, Donnerstag nach Oſtern,
in der Saga richtig angegeben iſt, am 1. April. —
Olaf Pfau verhindert, daß Rache an Bolli genommen wird, nur
eine Geldbuße muß er erlegen. Ja, Olaf geht noch weiter, er
ſorgt dafür, daß Bolli und Gudrun nun doch den Hof Saͤlings⸗
dalstunga erhalten. Die Söhne des Osvifr werden des Landes
verwieſen. Olaf Pfau überlebt den Tod feines Lieblings ſohnes
noch um drei Jahre. —
Nach Olafs Tode reizt ſeine Witwe Thorgerd ihre Soͤhne auf,
an Bolli Rache zu nehmen. Bolli wird in einer Sennhuͤtte des
Saͤlingstals überfallen und getötet (Kap. 55).
Von nun an wendet ſich die Saga durchaus der Gudrun zu;
neben ihr tritt als ihr Sreund, Ratgeber und Beſchuͤtzer Snorri
der Bode, die Hauptgeftalt der Eyrbyggjaſaga, bedeutſam her:
vor. Die Leute des Lachswaſſertals, die Brüder Rjartans, find
jetzt Nebenfiguren und werden nur noch erwähnt, foweit es
die Beziehung zu Gudrun, ihren Söhnen und ihrem vierten
Gatten erfordert.
Auf Gudruns Bitte tauſcht Snorri mit ihr den Wohnſitz,
Gudrun zieht nach Helgafell, Snorri nach Saͤlingsdalstunga.
Aus der Ehe Gudruns mit Bolli ſtammen zwei Söhne, Thor⸗
leik und der nachgeborene und deshalb nach dem Vater ge⸗
nannte Bolli. Thorleik wird aufgezogen von Thorgils, dem
Sohne der Zalla, der Tochter des weiſen Geſt, der Gudruns
Traͤume gedeutet hat. Thorgils iſt der Urenkel der Thorhild,
einer Schweſter des Olaf Seilan. Er wohnt auf Tunga im Soͤr⸗
datal (an der Suͤdſeite des Zvammsfjord). Zwifchen ihm und
Snorri beſteht Seindfchaft.
Thorgils bemuͤht ſich eifrig, Gudruns Gunſt zu erringen,
aber ſie haͤlt ihn in Abſtand. Unterdeſſen hat Snorri einen
tiefangelegten Plan erſonnen, in dem er verſchiedene Ziele
verbindet. Erſtens will er ſeinem Freunde Thorkel, dem
Sohne des Eyjolf, die Hand der Gudrun verſchaffen, zwei⸗
tens der Kachſucht Gudruns, die, wie er weiß, an nichts
anderes denkt als an den ungefühnten Tod ihres Gatten, eine
ungefaͤhrliche Richtung geben, und drittens will Snorri dem
Thorgils einen boͤſen Streich ſpielen. Er uͤberredet Gudrun,
ſich mit der Rache an Helgi, dem Sohne des Zardbein, zu be⸗
gnügen. Zelgi hatte ohne perfönliche Urſache an dem Zuge
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gegen Bolli teilgenommen, dieſem die erfte ſchwere Wunde
verſetzt und nach dem Falle Bollis Gudrun auf das grauſamſte
verhoͤhnt. — Thorgils ſoll durch ein zweideutiges Ehever⸗
ſprechen, das in Wirklichkeit Gudrun nicht bindet, veranlaßt
werden, die Sührung des Rache zuges neben den beiden Söhnen
der Gudrun zu uͤbernehmen. Wenn dann Thorgils betrogen
iſt, ſoll Thorkel, Eyjolfs Sohn, hervortreten und Gudruns
Zand erhalten. |
Alles geht dem verſchlagenen Snorri nach Wunſch. Thorgils
laͤßt ſich durch die plumpe Lift fangen, der Rachezug gelingt,
Zelgi wird in feiner Sennhuͤtte im Skorratal uͤberraſcht und
nach tapferer Gegenwehr gefaͤllt. Bolli, Bollis Sohn, verſetzt
ihm mit dem Schwert Sußbeißer die Todeswunde (Kap. 64).
Thorgils erfaͤhrt aus Gudruns Mund, daß er betrogen iſt,
kommt aber nicht dazu, ſich zu raͤchen, da er bald darauf auf
dem Allthing erſchlagen wird.
Nun beginnt der letzte Teil der Saga: er berichtet von den Er⸗
eigniſſen waͤhrend der vierten Ehe Gudruns, einer Ehe, die am
Hochzeitstage beinahe ſchon wieder in Stuͤcke geht (Kap. 69).
Die nun voͤllig erwachſenen Soͤhne Bollis wollen ſich an dem
Tode gelgis nicht genügen laſſen, ſondern planen einen Kache⸗
zug gegen Zjardarholt. Sie werden durch Snorri daran
verhindert, der eine endguͤltige Suͤhne zwiſchen Bollis Soͤhnen
und den Brüdern Kjartans zuſtande bringt (Rap. 71).
Thorkel reiſt mit ſeinem und Gudruns Sohn Gellir nach Nor⸗
wegen, um ſich Holz zum Kirchenbau zu beſorgen. Nach feiner
Kuͤckkehr ertrinkt er auf einer Sahrt vom innern Hvamms⸗
fiord nach Zelgafell. Damit find alle Träume Gudruns in Er⸗
füllung gegangen, fo wie fie Geſt gedeutet hatte (Rap. 76). —
Der Schluß der Saga ſchildert Gudruns Alter und Tod.
Das iſt der weſentliche Inhalt der Saga, der klare Verlauf
der gaupthandlung. Aber dem Stamme entfprießen Aſte und
Gezweig, eine grünende Sülle von Neben handlungen und
Epiſoden, die hier uͤbergangen ſind.
Das allgemeine Urteil uͤber die Saga lautet: gute Kompo⸗
ſition, ganz ausgezeichnete Charakterſchilderung, Unzuverlaͤſ⸗
ſigkeit in hiſtoriſchen Dingen.
In früheren Zeiten, als man in treuherziger Weiſe jeden kleinen
Einzelzug, jedes von den Perſonen der Saga geſprochene
Wort fuͤr buchſtaͤblich wahr anſah, war der Vorwurf hiſto⸗
riſcher Unzuverlaͤſſigkeit ein größerer Makel als heutzutage,
wo die Gefahr des entgegengeſetzten Extrems bedrohlich wird.
Vom kuͤnſtleriſchen Standpunkt aus waͤre es an ſich ja voͤllig
gleichguͤltig, wie weit die Saga geſchichtlich iſt, aber unſere
Auffaſſung von dem Entſtehen und Werden dieſer einzigarti⸗
gen Erzaͤhlungen haͤngt zum großen Teil von der Beantwor⸗
tung dieſer Frage ab.
Die Zauptgeſtalten unſrer Saga find ohne Zweifel geſchicht⸗
liche Perſonen, ihre verwandtſchaftliche Verknuͤpfung beruht
auf einer im ganzen zuverlaͤſſigen Überlieferung.
Die Genealogie iſt der fichere Halt der islaͤndiſchen Geſchichte,
die ja weſentlich Familien⸗ und Gaugeſchichte iſt. Man hat
mit Recht darauf hingewieſen, daß die forgfältige Seftftellung
der Verwandtſchaftsverhaͤltniſſe eine große rechtliche Bedeu⸗
tung hatte, z. B. für die VDerſorgungs pflichten und die von der
Kirche eingefuͤhrten Ehehinderniſſe. An dem allgemeinen ge⸗
nealogiſchen Intereſſe nimmt natuͤrlich auch der Sagaerzaͤhler
teil, aber ſein Fiel liegt auf einem anderen Gebiete. Widerſpruͤche
gegen diejenige genealogiſche Überlieferung, die uns als ver⸗
haͤltnismaͤßig zuverläffig gilt, kommen daher in vielen Er⸗
zaͤhlungen vor, ſie ſetzen die ſubjektive Geſchichtlichkeit einer
Saga nicht herab.
Das gleiche gilt von der Chronologie. Die genaue chronologiſche
Ordnung des geſchichtlichen Stoffes kommt erſt durch fremden
Einfluß und nach fremdem Vorbilde zuſtande, ſie iſt etwas
Gelehrtes und der aͤlteren volkstuͤmlichen Überlieferung fremd.
Verſtoͤße gegen die Chronologie, die auf Sorgloſigkeit beruhen,
die durch ein naives Sorterzählen bedingt werden, find durch⸗
aus unbedenklich.! Man darf es z. B. als eine unbewußte
Entſtellung der Tatſachen anſehen, wenn gelegentlich einmal
eine bekannte, bedeutende Perſoͤnlichkeit, die zu der beſtimmten
1 Gunnar in der Nala hat feinen treuen Bund von Olaf Pfau zum Be
ſchenk bekommen, der ihn aus Irland mitgebracht hat. Der Hund muͤßte
darnach ungefähr 36 Jahre alt geworden fein.
8
Zeit nicht mehr gelebt haben kann, in die Handlung eingeführt
wird, vielleicht an Stelle eines urfprünglich hier erwähnten,
weniger bekannten Mannes (ſo ſteht es in unſerer Saga mit
dem Goden Sallſtein im 34. Kap.). Etwas aͤhnliches iſt es,
wenn im Kap. 56 Snorris uͤberſiedlung nach Tunga mit
wohlbekannten Zaͤndeln begruͤndet wird, die damals ſchon
aͤngſt abgeſchloſſen waren.
Das Erzählen iſt in Island zu einer Kunſt ausgebildet, nicht
erſt in den Zeiten der Schrift. Dieſe Kunſt muß den ihr über:
lieferten Stoff formen, nach ihren eigenen Geſetzen. Sie muß
unter Umſtaͤnden bluͤhende Schilderung an Stelle einer duͤr⸗
ren Nachricht ſetzen, fie muß eine einheitliche Handlung ſchaffen
durch Motivierung, wo ihr nur eine Reihe von aufeinander
folgenden Tatſachen vorliegt, ſie muß lebendige Menſchen dar⸗
ſtellen durch Charakter zeichnung. Dabei macht aber die Saga
ſtets den Anſpruch, die Wahrheit zu erzaͤhlen, und es iſt bei
den islaͤndiſchen Verhaͤltniſſen ganz unmöglich, daß fie ſich in
phantaſtiſcher Weiſe mit der Wahrheit in Widerſpruch ſetzt,
die in der reichen Überlieferung lebt, dem geiſtigen Beſitztum
der großen Samilien und der ihnen zugehoͤrenden abhaͤngigen
Leute. Aber durch allmaͤh liche, in einmal feſtgelegter Richtung
immer ſtaͤrker wirkende Umformung kann ſich die Saga mit
der Zeit ſehr erheblich von der geſchichtlichen Wahrheit ent⸗
fernen und von ſich aus wieder auf die freie Überlieferung
entſcheidenden Einfluß gewinnen.
Von Anfang an muß die Saga die Wirklichkeit mit einer Fuͤlle von
Einzelheiten aufgenommen und feſtgehalten haben, beſonders
in Verknuͤpfung mit dem Ort, an dem das Ereignis vor ſich
geht. Die natuͤrliche Annahme iſt es, daß ſich die Überfälle
auf Kjartan und Bolli genau fo zugetragen haben, wie die
Saga berichtet, nicht, daß ein ſpaͤterer Erzaͤhler oder gar der
„Sagaſchreiber nach der Ortlichkeit die D arſtellung geſchaffen
hat. Solange die Saga ſich in der bekannten Gegend bewegt,
wo ſie durch Generationen hindurch ihr Leben fuͤhrt, duͤrfen wir
ihr auch in Einzelheiten großes Vertrauen ſchenken. Gewiſſe
Dinge ſcheiden natuͤrlich ohne weiteres aus, vor allem die
Juͤge, die offenſichtlich dazu dienen, die Erzaͤhlung auszubreiten,
9
3.8, die gerade in unferer Saga häufigen Schilderungen der
Brautwerbungen und Sefte. Ein gutes Beiſpiel einer ſolchen
oͤden Ausbreitung ift die Schilderung der Werbung und Zoch⸗
zeit des jüngeren Bolli (Kap. 70).
Anders iſt es, wenn die Saga den islaͤndiſchen Schauplatz
verlaͤßt. Wir fuͤhlen ſofort, daß hier der Phantaſie des Er⸗
zaͤhlers mehr Freiheit gelaſſen iſt. Zoͤskuld, Olaf Pfau, Kjar⸗
tan, Thorkel, Eyjolfs Sohn, Thorleik und Bolli, Bollis Söhne,
reiſen nach Norwegen und treten in Beziehungen zu den nor⸗
wegiſchen Zerrſchern. Stets geraten dieſe in Verzuͤckung über
die unbaͤndige Vortrefflichkeit dieſer Islaͤnder, machen den
Verſuch, fie bei ſich zu behalten und beſchenken fie verſchwen⸗
deriſch beim Abſchied. Ganz beſonders kraß tritt das beim
juͤngeren Bolli hervor, der im Auslande wirklich eiwas an
den braven Schelmuffsky erinnert.
Doch auch abgeſehen von dieſen zum Teil naiven, ſich allzuaͤhn⸗
lichen Schilderungen finden ſich gerade bei dieſen Auslandreiſen
ſchwerwiegende Widerſpruͤche gegen die beſte Überlieferung.
Zöͤskulds Verhältnis zu König Zakon dem Guten iſt zeitlich
kaum denkbar; was von Brut erzählt wird, ſtimmt nicht zum
Bericht der Njalsſaga, der zwar ebenfalls ausgeſchmuͤckt iſt,
aber in den Grundzuͤgen mehr Anſpruch auf Glaubwuͤrdigkeit
hat. Das Liebesverhaͤltnis Hruts zur Königin Gunnhild wird
uͤbrigens in unſerer Saga zwar nicht erwaͤhnt, aber das Beneh⸗
men Gunnhilds beim Abſchiede Hruts weiſt doch deutlich dar⸗
auf hin (Kap. 19). Die Reife des Thorkel und des Gellir
nach Norwegen (Rap. 74) iſt unvereinbar mit fonft bekann⸗
ten Tatſachen und wohl ganz und gar erfunden.
Daß Rjartan in Nidaros von Olaf Tryggvaſon zum Chriſten⸗
tum bekehrt wird, iſt gewiß hiſtoriſch, daß er aber durch den
König fo lange in Norwegen zuruͤckgehalten wird, iſt un moͤg⸗
lich, und das Verhältnis Kjartans zu Ingeborg! iſt ganz
offenbar erſonnen, um Gudruns Nachgiebigkeit gegenuͤber
Bollis Werbung zu begründen und den verhaͤngnis vollen
Kopfſchmuck in die Erzaͤhlung einzuführen. Der Aufenthalt des
1 Vgl., was in der Njalsſaga (Kap. 31) von Gunnars Verhältnis zur Ver:
wandten des Jarl Hakon erzaͤhlt wird.
10
Olaf Pfau bei Harald Graumantel und Gunnhild, feine Fahrt
nach Irland, ſeine Anerkennung durch Myrkjartan, den iri⸗
ſchen König, iſt in einer Weiſe erzählt, die ſich ſehr weſentlich
von der Darſtellung der in Island ſpielenden Ereigniſſe unter⸗
ſcheidet. Es iſt kein uͤbertriebenes Mißtrauen, wenn man die
ganze Geſchichte der Melkorka in das Gebiet der Erfindung
verweiſt. Ganz natuͤrlich erſcheint es, daß man in der Nach⸗
kommenſchaft des Olaf Pfau das Beduͤrfnis empfunden hat,
durch eine in jenen Zeiten wohl mögliche Geſchichte die iriſche
Sklavin Melkorka über die ſtolzen isländifchen Bondentoͤchter
zu erhoͤhen. Wir ſehen ja in unſerer Erzaͤhlung deutlich, wie
Samilienüberlieferung dem jüngeren Bolli eine Mitwirkung,
vielmehr eine Hauptrolle bei dem Rachezug gegen Helgi zu⸗
weiſt, die ihm nicht zuſteht, und wie dadurch die chronologiſche
Ordnung im letzten Teil der Saga voͤllig zerſtoͤrt wird. Bolli
wird erſt nach dem Tode ſeines Vaters geboren. Nach der
Saga wartet Gudrun mit ihrer Rache, bis Bolli nach islaͤn⸗
diſchem Recht muͤndig, das heißt zwölf Jahre alt geworden iſt.
Nach dem gelungenen Rachezug erſt vermaͤhlt fie ſich mit
Thorkel. In Wirklichkeit aber muß dieſe Vermaͤhlung bald
nach dem Tode des aͤlteren Bolli ſtattge funden haben, da Thor⸗
kels und Gudruns Sohn im Jahr 1073 im Alter von 65 Jah⸗
ren ſtirbt. Trotzdem gibt die Saga im Kap. 76 das richtige
Todesjahr des Thorkel an (1026), obgleich nach der uͤbrigen
Chronologie der Saga Thorkels und Gudruns Sohn Gellir
dann den König Olaf den Heiligen im zarteſten Kindesalter
beſucht haben muͤßte.
Die islaͤndiſche Saga ſteht einzig da durch die Fuͤlle der aus
dem Leben gegriffenen Geſtalten, und beſonders unſere Saga
nimmt in dieſer Beziehung einen hohen Rang ein. Die Saga
wird dramatiſch, indem aus den Charakteren die eigentliche
Zandlung entwickelt wird. Auch hier muß man zwiſchen zwei
Auffaſſungen einen Mittelweg zu finden verſuchen.
Weder iſt hier alles Runft, noch alles Abbild der Wirklichkeit.
Eine feſte Grenze zwiſchen Saga und der die Wirklichkeit auf⸗
nehmenden Überlieferung iſt uͤberhaupt nicht zu ziehen. Die
eigentuͤmliche Schaͤrfe der Auffaſſung von menſchlichen Cha⸗
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rakteren, diefe Klaraͤugigkeit muß in der einen wie in der an⸗
dern dageweſen fein. Daß eine Geſtalt wie Snorri nach dem
Leben gezeichnet iſt, beweiſt die Ubereinſtimmung der Erzaͤh⸗
lungen, in denen er auftritt.
In der Kritik der Saga ſpielt das, Typifche‘, wie mir ſcheint,
eine gefaͤhrliche Kolle. In dem „Krieg der Geſchlechter“ z. B.
muͤſſen ſich gewiſſe Erſcheinungen immer wiederholen, ſo lange
er währt. Daß ein liebendes Weib in ihrer Hoffnung auf den
Beſitz des Geliebten betrogen, deſſen Untergang herbeifuͤhrt,
iſt ſozuſagen ein Urphaͤnomen. Wenn Gudrun auf dieſe Weiſe
einige Ahnlichkeit mit Brynhild hat, ſo iſt damit nicht bewieſen,
daß ihre und Kjartans Geſchichte nach den Eddagedichten um⸗
gebildet iſt.
Daß die Saga kuͤnſtleriſche Porträts gibt, d. h. Züge der
Wirklichkeit aus wahlt, andere unterdruͤckt, damit das Bild
einer einheitlichen Auffaſſung entſpreche, iſt ſelbſtverſtaͤndlich.
Aber Geſtalten wie Gudrun oder Hallgerd find aus der Bes
obachtung is laͤn diſchen Lebens entſtanden, und wenn fie mit
Frauen eingewanderter Dichtung oder mit der iriſchen Königin
Gormflaith Verwandtſchaft zeigen, fo iſt das ein Zufall, und
kein verwunderlicher.
Die Geſtalten der islaͤndiſchen Saga ſind Krieger und Bauern,
gelden und Alltags menſchen zugleich; fie haben ſtolze Zelden⸗
gedanken, ein hochgeſpanntes Ehrgefuͤhl, einen freien Geiſt,
der fie zu Gefährten der Koͤnige macht, und daneben zeigen
ſie oft eine enge, an die Scholle, an den Beſitz ſich klammernde
Geſinnung, niedere Bauernverſchlagenheit. Sie ſtolzieren in
Scharlachkleidern, unter vergoldeten Helmen, eine gute Waffe iſt
ein hochgeſchaͤtztes Kleinod, und der Speer, die Axt, das Schwert
find allzeit bereit, Blut zu trinken; für gewöhnlich aber führen
die Männer das Leben des Großbauern im Werktagskleide,
der überall mit zugreifen kann, und jedenfalls in der Arbeit
geübt iſt, die der Knecht ausführt. Trotz aller kuͤhnen See⸗
fahrten, trotz der wilden gaͤndel, der Menſchengluͤck und Mens
ſchenleben vernichtenden Zuſammenſtoͤße ſind es doch im
Grunde Bauerngeſchichten, die wir vor uns haben. Das ge⸗
rade iſt hier das Ergreifende, daß unmittelbar aus der ge⸗
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meinen Alltaͤglichkeit gewaltige Menſchengroͤße, ungeheures
Schickſal auffteigt.
Das Leben des Bauern iſt ewig einfoͤrmig wie die Natur, von
der er abhängt. Nicht bloß die Ereigniſſe, die Händel und
Kaͤmpfe, alle die mit der Bewahrung und Vermehrung des
Beſitzes zuſammenhaͤngenden Dinge muͤſſen ſich immer und
ewig wiederholen, ſondern auch die durch ein ſolches Leben in
der Geſchlechterfolge gebildeten Charaktere. Das gilt ganz be⸗
ſonders fuͤr die einſame, durch das Weltmeer von aller Nach⸗
barſchaft getrennte Inſel. Auch die moderne Bauernerzaͤhlung
arbeitet weſentlich mit feſtſtehenden Typen. Sie kann nicht an⸗
ders verfahren, wenn ſie das Leben nachbilden will. Man
darf daher das auf derartige typiſche Erſcheinungen! gegruͤn⸗
dete Mißtrauen gegen die Wahrhaftigkeit der islaͤndiſchen
Saga nicht uͤbertreiben.
So wie die Saga von den Leuten aus dem Lachs waſſertal hier
vorliegt, iſt ſie im 13. Jahrhundert niedergeſchrieben; es werden
Perſonen erwähnt, die in den erſten Jahrzehnten des 13. Jahr⸗
hunderts geſtorben ſind. Damit iſt nicht geſagt, daß es die
erſte Niederſchrift iſt. Uberhaupt muß man den vorliegenden
Text als das Endergebnis einer langen Entwicklung anſehen.
Es iſt wahrſcheinlich, daß fuͤr die Einleitung und andere
Stellen eine ältere Faſſung der Landnama (des Buches von
der Beſiedlung Islands) zugrunde gelegt iſt, die der Benutzer
für eine Schrift des Ari angeſehen hat. Serner geht der Be⸗
richt uͤber den Aufenthalt Kjartans in Norwegen und die Be⸗
kehrung der Islaͤnder auf eine ſchriftliche Quelle zuruͤck. Zier
muß man alſo von einer ſchriftſtelleriſchen Taͤtigkeit ſprechen.
Neben dem Kuͤckweis, wie früher geſagt ift‘ findet ſich öfters
die Wendung , wie früher geſchrieben ift‘. Doch das betrifft
nur Nebendinge.
Die Frage, ob der Kern der Saga, die geſchloſſene, wohlge⸗
ordnete Zaupterzaͤhlung erſt im Zeitalter der Schrift zuſtande
gekommen iſt, kann, wenn uͤberhaupt, nur im großen Ju⸗
ſammenhange der geſamten Sagaliteratur beantwortet werden.
Es iſt ſicher, daß man ſchon vorher die beſondere Kunſt der
Sagaerzaͤhler bewunderte, große Stoffmaſſen gedaͤchtnis maͤßig
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und geiftig zu beherrſchen. Etwas völlig Neues ift durch die
Anwendung der Schrift nicht entſtanden, aber die Schrift be⸗
guͤnſtigte das ſchon vorher lebendige Streben des Zuſammen⸗
faſſens und Ausbreitens und geſtattete das Einſchieben von
laͤngeren und kuͤrzeren Epiſoden in weit hoͤherem Maße, als
es vorher moͤglich war.
Das konnte in mehr oder minder geſchickter Weiſe geſchehen:
es entſtanden Ungleichheiten, Widerſpruͤche, es blieben ver⸗
räterifche Naͤhte ſtehen, wo eine Verbindung haͤtte hergeſtellt
werden muͤſſen u. aͤ. So iſt auch in unſerer Saga nicht der uͤber⸗
lieferte Stoff durch einen kuͤnſtleriſchen Willen geformt, ſie iſt
nicht ein Werk aus einem Guß, ſondern etwas allmählich Zu⸗
ſammengewachſenes, ein Bau, an dem tuͤchtige Meiſter im
Geiſt der alten Kunſt, aber auch Handwerker in groͤberer und
geiſtloſer Weiſe weitergearbeitet haben. Manche Zuͤge in Be⸗
ſchreibungen deuten auf jüngere Zeiten, in der Sprache 3. B.
das franzoͤſiſche Modewort cortois ‚böfifch‘, das uns hier wie
in andern Erzaͤhlungen oͤfters begegnet.
Ein Stuͤmper war vor allem der Mann, der den letzten Teil
der Saga zu einer Ariſtie des juͤngeren Bolli umgeſtaltete. Er
hat dadurch nicht bloß die Chronologie in Unordnung gebracht,
was man wohl verſchmerzen konnte, ſondern auch die kuͤnſt⸗
leriſche Wirkung der ganzen Saga außerordentlich herabge⸗
mindert. Der mit fo uͤberſchwaͤnglichem Lobe bedachte Bolli
bleibt doch, verglichen ſelbſt mit Kjartan, eine ganz ſchatten⸗
hafte Geſtalt, die uns völlig gleichguͤltig läßt. Unertraͤglich faſt
iſt hier die leere Geſchwaͤtzigkeit, mit der die typiſchen Gegen⸗
ftände der Erzählung, Werbung, Hochzeitsfeft, Ausreiſe, Auf⸗
nahme beim norwegiſchen Könige, behandelt werden. Auf⸗
geputzt in der fremdlaͤndiſchen Slitterpracht des Rittertums
reitet Bolli durch die ernſte islaͤndiſche Berglandſchaft, und
auch im uͤbrigen hat er eine unangenehme Ahnlichkeit mit den
unwiderſtehlichen, aber ſonſt mehr oder minder unausſtehlichen,
nüchternen und hirnloſen Helden des hoͤfiſchen Romans.
Dem Weſen der alten Erzaͤhlerkunſt entſpricht es, daß durch
die Vorſtellung der unverbruͤchlichen Vorausbeſtimmung eine
Reihe von Ereigniſſen miteinander eng verbunden werden.
14
Das Schickſal verkündet fich in Träumen und in den Geſichten
beſonders begabter Menſchen, die zwar in die Zukunft ſchauen,
aber das Kom mende, auch wenn es ſie ſelbſt betrifft, nicht ab⸗
wenden Pönnen. In unſerer Saga iſt es vor allem der Tod
Kjartans, das Hauptereignis der Erzählung, auf das in dieſer
Weiſe hingedeutet wird: durch den Fluch des Geirmund
(Kap. 30), Olafs Traum (31), ſeine ſchlimme Ahnung bei
Kjartans Beſuchen in Caugar (39), durch Geſt am Lachs⸗
waſſer (33), König Olaf beim Abſchiede Rjartans (43). Selgi
ſieht voraus, daß er durch den Sohn, den Gudrun im Schoße
trägt, fallen ſoll (Rap. 55). König Olaf der geilige ahnt, daß
Thorkel keinen Nutzen von feinem Bauholz haben wird (Kap.
74). Thorſtein weiß, daß Thorkel ſeinen Tod auf der Segel⸗
fahrt nach Zelgafell finden wird und ſucht fie um jeden Preis
zu verhindern (Kap. 76). Der Hauptteil iſt durch die Träume
der Gudrun, die der weiſe Geſt in der eindrucksvollen Szene
an der warmen Quelle (Kap. 33) auf ihre vier Ehen deutet,
zuſammengehalten. Der Anfang dieſes Teils iſt durch die Per⸗
ſonenvorſtellung in Kap. 32 deutlich bezeichnet, er kann gerade⸗
zu eine Saga von der Gudrun genannt werden. Der Unter⸗
redung an der warmen Quelle entſpricht genau das Geſpraͤch
Gudruns mit ihrem Lieblingsſohne Bolli (Kap. 78), ein er⸗
greifender Schluß. Gudrun antwortet auf die draͤngende Srage
ihres Sohnes mit einem Reim, der auf Kjartan zu beziehen
iſt. Die Entwicklung des Verhaͤltniſſes von Gudrun zu Kjar⸗
tan bis zu dem tragiſchen Abſchluß wird durch dieſe Schluß⸗
ſzene auch aͤußerlich als der Kern der Gudrun ⸗Saga bes
zeichnet.
Wie gerade uͤber dieſem Abſchnitt aller Glanz islaͤndiſcher Er⸗
zaͤhlungskunſt ausgebreitet iſt, wie hier die Zandlung in ra⸗
ſchem Schritt vorwaͤrts geht, alles einzelne ſich zuſammenfuͤgt
zu einheitlicher Wirkung, die Spannung mit jeder Szene ſtaͤr⸗
ker wird bis zur vernichtenden Entladung, wie gerade hier
der Erzähler durch die Kraft der Anſchauung ſich als echten
Kuͤnſtler erweift, — dies alles und mehr wird man ohne weis
teres auch in der Überſetzung erkennen. Nur auf eins möchte
1 Offenbar iſt ein Reim vest (für verst): best beabſichtigt.
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ich hier hinweiſen: wie der Erzähler in feinem Gefühle bemüht
ift, Bollis Verhalten gegen den von ihm einſt fo geliebten ZJieh⸗
bruder bis zu einem gewiſſen Grade begreiflich zu machen. Er
laͤßt uns ahnen, daß waͤhrend des Aufenthalts in Norwegen
eine Entfremdung zwiſchen beiden eintritt. Bolli muß in jeder
Beziehung hinter Kjartan zuruͤckſtehen, das zeigt ſich beim
Schwimmkampf und uͤberhaupt im Verhaͤltnis zum Könige.
Bei der Szene in der Herberge der Islaͤnder macht Kjartan
eine verletzende Außerung gegen Bolli, die andern muͤſſen den
Ausbruch eines Streits verhindern. Man beachte das kuͤhle
Geſpraͤch der beiden bei der Abreiſe Bollis (Rap. 41). Der Zin⸗
weis auf Ingeborg ſoll Kjartan zu irgendeinem Wort in be⸗
zug auf Gudrun, zu einem Gruß, Auftrag veranlaſſen. Aber
Kjartan iſt zu ſtolz dazu. Bolli beruft ſich Gudrun gegenüber
darauf, daß Kjartan bei diefer Gelegenheit geſchwiegen hat.
Nach islaͤndiſcher Auffaſſung iſt die Verlobung, die ſtets vor
Zeugen ftattfindet, ein KRechtsgeſchaͤft wie die Eheſchließung.
KRjartan und Gudrun find für andere nicht verlobt, daher neh⸗
men Kjartans Brüder keinen Anſtand, Bolli bei feiner Wer:
bung zu unterſtuͤtzen und mit nach Laugar zu reiten, während
allerdings der feiner fuͤhlende Olaf zuruͤckbleibt. Bolli macht
einen, freilich ungeſchickten, Verſuch, Kjartan zu verföhnen
(Kap. 45), an dem Diebſtahl des Schwerts und des Kopf-
putzes iſt er nicht beteiligt, Kjartans gegen ihn gerichtete
Verhoͤhnungen laͤßt er ſich gefallen, er widerſpricht oder ſchweigt,
wenn feine Leute gegen Kjartan Drohungen ausſtoßen (Schluß
des 47. Kap.). Widerwillig, nur gezwungen durch Gudrun,
ʒieht er mit aus zum Überfall, die Oſvifrſoͤhne mißtrauen ihm
mit Recht, er greift erſt in den Kampf ein, als er nicht anders
kann. Schweigend verſetzt er dem Freund die Todeswunde
und bettet den Sterbenden auf ſeinem Schoß. Tief empfindet
er der leidenſchaftlich triumphierenden Frau gegenüber, daß
er vergebens den Freund geopfert hat, um die Liebe der Gud⸗
run zu erringen. j
Die Schilderung des Überfalls auf die Sennhuͤtte Bollis ſteht
auf gleicher Höhe der Erzaͤhlungskunſt; durch die ahnenden
Worte des Helgi iſt ſchon hier Bollis nachgeborner Sohn als
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Raͤcher beſtimmt, die oben erwaͤhnte Veraͤnderung der urſpruͤng⸗
lichen uͤberlieferung alſo vorausgeſetzt. Eine ganz eigenartige
Szene iſt die Schilderung der im Buſch raſtenden Angreifer
durch den Hirten des Helgi (Rap. 63). In der Njalsſaga (Kap.
69) wird erzählt, wie ein Hirt die im Buſch ſchlafenden Feinde
des Gunnar nach ihren Waffen und Kleidern ſo beſchreibt,
daß Njal fie erkennt; aber der Hörer oder Leſer erfährt hier
nicht die Einzelheiten der Schilderung.
Kap. 32 bis 56 (Bollis Tod) iſt ebenfo ein Teil der durch die
Träume eingeleiteten Gudrunſaga wie der mit Zoͤskuld bes
ginnenden Saga von den Bewohnern des Lachswaſſertals;
durch dieſes Ubereinandergreifen find beide feſt verklammert.
Auf den Soͤhepunkt der ganzen Erzählung, Kjartans Tod,
hindeutend, iſt die Geſchichte von Olafs Tochter Thurid ein⸗
geſchoben. Die Ehe der Thurid mit dem Norweger Geirmund iſt
ſonſt nicht bekannt, und die Epiſode beruht gewiß auf Erfindung.
Das Schwert Sußbeißer mit dem darauf laſtenden Fluch ſoll
in die Samilie gebracht werden. Wie Geirmunds Sluch deutet
auch der Traum Olafs voraus (Kap. 31). Da unmittelbar
darauf (Kap. 33) Gudruns Träume erzählt werden, fo iſt hier
etwas viel zuſammengehaͤuft an dieſer Grenze zweier Ab⸗
ſchnitte. Seltſam iſt auch die Einfuͤhrung der Kinder Olafs:
Thurid wird ſchon im Kap. 24 erwaͤhnt, Kap. 28 werden dann
Olafs Kinder ohne Thurid aufgezaͤhlt.
Die Saga von goͤskuld und Olaf kann für uns nicht das ſelbe
Intereſſe haben wie der zweite Teil. Zier fehlen die großen,
menſchlich ergreifenden Schickſale. Indeſſen beſteht dieſer Teil
nicht, wie es auf den erſten Blick ſcheinen koͤnnte, aus einer
loſen Folge von chronikartig angereihten Geſchichten und Ge⸗
ſchichtchen; das, worauf alles bezogen wird, iſt das Aufſteigen
1 Im Kap. 60 ſagt Gudrun zu Thorgils, daß Thorlei' ſich keinen andern
Suͤhrer des Rachezuges gegen Helgi wuͤnſchen würde als Tyorgils. Zier hat
der ditere Bruder die ihm gebührende Stelle. In der Befchreibung der An:
greifer durch den Hirten dagegen (Kap. 63) wird zuerſt der jüngere Bruder
Bolli, dann erſt Thorleik aufgeführt. In der Strophe des Thorgils (Kap 65)
wird Bolli gar nicht genannt, Thorleik iſt der Fuhrer. Dieſe wie die beiden
auf Thorgils (Kap. 67) ſich beziehenden Strophen ſtammen wohl aus feiner
Saga, die am Schluß von Kap. 67 erwähnt wird.
2 Meißner, Lachstalſaga 17
des von einer Sklavin geborenen Olaf zu Reichtum und Macht,
feine Erhebung über die Brüder; der Höhepunkt ift die Er⸗
werbung der Thorgerd, der Tochter eines der ſtolzeſten Ge⸗
ſchlechter, und der Bau des ſtattlichen Zofes Zjardarholt, die
Begruͤndung des Gluͤckes, das im zweiten Teil der Saga zer⸗
bricht. Dieſes Endziel wird aber auf allerlei Umwegen erreicht:
ſo entſteht der Eindruck einzelner, ʒum Teil vortrefflich ausge⸗
malter Bilder.
Die Vorgeſchichte des Hofes Zjardarholt gibt Veranlaſſung
zur Erzählung von Hrapp (Kap. 10, 17, 24), Thorſtein Surt
und Thorkel Zipfel (Rap. 18). Die Geſchichte des Totſchlaͤgers
Thorolf, der zu Thord Goddi im Lachs waſſertal flieht und
von deſſen tapferer Frau Vigdis gegen Ingjald geſchuͤtzt wird
(Kap. 14 ff.), führt dazu, daß Olaf Pfau von Thord Goddi
zur Erziehung angenommen und zum Erben eingeſetzt wird.
Da, wie bemerkt, der Abſchnitt über Kjartan der eigentlichen
Saga von den Lachswaſſerleuten und der Gudrunſaga ge⸗
meinſam iſt, ſo iſt es begreiflich, daß das Geſchick mancher Per⸗
ſonen erſt in dieſem Teil zum Abſchluß kommt. So geſchieht
es mit Thorleik (Kap. 38). Hier zeigt ſich die Erhebung Olafs
über feine Halbbrüder in der Vollendung, denn er zwingt
Thorleik, feine Rachegedanfen gegen rut aufzugeben und Is⸗
land zu verlaſſen, ebenſo wie Olaf im vorhergehenden Kapitel
jeinem Oheim Hrut als befehlender Häuptling gegenuͤbertritt.
Hrut verſchwindet übrigens aus der Saga, ohne daß fein Tod
berichtet wird. —
Die Beziehungen des erſten Teils gehen aber uͤber Bollis Tod
hinaus. Bei der Gründung des Hofes Zjardarholt (Rap. 24)
werden drei gaus leute Olafs, An der Weiße, An der Schwarze
und Beinir vorgeſtellt, von denen zunaͤchſt nicht weiter die
Rede iſt. An der Weiße entdeckt das geſtohlene Schwert Kjar⸗
tans (Rap. 46), An der Schwarze (Reifigmagen) begleitet
Kjartan auf feinem Ritt nach dem Saurboò und fällt von der
Hand Bollis in deſſen Sennhuͤtte, aber Beinir kommt uͤber⸗
haupt erſt wieder am Schluß der ganzen Saga, im Kap. 7 5
vor, wo er mit der Axt hinter feinem Herren Halldor bereits
fteht, einen der beiden feindlichen Beſucher niederzuſchlagen.
18
Der wunderliche Dagabund und Schwaͤtzer Hrapp, der bei
dem Überfall auf Zelgi ſich beteiligt und von Zelgi erſtochen
wird (Kap. 63), weiſt zuruͤck auf den Zrapp des erſten Teils.
Zoͤskuld ſteht hinter feinem Sohne Olaf durchaus zuruͤck. So⸗
weit er überhaupt beſondere Züge zeigt, ift er wenig ſympa⸗
thiſch, habgierig für ſich und feinen Lieblings ſohn, nicht waͤh⸗
leriſch in den Mitteln, wo es ſeinen Vorteil gilt, ſo in ſeinem
Verhalten grut gegenüber. Noch auf feinem Totenbett betrügt
er ſeine ehelichen Soͤhne zugunſten Olafs.
Olaf Pfau! ſteht in hellerem Lichte. Sein Sinn fuͤr aͤußeren
Glanz, Entfaltung des Reichtums zeigt ſich bei dem Einzug
in Zjardarholt (Rap. 24), dem Aufwand für das zu Ehren
feines Vaters gehaltene Erbmahl (Kap. 27), dem Bau der
praͤchtigen Halle (Rap. 29), deren Andenken in der Drapa
eines Skalden bewahrt iſt. Im weiteren Verlauf der Erzaͤhlung
treten andere bedeutendere Züge feines Charakters hervor. Er
gehört zu der Gattung der milden, friedliebenden Häuptlinge,
die in der isländifchen Saga den ſtreit⸗ und kampffrohen
gegenuͤberſtehen, ohne daß ihnen der Vorwurf der Furchtſam⸗
keit gemacht werden konnte. Dabei iſt der Gegenſatz zu Maͤn⸗
nern wie Snorri wohl zu beachten. Auch dieſer wendet in un⸗
ſerer wie in andern Erzählungen oft Streit und Blutvergießen
ab. Sein Beweggrund iſt der wohlverſtandene Vorteil, Olafs
Friedensliebe beruht auf edler Geſinnung. Er verhindert den
Ausbruch der Sehde zwifchen Thorleik und Zrut (Rap. 37, 38).
Er verſucht zwar, Bolli von der Werbung um Gudrun abzu⸗
halten und uͤbernimmt nicht, wie es die Sitte verlangt haͤtte,
die Fuͤrſprache bei Osvifr. Nachdem aber die Verlobung ſtatt⸗
gefunden hat, ſetzt er alles daran, den Frieden zu erhalten. Er
geht zu Bollis Hochzeit, bemüht ſich in jeder Weife, Kjartan
zu beruhigen. Nach dem Tode des von ihm uͤber alles gelieb⸗
ten Sohnes tritt er ſchuͤtzend vor Bolli (Rap. 49 ff.), verbietet
ſeinen Soͤhnen, an Bolli Rache zu nehmen, ja, er ſendet eine
Schutzmannſchaft nach Laugar, die einen Angriff der empoͤr⸗
I Daß pã auf den Pfau (päfugl) zu beziehen iſt, unterliegt keinem Zweifel.
Befonders in England war der Pfau ſeit alter Zeit beliebt, dort werden ihn
die UHorweger und Islaͤnder kennen gelernt haben.
2 19
ten Verwandten aus dem Nord viertel und dem Borgarfjord
abwehren ſoll. Er laͤßt auch nicht zu, daß Bolli geaͤchtet wird,
und gibt ihm ſchließlich den Zof Saͤlingsdalstunga zuruͤck,
den Kjartan von Thorarin gekauft hatte (Kap. 8 1). Dieſe Milde
wird faſt zur Schwaͤche in dem allerdings verdaͤchtigen Abſchnitt
von Geirmund und Thurid (Kap. 29, 30).
Olafs Bild iſt gehoben durch fein Verhaͤltnis zu feinem Halb:
bruder Thorleik, deſſen grob-fchwerfälligen Stolz er völlig zu
uͤberwinden weiß. Thorleik iſt ſcharf gezeichnet, beſonders in
feinem Benehmen gegen Brut, deſſen ritterliche Unterſtuͤtzung
er auf fo tuͤckiſche Weiſe vergilt (Kap. 37).
Kjartan und Bolli find gut gegen einander geſtellt. Bereits
oben iſt darauf hingewieſen, wie der Erzaͤhler bemuͤht iſt, ſchon
im Kjartan⸗Abſchnitt durch einzelne, mit ficherer Überlegung
angebrachte Züge unſer Verſtaͤndnis und unfere Teilnahme
auf Bolli zu lenken, ihn nicht ganz im Dunkeln zu laſſen neben
der lichten Siegfriedgeſtalt des andern. Kjartan ſelbſt beſitzt
nicht nur die Schoͤnheit eines Maͤrchenprinzen und die Waffen⸗
tuͤchtigkeit und Koͤrpergewandtheit eines Helden, ſondern iſt
zum Gluͤck auch mit ſehr menſchlichen Eigenſchaften ausge⸗
ſtattet. Er hat das Weſen eines Menſchen, der ſich ſeiner ſieg⸗
haften Perſoͤnlichkeit bewußt iſt, ein Weſen, das zwiſchen lie⸗
benswuͤrdig und launiſch ſich bewegt. Er iſt unbeſonnen in
feinen Entſchließungen, übermütig, ſorglos und leichtſinnig,
tolldreiſt. Wie ſchnell wandelt ſich fein Verhaͤltnis zum König;
erſt will er lieber das unſinnige Wageſtuͤck unternehmen, den
König in feinem Haufe zu verbrennen, als ſich von ihm bes
kehren zu laſſen, dann kann er es kaum erwarten, bis er die
Taufe empfaͤngt. Aus Stolz ſchweigt er im entſcheidenden
Augenblick über fein Verhältnis zu Gudrun. Wie ein verzog⸗
nes Rind, das ſchlecht behandelt iſt, benimmt er ſich Hrefna ge⸗
genuͤber, die dann auch ſeine haſtige und faſt beleidigende
Werbung in wuͤrdiger und zugleich kluger Weiſe abſchlaͤgt
(Kap. 44). Er geht ſeinem Vater zu Liebe, der den Bruch zwi⸗
ſchen den beiden Höfen vermeiden will / mit zur Gaſtung nach
Laugar, eröffnet aber im Widerſpruch dazu die Reihe der ge⸗
genſeitigen Beleidigungen, indem er Bollis Geſchenk zuruͤck⸗
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weiſt. Er benutzt jede Gelegenheit, Gudrun zu zeigen, was fie
an ihm verloren hat, bezeichnenderweiſe auch durch eine kin⸗
diſche Prachtentfaltung; den Oſpifrſoͤhnen gegenüber beweiſt
er grenzenloſe Verachtung, gibt ſie durch die winterliche Be⸗
lagerung von Laugar dem allgemeinen Zohn preis, reizt, in⸗
dem er den Kauf von Saͤlingsdalstunga ruͤckgaͤngig macht,
Bolli und Gudrun aufs aͤußerſte, und doch kann er ſich nicht
den ken, daß Bolli es nach alledem wagen ſollte, die Waffe ge⸗
gen ihn zu erheben (Rap. 48). Ausgelaſſen ſpottet er am Tage
ſeines Todes uͤber den Traum des An und ſchickt in ſeinem
ſtolzen Übermut die Begleiter zurück, die ihm die ſorgende Aud
mitgegeben hatte.
Unter den Brüdern Kjartans tritt nur Zalldor hervor, der die
uͤberlegenheit und Milde des Vaters geerbt hat. So zeigt er
ſich bei der durch Snorri vermittelten endgültigen Suͤhne
(Kap. 71). Wuͤrdig bei allem Gehorſam ſteht er feiner wilden
Mutter gegenüber, er weift den rohen Helgi zurecht (Rap. 5 5)
und durchſchaut Gudruns ſcheinbare Ruhe (Kap. 56). Am
lebendigſten iſt er im Kap. 7s geſchildert, wo er die freche An⸗
maßung des Thorkel und des Thorſtein klug und ſelbſtbewußt
zu ruͤckweiſt.
Snorri wird ganz ſo gezeichnet, wie wir ihn aus andern Er⸗
zaͤhlungen kennen, nur daß die dunklen Seiten des Charakters
faſt gar nicht hervortreten. Einmal allerdings, da er dem von
Thorgils gekraͤnkten Audgisl mit bezeichnenden Worten die
Mord waffe in die Zand druͤckt, zeigt er ſich als der gefährliche,
nicht vergeſſende, vorſichtige und nie fehlende Zaſſer (Kap. 67).
Mit keiner Silbe verraͤt er ſeine Befriedigung uͤber den Sall
des Seindes. Schon bei dem durch Zauber verurſachten Tode
des Thord, Gudruns zweitem Gatten, tritt er als ihr Beſchuͤtzer
auf (Kap. 36), verſpricht ihr die Rache, will aber ſelbſt Zeit
und Weiſe beſtimmen. Er liebt es, die Dinge ſich entwickeln
zu laſſen und womöglich durch andere zu wirken. Sein Zaupt-
ſtreich iſt, wie er Thorgils veranlaßt, ſeinen und Gudruns
Zwecken zu dienen, und ihn dabei um den Lohn betrügt, wie
er Lambi und Thorſtein den Schwarzen, die mit gegen Bolli
ausgezogen waren, zwingen laͤßt, an dem Kachezug gegen
21
Zelgi, ihren Kameraden und Schwager, teilzunehmen (Kap.
59, 60). Auch hierbei hält er ſich ganz im Hintergrunde. Seine
Überlegenbeit erweift ſich als wohltaͤtig, indem er Gudrun und
ihre Söhne von den Brüdern Kjartans abhaͤlt und ſchließlich
die friedliche Suͤhne durchſetzt (Kap. 7 1), die er gleich nach Bol⸗
lis Tode Gudrun vergeblich vorgeſchlagen hatte (Rap. 56).
Zum Lobe Thorkels, ihres vierten Gatten, weiß Gudrun nur
zu ſagen, daß er ein mächtiger Häuptling geweſen ſei. Thorkel
iſt ein Enkel des Thord Gellir, ein Sohn des wenig ſympathi⸗
ſchen, aus der Gislaſaga bekannten Eyjolf. Unſere Saga ſtellt
ihn dar als einen Mann, der ganz unter dem Einfluſſe Snor⸗
ris ſteht, der ſtolz und machtgierig iſt, deſſen Taten aber durchaus
nicht ſeinem Zochmute entſprechen. Er unterliegt dem geaͤchte⸗
ten Grim, gegen den er prahleriſch ausgezogen iſt (Rap. 57,
58); er muß Gudrun weichen, als er Hand an Gunnar, den
Thidranditò ter, legen will (Rap. 69), und erleidet mit feinem
Freunde Thorſtein eine ſchmaͤhliche Niederlage, als ſie dem
vortrefflichen Halldor den Hof Zjardarholt abzwingen wollen
(Rap. 75). Sein Hochmut, den Rönig Olaf der Heilige fo gut
charakteriſiert, zeigt ſich in der von ihm gegebenen Deutung
des Traumes, der feinen Tod verkuͤndet (Kap. 74).
Die Geſtalt, um deretwillen unſere Saga zu den ewigen
Meiſterwerken der Weltliteratur gehoͤrt, iſt Gudrun, die Toch⸗
ter des Osvifr, ihrer Art nach verwandt der Zallgerd aus der
Njalsſaga, aber doch weit menſchlicher uns anſprechend. Don
der Szene, da das Maͤdchen an der warmen Quelle im Saͤ⸗
lingstal ſeinen ſchweren Traͤumen nachſinnt, bis zum Schluß,
da die Greiſin, die ſich mit der ganzen Leidenſchaft ihres We⸗
ſens dem Chriſtentum ergeben hat, in der Kirche zu Helgafell
im Gebete ringt, hält uns die Runft des Erzaͤhlers in dem
Bann dieſer Frau gefangen. Wollte man dieſe Kunft zerglie⸗
dern, muͤßte man die Geſchichte noch einmal erzaͤhlen. Denn
hier iſt alles charakteriſtiſch, nicht nur Handlung, Geberde,
andeutende Rede, praͤgnantes Wort, wildes, leidenſchaftliches
Ausbrechen, ſondern auch ganz beſonders das Schweigen. Wie
beredt iſt uns dieſes Schweigen bei ihrem erſten Beſuch in
Hjardarholt nach Kjartans Verheiratung den kraͤnkenden
22
Worten Rjartans gegemüber, und beſonders beim Anblick des
eigentlich für ne beſtimmten Ropftuhes (Rap. 46)! Welche
unheimliche Starrbeit in ihrem Benehmen beim Tode Vollis
(Kap. 55)! Rubig ſchreitet fie vom Bach, wo ſie waͤbrend des
Kampfes gewaſchen hat, den Seinden entgegen und fragt ſie
aus, laͤchelnd duldet ſie, daß der wilde Helgi feinen blutigen
Speer an ihrem Mantel abwiſcht. Ein Caͤcheln, das Tod be⸗
deutet.
Auch die andern Frauen ſind in unſrer Saga beſonders gut
charakteriſiert, die harmloſe Hrefna, die ſtolze und wilde Egils⸗
tochter Thorgerd, die trotz des Widerſpruchs ihrer Soͤhne mit⸗
reitet gegen Bolli, um fie ſcharf zu machen‘, die mutige Aud
(Rap. 35), im erſten Teil die hochmuͤtige und eiferſuͤchtige
Jorunn, Hösfulds Frau, die wackere Vigdis (Rap. 15) und
die koͤnigliche Geſtalt der Ahnmutter am Anfang der Erzaͤh⸗
lung.
Unſere Saga weiß nichts davon, was anderswo berichtet wird,
daß Unn als Chriſtin nach Island gekommen ſein ſoll, waͤh⸗
rend ihre Nachkommen vom Chriſtentum wieder abfielen.
Der neue Glaube veraͤndert die Menſchen unſerer Erzaͤhlung
nicht, wie etwa den Gudlaug, Snorris Sohn, wenn auch Rjartan
die Saften hält und die altgewordene Gudrun den Pfalter
lieſt und kanoniſch lebt. Ungebrochen ſteht der mit dem Chriſten⸗
tum unvereinbare Schickſalsglaube. Abgeſehen von der ganze
Ereignis folgen verkettenden Vorausbeſtimmung, zeigt ſich das
hier wie in andern Erzaͤhlungen durch viele Einzelzuͤge und
Wendungen. Thorolf und Asgaut kommen uͤber den an⸗
geſchwollenen Lachsfluß, weil fie mutig find und ihnen ‚länge:
res Leben beſtimmt ift‘ (Kap. 15). Der elende Thorkel, der die
Osvifrſoͤhne im inter halt liegen und Kjartan heranreiten ſieht,
verhindert feinen Hirten, Kjartan zu warnen:, meinſt du, Narr,
jemanden das Leben erhalten zu koͤnnen, dem der Tod be⸗
ſtimmt iſt? Manche haben die Gabe, jemandem anzumerken,
ob er vom Gluͤck auserſehen iſt, ſo Grim gegenuͤber Thorkel,
und Snorri gegenüber Grim (Kap. 58). Andrerſeits ſieht
Olaf Pfau dem Geirmund an, daß Ungluͤck von ihm ausgeht
(Kap. 20).
23
Ebenſo wie die Träume und Vorahnungen, das wunderfame
Vorausblicken einzelner Begabter, übernahm die chriftliche
Zeit die übrige Sülle des alten Volksglaubens; unfere Saga
ift eine ergiebige Quelle dafür, und manches aus der Reihe
wechſelnder Bilder erhaͤlt dadurch ſeine beſondere Stimmung.
Zier iſt zu erwähnen der Widergaͤnger Hrapp, der feinen
Zof veroͤdet, und als gewaltiger Seehund mit Menſchenaugen
das dem Untergang geweihte Schiff umkreiſt, auf dem Thor⸗
ſtein Surt in den Zvammsfjord einfegelt, um von Zrapps
Hof Beſitz zu nehmen (Kap. 18). Erſt durch den Gluͤcksſohn
Olaf Pfau wird er zur Ruhe verwieſen (Rap. 24). In der
Geſchichte der Kotkelleute iſt beſonders zu beachten die Schil⸗
derung des Wetterzaubers (Kap. 35) und, was von dem boͤſen
Blick erzählt wird (Rap. 37, 38). Gefährlich iſt die Wirkung
einer Verwuͤnſchung, das zeigt fich beim Schwerte Sußbeißer,
ferner bei dem Fluch, den Oſpifr über Audun (Kap. 5 1), und
Zalldor uͤber Thorſtein und Thorkel ausſpricht (Rap. 75).
Die Geſchichte Thorkels ſchließt mit einer ſehr wirkſamen
Szene. Am Abend des Tages, an dem Thorkel im Hvamms⸗
fjord ertrunken iſt, geht Gudrun nach ihrer Gewohnheit in
Zelgafell zur Kirche (Rap. 76). In der Dunkelheit tritt ihr
am Eingang zum Kirchhof ein Geſpenſt entgegen, das ſich
uͤber ſie neigt und ihr eine große Neuigkeit ankuͤndet, vor der
Kirchentuͤr glaubt fie Thorkel und feine Begleiter zu erblicken,
von deren Kleidern das Seewaſſer trieft. Schließlich ſei noch
auf das wunderſame Schwert Skoͤfnung hingewieſen, deſſen
Griff die Sonne nicht beſcheinen darf und das man nicht in
Gegenwart von Frauen zuͤcken ſoll (Rap. 57).
Unſere Saga iſt in vielen Handfchriften bewahrt, noch heute
ein Volksbuch, ein geliebtes und hochgeehrtes Erbe der Ver⸗
gangenheit.
Kritiſch herausgegeben iſt ſie von Kr. Kaalund, Kopenhagen
1889 - 1891, mit deutſchem Kommentar von demfelben als
Bd. 4 der altnordiſchen Saga⸗Bibliothek, Halle 1896.
Dieſer Text der Saga⸗Bibliothek iſt hier zugrunde gelegt.
24
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Ketill flatnefr
Björn enn austroeni Unnr —* Öläfr hviti
———
Ottarr Kjallakr porsteinn raudr
Helgi porgrimr borgerdr—Dala-Kollr —Herjölfr Osk— Has
|
Viga-Styrr
Gsvifr Hrütr porsteinn sr:
Asdis — Snorri godi
Höskuldr—Jörunn — Melkorka
— N
porleikr Bärdr
Bolli Oläfr päi— porgerdr
Gudrun — pördr Bolli 8 porkell
pördr köttr porleikr Bolli Gellir
puridr — Geirmundr Gudmundr Kjartan — Hre;
Grõa Hallr Bardi Asgeirr
[® — = verheiratet mit]
VERWANDTSCHAFTSBEZIEHU!)
Alsteinn DPörhildr Olafr feilan— Alfdis
‚artr Alfr i Dölum Pordr gellir pöra porsteinn
Eyjölfr gräi borkell kuggi borskabitr
Snorri
Dorkell porsteinn Börkr Porgrimt
Porgils Hölluson
Snorri godi
—
He fna Steinborr Halldörr
in
ıINGEN DER HAUPT PERSONEN
Die Geſchichte von
den Leuten aus dem
Lachs waſſertal
I. Aetil Slachnaſe und feine Familie
etil Slachnaſe! hieß ein Mann, der Sohn des Björn
Buna; er war ein maͤchtiger Zerſe in Norwegen und
aus einer angeſehenen Samilie. Er wohnte in Romsdal im
Romsdalgau; der liegt zwiſchen Nord⸗ und Suͤdmoͤre. Ketil
Flachnaſe hatte Yngvild zur Srau, die Tochter des Ketil Wis:
der, eines vornehmen Mannes. Sie hatten fuͤnf Kinder. Ein
Sohn hieß Björn aus dem Oſten,? der zweite Zelgi Bjolan.
Thorunn Horn hieß die eine Tochter Retils, fie war vermaͤhlt
mit Helgi dem Mageren, dem Sohne Eyvinds des Norwegers
und der Rafarta, der Tochter des Irenkoͤnigs Kjarval. Unn,
die Grundgeſcheite, war die zweite Tochter Ketils. Sie war
vermaͤhlt mit Olaf dem Weißen, dem Sohne Ingjalds, des
Sohnes Frodis des Rühnen,? den die Svertlinge erſchlugen.
Jorunn Mutterwitz hieß die dritte Tochter Ketils. Sie war die
Mutter Retils des Siſchers, der Land nahm in Kirkjubö.“ Sein
Sohn war Asbjoͤrn, der Vater des Thorſtein, deſſen Sohn war
Surt, der Vater Sighvats, des Geſetzſprechers.
2. Ketil beſchließt, Norwegen zu ver:
laſſen
n den ſpaͤten Lebenstagen Retils hob Koͤnig Harald
Schoͤnhaar ſich zu ſolcher Macht. daß kein Gaukoͤnig im
Lande mehr etwas galt oder ſonſt ein Häuptling, vielmehr er
allein über ihre Befugniſſe beſtimmen wollte. Als nun Retil
erfuhr, daß von Konig Harald ihm das gleiche zugedacht fei
wie den andern Großen: keine Buße zu bekommen für Der:
wandte und ſich ſelbſt in einen Pächter umgewandelt zu
ſehen, da berief er feine Derwandten zu einem Thing und hob
ſo an zu ſprechen: „Bekannt iſt euch, wie ſich die Dinge zwi⸗
ı mit Ketil Slachnaſe und feinen Kindern beginnt auch die Eyrbyggiafage.
Die eine Tochter heißt hier und in anderen Quellen nicht Unn ſondern Aud,
und das Verhältnis Ketils zum Könige iſt ein ganz anderes. So hieß er
wahrſcheinlich, weil er in Jaͤmtland aufgewachſen war. Bjolan iſt keltiſch.
Unrichtig; von dem Daͤnenkoͤnig Srode, den die Svertingsföhne erſchlugen,
erzählt Saxo. Kirkjubò, Hof im füdlichen Island. Sighvat war Geſetzes⸗
ſprecher von 1076 — 1083.
2
27
ſchen mir und Rönig Harald geſtaltet haben; darüber iſt nicht
weiter zu reden, denn wichtiger iſt es fuͤr uns, einen Entſchluß
zu faſſen gegenuͤber dem uns noch drohenden Unheil. Ich weiß
beſtimmt, daß Konig Harald uns feindfelig geſinnt iſt; ich
meine, daß wir von dieſer Seite nichts Gutes zu erwarten
haben. Meiner Anſicht nach ſtehen uns zwei Wege offen:
das Land zu fliehen oder uns erſchlagen zu laſſen, jeder
auf ſeinem Platz. Ich bin ja nun ganz bereit, des gleichen
Todes zu ſterben wie meine Verwandten, doch nicht will ich
euch in ſo großes Unheil bringen durch meinen Entſchluß
allein: ich kenne ja die Geſinnung meiner Verwandten und
Freunde, daß ihr euch nicht von uns trennen werdet, ſollte
es auch etwa eine Maͤnnerprobe gelten, wenn ihr mir folgt.“
Bjoͤrn, Ketils Sohn, antwortete: „Kurz werde ich meinen
Willen erklären: ich will dem Beiſpiele angeſehener Männer
folgen und aus dieſem Lande fliehen. Ich verſpreche mir keine
Frucht davon, daheim zu warten auf die Knechte des Königs
Zarald, und daß fie uns dann von unſerm Eigentum vertreiben
oder auch ein fuͤr allemal ein Ende mit uns machen.“
Dieſen Worten folgte großer Beifall, man ſagte, das ſei maͤnn⸗
lich geſprochen. Der Beſchluß wurde feſt gemacht, daß man
auswandern ſollte; denn die Söhne Ketils ſetzten ſich eifrig
dafür ein, und keiner widerſprach. Björn und gelgi wollten
nach Island fahren, woher ihnen manche lockende Runde ges
kommen war. Sie ſagten, da ſei gutes Land zu haben, ohne
daß man es mit Geld zu kaufen brauche: da treibe die See
reichlich Wale ans Land, der Lachs fang ſei gut und fonft Ge⸗
legenheit zur Sifcherei Sommer und Winter. Ketil erwiderte:
„Auf dieſe Siſchgruͤnde bringt ihr mich nicht mehr in meinen
alten Tagen.“ Ketil erklaͤrte dann feine Abſicht, ihn zoͤge es
mehr nach Weſten uͤbers Meer: da ſei es gut zu leben. Weit⸗
umher waren ihm druͤben die Gegenden bekannt, da er dort
uͤberallhin auf Raubzuͤgen gekommen war.
28
3. Bjoͤrn und gelgi, die Söhne Ketils, und
ihr Schwager Zelgi der Magere ſiedeln
ſich in Island an
arnach lud Ketil zu einem großen Sefte ein. Damals
vermaͤhlte er feine Tochter Thorunn Zorn mit Zelgi dem
Mageren, wie ſchon oben geſchrieben iſt. Dann ruͤſtete ſich
Ketil zu feiner Abreiſe nach Weſten übers Meer. Seine Tochter
Unn fuhr mit ihm und außerdem viele ſeiner Verwandten.
Die Söhne Ketils fegelten in demſelben Sommer nach Island
und mit ihnen ihr Schwager Helgi der Magere. Björn, Ketils
Sohn, kam mit ſeinem Schiff ins Weſtland in den Breidifjord
und ſegelte in den Sjord hinein, und zwar laͤngs der Suͤdkuͤſte
bis dorthin, wo ein Sjord ſich ins Land einſchnitt; ein hoher
Berg ſtand auf der Zalbinſel oͤſtlich des Sjordes. Nicht weit
vor dem Lande lag eine Inſel. Bjoͤrn ſagte, ſie wollten ſich
da eine Zeitlang aufhalten. Bjorn ging mit einigen Leuten
ins Land hinauf und wanderte an der Rüfte umher. Zwifchen
Berg und Strand war das Land ſchmal. Die Gegend ſchien
ihm zur Anſiedlung geeignet. Da fand Björn feine Zochſitz⸗
pfeiler in einer Bucht ans Land getrieben und meinte, daß ibm
damit die Hofftätte angewieſen ſei. Darauf nahm Björn dort
das ganze Land zwiſchen der Stafa und dem Hraunfjord in Bes
fig und baute ſich dort feinen Hof, der ſeitdem Bjarnarhoͤfn!
heißt. Björn wurde genannt ‚aus dem Oſten!. Seine Frau war
Gjaflaug, die Tochter Kjallaks des Alten. Ihre Söhne waren
Ottar und Kjallak. Deſſen Sohn war Thorgrim, der Vater
des Totſchlags⸗Styr? und des Vermund, die Tochter Kjallaks
hieß Helge. Sie war verheiratet mit Veſtar auf Eyr,
dem Sohn des Thorolf Blaſenkopf, der fi auf Eyr? ange⸗
1 Hafen des Björn, Hof an der Nordkuͤſte der Halbinſel zwiſchen Sara: und
Breidifiord. Der „hohe Berg“ iſt nach dem Hof genannt (Biarnarhafnarfiall).
2 Von dem wilden Styr handelt der erſte Teil der Heidarvigaſaga. Sein
eigentlicher Name iſt Arngrim, der Beiname bedeutet Kampf, Getuͤmmel.
Seine Tochter Asdis wurde die Srau des Boden Snorri. “ Eyr, berühmter
Hof weſtlich von Bjarnarhoͤfn. Nach den Bewohnern dieſes Hofes iſt die S. 27
Anm. 1 erwähnte Erzählung benannt. Steinthor tritt als ein angeſehener
Häuptling auch in unſerer Saga auf (Rap. 71).
29
fiedelt hatte. Ihr Sohn war Thorlak, der Vater des Steinthor
auf Eyr.
gelgi Bjolan kam mit feinem Schiff an die Suͤdkuͤſte und nahm
das ganze Kjalarnes! in Beſitz zwiſchen Kollafjord und Zval⸗
fiord und wohnte bis in fein Alter auf Esjuberg.
Zelgi der Magere kam mit feinem Schiff an die Nordkuͤſte und
nahm das ganze Gebiet am Eyjafjord in Beſitz zwiſchen Sig⸗
lunes und Keynisnes und wohnte auf Rriftnes.? Von dieſem
gelgi und der Thorunn ſtammt das Geſchlecht der Eyjafjord⸗
leute.
4. Aetil und Unn in Schottland.
Unn verlaͤßt Schottland
etil Slachnaſe kam mit ſeinem Schiff nach Schottland
nd wurde gut aufgenommen von vornehmen Leuten,
denn er war ein beruͤhmter Mann und aus edlem Geſchlecht;
man bot ihm an, ſich im Lande einzurichten, wie er wollte.
Retil machte ſich dort ſeßhaft und ebenſo feine Verwandtſchaft
mit Ausnahme ſeines Tochterſohnes Thorſtein. Der zog gleich
auf Raubfahrt aus und plünderte weit umher an den ſchot⸗
tiſchen Rüften und war immer ſiegreich. Später ſchloß er einen
Vertrag mit den Schotten und erhielt das halbe Schottland,
das er als Konig beherrſchte. Er hatte zur Frau Thurid, die
Tochter des Eyvind, die Schweſter Helgis des Magern. Die
Schotten hielten den Vertrag nicht lange, ſondern überfielen
ihn treulos. So berichtet Ari, der Sohn des Thorgils, der
Gelehrte, vom Ende des Thorſtein.
Unn, die Grundgeſcheite, war in Caithnes, als ihr Sohn Thor⸗
ſtein fiel. Und als ſie das erfuhr, daß Thorſtein tot war —
auch ihr Vater lebte nicht mehr — da glaubte ſie dort nicht
mehr in die Höhe kommen zu konnen. Sie ließ heimlich im
Walde ein Srachtſchiff bauen. Und als das Schiff ganz fertig
war, ruͤſtete fie es zur Sahrt und hatte eine große Menge Geld
1 Rialarnes, Kuͤſtenſtrecke nordoͤſtlich gegenüber Reykjavik zwiſchen den
beiden genannten Sſorden. ? Kriſtnes, Hof füdlich von Akreyri. Helgi war
Chrift; aber daneben wandte er ſich an Thor, wenn es ſich um Seefahrt oder
gefährliche Lagen handelte. Der Erzähler beruft ſich hier wahrſcheinlich
auf eine Saſſung der Candnama, die er dem Ari zuſchreibt.
30
mit ſich. Ihr folgte ihre ganze Verwandtſchaft, ſoweit fie noch
am Leben war, und die Leute wiſſen kaum ein anderes Bei⸗
ſpiel dafür zu finden, daß eine Frau aus ſolcher Kriegs wirr⸗
nis mit gleichgroßem Reichtum und Gefolge entronnen ſei.
Daran kann man ſchon ſehen, daß ſie hoch uͤber andere Frauen
hervorragte. Unn hatte auch mehrere Maͤnner von großer
Tuͤchtigkeit und edler Abſtammung mit ſich. Koll wird der Mann
genannt, der vor allen andern hervorragte im Gefolge der
Unn; das machte beſonders feine Abkunft, er war ein gerſe
ſeinem Stande nach. Dann war auch ein Mann in der Be⸗
gleitung der Unn, der Zoͤrd hieß. Auch er war von edler Ab⸗
kunft und tuͤchtig.
Unn ſegelte, ſobald ſie fahrtbereit war, nach den Orkneys. Dort
hielt fie ſich einige Zeit auf. Zier vermaͤhlte fie Gro, die Tochter
Thorſteins des Roten. Sie wurde die Mutter der Greiloͤd, die
mit dem Jarl Thorfinn vermaͤhlt war, dem Sohne des Jarl
Torf⸗Einar, des Sohnes Rögnvalds, des Jarls von More.
Ihr Sohn war Hlödvir, der Vater des Jarl Sigurd, des Va⸗
ters des Jarl Thorfinn. Daher ſtammt das ganze Geſchlecht
der Orkneyjarle.
Dann ſegelte Unn mit ihrem Schiff nach den Särder und ver⸗
weilte auch da eine Jeitlang. Dort vermaͤhlte ſie die zweite
Tochter des Thorſtein, die Olof hieß. Von ihr ſtammt das vor⸗
nehmſte Geſchlecht auf dieſen Inſeln, die ſogenannten Gata⸗
maͤnner.
5. Unn kommt nach Island und nimmt
Land am Hvammsfjord
un macht ſich Unn fertig zur Abreiſe von den Särder
und gibt ihren Schiffsgenoſſen bekannt, daß ſie beab⸗
ſichtige, nach Island zu fahren. Sie nahm mit ſich Olaf
Seilan, den Sohn Thorſteins des Roten, und Olafs Schweſtern,
die noch unverheiratet waren. Dann ging ſie in See und hatte
eine gute Sahrt und kam mit ihrem Schiff an die Suͤdkuͤſte
bei Vikrarſkeid. Dort ſtrandete ihr Schiff und ging völlig ver⸗
loren, alle Menſchen und die Ladung wurden geborgen. —
Darauf ſuchte fie mit zwanzig Mann ihren Bruder gelgi auf.
31
Als fie auf feinen Hof gekommen war, trat er ihr entgegen
und lud fie zu ſich ein mit neun Mann ihrer Begleitung. Sie
antwortete ihm zornig und ſagte, ſie habe nicht gewußt, daß
er ein fo armſeliger Mann fei, und verließ feinen Hof. Sie
dachte nun daran, ihren Bruder Björn am Breidifjord aufzu⸗
ſuchen. Als der von ihrer Abſicht gehoͤrt hatte, ritt er ihr mit
großem Gefolge entgegen und empfing ſie freundlich und
lud ſie zu ſich ein mit allen ihren Begleitern, denn er kannte
wohl den ftolzen Sinn feiner Schweſter. Das geftel ihr ſehr gut
und ſie dankte ihm fuͤr ſein großartiges Anerbieten. Sie blieb
bei ihm den Winter uͤber, man bewirtete ſie auf das praͤchtig⸗
ſte, denn die Mittel dazu waren zur Genuͤge vorhanden, und
das Gut wurde nicht geſpart.
Und im Srühling fuhr fie über den Breidifjord und kam zu
einer Landfpige, wo fie mit ihren Begleitern das Tagmahl
hielt. Daher der Name Dagverdarnes;! von dort aus erſtreckt
ſich der Medalfells ſtrand. Dann fuhr ſie mit ihrem Schiff weiter
in den Zvamms fjord hinein und kam da zu einer Land ſpitze,
wo ſie ſich eine Zeitlang aufhielt. Dabei verlor Unn ihren Ramm:
daher der Name Kambsnes. Dann beſuchte ſie das ganze
Talgebiet der Gegend und nahm Land in Beſitz, ſo weit als
fie Luft hatte. Schließlich fuhr fie mit ihrem Schiff in den
innerſten Teil des Sjords. Dort waren ihre Zochſitzpfeiler ans
Land getrieben. Damit ſchien es ihr gegeben zu fein, wo fie
ihren Wohnſitz nehmen ſollte. Sie ließ einen Hof bauen, der
ſeitdem Hoamm? heißt und wohnte dort.
In demſelben Fruͤhling, in dem Unn den Hof von hvamm
einrichtete, verheiratete ſich Koll mit Thorgerd, der Tochter
Thorſteins des Roten. Die Zochzeit richtete Unn aus; fie gab
der Thorgerd das ganze Lachswaſſertal mit, und Roll baute
ſich einen Hof ſuͤdlich des CLachswaſſers. Roll war ein fehr be⸗
deutender Mann. Ihr Sohn war Z3öͤskuld.
6. Unn teilt Land aus
ann vergab Unn mehreren Maͤnnern Anteile an dem
von ihr in Beſitz genommenen Lande. Dem Soͤrd gab
I Dagverdr, ziemlich früh eingenommen. ? { Hvammi, ‚in dem kleinen Tal‘.
32
fie das ganze Hördatal bis zum Skramuhlaupwaſſer. Er
wohnte auf Zoͤrdabolſtad und war ein ausgezeichneter Mann,
mit trefflicher Nachkommenſchaft. Sein Sohn war Asbjoͤrn
der Reiche, der auf Asbjarnarſtadir im Örnolfstal wohnte: er
hatte zur Frau Thorbjörg, die Tochter des Skeggi vom Mid:
fjord. Ihre Tochter war Ingeborg, verheiratet mit Illugi dem
Schwarzen; deren Söhne waren Zermund und Gunnlaug
Schlangenzunge. Das nennt man das Geſchlecht der Leute
von Gilsbakki.
Unn ſprach zu ihren Leuten: „Nun ſollt ihr den Lohn emp⸗
fangen fuͤr eure Arbeit. Es mangeln uns ja nicht die Mittel,
euch eure Muͤhe und euren guten Willen zu vergelten. Es iſt
euch bekannt, daß ich dem Manne, der Erp heißt, dem Sohne
des Jarl Meldun, die Freiheit gegeben habe: bei einem Mann
von ſo edler Abkunft konnte es nicht meine Abſicht ſein, ihn
Knechtsnamen tragen zu laſſen.“ Unn verlieh ihm dann das
Gebiet von Saudafell zwiſchen dem Tunguwaſſer und Mitt⸗
waſſer. Seine Kinder waren Orm und Asgeir, Gunnbjoͤrn
und Halldis, die mit Alf von den Tälern? vermaͤhlt war. —
Dem Soͤkkolf gab fie das Soͤkkolfstal, und dort wohnte er bis in
ſein Alter.
Einer ihrer Freigelaſſenen hieß Zundi, er war ſchottiſcher Ab⸗
kunft. Ihm gab fie das Zundatal. —
Ein vierter Knecht der Unn hieß Vifil, dem gab ſie das Vifils⸗
tal. —
Osk hieß die vierte Tochter Thorſteins des Roten. Sie war die
Mutter Thorſtein Surts des Klugen, der die Sommerſchalt⸗
woche erfunden hat.
Thorhild hieß die fuͤnfte Tochter Thorſteins. Sie war die
Mutter des Alf von den Tälern; viele Männer führen ihr
Geſchlecht auf ihn zuruͤck. Seine Tochter war Thorgerd, die
Stau des Ari, des Sohnes des Mar von Reykianes,* des
1 Gilsbakki und Asbjarnarſtadir find Höfe in der Myraſysla. ? Thorgils,
der Enkel dieſes Alf fpielt vom Kap. 57 der Saga ab eine bedeutende Rolle.
Thorſtein Surt ſchlug vor, jedes ſiebente islaͤndiſche Jahr um eine Woche
zu verlängern. Der Vater des Thorſtein und Mann der Osk war Hallſtein,
Sohn des Thorolf von Moſtr, vgl. Rap. 10 und 34. * Reykianes, r
in der Bardaſtrandarſysla an der Nordkuͤſte des Breidifford.
3 Meißner, Lachstalſaga 33
Sohnes Atlis, des Sohnes Ulfs des Schielers, und der Björg,
der Tochter des Eyvind und Schweſter Zelgis des Magern.
Daher ſtammen die Leute von Keykjanes.
Die ſechſte Tochter Thorſteins des Roten hieß Vigdis. Don ihr
ſtammen die Leute von Höfdi im Eyjafjord.
7. Unn ſtirbt. Olafs Nachkommenſchaft.
Zoͤskuld, der Sohn des Koll
laf Seilan war das juͤngſte Kind Thorſteins; er war
groß und ſtark, ſchoͤn von Anſehen und in jeder Weiſe
tuͤchtig. Ihn ſchaͤtzte Unn vor allen hoch und erklaͤrte ihren
Leuten, daß fie dem Olaf alle ihre Guͤter in I vamm nach ihrem
Ableben zugedacht habe. Unn begann nun ſehr die Alterslaſt
zu fühlen; fie rief Olaf Seilan zu ſich und ſprach: „Es ift mir
der Gedanke gekommen, Lieber, daß es für dich Zeit iſt, dich
zu verſorgen und zu heiraten.“ — Olaf nahm das wohl auf
und ſagte, er wolle in dieſer Sache ihrem Rate folgen. Unn
ſprach: „Ich möchte am liebſten, daß deine Hochzeit zu Ende
dieſes Sommers gefeiert werde, da iſt es am leichteſten, alles
nötige anzuſchaffen, denn ich vermute, daß unſere Freunde
ſich in großer Anzahl einfinden werden; es wird ja das letzte
Seſt ſein, das ich ausrichte.“ Olaf erwiderte: „Du haſt recht,
doch ich will nur eine Frau nehmen, die weder dein Gut, noch
dein Anſehen vermindert.“ Im gerbſt desfelben Jahres nahm
Olaf Seilan die Alfdis! zur Frau. Die Hochzeit fand in gvamm
ſtatt. Unn hatte große Roften für das Seſt aufgewandt, denn
weit und breit auch aus anderen Gegenden hatte ſie ange⸗
ſehene Leute einladen laſſen. Ihre Brüder Björn und Helgi
Bjolan lud fie ein, fie kamen mit großem Gefolge. Serner
kamen Roll von den Tälern, ihr Schwiegerenkel, und Hörd aus
dem Zoͤrdatal und viele andere angeſehene Maͤnner. Die Hoch:
zeitsgäfte waren ſehr zahlreich, und doch hatten durchaus nicht
alle ſich eingefunden, die Unn eingeladen hatte, denn fuͤr die
Leute aus dem Eyjafjord war es ein langer Reiſeweg. —
Das Alter druͤckte damals Unn ſchon ſehr, ſo daß ſie nicht vor
1 KHaͤheres uͤber die Werbung um Alfdis wird in der Grettisſaga (Rap. 10)
erzählt mit Hinweis auf unſere Stelle.
34
Mittag aufſtand und ſich früh zu Bett legte. Keinem geſtat⸗
tete ſie, mit ihr etwas zu beſprechen, von der Stunde an, wenn
fie abends zur Ruhe ging bis zu der Zeit, daß fie angekleidet
war; zornig antwortete ſie, wenn jemand ſich nach ihrem Be⸗
finden erkundigte.
Am Sochzeitstage ſchlief Unn ziemlich lange, war aber doch
auf, als die Eingeladenen kamen, fie ging ihnen entgegen und
empfing ihre Verwandten und Sreunde mit Wuͤrde; ſie ſagte,
es ſei liebenswuͤrdig von ihnen, daß ſie von ſo weither ſie
aufgeſucht hätten: „ich meine da beſonders Björn und Zelgi,
doch euch allen will ich meinen Dank ſagen, die hierher ge⸗
kommen find.” Dann trat Unn in den Zochzeitsſaal ein und
mit ihr eine große Geſellſchaft. Und als alles im Saale Platz
genommen hatte, bewunderten die Gaͤſte, wie praͤchtig das Seſt
ausgerichtet war. Da ſprach Unn: „Björn nehme ich zum Zeus
gen, meinen Bruder, und gelgi, und meine andern Verwandten
und Freunde: diefen Hof mit allem Hausrat, wie ihr ihn jetzt
vor euch ſeht, uͤbergebe ich meinem Enkel Olaf zum Eigentum
und freier Verfügung.” Darauf ſtand Unn auf und fagte, fie
wolle in ihre Kammer gehen, in der fie zu ſchlafen pflegte; fie
bat die Gaͤſte, ſich zu vergnuͤgen, wie jeder es am liebſten haͤtte,
und die Menge ſollte ſich das Zausbraͤu gut munden laſſen.
Man erzaͤhlt, daß Unn von hohem und kraͤftigem Wuchs ge⸗
weſen ſei. Sie ging ſchnell durch den Saal nach der Tuͤr, und
die Männer ſprachen untereinander, wie ſtattlich die Srau noch
ſei. Die Maͤnner tranken nun am Abend, bis es ihnen Jeit
ſchien, ſchlafen zu gehen.
Am naͤchſten Morgen ging Olaf Seilan in das Schlafgemach
ſeiner Großmutter Unn. Und als er in das Gemach eintrat,
ſaß Unn im Bett gegen die Kiſſen gelehnt. Sie war tot. Olaf
ging darauf in den Saal zuruͤck und verkuͤndete dieſe Neuig⸗
keit. Die Maͤnner ſprachen ihre Bewunderung daruͤber aus,
wie Unn ihre Hoheit bis zum letzten Augenblick bewahrt habe.
So feierte man nun beides auf einmal, die Hochzeit Olafs und
den Leichen ſchmaus für Unn. Am letzten Tage des Seftes
wurde Unn in den Hügel überführt, der für fie beſtimmt war.
Sie wurde in einem Schiff im Hügel begraben und vieles
3° 35
Gut ihr mitgegeben; dann wurde der Hügel über ihr zuge»
worfen. —
Olaf Seilan übernahm nun den Hof in Hyamm mit allem zu=
gehörigen Vermögen unter Zuftimmung feiner Verwandten,
die anweſend waren. Und als das Seftzu Ende ging, gab Olaf
den angeſehenſten Maͤnnern zum Abſchied praͤchtige Geſchenke.
Olaf wurde ein maͤchtiger Mann und ein großer Zaͤuptling.
Er wohnte in Jvamm bis in fein Alter.
Die Kinder des Olaf und der Alfdis waren Thord Brüller,!
der vermaͤhlt war mit Hrodny, der Tochter des Skeggi vom
Midfjord: ihre Söhne waren Eyjolf der Graue, Thorarin
Sohlenſtirn, Thorkel Ruggi; eine Tochter des Olaf Seilan
war Thora, die vermaͤhlt war mit Thorſtein Dorſchbeißer,
dem Sohne des Thorolf von Moſtr; ihre Söhne waren Boͤrk
der Starke und Thorgrim, der Vater des Goden Snorri. Die
zweite Tochter Olafs hieß Helge, fie war vermaͤhlt mit Gun⸗
nar, dem Sohne der Zlif. Ihre Tochter war Jofrid?, vermaͤhlt
mit Thorodd, dem Sohne des Odd von Tunga, ſpaͤter mit
Thorſtein, dem Sohne des Egil; eine zweite Tochter des Gun⸗
nar, Thorunn, war vermaͤhlt mit Zerſtein, dem Sohne des
Thorkel, des Sohnes des Blundketil. Thordis hieß eine dritte
Tochter des Olaf, ſie war vermaͤhlt mit dem Geſetzſprecher
Thorarin,“ dem Bruder des Kagi.
In der Zeit, als Olaf in ſvamm wohnte, wurde fein Schwager
Koll von den Tälern krank und ſtarb. Höskuld, Rolls Sohn,
war noch jung, als ſein Vater ſtarb, ſein Verſtand aber gereift
1 Beruͤhmter Saͤuptling. Auf feine veranlaſſung erfolgte ca. 965 die Einteilung
des Landes in Viertel und die Ordnung der Thinge in den Landes vierteln.
Seine Stimme war, „als wenn ein Stier bruͤllte“ (Geſchichte vom Hühner:
thorir Kap. 13). Als im Auftrage des daͤniſchen Königs Harald ein Zauberer
in Walfiſchgeſtalt in den Breidifſord hineinſchwimmt, watet ihm ein rieſiger
bruͤllender Stier entgegen (Heimskringla, Saga des Königs Olaf Tryggvaſon
Kap. 33). Eyjolf, der Graue (d. i. der Bde), tötet den geaͤchteten Gisli
(Bislafaga): Eyjolfs Sohn Tyorkel ſpielt als vierter Gatte der Gudrun im
letzten Teil unſerer Saga eine bedeutende Rolle. Die Werbung des Thor:
odd um Jofrid iſt auf das anmutigſte in der Geſchichte vom Zuͤhnerthorir
erzaͤhlt. Jofrids und Thorſteins Tochter iſt Helga, die Beliebte des Gunnlaug
Schlangenzunge. Thorarins Bruder Blum war der zweite Mann der Jall:
gerd, der Tochter des Soͤskuld (NHjala Kap. 13 ff.).
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über die Zahl feiner Jahre hinaus. Höskuld war ein fchöner
und tuͤchtiger Menſch. Er übernahm den Hof und das ganze
Vatererbe; nach ihm wird der Hof genannt, auf dem Roll ge⸗
ſeſſen hatte; er heißt ſeitdem Zoͤskuldsſtadir.
Bald war Soͤskuld wohl angeſehen auf feinem Hofe, vieles
gab ihm ſichern Halt, Verwandte und Freunde, die Roll, fein
Vater, fuͤr ſich gewonnen hatte. Thorgerd aber, die Tochter
Thorſteins und Mutter des Hösfuld, war damals noch eine
junge Frau und ſehr ſchoͤn. Sie fuͤhlte ſich nicht mehr behag⸗
lich in Island nach dem Tode Rolls, fo erklaͤrte fie ihrem
Sohne gòͤskuld, daß ſie mit dem ihr zukommenden Vermögens:
anteil Island verlaſſen wolle. Hösfuld fagte, der Gedanke
falle ihm ſchwer, daß ſie ſich ſcheiden ſollten, aber er wolle in
dieſem wie in allen andern Dingen ihrem Willen nicht ent⸗
gegen fein. Zoͤskuld kaufte für feine Mutter die Hälfte eines
Schiffes, das in Doͤgurdarnes an Land lag.
Thorgerd begab ſich an Bord mit reichem Gut. Und dann ging
Thorgerd in See, das Schiff hatte gute Sahrt und kam nach
Norwegen. Thorgerd hatte in Norwegen eine große Vettern⸗
ſchaft und viele angeſehene Verwandte. Sie empfingen fie wohl
und machten ihr alle Anerbietungen, die ſie ſich von ihnen wuͤn⸗
ſchen konnte. Thorgerd nahm das wohl auf und ſagte, es ſei
ihre Abſicht, dort im Lande ſich niederzulaſſen. Thorgerd war
nicht lange Witwe, bis ſich ein Mann fand, der um ſie anhielt.
Der hieß Herjolfz er war feinem Stande nach ein belehnter
Zerr, reich und hochgeſchaͤtzt. Herjolf war ein großer und ſtar⸗
ker Mann; nicht war er ein ſchöͤner Mann dem Geſicht nach, aber
doch ſehr ſtattlich anzuſchauen; vor allen als Kaͤmpfer aus⸗
gezeichnet. Und als es zu dieſer Bewerbung kam, hatte Thor⸗
gerd die Entſcheidung zu geben, da ſie Witwe war; und mit
Juſtimmung ihrer Verwandten ſchlug fie dieſen Heiratsantrag
nicht ab, fie vermaͤhlte ſich mit Zerjolf und zog auf feinen
Hof mit ihm; zwiſchen ihnen entſtand ein herzliches Einver⸗
nehmen. Thorgerd ließ das bald merken, daß fie ungewoͤhn⸗
lich tuͤchtig war; Herjolfs Hauswefen ſchien nun viel beſſer
und wuͤrdiger zu ſein, ſeit er eine ſolche Frau neben ſich hatte,
wie Thorgerd war. —
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8. rut, der Sohn Zerjolfs und der Thor:
gerd, wird geboren. Nach dem Tode Serjolfs
kehrt Thorgerd er Island zurüc und
tirbt
erjolf und Thorgerd waren nicht lange verheiratet, bis
ihnen ein Sohn geſchenkt wurde. Der Knabe wurde mit
Waſſer benetzt und erhielt ſeinen Namen, man nannte ihn
rut. Er wurde bald groß und ſtark, da er aufwuchs. Er war
beſſer gewachſen als alle andern, hoch und in den Schultern
breit, in der Mitte ſchmal, wohlgeſtaltet an Händen und Süßen.
Zrut war der ſchoͤnſte aller Maͤnner, ſo wie ſein Muttervater
Thorſtein oder Ketil Slachnaſe geweſen waren; außerordent⸗
lich tuͤchtig war er in jeder Beziehung.
gerjolf wurde krank und ftarb. Den Leuten ſchien das ein
großer Verluſt. Da ſehnte ſich Thorgerd wieder nach Island
und wollte ihren Sohn Zoͤskuld aufſuchen, denn fie liebte
ihn über alles; und Hrut konnte fie wohlgeborgen unter
feinen Verwandten zuruͤcklaſſen. So machte ſich Thorgerd auf
zur Sahrı nach Island und kam zu Soͤskuld, ihrem Sohne,
ins Cachswaſſertal. Der empfing feine Mutter mit Ehrerbie⸗
tung; fie hatte reiches Gut mit ſich und blieb bei Zoͤskuld bis
zu ihrem letzten Tage. Wenige Winter nach ihrer Ankunft
fiel Thorgerd in tödliche Krankheit, ſtarb und wurde ins
Zuͤgelgrab gelegt. Zoͤskuld nahm ihr ganzes Gut an ſich,
während doch Hrut, fein Bruder, hätte die Hälfte bekommen
follen.
9. Zoͤskuld verheiratet ſich mit Jorunn.
Ihre Kinder
n dieſer Zeit herrſchte über Norwegen Hakon, der Pflege⸗
ſohn Adelſtans. Zoͤs kuld war fein Gefolgsmann; er lebte
immer abwechſelnd einen Winter beim Rönig gakon oder auf
feinem Hofe; fein Name war ſowohl in Norwegen wie in Is⸗
land hochangeſehen.
Ein Mann hieß Bjoͤrn; er wohnte im Bjarnarfjord und hatte
dort Land genommen; nach ihm iſt der Sjord genannt. Dieſer
38
——
Sjord fchneidet nördlich vom Steingrimsfjord ins Land ein,
zwiſchen beiden! erſtreckt ſich ein Bergruͤcken. Björn war ein
Mann von angeſehener Verwandtſchaft und reich an Gut.
Seine Frau hieß CLjufa. Ihre Tochter war Jorunn, ein ſchoͤnes
Mädchen und ſehr ſtolz; ungewoͤhnlich hervorragend durch ihren
Verſtand. Sie galt fuͤr die beſte Partie im ganzen Weſtlande.
Von dieſem Mädchen hatte 3oͤskuld Kunde bekommen, und
auch davon, daß Bjoͤrn der erſte Bonde war im ganzen Strand⸗
gebiet. Zoͤskuld ritt aus mit neun Mann und ſuchte Björn,
den Bonden, im Bjarnarfjord auf. Er wurde da wohl emp⸗
fangen, denn Björn wußte gut Beſcheid über Zoͤskulds vor⸗
trefflichen Ruf. Nach einiger Zeit kam Hösfuld mit feiner Be⸗
werbung heraus, Björn antwortete guͤnſtig und ſagte, nach
feiner Meinung konne feine Tochter ſich nicht beſſer verheiraten,
doch wollte er es ihrer Entſcheidung uͤberlaſſen. Und als dieſe
Sache der Jorunn vorgetragen wurde, antwortete ſie in folgender
Weiſe: „Nur ſolche Kunde haben wir über dich, Zoͤskuld, daß
wir deinen Antrag guͤnſtig beantworten muͤſſen, denn wir
glauben, die Frau iſt wohl verforgt, die ſich mit dir verheira⸗
tet; doch ſoll mein Vater endgültig darüber entſcheiden, denn
ich will in dieſer Sache dem ʒuſtimmen, was er fuͤr gut haͤlt.“
Mag man nun uͤber dieſe Sache kuͤrzer oder laͤnger verhandelt
haben,? das Ende war, daß Jorunn dem Soͤskuld mit großem
Gut verlobt wurde; die Hochzeit ſollte in Zoͤskuldsſtadir ge⸗
feiert werden. Zoͤskuld ritt nun fort mit dieſem Entſcheid,
nach Haufe auf feinen Hof, und blieb zu Haufe, bis die Hoch-
zeit fein ſollte. Björn kam von Norden zur Hochzeit mit ſtatt⸗
licher Begleitung. Bei 3oͤskuld waren auch viele eingeladene
Gaͤſte, Freunde und Verwandte, dieſes Seft war ſehr großartig.
Und als das Seft zu Ende ging, machte ſich jeder auf den Weg
nach gauſe in guter Freundſchaft und mit würdigen Geſchenken.
Jorunn, die Tochter Bjoͤrns, blieb zuruͤck auf Zoͤskuldsſtadir
und übernahm die Wirtſchaft mit Zoͤskuld. An ihrem Ver⸗
halten war das bald zu erkennen, daß fie klug und tuͤchtig, in
vielen Dingen erfahren, doch immer etwas ſtolz ſein wuͤrde.
1 Die beiden Sjorde liegen an der weſtkuͤſte des Meerbuſens Hunafloi (Nord⸗
often). ? Sormelhaft.
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Ihr Zuſammenleben mit Zoͤskuld war gut, wenn fie das auch
im Alltagsverkehr nicht beſonders merken ließen.
Zoͤskuld wurde nun ein großer Häuptling; er war maͤchtig und
tat kraͤftig, an Gut mangelte es nicht; er ſtand in keiner Hinſicht
in geringerem Anſehen als fein Vater Roll, Zoͤskuld und Jo⸗
runn waren nicht lange verheiratet, bis ihnen Kinder geſchenkt
wurden. Einer ihrer Söhne hieß Thorleiß; er war das aͤlteſte
ihrer Kinder; ein zweiter Bard. Ihre Tochter hieß Zallgerd, !
die ſpaͤter den Beinamen Langhoſe bekam. Eine andere Toch⸗
ter hieß Thurid. Alle waren vielverſprechende Kinder. —
Thorleik war groß und ſtark und von ſehr ſtattlichem Aus⸗
ſehen, zuruͤckhaltend und barſch; die Leute glaubten Anzeichen
in ſeinem Weſen zu bemerken, daß er nicht gerade ein Mann der
Billigkeit werden würde, Zoͤskuld ſagte immer, er würde ganz
nach der Art der Samilie vom Strandgebiet ſchlagen. Bard,
Zoͤskulds Sohn, war auch von anſehnlicher Geſtalt, mit gutem
Verſtand begabt und ſtark; er hatte ein Weſen an ſich, als ob
er mehr den Verwandten ſeines Vaters aͤhnlich werden wollte.
Bard war ſchon in ſeiner Jugend umgaͤnglich und beliebt.
Zoͤskuld liebte ihn am meiſten von feinen Kindern; Hösfulds
Zausweſen ſtand nun in reicher Blüte und Glanz. In dieſer
Zeit verheiratete Zöskuld feine Schweſter Gro an DVeleif den
Alten. Ihr Sohn war Holmgang-Berfi.?
IO. 3rapp der Totſchlaͤger und feine
Leute
rapp hieß ein Mann, er wohnte im Cachswaſſertal, noͤrd⸗
lich des Fluſſes gegenüber von goͤskuldsſtadir. Der Hof
hieß dann nach ihm Srappsftadir, nun ift da Wüftung. Hrapp
war ein Sohn des Sumarlidi und wurde Hrapp der Totſchlaͤ⸗
ger genannt; er war ein Schotte von vaͤterlicher Seite her,
aber das ganze Geſchlecht ſeiner Mutter ſaß auf den Zebri⸗
den; dort war er auch geboren. Er war ein großer und ſtarker
Mann. Er dachte nicht daran, nachzugeben, wenn auch die
mindere Staͤrke auf ſeiner Seite war; und weil er, wie geſagt,
1 Die Hallgerd der Njalsſaga. * vgl. Kap. 28. Sòͤskulds Schweſter Gro iſt
vorher nicht erwähnt.
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unvertraͤglich war und nicht Buße geben wollte, wenn er ein Un⸗
recht getan hatte, fo war er aus den weſtlichen Kolonien übers
Meer gefluͤchtet und hatte ſich da Land gekauft, wo er wohnte.
Seine Frau hieß Vigdis und war eine Tochter des gallſtein.
Ihr Sohn hieß Sumarlidi. Ihr Bruder hieß Thorſtein Surt, !
der damals auf Thorsnes wohnte, wie oben geſchrieben iſt;
dort war Sumarlidi zur Erziehung und ein vielverſprechen⸗
der Knabe. Thorſtein war verheiratet geweſen, feine Frau
aber damals ſchon tot. Er hatte zwei Töchter. Eine hieß Gudrid,
die andre Osk. Gudrid war verheiratet mit Thorkel Zipfel, der
auf Svignaſkard? wohnte. Er war ein großer Häuptling und ein
kluger Mann, ein Sohn des Raudabjoͤrn. Osk aber, die andere
Tochter des Thorſtein, war mit einem Manne vom Breidifjord
vermaͤhlt; der hieß Thorarin. Er war ein mutiger Mann und
beliebt und lebte bei ſeinem Schwiegervater Thorſtein, denn
Thorſtein neigte ſich da ſchon ſeinem Ende zu und bedurfte
ſehr ihrer Sürforge.
Zrapp war den meiften Menſchen nicht nach dem Sinn; er
war zu Gewalttaͤtigkeiten geneigt gegen ſeine Nachbarn; er
ließ manchmal vor ihnen Worte fallen, es wuͤrde ihnen ſchwer
fein, in feiner Naͤhe Haus zu halten, wenn fie einen andern
Mann fuͤr beſſer hielten als ihn. Die Bauern alle aber kamen
zu demſelben Entſchluß: fie gingen zu Hösfuld und berichteten
ihm von ihrer ſchwierigen Lage. Zoͤskuld bat fie, es ihm anzu⸗
zeigen, wenn Hrapp ihnen irgend ein Unrecht zufügen ſollte,
„denn es ſoll ihm nicht gelingen, mich zu berauben an Maͤn⸗
nern oder Gut.“
II. Zoͤskuld reift nach Norwegen
hord Goddi hieß ein Mann, der im Lachs waſſertal noͤrd⸗
lich des Sluſſes wohnte, der Hof hieß dann nach ihm God⸗
daſtadir. Er war ein ſehr reicher Mann; Kinder hatte er nicht;
das Land, auf dem er wohnte, hatte er gekauft. Er war Hrapps
1 Der Wohnſitz des Thorſtein Surt iſt oben (Rap. 6) nicht angegeben, ebenſo
war dort der vater des Thorſtein und Gatte der Osk, naͤmlich Hallſtein,
Sohn des Thorolf Moſtrarſkegg nicht genannt worden. Thorsnes, Halbinſel
an der Suͤdkuͤſte des Breidifiord, berühmte Kult: und Thingftätte. ? Svigna⸗
ftard, Hof in der Myraſysla.
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Nachbar und hatte oft von ihm zu leiden. Zoͤskuld nahm fich
feiner an, fo daß er feinen Hof halten konnte. Vigdis! hieß
ſeine Frau, ſie war eine Tochter des Ingjald, des Sohnes des
Olaf Seilan. Sie war die Brudertochter des Thord Bruͤller
und eine Schweſtertochter des Thorolf Rotnafe von Saudafell.
Thorolf war ein tapfrer Degen und hatte ein gutes Auskom⸗
men. An ihn wandten ſich immer ſeine Verwandten, wenn ſie
Zilfe brauchten. Digdis war ihrem Manne gegeben mehr mit
Kuͤckſicht auf fein Vermögen als auf fein Anſehen. Thord
hatte einen Knecht, der mit ihm ins Land gekommen war;
der hieß Asgaut; er war groß und tuͤchtig; und wenn er auch
ein Knecht hieß, ſo haͤtten ſich doch wenige, wenn ſie auch Freie
waren, ihm gleichſtellen konnen. Und gute Dienfte wußte er
feinem Zerrn zu leiſten. Mehr Knechte noch hatte Thord, wenn
auch nur dieſer eine erwaͤhnt wird.
Thorbjörn hieß ein Mann; er wohnte im Lachswaſſertal als
naͤchſter Nachbar Thords talaufwaͤrts von feinem Zofe. Er
hatte den Beinamen Skrjup; reich war er an Gut, meiſt be⸗
ſtand es in Silber und Gold; ein großer Mann war er an
Wuchs und von gewaltiger Kraft. Er hatte nicht eben eine
offene Hand gegenüber den Leuten aus dem Volke.
Zoͤskuld, der Sohn des Roll von den Tälern, empfand es als
nachtraͤglich für das Anſehen feines Zausweſens, daß fein
Zof weniger gut gebaut war, als er es haben wollte. Er kaufte
ſich ein Schiff von einem Manne von den Shetlandinſeln. Das
Schiff lag auf an der Mündung der Blanda.? Dieſes Schiff
rüftete er zur Fahrt und erklaͤrte, daß er ausreiſen wollte, aber
Jorunn übernahm die Aufſicht über den Hof und die Rinder.
Nun gingen fie in See und hatten gluͤckliche Fahrt. Sie erreichten
Norwegen ziemlich im Süden: fie landeten in Zordland, dort,
wo ſpaͤter die Handelsftadt Bergen lag. Er zog fein Schiff an
Land und fand da eine große Menge von Verwandten, deren
Namen hier aber nicht erwaͤhnt werden. Damals hielt Koͤnig
Zakon ſich in der WIR? auf. Zoͤskuld aber begab ſich aber nicht
1 Ingjald wird im Kap. 7 nicht unter den Söhnen des Olaf Seilan erwähnt.
Vigdis iſt nach anderer Überlieferung eine Tochter des Olaf Seilan. Die Blanda
mündet in den Junafiord (Rord⸗Island). ? Gegend des Kriſtianiafjords.
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zu Rönig Hafon, denn feine Verwandten hatten ihn mit offenen
Armen aufgenommen. Es blieb ftill dieſen ganzen Winter über.
I2. Zoͤskuld kauft eine Sklavin
u Anfang des naͤchſtens Sommers geſchah es, daß der
König mit dem Landesaufgebot oſtwaͤrts ! nach Brennd?
zur gebotenen Verſammlung zog und Frieden fuͤr ſein Land
erneuerte, wie es die Geſetze fuͤr jeden dritten Sommer be⸗
ſtimmten. Dieſe Verſammlung war zwiſchen den Sürften feſt⸗
geſetzt, um die Sachen zu erledigen, über welche die Rönige
zu entſcheiden hatten. Man ſah es als eine Dergnügungsreife
an, diefe Derfammlung aufzuſuchen, denn da fanden ſich Ceute
aus faſt allen Ländern ein, von denen wir Kunde haben. Zoͤs⸗
kuld brachte ſein Schiff zu Waſſer, er wollte ebenfalls dieſe
Verſammlung beſuchen, da er im Winter nicht zum Koͤnige
gekommen war. Auch zu einem gandelsmarkt fand man ſich
dort zufammen. Dieſe Ver ſammlung war ſehr beſucht; da
gab es ein ſehr froͤhliches Treiben, Trinkgelage, Spiele und
Beluſtigungen aller Art; Dinge von Bedeutung ereigneten ſich
nicht. Viele von ſeinen Verwandten, die in Daͤnemark lebten,
traf Hösfuld dort.
Und eines Tages, als Zoͤskuld mit einigen Maͤnnern ausging
ſich zu vergnügen, ſah er ein praͤchtiges Zelt, das abſeits von
den andern Buden ſtand. Höskuld ging dahin und trat in das
Zelt ein, da ſaß vor ihm ein Mann in einem Samtgewande,
der einen ruſſiſchen gut auf dem Kopfe hatte. Zoͤskuld fragte
den Mann nach feinem Namen; er nannte ſich Gilli, — „aber
viele wiſſen beſſer Beſcheid, wenn ſie meinen Beinamen hoͤren:
man nennt mich Gilli, den Kuſſen.“ Zoͤskuld ſagte, daß er ihn
oft habe erwähnen hören, als den reichſten der Maͤnner, die
zur Kaufmannſchaft gehörten. Da ſprach Zoͤskuld: „Du wirft
uns wohl Dinge verkaufen koͤnnen, die wir gern einhandeln
möchten.” Gilli fragte, was er und feine Gefaͤhrten kaufen woll⸗
1 Die Richtungsbezeichnungen beziehen ſich nicht auf den einzelnen Ort,
ſondern das ganze Gebiet, zu dem der Ort gehört. Das iſt beſonders bei den
Ortsangaben in Island zu beachten, wo immer die Landesviertel gemeint
find. * Brennd vor der Mündung des Goͤtaelf. Im Islaͤndiſchen Brenney⸗
jar, die ganze Inſelgruppe.
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ten. Zoͤskuld ſagte, daß er eine Sklavin kaufen wolle, „falls du
eine anzubieten haſt“. Gilli erwiderte: „Ihr glaubt mich da⸗
durch in Verlegenheit zu ſetzen, daß Ihr Dinge zum Kauf be⸗
gehrt, von denen Ihr meint, daß ich ſie nicht vorraͤtig habe;
aber das iſt doch nicht fo ausgemacht, wie es ſcheint.“ Zoͤskuld
hatte bemerkt, daß ein Vorhang quer durch das Zelt ging. Da
hob Gilli den Vorhang auf und goͤskuld ſah, daß zwoͤlf Frauen
im innern Zelt ſaßen. Gilli ſagte, Zoͤskuld ſolle hingehen und
zuſehen, ob er eine von dieſen Frauen kaufen wolle. Das tat
Zöskuld. Sie ſaßen alle in einer Reihe quer durch das Zelt.
Zoͤskuld betrachtete genau dieſe Frauen. Er ſah, daß eine
Frau am Ende nahe der Jeltwand ſaß; ſie war aͤrmlich ge⸗
kleidet. Zoͤskuld bemerkte, daß die Frau von ſchoͤnem Ausſehen
war, fo weit man etwas von ihr ſehen konnte. Da ſagte Zoͤs⸗
kuld: „Wie hoch ſoll dieſe Frau kommen, wenn ich ſie kaufen
will.“ Gilli antwortete: „Du ſollſt fuͤr ſie drei Mark Silber
bezahlen.“ „Es ſcheint mir,“ ſagte goͤskuld, „als rechneteſt
du dieſe Sklavin ziemlich teuer an; das iſt ja der Preis fuͤr
drei.“ Da antwortete Gilli: „Du haſt recht darin, ich ſetze ſie
teurer an als die andern; waͤhle dir nur irgendeine von den an⸗
dern elfen und bezahle fuͤr ſie eine Mark Silber, aber dieſe mag
in meinem Beſitz bleiben.“ Zoͤskuld ſagte: „Ich muß erſt wiſſen,
wie viel Silber in dem Beutel iſt, den ich an meinem Guͤrtel habe.“
Er bat Gilli, die Wage zu bringen und griff nach ſeinem Beutel.
Da ſprach Gilli: „Dieſes Geſchaͤft ſoll ohne Betrug von meiner
Seite vor ſich gehen: es iſt da naͤmlich ein großer Fehler vorhan⸗
den, was die Frau anlangt. Ich will, daß du das vorher weißt,
Söskuld, ehe wir dieſen Kauf abſchließen.“ goͤskuld fragte,
was das ſei. Gilli antwortete: „Dieſe Frau iſt ſtumm; auf
vielerlei Weiſe habe ich verſucht, ſie zum Sprechen zu bewegen,
aber nie ein Wort aus ihr herausgebracht; es iſt wirklich
meine Überzeugung, daß dieſe Srau nicht ſprechen kann.“
Da ſagte Zoͤskuld: „Bring die Geldwage und laß uns fehen,
wie viel der Beutel wiegt, den ich hier habe.“ Gilli brachte die
Wage; fie wogen das Silber, es war drei Mark Silbergewicht.
Da ſagte Zoͤskuld: „Es ſteht nun fo, daß dies unſer Handel fein
ſoll: nimm du das Silber hier, und ich werde dieſe Frau
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nehmen. Ich geſtehe, daß du dich wacker bei dieſem Gefchäft
benommen und mich offenbar nicht haſt dabei uͤbervorteilen
wollen.“ Darauf kehrte Zoͤskuld in fein Zelt zuruͤck. Am ſelben
Abend ging 3oͤskuld mit ihr zu Bette. Und am naͤchſten Mor:
gen, als man ſich anzog, ſprach Zoͤskuld: „Geringen Aufwand
ſieht man an der Kleidung, die Gilli der Reiche dir gegeben
hat; es iſt aber freilich wahr, daß es eine groͤßere Aufgabe
fuͤr ihn war, zwoͤlf zu kleiden, als fuͤr mich eine einzige.“
Darauf ſchloß Zoͤskuld eine Rifte auf, nahm gute Frauen⸗
kleider heraus und gab ſie ihr; da ſtimmten nun auch alle
Maͤnner darin uͤberein, daß gute Kleider ihr ſtanden.
Als nun die Sürften die Sachen erledigt hatten, über die
nach den Geſetzen zu verhandeln war, wurde dieſe Derfamm-
lung geſchloſſen. Da ſuchte Zoͤskuld den Rönig Sakon auf und
begruͤßte ihn ehrerbietig, wie es ſich gebuͤhrte. Der Koͤnig be⸗
trachtete ihn und ſagte: „Deine Begrüßung, Zoͤskuld, würden
wir auch angenommen haben, wenn du dich ſchon etwas fruͤher
an uns gewandt haͤtteſt; doch ſoll es auch ſo gut ſein.“
13. Zoͤskuld kehrt nach Island zuruͤck. Olaf
Pfau wird geboren. Melkorka gibt ſich zu
erkennen
arauf nahm der Konig Hösfuld mit aller Freundlich⸗
keit auf und bat ihn, auf ſein Schiff zu kommen —
„und bleib bei uns, ſo lange du in Norwegen dich aufhalten
willſt.“ Zoͤskuld antwortete: „Habt Dank für Eure Einladung,
aber ich habe nun in dieſem Sommer vieles zu beſorgen; der
Umſtand beſonders, daß ich die Abſicht hatte, mir Bauholz
zu verſchaffen, iſt die Urſache geweſen, daß ich ſo lange ge⸗
zoͤgert habe, Euch aufzuſuchen.“ Der Bönig bat ihn, nach der
Wik zu fegeln. Zöͤskuld verweilte beim Koͤnige eine Zeit:
lang. Der Konig verſchaffte ihm Bauholz und ließ damit
fein Schiff befrachten. Da ſprach der Rönig zu Zoͤskuld:
„Nicht will ich dich hier laͤnger bei uns aufhalten, als es dein
Wunſch iſt; aber ich fuͤrchte, der Erſatz wird uns ſchwer wer⸗
den, wenn dein Platz leer iſt.“ Dann begleitete der Rönig
Zoͤskuld ans Schiff und ſagte: „Als Ehrenmann habe ich dich
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erprobt; ich glaube faſt, daß du zum letztenmal aus Nor⸗
wegen ſegelſt, ſolange ich hier Herr bin.“ Der Konig zog
einen Goldring vom Arm, der eine Mark wog, und gab ihn
Zoͤskuld, und ein Schwert gab er ihm als zweites Kleinod,
das auf eine halbe Mark Goldes zu ſtehen kam. Zoͤskuld
dankte dem Rönige für die Gaben und für alle die Ehre, die
er ihm erwieſen hatte. Dann ging Zoͤskuld an Bord und
ſegelte ab. Sie hatten guten Wind und erreichten das Land
an der Suͤdkuͤſte; ſie ſegelten dann weſtwaͤrts an Reykjanes und
weiter an Snaefellsnes voruͤber und hinein in den Breidifjord.
Zoͤskuld landete in der Mündung des Lachswaſſers; er ließ
die Ladung aus dem Schiff tragen und das Schiff noͤrdlich
des Lachswaſſers an Land ziehen, und errichtete dort einen
Schuppen daruͤber, und man ſieht da noch die Grundmauern,
wo er den Schuppen bauen ließ. Er ſchlug dort Zeltbuden
auf, darnach heißt die Gegend Budental. Dann ließ Hösfuld
das Bauholz nach Haus ſchaffen; das ging leicht, da der Weg
nicht lang war. Darauf ritt Zoͤskuld nach Haufe mit einigen
Leuten und wurde gut empfangen, wie zu erwarten war; das
Gut war in der Zwifchenzeit wohl verwaltet worden. Jorunn
fragte, wer die Frau in feinem Gefolge ſei. Zoͤskuld antwor⸗
tete: „Du wirſt glauben, ich wolle dich mit meiner Antwort
zum beſten haben: ich weiß ihren Namen nicht.“ Jorunn
ſprach: „Zweierlei iſt möglich, entweder luͤgt das Geruͤcht, das
mir zugetragen wurde, oder du haſt noch mehr mit ihr ge⸗
ſprochen, als fie nur nach dem Namen gefragt.“ Zoͤskuld
ſagte, er wolle das nicht beſtreiten und erzählte ihr alles wahr⸗
heitsgemaͤß; er bat auch um gute Behandlung fuͤr dieſe Frau
und fagte, es fei fein Wunſch, daß fie ſich im Haufe aufhalten
duͤrfe. Jorunn ſprach: „Ich werde nicht Streit anfangen mit dei⸗
ner Maͤtreſſe, die du dir von Norwegen mitgebracht haſt, wenn
ſie auch Schwierigkeiten im Haus machen ſollte; unter dieſen
Umſtaͤnden kann es mir nur recht ſein, daß ſie taub und ſtumm
iſt.“ — Hösfuld ſchlief jede Nacht bei feiner Hausfrau, ſeitdem
er heimgekehrt war, und gab ſich mit der Fremden wenig ab.
Jedermann mußte ihr adliges Weſen bemerken und ebenſo,
daß ſie durchaus nicht ohne Verſtand war.
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Ende des Winters gebar Höskulds Nebenfrau einen Knaben.
Soͤskuld wurde herbeigerufen, und man zeigte ihm das Kind.
Ihm wie den andern ſchien es, daß man niemals ein ſchoͤneres
und adligeres Rind geſehen hätte. Zoͤskuld wurde gefragt, wie
der Knabe heißen ſollte. Er befahl, den Knaben Olaf zu nen⸗
nen; kurz vorher war naͤmlich ſein Mutterbruder Olaf Seilan
geſtorben. Olaf war ein ganz ungewoͤhnlich praͤchtiges Kind,
und goͤskuld ſchenkte dem Knaben feine ganze Zuneigung.
Im Sommer darauf ſagte Jorunn, daß die Maͤtreſſe irgend
eine Arbeit uͤbernehmen oder ſonſt den Zof verlaſſen muͤſſe.
Zoͤskuld beſtimmte, daß fie den Ehegatten aufwarten und im
uͤbrigen ihren Knaben beſorgen ſollte. Und als der Knabe
zwei Jahre alt war, konnte er vollſtaͤndig ſprechen und lief
allein herum wie ein Kind von vier Jahren.
Eines Morgens geſchah es, daß Hösfuld ausging, um feinen
Sof zu beſichtigen. Das Wetter war gut, die Sonne ſchien und
war ſchon etwas geſtiegen; er hoͤrte menſchliche Stimmen.
Er ging nach der Seite, wo ein Bach an dem Abhang der
gofwieſe entlang lief; dort ſah er zwei Geſtalten und er⸗
kannte ſie; es waren ſein Sohn Olaf und ſeine Mutter; er wußte
nun auf einmal, daß ſie nicht ſtumm war; denn ſie redete da
eifrig mit dem Kinde. Zoͤskuld trat darauf zu ihnen und fragte
ſie nach ihrem Namen, er ſagte, es koͤnne ihr nun nichts mehr
helfen, ſich noch länger zu verftellen.
Sie ſagte, es ſolle auch nicht mehr geſchehen; ſie ſetzten ſich zu⸗
ſammen nieder am Wieſenabhang. Dann ſprach fie: „Willſt du
meinen Namen erfahren, fo heiße ich Melkorka.“ Zoͤskuld bat
fie, ihm mehr von ihrem gerkommen zu ſagen. Sie antwor⸗
tete: „Myrkjartan heißt mein Vater; er iſt Konig in Irland; von
dort kam ich, als ich fuͤnfzehn Jahr alt war, in Kriegsgefan⸗
genſchaft.“ Hösfuld fagte, fie habe allzulange eine fo gute Ab⸗
kunft verſchwiegen. Dann ging Soͤskuld ins Haus und er⸗
zählte Jorunn das Unerwartete, das ihm begegnet war. Jo⸗
runn fagte, man wiſſe ja nicht, ob fie die Wahrheit ſage; fie
ſelbſt habe kein Intereſſe fuͤr ſolch fremdartiges Volk. Damit
brachen ſie das Geſpraͤchab. Jorunn behandelte ſie ſeitdem keines⸗
wegs freundlicher, HösFuld aber gab ſich nun oͤfters mit ihr ab.
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Kurze Zeit darauf, als Jorunn einmal ſchlafen ging, zog ihr
Melkorka Schuh und Strümpfe aus und legte alles auf der
Diele zufammen. Jorunn nahm die Strümpfe und ſchlug fie
ihr um die Ohren. Melkorka wurde zornig und verſetzte ihr
einen Sauftfchlag auf die Naſe, daß das Blut heraus ſprang.
zoͤskuld kam dazu und trennte fie. Darauf ließ er Melkorka
fortziehen und gab ihr eine Wohnſtaͤtte oben im Lachswaſſer⸗
tal; Melkorkaſtadir hieß die ſeitdem — nun iſt dort Wuͤſtung
— fie lag ſuͤdlich des Lachswaſſers. Dort richtete ſich Melkorka
ihr Haus ein; goͤskuld gab ihr dazu alles, was man brauchte;
ihr Sohn Olaf zog mit ihr dorthin. Bald ſah man an Olaf,
als er aufwuchs, daß er uͤber andre Maͤnner hervorragen
werde an Schönheit und Kitterlichkeit.
14. Thorolf erſchlaͤgt Hall, den Bruder des
Ingjald und findet Schutz bei Pigdis auf
Goddaſtadir
ngjald hieß ein Mann; er wohnte auf den Saudeyjar
(Schafinſeln); ſie liegen im Breidifjord; man nannte ihn
den Boden von Saudey; er war ein wohlhabender Mann in
anſehnlicher Stellung.
Zall hieß ſein Bruder, ein großer und ruͤſtiger Mann. Er
war arm; die meiſten Menſchen ſagten, er ſei zu wenig nuͤtze.
Zwifchen den Brüdern war im allgemeinen wenig Einver⸗
ſtaͤndnis. Ingjald meinte, Hall gebe ſich nicht Muͤhe genug,
nach der Art höher ſtehender Männer ſich zu betätigen, und
Zall meinte, Ingjald taͤte zu wenig, um feines Bruders Haus:
halt zu beſſerm Gedeihen zu bringen.
Ein Siſchplatz liegt im Breidifjord, Bjarneyjar genannt.“ Da
liegen mehrere Inſeln bei einander, ſie gaben reichen Sangertrag.
In jener Zeit fuhren die Leute oft dorthin zur Siſcherei; da war
Sommer und Winter viel Volk beieinander. Sehr wichtig
ſchien es dabei den verſtaͤndigen Männern, daß fich die Leute
draußen auf den Sifchgründen gut vertrugen; es war der
1 In der Njala gehören dieſe Inſeln dem Thorvald, dem erſten Manne der
Hallgerd, der Tochter os kulds. Thorvald wird dort erſchlagen (Hiela Kap. 9 ff.).
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Glaube, die Sifcherei ſei weniger ergiebig, wenn Streitigkeiten
vorkaͤmen; darauf achteten auch die meiſten mit Sorgfalt.
Eines Sommers, wird erzaͤhlt, kam all, der Bruder Ingjalds,
des Goden von Saudey, auf die Bjarneyjar, um dort zu fifchen.
Er hatte ein Boot gemeinſam mit einem Mann, der Thorolf
hieß. Der war vom Breidifjord, nicht viel mehr als ein armer
Herumſtreicher, aber doch ein raſcher Burſch. Hall blieb dort
eine Zeitlang und wollte da vor den andern als ein vornehmer
Mann angeſehen ſein.
Es war eines Abends, als fie an Land kamen, Hal und Thor⸗
olf, und ſollten nun den Fang teilen. all wollte ſowohl die
Teile machen als auch wählen, weil er ſich für den hoͤher⸗
ſtehenden anſah. Thorolf wollte aber von feinem Recht nicht
ablaſſen und brauchte drohende Worte. Sie ſtritten ſich einige
Zeit lang, aber jeder blieb bei feiner Meinung. Da greift Hal
nach dem Bootshaken, der neben ihm lag, und will ihn Thorolf
über den Kopf ſchlagen. Nun laufen die Maͤnner zwifchen beide
und halten ihn feſt. Hal war raſend, konnte aber diesmal
nichts ausrichten, und ihr Fang blieb ungeteilt. Thorolf ging
fort an dem Abend, und Zall nahm allein den ganzen Sang,
der beiden gehoͤrte; da ſah man, wer von den beiden mehr
zu ſagen hatte. all nahm ſich nun einen andern Mann an Thor⸗
olfs Stelle in fein Boot und fuhr zum Fang wie ſonſt. Thor⸗
olf war uͤbel zufrieden mit dem Ausgang; er meinte, bei
dieſem Streit Schmach erlitten zu haben; er blieb aber doch
auf den Inſeln und ſann nur darauf, dieſen Haken, der gegen
feinen Willen krumm gebogen war, wieder zu ſtrecken. Hall
zeigte keine Furcht und war uͤberzeugt, daß keiner dort, im
Gebiete ſeines Geſchlechtes, es wagen wuͤrde, ſich mit ihm zu
meſſen.
Es war ein ſchoͤner Sommertag, als Hall ausruderte, fie waren
zu dreien auf dem Boot; der Fiſch biß gut an dem Tage;
fie ruderten abends nach Haufe und waren ſehr luſtig. Thorolf
hatte Halls Tun den ganzen Tag über beobachtet und abends auf
dem Landungsplatz Poſten gefaßt, als Halls Boot herankam.
Hall ruderte vorn am Steven. Er ſprang über Bord und wollte
das Boot an Land ziehen. Und als er hinausſprang, war Thor:
4 Meißner, Cachstalſaga 49
olf da und verſetzte ihm gleich einen Schwertſchlag. Der Hieb
traf den als an den Schultern, fo daß der Kopf abſprang. Thor⸗
olf ſuchte das Weite, und alls Gefährten machten ſich auf⸗
geregt mit der Leiche zu ſchaffen. Die Neuigkeit verbreitete ſich
über die Inſeln, der an Hal veruͤbte Totſchlag; das erſchien
als eine Kunde von Wichtigkeit, denn der Mann ſtammte aus
vornehmer Verwandtſchaft, wenn ihm auch das Schickſal nicht
be ſonders guͤnſtig geweſen war. Thorolf ſuchte nun von den
Inſeln fort zu kommen, denn er konnte dort auf niemanden
rechnen, der ſeine Zand uͤber ihn halten ſollte nach dieſer
ſchweren Tat. Er hatte da auch keine Verwandten, von denen er
Hilfe erhoffen konnte, dagegen ſaßen Männer in der Naͤhe,
die, das war mit Gewißheit zu erwarten, ihm nach dem Leben
trachten würden und große Macht hatten, fo 3. B. Ingjald,
der Bode von Saudey, Halls Bruder. Thorolf verſchaffte ſich
Überfahrt nach dem Hauptlande. Er reiſte in aller Zeimlichkeit.
Von ſeiner Fahrt iſt nichts bekannt, bis er eines Tages gegen
Abend nach Goddaſtadir kam. Vigdis, die Frau des Thord Goddi,
war irgendwie mit Thorolf verwandt; deshalb hatte er ſeinen
Weg nach dieſem Hof genommen; auch wußte Thorolf ſchon
von früher her, wie es da ſtand, daß Vigdis willensſtaͤrker
war als Thord, ihr Mann. Und gleich am Abend, als Thorolf
dort angekommen war, ſuchte er Vigdis auf und erzählte ihr
von feiner Not und bat fie um ilfe. Vigdis antwortete fol⸗
gendermaßen auf feine Rede: „Nicht will ich unſre Derwandt-
ſchaft verleugnen; auch habe ich uͤber dieſe Tat, die du veruͤbt
haſt, nur die Meinung, daß ich dich deshalb nicht fuͤr einen
ſchlechteren Mann anſehe; doch weiß ich im voraus, daß die
ſich felbft und ihr Hab und Gut aufs Spiel ſetzen, die dir Hilfe
gewaͤhren: ſo maͤchtig ſind die Maͤnner, die dieſe Sache verfolgen
werden. Thord, mein Mann“, fagte fie, „ift kein großer Held;
Entſchluͤſſe, die wir Frauen faſſen, mangeln oft der Voraus⸗
ſicht, wenn es auf den Ausgang ankommt. Aber doch denke
ich durchaus nicht daran, dich im Stich zu laſſen, da du nun
einmal hier Hilfe zu finden hoffſt.“ Dann fuͤhrte ihn Vigdis
in einen Schuppen und bat ihn, auf ſie zu warten; ſie legte
ein Schloß vor die Tuͤr. Dann ging ſie zu Thord und ſprach:
50
„Zier iſt ein Mann gekommen, der Herberge erbittet. Er heißt
Thorolf und iſt ein entfernter Verwandter von mir; es wäre
gut für ihn, wenn er länger hier bleiben konnte, vorausgeſetzt,
daß du ihm den Aufenthalt geſtatteſt.“ Thord ſagte: „Er ſei nicht
dafür, daß Fremde ſich auf dem Hof einquartierten. Er möge
ſich da den naͤchſten Tag ausruhen, wenn er nicht etwas auf dem
Kerbholz haͤtte, ſonſt ſolle er ſich ſo ſchnell alsmoͤglich auf den Weg
machen. Vigdis erwiderte: „Jugeſagt habe ich ſchon die Beher⸗
bergung, und mein Wort nehme ich nicht wieder ʒuruͤck, wenn es
auch Leute gibt, die nicht ſeine Freunde ſind.“ Darauf erzaͤhlte
fie Thord von dem Tode alls, und zugleich, daß Thorolf ihn
erſchlagen habe, der da auf den Hof gekommen war. Thord ward
darüber böfe, er ſagte, das wiſſe er ſicher, Ingjald würde ihn
viel Geld bezahlen laſſen fuͤr die Gaſtfreundſch aft, die ſchon jetzt
dem Manne gewaͤhrt worden ſei — „weil wir ihn hinter Schloß
und Riegel geborgen haben“. Vigdis antwortete: „Nicht wird
Ingjald Geld von dir fordern fuͤr die Gaſtfreundſchaft einer
Nacht, denn der Mann ſoll den ganzen Winter uͤber hier blei⸗
ben.“ Thord ſagte: „Auf die ſe Weiſe läßt du mich alles ver⸗
ſpielen, und es iſt gegen meinen Willen, daß ein ſolcher Un⸗
gluͤcksmenſch ſich hier aufhält,“ Aber Thorolf blieb doch den
Winter uͤber dort.
Das erfuhr Ingjald, der den an ſeinem Bruder veruͤbten Tot⸗
ſchlag zu verfolgen hatte. Er ruͤſtete ſich zur Fahrt ins Tal⸗
gebiet, als der Winter zu Ende ging; er zog das Reiſeboot
ins Waſſer, das er beſaß; ſie waren zwoͤlf Mann zuſammen.
Sie ſegelten ab vor einem ſcharfen Nordweſt und kamen abends
in der Cachswaſſermuͤndung an. Sie zogen das Keiſeboot
hinauf und begaben ſich am Abend nach Goddaſtadir und kamen
nicht unerwartet. Sie wurden dort wohl empfangen.
Ingjald nahm Thord auf die Seite und erklaͤrte, was ihn
dorthin gefuͤhrt habe; es ſei ihm bekannt, daß Thorolf, der
gall erſchlagen habe, ſich dort aufhalte. Thord ſagte, das fei
nicht wahr. Ingjald bat ihn, die Sache nicht zu beſtreiten: „wir
zwei wollen einen Handel miteinander ſchließen; du gibſt den
Mann heraus und zwingſt mich nicht, Gewalt anzuwenden,
und ich habe hier drei Mark Silber, die ſollen dein Eigen ſein.
4° 51
Ich will auch auf die Klageanſpruͤche verzichten, die ich gegen
dich habe, weil du Thorolf beherbergt haſt.“ Thord ſchien das
ein ſchoͤnes Geld, dazu war ihm Verzicht auf den Klageanſpruch
zugeſagt, vor dem er am meiſten Angſt gehabt hatte, weil er
meinte, dabei Verlufte an Hab und Gut zu erleiden. Thord
ſprach da: „Ich werde nun vor den Leuten mich ganz gegen
unſere Verabredung benehmen, aber doch ſoll dies ſo unter uns
beiden abgemacht ſein.“ Sie ſchliefen dann, bis die Nacht ver⸗
ging und ſich allmaͤhlich dem Tage zuneigte.
15. Vigdis rettet Thorolf
ann ſtanden Ingjald und ſeine Leute auf und kleideten
ſich an. Vigdis fragte Thord, worüber er und Ingjald
am Abend geſprochen haͤtten. Er ſagte, ſie haͤtten vielerlei ge⸗
ſprochen und ſeien uͤbereingekommen, es folle eine Haus⸗
ſuchung abgehalten werden und er und Vigdis aus der Sache
ſein, wenn Thorolf da nicht gefunden wuͤrde: „Ich habe nun durch
meinen Knecht Asgaut den Mann wegbringen laſſen.“ Vig dis
fagte, fie gebe nichts auf Lügen, es ſei ihr auch verhaßt, daß
Ingjald in ihrem Haus herumſchnuͤffeln ſolle, Thord möge
aber in dieſer Sache tun, was er fuͤr gut halte. Dann hielt
Ingjald dort eine Zausſuchung ab und fand den Mann nicht.
Unterdeſſen kam Asgaut zuruͤck, und Vigdis fragte ihn, wo
er ſich von Thorolf getrennt habe. Asgaut antwortete: „Ich
habe ihn in unſern Schafſtall gebracht, ſo wie Thord befohlen
hatte.“ Digdis ſagte: „Kann etwas bequemer für Ingjald auf
der Straße liegen, wenn er zum Schiff zuruͤckkehrt? Es iſt
nicht ſchwer zu erraten, daß ſie dieſen Plan geſtern abend
zuſammen verabredet haben. Ich will, daß du auf der Stelle
gehſt und ihn fo ſchnell als möglich fortbringſt. Du ſollſt ihn
nach Saudafell zu Thorolf ſchaffen. Wenn du das tuſt, was ich
dir befehle, ſollſt du auch etwas dafür bekommen: die Freiheit
will ich dir geben und ſo viel Geld, daß du reiſen kannſt, wo⸗
hin du willſt.“ Asgaut verſprach das und ging zum Schafſtall
und fand Thorolf dort. Er for derte ihn auf, fo ſchnell als moͤg⸗
lich ſich auf den Weg zu machen. Jur ſelben Zeit ritt Ingjald
von Goddaſtadir ab, denn er dachte nun die Ware fuͤr ſein Geld
52
einzufordern. Und als er vom Hofe etwas weiter talab ge⸗
kommen war, ſahen fie zwei Männer auf ſich zufchreiten, das
waren Asgaut und Thorolf. Es war früh am Morgen und
noch wenig Tageslicht. Asgaut und Thorolf waren nun in die
ſchlimme Klemme geraten, daß ſie auf der einen Seite den
Ingjald, auf der andern das Lachswaſſer hatten. Der SIuß
war ſehr hoch, feſtes Eis lag an beiden Ufern, aber nach der
Mitte zu war das Eis aufgegangen, der Fluß ſah ſehr ge⸗
faͤhrlich aus. Thorolf ſprach zu Asgaut: „Nun, ſcheint mir,
haben wir zwifchen zwei Dingen zu wählen. Das eine iſt, wir
warten hier am Ufer und wehren uns, ſo wie Mut und
Manneskraft uns taugt; freilich iſt wohl zu befuͤrchten, daß
Ingjald bald unſer Leben in feiner Hand haben wird. Das
andere iſt, wir verſuchen es mit dem Sluffe; aller dings wird
das auch nicht gefahrlos fein.“ As gaut bat ihn, ſelbſt ſich zu ent⸗
ſcheiden, er ſagte, er wuͤrde ihn nicht verlaſſen, „was fuͤr einen
Entſchluß du hier auch faſſen magft.“ Thorolf erwiderte: „Wir
wollen in den Fluß.“ Und das tun fie nun; fie machen ſich fo
leicht als moͤglich. Dann gingen ſie hinunter zum Eiſe, ſprangen
in den Fluß und ſchwammen. Und weil fie Kraft und Mann⸗
heit hatten und ihnen längeres Leben beſtimmt war, kamen
ſie uͤber den Fluß und auf das feſte Eis auf der andern Seite.
Gerade in dem Augenblick, als ſie das Ufer erreicht hatten,
kam gegenüber Ingjald mit feinen Begleitern an den Sluß.
Da nahm Ingjald das Wort und ſagte zu ſeinen Begleitern:
„Was iſt nun zu tun? Sollen wir in den Fluß oder nicht?“
Sie ſagten, er habe zu beſtimmen; ſie wuͤrden ſich ſeiner
Einſicht unterwerfen; doch ſchiene ihnen der Fluß unpaſſier⸗
bar. Ingjald ſagte, das ſei auch fo; „wir wollen den Sluß auf⸗
geben.“ Und als Thorolf und Asgaut das ſahen, daß Ingjald
und ſeine Leute ſich nicht in den Fluß wagten, da rangen ſie
erſt ihre Kleider aus und machten ſich dann auf die Wande⸗
rung und wanderten den ganzen Tag; ſie kamen abends nach
Saudafell. Dort wurden ſie wohl aufgenommen, denn da war
Zerberge fuͤr jedermann. Und noch am ſelben Abend trat As⸗
gaut vor Thorolf Rotnaſe und erzaͤhlte ihm die ganze Geſchichte,
die fie dorthin geführt hatte, daß Vigdis, feine Verwandte, ihm
33
diefen Mann geſchickt habe, der zu ihm gekommen fei, damit
er bei ihm galt und Schutz finde. Er ſagte ihm alles, was auf
dem Zofe des Thord Goddi vorgefallen war. Dazu wies er die
Wahrzeichen vor, die ihm Vigdis für Thorolf mitgegeben
hatte. Thorolf antwortete folgenderweiſe: „Nicht werde ich
dieſe Wahrzeichen verleugnen; ich will gewiß nach ihrer Wei⸗
fung mich dieſes Mannes annehmen; ich finde, daß Vig⸗
dis dieſe Sache brav durchgefuͤhrt hat; es iſt ein großer Jam⸗
mer, daß eine ſolche Srau ſo unwuͤrdig verheiratet iſt; und du,
Asgaut, magſt hier bleiben, ſo lange es dir beliebt.“ Asgaut
ſagte, daß er nicht lange dableiben koͤnne. Thorolf nimmt fich
nun ſeines Namensvetters an und macht ihn zu ſeinem Ge⸗
folgsmann. Er und Asgaut ſcheiden als gute Freunde, und
Asgaut macht ſich auf den Heimweg.
Nun iſt von Ingjald zu erzaͤhlen, daß er nach Goddaſtadir
zuruͤckkehrte, nachdem Thorolf ihm entkommen war. Da hatten
ſich Männer aus den naͤchſten Höfen auf das Gebot der Vig⸗
dis eingefunden; es waren da nicht weniger als zwanzig
Mann beiſammen. Und als Ingjald mit ſeinen Leuten auf
den Hof gekommen war, rief er Thord zu ſich und ſprach: „Un⸗
ehrlich haſt du dich gegen uns benommen, Thord,“ ſagte er,
„denn wir wiſſen das beſtimmt, daß du dieſem Mann zur
Flucht verholfen haft.“ Thord fagte, das ſei eine unbegruͤn⸗
dete Beſchuldigung; nun kam ihre ganze Verabredung, die
Ingjald und Thord miteinander getroffen hatten, ans Licht.
Ingjald wollte nun ſein Geld wiederhaben, das er dem Thord
gegeben hatte. Vigdis war bei ihrer Unterredung zugegen und
ſagte, es ſei ihnen ergangen, wie ſies verdient haͤtten; ſie ver⸗
langte von Thord, daß er dieſes Geld nicht behalte: „denn
du haſt, Thord,“ ſagte ſie, „dieſes Geld auf unehrliche Weiſe
erworben.“ Thord erwiderte, es muͤſſe nun ſchon alles nach
ihrem Willen gehen. Darauf ging Vigdis hinein zu der Kiſte,
die Thord gehoͤrte, und fand da am Boden einen ſchweren Geld⸗
beutel. Sie nahm den Beutel und kam damit heraus, dorthin, wo
Ingjald ſtand, und bat ihn, das Geld in Empfang zu nehmen.
Ingjald machte froͤhliche Augen, als er den Beutel ſah, und
ſtreckte die gand darnach aus. Vigdis hob den Geldbeutel und
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ſchlug ihn damit auf die Naſe, fo daß gleich das Blut zur
Erde floß. Dabei bedachte ſie ihn mit vielen hoͤhnenden Worten,
ſagte ihm auch, daß er dieſes Geld niemals mehr zuruͤcker⸗
halten ſolle, und hieß ihn ſich fortſcheren. Ingjald ſah, daß es
das beſte fuͤr ihn ſei, ſich ſo ſchnell als moͤglich auf den Weg
zu machen. Das tat er auch und raſtete nicht eher auf der
Fahrt, bis er nach Haufe kam, und er war übel zufrieden mit
feiner Reife.
16. Vigdis ſcheidet ſich von Thord
nterdeſſen kam Asgaut nach Haufe. Vigdis empfing ihn
herzlich und fragte ihn, ob ſie in Saudafell gute Auf⸗
nahme gefunden haͤtten. Er erzaͤhlte, wie gut ſie es getroffen
haͤtten, und ſagte ihr auch die Worte wieder, die Thorolf zum
Schluß geſprochen hatte. Ihr gefiel das wohl. „Du haſt nun,
Asgaut,“ ſagte ſie, „deine Sache gut gemacht und getreulich;
ſo ſollſt du nun auch gleich ſehen, wofuͤr du dich gemuͤht haſt.
Ich gebe dir die Freiheit, fo daß du dich von dieſem Tage ab
einen freien Mann nennen darfſt; dazu ſollſt du das Geld
annehmen, das Thord fuͤr den Kopf meines Verwandten Thor⸗
olf bekommen hat; ſo iſt das Geld beſſer angewandt.“ As⸗
gaut dankte ihr fuͤr dieſe Schenkung mit paſſenden Worten.
Im Sommer darauf nahm ſich Asgaut einen Platz auf einem
Schiff, das bei Dagverdarnes lag. Das Schiff ging in See. Sie
hatten ſtarken Wind und keine lange Reife; fie kamen nach
Norwegen. Dann fuhr Asgaut nach Daͤnemark und machte ſich
dort ſeßhaft, und er galt als ein wackerer Mann. Und damit
iſt ſeine Geſchichte zu Ende.
Infolge der Verabredung zwiſchen Thord Goddi und Ing⸗
jald, dem Saudeygoden, die ſie gegen das Leben Thorolfs,
des Verwandten der Digdis, geſchloſſen hatten, zeigte dieſe nun
offene Seindſeligkeit gegen Thord Goddiz ſie erklaͤrte, daß fie ſich
als von ihm geſchieden betrachte, und reiſte zu ihren Ver⸗
wandten und teilte ihnen das mit. Thord Bruͤller billigte dieſes
Vorgehen nicht — er war das Oberhaupt der Familie, — in⸗
deſſen blieb alles ruhig. Vigdis hatte aus Goddaſtadir kein
anderes Gut mitgenommen als ihre Schmuckſachen. Die Leute
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von hvamm ließen verlauten, daß fie gedächten, auf die Hälfte
des Vermoͤgens Anſpruch zu machen, das Thord Goddi zu
ſeiner Verfuͤgung gehabt hatte. Daruͤber wurde er ſehr be⸗
ſorgt und ritt gleich zu Zoͤskuld und berichtete ihm von feiner
Not. Zoͤskuld ſprach: „Du haft ja ſchon das Zittern bekommen,
wenn du es nicht mit ſo großmaͤchtigen Gegnern aufnehmen ſoll⸗
teſt. Da bot Thord Hösfuld Geld für feine Hilfe und ſagte, er
wolle ſichs etwas koſten laſſen. Zoͤskuld ſagte: „Es iſt ja be⸗
kannt, daß, wenn es nach dir geht, kein Menſch mit deinem
guten Willen von deinem Geld etwas haben ſoll.“ Thord
antwortete: „Diesmal wird es doch nicht ſo ſein, denn ich bin
gern bereit, dir das ganze Geld rechtskraͤftig zuzuſichern.
Außerdem will ich mich erbieten, deinen Sohn Olaf zur Er⸗
ziehung aufzunehmen und ihm nach meinem Tode mein gan⸗
zes Dermögen zu vermachen; denn ich habe keinen Erben hier
im Lande und meine, ſo iſt das Geld beſſer angewendet, als
wenn die Verwandten der Digdis ihre Tatzen drüber ſchlagen.“
Damit war Zoͤskuld einverſtanden und ließ alles in einem
Vertrage feſtmachen. Melkorka war nicht damit zufrieden; die
Erziehung durch Thord kam ihr wie eine Erniedrigung vor.
goͤskuld ſagte: fie ſei ſehr kurzſichtig: „Thord iſt ein alter
Mann und kinderlos, ich erwarte, daß fein ganzes Vermoͤgen
nach ſeinem Tode Olaf zufaͤllt; und du kannſt deinen Sohn
beſuchen, ſo oft du willſt.“ Darauf nahm Thord den ſieben⸗
jährigen Olaf zu ſich und gewann ihn ſehr lieb. Dies erfuhren
die Leute, die Anſpruͤche an Thord Goddi machten, und es
ſchien ihnen nun ſchwieriger, ihre Sorderung zur Geltung zu
bringen. oͤskuld ſchickte dem Thord Bruͤller reiche Geſchenke und
bat ihn, in dieſer Sache nicht ſeinem Unwillen nachzugeben, denn
geſetzlich hätten fie kein Geld von Thord zu beanſpruchen; er
ſagte, Vigdis koͤnne gegen Thord nichts vorbringen, das erwie⸗
ſen ſei und als Scheidungsgrund gelten koͤnne; „und Thord
war deshalb nicht unwuͤrdiger. wenn er auf Mittel und Wege
ſann, ſich des Mannes zu entledigen, der auf Thords Koſten
lebte und ſo voller Schuld war wie ein Dornbuſch voller
Stacheln /. — Und als dieſe Mitteilung von Zoͤskuld mit großen
Geldgeſchenken an Thord Bruͤller kam, ließ ſich Thord be⸗
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ruhigen und fagte, das Vermögen ſei in guter Fand, wenn
Zoͤskuld darüber Verfuͤgung hätte; und er nahm die Geſchenke
an, und es blieb dann Ruhe in dieſer Sache, freilich war
das Verhältnis kuͤhler, als vorher. Olaf wuchs bei Thord
Goddi auf und wurde groß und ſtark; er war ſo ſchoͤn, daß
ihm darin keiner gleich kam. Als er zwoͤlf Winter alt war,
ritt er zum Thing, und die Leute aus andern Gegenden konn⸗
ten ſich nicht genug tun, einen ſo herrlich gewachſenen Men⸗
ſchen zu bewundern. Olaf war aber auch ſehr forgfältig in
ſeiner Bewaffnung und Kleidung; ſo fiel er gleich vor allen
andern Maͤnnern ins Auge. Thords Anſehen hatte ſich ſehr
gehoben, ſeit Olaf zu ihm gekommen war. goͤskuld gab Olaf
einen Beinamen und nannte ihn Pfau. Dieſer Name haftete
an ihm.
I7. Hrapp ſtirbt und geht um
s wird von Hrapp erzaͤhlt, daß er immer gewalttaͤtiger
in ſeinem Verhalten wurde; er vergriff ſich nun ſo oft
an ſeinen Nachbarn, daß ſie ſich kaum vor ihm bewahren
konnten. Dem Thord vermochte Hrapp nichts mehr abzuge⸗
winnen, ſeitdem Olaf begann auf eigenen Fuͤßen zu ſtehen.
Zrapp hatte feinen Charakter behalten, aber die Kräfte waren
nicht mehr dieſelben, denn das Alter begann ihn zu druͤcken, ſo daß
er ſchließlich bettlaͤgerig wurde. Da rief Hrapp feine Frau Vig⸗
dis zu ſich und ſprach: „Ich bin nie kraͤnklich geweſen,“! fagte
er, „daher iſt es wahrſcheinlich, daß dieſe Krankheit unſerm
Juſammenleben ein Ende machen wird. Und wenn ich geſtor⸗
ben ſein werde, iſt es mein Wille, daß man mir eine Grube
in der Tuͤr des Kuͤchenhauſes grabe und mich dort in der
Tuͤr aufrecht ſtehend beiſetze. Auf dieſe Weiſe werde ich um
ſo genauer das Zausweſen uͤberwachen koͤnnen.“ Darauf
ſtarb Hrapp. Alles wurde fo ausgeführt, wie er es befohlen
hatte, denn ſie wagte es nicht anders. Und wenn es gefaͤhrlich
war, mit ihm anzubinden, ſo lange er lebte, ſo wurde es nun
noch viel ſchlimmer, als er tot war. Denn er ging nun oft um.
Man erzaͤhlte, daß er die meiſten Leute ſeines Zaushaltes bei
1 Typiſche Wendung.
57
feiner Widergaͤngerei getötet habe. Große Beſchwerde machte er
den meiften, die in der Naͤhe wohnten. Der Hof von Hrapps⸗
ſtadir veroͤdete. Digdis, Hrapps Witwe, zog nach Weſten zu
ihrem Bruder Thorſtein Surt. Er nahm fie zu ſich mit ihrem
Vermögen. Nun ging es wieder wie früher, daß die Leute zu
Zöskuld kamen und ihm die Not klagten, die ihnen Hrapp
machte, und ſie baten ihn, auf irgend eine Weiſe Abhilfe zu
ſchaffen. Zoͤskuld ſagte, das ſolle geſchehen. Er ritt mit einigen
Ceuten nach Hrappsſtadir und ließ Hrapp ausgraben und ihn an
einen Ort bringen, wo weder Vieh in der Naͤhe zur Weide ging
noch Menſchen ihres Weges zogen. Damit hörte Zrapps Um⸗
gehen fo ziemlich auf. Sumarlidi, der Sohn Hrapps, übernahm
das Erbe nach ihm, ein großes, ſchoͤnes Dermögen. Sumarlidi
begann im Fruͤhjahr darauf feine gaushaltung auf Zrapps⸗
ſtadir; aber als er dort eine kurze Zeit gewohnt hatte, verfiel
er in Wahnſinn und ſtarb bald darauf. Nun fiel ſeiner Mut⸗
ter Vigdis der ganze Beſitz dort zu. Sie will aber den Hof
in Hrappsftadir nicht übernehmen; daher bekommt Thorſtein
Surt dieſes ganze Gut in feine Hand zur Verwaltung. Thor⸗
ſtein war damals ſchon etwas betagt, aber doch noch ſehr mann⸗
haft und ganz frifch.!
18. Thorſtein Surt ertrinkt mit Tochter,
Schwiegerſohn und Enkelin
In dieſer Zeit erhoben ſich zu großem Anſehen auf Thors⸗
I nes die Vettern Thorfteins Boͤrk der Starke? und deffen
Bruder Thorgrim. Bald zeigte ſich, daß die beiden Bruͤder
die erſten und am hoͤchſten geſchaͤtzten Maͤnner ſein wollten.
Und als Thorſtein das bemerkte, wollte er ſich nicht mit ihnen
in einen Wettkampf einlaſſen. Er erklaͤrte feinen Leuten, daß
er feinen Wohnſitz wechſeln und nach Hrappsftadir im Lachs⸗
waſſertal uͤberſiedeln wolle. Thorſtein Surt ruͤſteteſich nach dem
Fruͤhjahrsthing zu feiner Reife, das Vieh aber ſollte am Strande
2 Boͤrk und Thorgrim find die Söhne des Thorftein Dorſchbeißer und der
Thora, der Tochter des Olaf Seilan (vgl. Kap. 7); ſie ſind rechte Vettern
des Thorſtein Surt.
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entlang getrieben werden. Thorftein ließ das Keiſeboot klar
machen und ging an Bord mit elf andern. Darunter waren
Thorarin, ſein Schwiegerſohn und Osk, Thorſteins Tochter,
und Hild, Thorarins Tochter fuhr auch mit, fie war drei Jahr
alt. Thorſtein hatte ſtarken Suͤdweſtwind; ſie nahmen ihren
Kurs fjordeinwaͤrts auf die Stroͤmungen zwifchen den Inſeln,!
und zwar auf die Enge, die Kolkiſtuſtroͤmung heißt, da iſt die
Stroͤmung beſonders ſtark unter dieſen Engen im Breidifjord.
Es war ein unſicheres Segeln, hauptſaͤchlich deswegen, weil die
Ebbe eintrat; und der Wind war nicht guͤnſtig; denn es war ein
Wetter mit Regenfchauern, ſtarker Wind, wenn es ſich auf⸗
klaͤrte, und dazwiſchen flaute. Thorarin ſteuerte und hatte
die Braſſen ſich um die Schultern gelegt, denn es war eng auf
dem Schiff; viele Kiſten waren an Bord und das Schiff war
hoch beladen; die Küfte lag nahe; das Schiff hatte wenig
Fahrt, denn die Strömung ging ihnen heftig entgegen. — Da
ſegelten ſie auf eine Klippe auf, doch ohne Schaden zu nehmen.
Thorſtein befahl, gleich das Segel fallen zu laſſen, und hieß
die Maͤnner Bootshaken nehmen und das Schiff abbringen.
Der Verſuch wurde gemacht, gelang aber nicht, denn es war
ſo tief an beiden Bordſeiten, daß die Bootshaken keinen Grund
faßten; es blieb ihnen nur übrig, auf die Flut zu warten; vor⸗
laͤufig war noch Ebbe unter dem Schiffe.
Sie ſahen während dieſer Zeit einen Seehund im Strome, der
viel größer war als andere. Er ſchwamm lange um das Schiff
herum und hatte keine kleinen Schwimmfloſſen. Ihnen allen
kam es ſo vor, als ob er Menſchenaugen haͤtte.? Thorſtein be⸗
fahl ihnen, den Seehund zu erſchießen. Sie verſuchten es auch,
aber vergeblich.
Nun kam die Slut. Und als es beinah fo weit war, daß das
Schiff flott werden konnte, da kam eine ſcharfe Boͤ und brachte
es zum Kentern, und alle Menſchen, die auf dem Schiff waren
ertranken, einer ausgenommen. Er trieb mit Schiffshoͤlzern
ans Land. Sein Name war Gudmund. Nach ihm heißen die
Inſeln dort Gudmundsinſeln.
Am Eingang des vammsflord. ? es iſt Hrapp, der Thorſtein von Hrapps⸗
ſtadir fernhalten will.
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Gudrid, die mit Thorkel Zipfel verheiratet war, hatte nun
Erbanſpruch nach dem Tode ihres Vaters Thorſtein Surt.
Die Kunde von dieſem Ereignis verbreitete ſich weit, daß Thor⸗
ſtein ertrunken war und die andern mit ihm, die dort verun⸗
gluͤckt waren. Thorkel ſandte gleich nach dieſem Manne, nach
Gudmund, der da an Land getrieben war. Und als er zu Thor⸗
kel gekommen war, ſchloß diefer heimlich einen Handel mit ihm
ab, daß er in der Reihenfolge, wie es Thorkel ihm angegeben
hatte, von dem Ertrinken der Leute erzaͤhlen ſollte. Das ge⸗
lobte Gudmund. Nun forderte ihn Thorkel in Gegenwart vieler
Maͤnner auf, uͤber dieſes Ereignis ſeine Ausſage zu machen.
Da erzaͤhlte Gudmund ſo: erſt, ſagte er, ſei Thorſtein ertrun⸗
ken, dann Thorarin, fein Schwiegerſohn (damit fiel das Erbe
an gild, weil fie die Tochter Thorarins war); darauf, fuhr er
fort, ſei das kleine Maͤdchen ertrunken (ſomit blieb Osk ihr
naͤchſter Erbe, ihre Mutter); dieſe ſei zuletzt umgekommen —
und fo mußte das ganze Vermoͤgen an Thorkel Zipfel fallen,
weil ſeine Frau das Erbe von ihrer Schweſter zu beanſpruchen
hatte.
Dieſe Ausſage wurde nun von Thorkel und ſeinen Leuten
gefliſſentlich verbreitet, aber vorher hatte Gudmund die Sache
etwas anders erzaͤhlt. Den Verwandten Thorarins erſchien
nun dieſes Jeugnis ziemlich zweifelhaft, ſie ſagten, ſie wuͤr⸗
den ſich ihm ohne Probe nicht unterwerfen, und erhoben
Anſpruch auf das halbe Vermoͤgen neben Thorkel. Thorkel
aber verlangte das ganze fuͤr ſich allein und for derte ſie auf,
die Reinigungsprobe nach Brauch und Sitte an zuſtellen. Die
Reinigungsprobe fand damals in der Weiſe ſtatt, daß man
unter einen Erdſtreifen treten mußte, indem ein Stuͤck Raſen
von dem Boden gelöft wurde.! Die beiden Enden des Rafens
ftreifens ſaßen im Boden feft, und der Mann, der die Reinigung
auszufuͤhren hatte, mußte darunter treten. Thorkel Jipfel
durfte wohl ſeine Zweifel daruͤber haben, ob es beim Ertrinken
der Maͤnner ſo zugegangen war, wie er mit Gudmund nach
deſſen ſpaͤterer Ausſage behauptet hatte. Die Heiden fühlten
1 Unter dem feſtſitzenden Rafenftreifen wurde die Erde ſoweit ausgehoben,
daß ein Mann unter dem Streifen ſtehen konnte.
60
nicht geringere Verantwortung, wenn fie ſo etwas zu vertreten
hatten, als jetzt die Chriſten empfinden, wenn Reinigungs:
proben vorgenommen werden. Der galt als gereinigt, der unter
den Erdſtreifen trat, ohne daß er uͤber ihm einbrach.
Thorkel Zipfel verabredete nun mit zwei Maͤnnern, ſie ſollten
ſich anſtellen, als gerieten ſie uͤber irgend etwas in Streit, und
ſich dabei in der Naͤhe halten, wenn die Reinigungs probe vor⸗
genommen wuͤrde; fie ſollten dabei dem Kröftreifen fo nahe
kommen, daß jedermann ſehen muͤßte, daß ſie ihn zum Ein⸗
brechen gebracht haͤtten. Darnach traf der Mann ſeine Vorbe⸗
reitungen, der fuͤr Thorkel die Reinigung leiſten ſollte. Und
ſofort, nachdem er unter den Erdftreifen getreten war, liefen
dieſe beiden Maͤnner, die dazu beſtimmt waren, mit den
Waffen auf einander los; fie ſtießen bei dem Rafenftreifen zus
ſammen und ftürzten da beide zu Boden, natürlich brach da⸗
bei der Erdſtreifen ein. Da ſprangen die Männer zwifchen
beide und brachten ſie auseinander; das machte keine Muͤhe,
denn fie führten den Kampf nicht ernſtlich. Thorkel Zipfel
verlangte nun ein Urteil über den Ausfall der Reinigungs⸗
probe. Da riefen nun alle ſeine Leute, daß die Probe ſich zu
ſeinen Gunſten entſchieden haͤtte, waͤre nicht die Stoͤrung da⸗
zwiſchen gekommen. So nahm denn Thorkel das ganze be⸗
wegliche Gut an ſich, aber das Land in Hrappsſtadir! ließ er
wuͤſt liegen.
19. rut kommt nach Island
un iſt von Hösfuld zu erzählen, daß er ſich in hochan⸗
geſehener Stellung befand. Er war ein großer Zaͤupt⸗
ling. Er verfuͤgte auch uͤber das große Vermoͤgen, auf das ſein
Bruder Hrut, der Sohn gerjolfs, Anſpruch hatte. Diele Leute
ſagten, das wuͤrde eine große Lichtung in ſeinem Walde geben,
wenn er einmal genötigt ſei, den Bruderteil vom Mutter⸗
erbe auszuzahlen. Hrut war Gefolgsmann des Rönigs Harald,
des Sohnes der Gunnhild, und empfing von ihm große
Ehrungen; das kam beſonders daher, daß er ſich bei jeder
Maͤnnerprobe vor allen auszeichnete. Gunnhild aber, die Rö-
! vigdis, Hrapps Frau, muß ſchon vor dieſem Streit geſtorben fein.
61
nigin, ſchaͤtzte ihn fo hoch, daß fie innerhalb des Gefolges
keinen ihm an die Seite ftellen wollte, weder an Redegabe noch
an andern Eigenſchaften. Und wenn ein Maͤnnervergleich ge⸗
macht wurde! und man über maͤnnliche Vortrefflichkeit ſprach,
da konnte jedermann bemerken, daß Gunnhild es wie Ge⸗
dankenloſigkeit oder Mißgunſt vorkam, wenn man jemanden
Zrut an die Seite ſtellen wollte. Weil nun rut in Island einen
großen Vermoͤgensanteil und eine angeſehene Verwandtſchaft
wahrzunehmen hatte, ſo kam ihm der Wunſch, dor thin zu
reifen. Er ruͤſtete ſich zur Sahrt nach Island. Der Rönig gab ihm
ein Schiff zum Abſchied und verſicherte, daß er ihn als wackern
Mann erprobt habe. Gunnhild geleitete Hrut zum Schiff und
ſprach: „Ich brauche das nicht leiſe zu ſagen, daß ich dich er⸗
probt habe als einen uͤber alle hervorragenden Mann, denn
du haſt die gleiche Tuͤchtigkeit gezeigt wie die beſten hier im
Lande, und Verſtand weit mehr als fie.“ Dann gab fie ihm
einen Goldring und ſagte ihm Lebewohl; darauf zog fie den
Mantel uͤber ihr Zaupt und kehrte haſtig zur Stadt zuruͤck,
aber Hrut ſtieg an Bord und ging in See.
Er hatte gute Sahrt und erreichte den Breidifjord. Er ſegelte
hinein auf die Inſeln zu, fuhr dann in den Breidiſund und
landete bei RKambsnes und warf die Stege aus. Die Kunde von
der Ankunft des Schiffes verbreitete ſich, und daß Brut, der
Sohn gerjolfs, Schiffsherr ſei. Nicht freute ſich Zoͤs kuld über
dieſe Neuigkeit, und nicht machte er ſich auf, ihn zu begruͤßen.
Zrut zog das Schiff an Land und ſorgte für feinen Schutz.
Er baute dort einen Zof, der ſeitdem Bambsnes? hieß.
Dann ritt Hrut zu goͤskuld und forderte fein muͤtterliches Erbe.
Zoͤskuld fagte, er habe nichts herauszuzahlen, feine Mutter
ſei nicht ohne Vermoͤgen aus Island gekommen, als fie mit gerj⸗
olf ʒuſammengetroffen ſei. Hrut war darüber unwillig und ritt
mit dieſem Beſcheid davon. Alle Verwandten Hruts erwieſen ihm
Ehre, nur goͤskuld nicht. rut wohnte drei Winter in Kambsnes
und forderte immer wieder fein Dermögen von Zoͤskuld auf
Thingen oder andern geſetzlichen Verſammlungen und erwies
1 Der maͤnnervergleich, das Abſchaͤtzen der Krieger und Saͤuptlinge, war
eine beliebte und nicht ungefaͤhrliche Unterhaltung. ? Vgl. Kap. 25.
62
ſich dabei als guter Sprecher. Die meiften ſagten, Jrut habe
recht in feinem Anſpruch, aber Zoͤskuld hob hervor, daß Thor:
gerd ohne feine Zuftimmung ſich mit Herjolf vermaͤhlt habe,
und ſagte, er ſei nach dem Geſetz Vormund ſeiner Mutter ge⸗
weſen; weiter kamen ſie nicht miteinander.
Im Herbſt darauf folgte Zoͤskuld einer Einladung des Thord
Goddi. Das erfuhr Hrut und ritt nach Zoͤskuldsſtadir mit elf
Mann. Er trieb zwanzig Stuͤck Rindvieh fort, ebenſoviel ließ
er da. Dann ſandte er einen Mann zu Soͤskuld und ließ fagen,
bei wem man das vieh ſuchen ſolle. Die Hausleute Zoͤskulds
liefen gleich zu den Waffen, und den naͤchſten Nachbarn wurde
Botſchaft geſandt, ſo kamen fuͤnfzehn Mann zuſammen. Jeder
von ihnen ritt, was er nur reiten konnte. rut mit feinen Leuten
bemerkte die Verfolger erſt, als er kurz vor feinem Hof Kambs⸗
nes war. Hrut und die Seinen ſtiegen ſogleich ab und feſſel⸗
ten ihre Pferde und nahmen vorwaͤrts auf einer Sandbank
Stellung, und Brut ſagte, dort wollten fie den Angriff an⸗
nehmen; er meine, wenn es auch langſam damit ginge, Zoͤs⸗
Puld das Dermögen abzufordern, fo ſolle man doch nicht fagen,
er ſei vor Hösfulds Knechten davongelaufen. Hruts Begleiter
ſagten, es würde die Übermacht auf der andern Seite fein.
Zrut erwiderte, das kuͤmmere ihn nicht, ſie ſollten nur um ſo
ſchlimmer fahren, je zahlreicher fie ſeien. Die Leute vom Lachs=
tal ſprangen nun aus den Saͤtteln und ruͤſteten ſich zum
Kampf. Brut bat feine Leute, den Unterſchied in der Zahl
nicht zu achten, und lief den Seinden entgegen. Er hatte einen
Selm auf dem Kopf, das gezuͤckte Schwert in der einen, den
Schild in der andern Hand; er war der beſte aller Fechter.
Zrut war ſo zornig, daß wenige ihm folgen konnten. Beide
Parteien hielten ſich gut eine Zeitlang; aber bald merkten die
Lachstalleute, daß fie auf ihrer Seite keinen hatten, der Hrut
gewachſen war; denn er toͤtete da zwei Maͤnner in einem An⸗
lauf. Darauf baten die Cachstalleute um Frieden. Hrut ſagte,
gewiß ſollten fie Frieden haben. Zoͤskulds Hausleute waren
da alle verwundet, die noch aufrecht ſtanden, und vier waren
erſchlagen. Hrut fuhr heim und war etwas verwundet, feine
Gefaͤhrten aber nur leicht oder gar nicht, denn er hatte ſich
63
am meiſten hervorgetan. Der Ort heißt Bampftal, wo fie mit
einander gefochten hatten. rut ließ dann das Vieh ſchlach⸗
ten.
Von Zoͤskuld wird erzählt, daß er ſchnell Leute an ſich zog, ſo⸗
bald er von dem Raub erfuhr, und nach Haufe ritt. Zu gleicher
Zeit kamen auch feine Zausleute nach Haufe; fie erzählten ihm,
wie uͤbel es ihnen ergangen war. Zoͤskuld wurde zornig darüber
und fagte, Zrut ſolle ihm gewiß nicht noch einmal Raub und
Maͤnnerverluſt zufügen. Den ganzen Tag über ſammelte er
Leute um ſich. Da ging Jorunn, die Hausfrau, mit ihm zu
ſprechen und fragte ihn, was er zu tun gedenke. Er ſagte:
„Es iſt nichts beſonderes im Werk, doch moͤchte ich gern, daß
man kuͤnftig von etwas anderm mehr reden ſoll als von mei⸗
nen erſchlagenen Jaus leuten.“ Jorunn erwiderte: „Deine Ab⸗
ſicht iſt abſcheulich, wenn du vor haſt, einen ſolchen Mann zu
töten, wie dein Bruder iſt, da doch manche fagen, es wäre
nicht ohne Rechtsgrund geweſen, wenn rut auch ſchon früher
feinen Vermoͤgensanſpruch in dieſer Weiſe geltend gemacht
haͤtte; nun hat er bewieſen, daß er nicht laͤnger wie ein Baſtard in
ſeinen Rechten behandelt werden will, da er nach ſeiner Abkunft
etwas zu fordern hat. Gewiß hat er nicht ohne weiteres ſich ent⸗
ſchloſſen, mit dir den Kampf aufzunehmen, ſondern er muß ſich
einer gewiſſen Unterſtuͤtzung durch maͤchtigere Maͤnner verſichert
haben; denn mir iſt erzaͤhlt worden, daß Botſchaften in der
Stille zwiſchen Thord Bruͤller und Hrut hin und her gegangen
ſind; ſolche Dinge ſcheinen mir beachtenswert. Thord wird die
Gelegenheit guͤnſtig vorkommen, etwas zu unternehmen, in
einer Lage, wo der Rechts fall fo durchſichtig iſt. Du weißt ja
wohl, Hösfuld, daß, ſeit die Geſchichte mit Thord Goddi und
Vigdis vorgefallen iſt, nicht mehr ein fo freundliches Verhaͤlt⸗
nis beſteht zwiſchen dir und Thord Bruͤller wie fruͤher, wenn
du auch fürs erſte durch Geſchenke die Seindfeligfeit der Ver⸗
wandten abgelenkt haft. Ich bin davon überzeugt, Zoͤskuld,“
ſagte fie, „daß fie es wohl fühlen, wie fie in ihren Anſpruͤchen
ſehr gewaltſam von dir ʒur Seite gedraͤngt ſind und deinem
Sohne Olaf. So waͤre es denn raͤtlicher fuͤr uns, wenn du deinem
Bruder in anſtaͤndiger Weiſe entgegen kaͤmeſt, denn vom gereiz⸗
64
ten Wolf ift zu erwarten, daß er zupackt; ich follte denken, daß
Zrut das gut und mit Billigkeit aufnehmen wird, denn, wie
man mir ſagt, iſt er ein verſtaͤndiger Mann; er wird ja einſehen,
daß dies auch beiden zur Ehre gereicht.“ Zoskuld ließ ſich
durch Jorunns Zureden ſehr beruhigen; was fie ſagte, ſchien
ihm der Wahrheit gemaͤß zu ſein.
Nun gingen Leute zwiſchen ihnen hin und her, die beiden be⸗
freundet waren, und legten HösPulds Sriedensvorfchläge Zrut
vor. Und grut nahm das wohl auf, fagte, daß er gewiß ſich mit
Zoͤskuld vergleichen wolle, er ſei lange dazu bereit geweſen,
gu te Bruͤder ſchaft mit ihm zu halten, fo wie es hätte fein koͤn⸗
nen, wenn nur goͤskuld ihm fein Recht gegönnt haͤtte. Zrut
ſagte auch, er wolle Hösfuld Genugtuung für den Schaden
zugeſtehen, den er ihm angetan habe. Es wurde nun dieſe
Sache zum Ende und Abſchluß gebracht zwifchen den Brüdern
Zoͤskuld und grut; fie begannen ſich von da an als gute Bruͤ⸗
der gegeneinander zu halten.
grut nahm ſich nun feiner Wirtſchaft an und wurde ein Mann,
der etwas zu bedeuten hatte; nicht draͤngte er ſich dazu, uͤber⸗
all mitzutun, aber wenn er etwas anfaßte, ſollte es nach ſei⸗
nem Willen damit gehen. Zrut verlegte nun feinen Hof und
wohnte bis in feine alten Tage an dem Orte, der jetzt Zruts⸗
ftadir! heißt. Einen Tempel hatte er in feinem Zofbezirk, da⸗
von ſieht man noch jetzt die Spuren. Jetzt wird die Stelle Weg
der Trolle genannt, da geht nun die allgemeine Straße. Zrut
verheiratete ſich und nahm die Frau, die Unn hieß, die Tochter
des Mord Geige. Unn ſprach die Scheidung gegen ihn aus,
daraus entſtand der Streit zwifchen den Lachstalleuten und
denen von Sljotshlid.? Hrut nahm eine zweite Srau, die Thor⸗
bjoͤrg hieß; fie war eine Tochter des Armod.? Hrut hat auch
noch eine dritte Frau gehabt, wir kennen aber ihren Namen
nicht. Sechzehn Söhne hatte Hrut und zehn Töchter mit den
licht weit von Kambsnes. Der Hof beſteht nicht mehr. Anſpielung
auf den Prozeß zwiſchen Gunnar von öͥlidarendi in der Candſchaft Sljots⸗
hlid (ſuͤdliches Island) und Hrut. Gunnar zwingt Hrut den Vermögens:
anteil, auf den Unn Anſpruch hat, auszuschlen (Njals ſaga). Über Armod
vgl. den Anfang von Kap. 33.
5 Meißner, Lachstalſaga 65
legten beiden Frauen. Die Leute erzählen, daß Jrut eines
Sommers fo zum Thing gekommen fei, daß vierzehn feiner
Söhne mit ihm waren. Das hat man deshalb feſtgehalten, weil
es als ftolze Große und Kraft erſchien; alle feine Söhne waren
tuͤchtige Männer.
20. Mel korka verheiratet ſich mit Thorbjoͤrn
Skrjup und ſendet Olaf ins Ausland
oͤskuld ſaß nun auf feinem Zof und neigte ſich dem hoͤ⸗
heren Alter zu, ſeine Soͤhne waren da zu Maͤnnern er⸗
wachſen. Thorleik übernahm die Wirtſchaft auf dem Hof,
der Kambsnes! heißt, und Hösfuld zahlte ihm fein Erbteil
aus. Er verheiratete ſich darauf und nahm eine Frau, die
Gjaflaug hieß, die Tochter des Arnbjoͤrn, des Sohnes des Slei⸗
tu⸗Bjoͤrn und der Thorlaug, der Tochter des Thord von Höfdi;?
das galt als eine anſehnliche Partie; Gjaflaug war eine ſchoͤne
Frau und ſehr ſtolz. Thorleik war nicht leicht zu behandeln
und immer zum Kampf bereit; zwiſchen den Verwandten rut
und Thorleik entftand kein beſonderes Verhaͤltnis. Bard, Zoͤs⸗
kulds Sohn, war zu Haufe bei feinem Vater; er hatte nicht
weniger in dem Zausweſen zu ſchaffen als Hösfuld. Von
Zoͤskulds Töchtern iſt hier wenig die Rede; doch ſtammen auch
von ihnen Maͤnner ab.
Olaf, oͤskulds Sohn war nun auch völlig erwachſen und der
ſchoͤnſte aller Männer an Geſtalt, den man je geſehen hat. Er
hielt ſich forgfältig in Bewaffnung und Kleidung. Melkorka,
Olafs Mutter, wohnte in Melkorkaſtadir, wie oben geſchrieben
ift. Zoͤskuld entzog ſich jetzt mehr der Sorge für Melkorkas
Zaushalt, als es fruͤher geweſen war; er ſagte, das ſchiene
ihm nicht minder die Sache ihres Sohnes Olaf zu ſein, und
Olaf verſprach ihr auch alle Hilfe, die er zu gewaͤhren imſtande
ſei. Melkorka meinte, daß fie von Zoͤskuld ſchmaͤhlich behan⸗
delt werde, und ſann darauf, irgend etwas ins Werk zu ſetzen,
daß ihm übel gefiele. Thorbjoͤrn Skrjup? hatte vor allem Mel⸗
korka bei der Wirtſchafts fuͤhrung unterſtuͤtzt; er hatte ihr
1 Vergl. Kap. 25. Sof im Nordviertel an der Oſtkuͤſte des Skagaflords.
5
8 Del Kap. 11.
66
einen Heiratsantrag gemacht, nachdem fie einige Zeit auf dem
Zofe geweſen war; doch fie verhielt ſich abweiſend.
Ein Schiff lag am Lande in Bordeyri im Hrutafjord.! rn
hieß der Schiffsfuͤhrer; er war ein Gefolgsmann des Koͤnigs
Harald, des Sohnes der Gunnhild. Melkorka hob ein Geſpraͤch
an mit ihrem Sohne Olaf, als ſie einmal zuſammen waren:
es ſei ihr Wunſch, daß er ausreiſe, um ſeine maͤchtigen Ver⸗
wandten zu beſuchen, „denn ich habe die Wahrheit geſprochen,
Myrkjartan iſt wirklich mein Vater und Koͤnig der Iren; nun
bietet ſich dir bequeme Gelegenheit, in Bordeyri auf ein Schiff
zu kommen.“ Olaf ſagte: „Ich habe daruͤber mit meinem
Vater geſprochen, er iſt nicht beſonders geneigt, darauf einzu⸗
gehen; nun iſt auch der Beſitz meines Pflegevaters ſo beſchaffen,
daß er mehr in Land und Vieh beſteht, als daß islaͤndiſche
Ware vorhanden wäre.“ Melkorka antwortete: „Nicht will ich,
daß man dich noch laͤnger einen Magdsſohn nennt, und wenn
der Umſtand die Reife verhindert, daß du zu wenig Gut dazu
haſt, fo will ich lieber mich dazu entſchließen, den Thorbjoͤrn zu
heiraten, wenn du auf dieſe Weiſe leichter zur Reife kommſt als
ſonſt; denn ich ſetze voraus, er wird dir die Ware ʒur Verfuͤgung
ſtellen, die du glaubſt mitnehmen zu muͤſſen, wenn er mein Ja⸗
wort erhaͤlt. Es iſt auch der Vorteil dabei, daß Zoͤskuld doppelten
Arger haben wird, wenn er die beiden Nachrichten erhaͤlt, daß du
aus dem Lande gereiſt und ich verheiratet bin.“ Olaf ſagte,
die Mutter ſolle ganz nach ihrem Willen alles einrichten. Da⸗
rauf ſprach Olaf mit Thorbjoͤrn, daß er Ware von ihm auf
Borg nehmen und ihm gute Vorteile dabei gewaͤhren wolle.
Thorbjoͤrn antwortete: „Das kann nur unter der Bedingung
geſchehen, daß ich Melkorkas Jawort erhalte; dann meine ich,
wird mein Vermoͤgen dir ebenſo zur Verfuͤgung ſtehen, wie
dasjenige, das du zu verwalten haſt.“ Olaf ſagte, das ſolle
geſchehen, wie es raͤtlich ſei; ſie beſpra hen nun miteinander
die Dinge, die fie vorhatten, und alles dieſes ſollte in Heim=
lichkeit vor ſich gehen.
Zoͤskuld redete mit Olaf, er ſolle ihn auf das Allthing beglei-
1 Der Hrutafiord bildet das ſuͤdlichſte ende der großen Meeresbucht Funafloi
im nördlichen Island. Bordeyri liegt am weſtlichen Ufer.
5 67
ten. Olaf fagte, er Pönne das nicht, weil er in der Wirtſchaft
zu tun habe, er wolle am Lachswaſſer eine Laͤmmerweide ein⸗
friedigen laſſen. Zoͤskuld gefiel das wohl, daß Olaf ſich in der
Wirtſchaft betätigen wollte. Dann ritt Zoͤskuld zum Thing,
aber in Lambaſtadir! ruͤſtete man ſich zur Hochzeit, und Olaf
allein ſetzte den Zeirats vertrag feſt. Olaf bekam dreißig Zun⸗
derte an Ware aus der ungeteilten Maſſe und ſollte da⸗
für nichts zu bezahlen haben. Bard, Zoͤskulds Sohn, nahm
an der Hochzeit teil, er war mit ihnen im Einverſtaͤndnis bei
ihrem Vorhaben geweſen. Und als das Seft zu Ende war, ritt
Olaf zum Schiff, ſuchte rn, den Schiffs fuͤhrer, auf und nahm
ſich ſeinen Platz an Bord. Und ehe Mutter und Sohn von ein⸗
ander ſchieden, übergab fie ihm einen großen goldnen Singer:
ring und ſprach: „Dieſes Kleinod gab mir mein Vater als
Geſchenk beim erſten Jahn, ich glaube, er wird es wiederer⸗
kennen, wenn er es ſieht.“ Ferner legte fie ihm in die Hand
ein Meſſer und einen Guͤrtel und bat ihn, dieſe ihrer Pflege⸗
mutter zu geben: „ich denke, ſie wird dieſe Wahrzeichen nicht
verleugnen.“ Und weiter ſprach Melkorka: „Ich habe dich
ausgeſtattet, ſo gut ich nur konnte, und dich gelehrt, iriſch zu
ſprechen, ſo daß es fuͤr dich nichts ausmachen wird, wo du
auch in Irland landen magſt.“ Darauf nahmen ſie Abſchied
von einander. Gleich, nachdem Olaf an Bord gekommen war,
ſtellte ſich Sahrwind ein, und fie gingen in See. u
21. Olaf in Norwegen und Irland
un kam Hösfuld vom Thing nach Haufe und erfuhr
dieſe Neuigkeiten. Sie gefielen ihm ſehr wenig; aber
weil die Beteiligten Verwandte waren, beruhigte er ſich und
ließ es ſein, wie es war.
Olaf und feinen Reifegefährten war der Wind guͤnſtig, und. ſie
kamen nach Norwegen. Orn trieb Olaf an, den Hof König
Zaralds aufzuſuchen, er ſagte, der Konig erweiſe manchen
hohe Ehre, die keineswegs beſſere Maͤnner ſeien als Olaf.
Olaf ſagte, er ſei bereit. Nun reiſten Olaf und Orn an den
1 Der Hof des Thorbjörn. Er wurde erft fo genannt nach dem Sohne des
Thorbiörn und der melkorka.
68
Hof und wurden dort gut aufgenommen. Der Rönig ſah
gleich Olaf wegen feiner Familie als einen Bekannten an und
lud ihn ſofort ein, bei ihm zu bleiben. Gunnhild erwies Olaf
große Achtung, ſobald fie erfuhr, daß er ein Neffe Hruts ſei;
doch ſagten manche Leute, es würde ihr auch eine Freude ge⸗
weſen ſein, mit Olaf zu reden, ohne daß er es andern haͤtte
verdanken muͤſſen.
Olaf wurde mißgeſtimmt, als der Winter dem Ende zuging.
Orn fragte ihn, was ihm Betruͤbnis mache. Olaf antwortete:
„Eine Fahrt habe ich vor nach Weſten übers Meer, und es läge
mir viel daran, wenn du mir dazu helfen Fönnteft, daß die
Keiſe waͤhrend dieſes Sommers zuſtande kaͤme.“ Orn bat
Olaf, nicht an ſo etwas zu denken, er wiſſe nichts daruͤber,
ob man auf Schiffe rechnen koͤnnte, die die Fahrt nach Weſten
übers Meer machen wuͤrden.! Gunnhild kam zu ihrem Ge⸗
ſpraͤch und ſagte: „Nun höre ich euch fo reden, wie es bis⸗
her noch niemals vorgekommen iſt, daß ihr zweierlei Mei⸗
nung habt.“ Olaf begruͤßte Gunnhild und brach das Ge⸗
ſpraͤch nicht ab. Darauf ging Orn weg und Gunnhild und
Olaf ſetzten das Geſpraͤch fort. Olaf erklaͤrte ſeine Abſicht und
betonte, wie viel ihm daran läge, daß die Keiſe zuſtande
komme, er wiſſe es mit Sicherheit, daß Koͤnig Myrkjartan fein
Muttervater ſei. Da ſprach Gunnhild: „Ich werde dir die Mit⸗
tel zu dieſer Fahrt verſchaffen, fo daß du mit ſolchem Aufwand
reiſen kannſt, wie du willſt.“ Olaf dankte ihr fuͤr ihre Worte.
Darauf ließ Gunnhild ein Schiff ruͤſten und ſorgte fuͤr die
Bemannung, ſie bat Olaf, zu beſtimmen, wie viel Leute er
mit ſich nehmen wolle nach Weſten uͤbers Meer. Olaf be⸗
ſtimmte die Jahl auf ſechzig Mann, und fuͤgte hinzu, es kaͤme
hauptſaͤchlich darauf an, daß die Schiffs leute mehr das Aus⸗
ſehen von Kriegern als von Handelsleuten hätten. Sie ſagte,
fo ſolle es fein. Nur Orn wird genannt von den Reifegenoffen.
Dieſe Mannſchaft war wohlausgeruͤſtet. Rönig Harald und
Gunnhild geleiteten Olaf zum Schiff und ſagten, ſie wollten
1 Daß fie die Reife nicht auf ihrem eigenen Schiff machen, erklaͤrt ſich wohl,
wie das Solgende zeigt, aus der Abſicht Olafs, ſeinem Großvater als krie⸗
geriſcher Schiffs fuͤhrer gegenuͤb erzutreten.
69
ihm nun noch ihre Gluͤckwuͤnſche mitgeben, entſprechend der
freundlichen Geſinnung, die ſie gegen ihn gehabt haͤtten; und
König Harald ſagte, das fiele ihnen leicht, denn ein ſtattlicherer
Mann ſei nicht aus Island gekommen in ihren Tagen. Da
fragte Rönig Harald, wie alt er ſei. Olaf antwortete: „Ich bin
jetzt achtzehn Winter alt.“ Der König ſprach: „Solche, wie
du biſt, verſprechen ungewöhnliche Männer zu werden; du
biſt ja kaum aus dem Kindesalter heraus. Suche uns nur
gleich wieder auf, wenn du zuruͤckkommſt.“ Darauf wuͤnſchten
ihm der Rönig und Gunnhild gluͤckliche Reife. Olaf und feine
Leute ftiegen an Bord und gingen gleich in See.
Das Wetter war ihnen nicht guͤnſtig waͤhrend des Sommers.
Sie hatten ſtarke Nebel, ſchwache oder widrige Winde, wenn
es uͤberhaupt wehte; ſie wurden weit auf dem Meer umher⸗
getrieben, die meiſten an Bord uͤberkam das Gefuͤhl, verirrt
zu ſein auf der See. Endlich geſchah's, daß der Nebel ſich hob
und ſich Wind ſpuͤren ließ; da begann man zu ſegeln.
Nun beriet man ſich, wie man den Kurs auf Irland nehmen
ſollte, die Leute konnten darüber nicht einig werden. rn ſtand
auf der einen Seite, aber der größte Teil der Maͤnner wider⸗
ſprach ihm. Sie behaupteten, Orn habe ſich ganz und gar ver⸗
irrt, ſie ſagten, die Mehrzahl muͤſſe den Ausſchlag geben. End⸗
lich wurde es Olaf zur Entſcheidung vorgelegt. Olaf aber ſagte:
„Ich will, daß die den Ausſchlag geben, die verſtaͤndiger ſind;
denn ich glaube, daß uns der Rat törichter Maͤnner um fo
weniger taugt, je mehr ihrer beieinander ſind.“ Damit er⸗
ſchien nun die Sache ausgemacht, nachdem Olaf dies geſprochen
hatte; und Orn beſtimmte von nun an den Kurs.
Sie ſegelten nun Nacht und Tag und hatten immer gleich
ſchwachen Wind. Es geſchah in einer Nacht, daß die Leute der
Wache aufſprangen und die Maͤnner ſo ſchnell als moͤglich auf⸗
ſtehen hießen; fie ſagten, fie ſaͤhen Land fo nahe vor ſich, daß fie
faſt mit dem Steven auf Grund gekommen waͤren. Das Segel
war geſetzt und ganz ſchwacher Wind. Die Maͤnner ſprangen
gleich auf und Örn befahl, man folle beidrehen, um womöglich
vom Lande fortzukommen. Olaf fagte: „Wir haben hier keine
Wahl mehr, denn ich ſehe, daß der Achterſteven ſchon uͤber die
70
Brecher hinüber iſt; laßt das Segel fallen fo ſchnell als möglich,
wir wollen unſern Entſchluß faſſen, wenn es heller Tag iſt un d
man dieſes Land erkennen kann.“ Darauf ließen ſie die Anker
fallen, die gleich Grund faßten. Viel ging die Rede hin und
her waͤhrend der Nacht, wohin ſie wohl gekommen waͤren.
Und als es hell geworden war, erkannten ſie, daß es Irland
war. Da ſprach Orn: „Ich glaube, wir haben keinen guͤnſtigen
Landungsplag gefaßt, denn dieſe Gegend hier iſt weit von den
Häfen und gandelsplaͤtzen, wo den Ausländern Srieden zuge⸗
ſichert iſt; wir werden nun von der Ebbe trocken geſetzt wie
Stichlinge; ſo weit ich die Geſetze der Iren kenne, ſoll es mich
nicht wundern, wenn fie Hand auf die Ladung legen, die wir
fuͤhren, denn ſie ſprechen da ſchon von Strandgut, wo noch
viel tieferes Waſſer iſt hinterm Achter ſteven.“ Olaf ſagte, es
wuͤrde ihnen kein Schade geſchehen: „Ich habe aber geſehen, daß
ſeit heute fruͤh am Lande Leute zuſammenlaufen, die Iren
machen ſich Gedanken uͤber die Ankunft des Schiffes. Dann
habe ich heute morgen, als Ebbe war, beobachtet, daß ein Waſſer⸗
lauf bei dieſer Landfpige fich einſchneidet, aus dem die See
nicht ganz abſtroͤmte. Und wenn unſer Schiff nicht beſchaͤdigt
ift, wollen wir unſer Boot aus ſetzen und unſer Schiff bis dort⸗
hin ſchleppen.“ Es war lehmiger Grund, wo ſie vor Anker ge⸗
legen hatten, und keine Planke in ihrem Schiff beſchaͤdigt;
Olaf ließ nun das Schiff an den angegebenen Platz bringen
und warf da Anker.
Und als der Tag weiter vorſchritt, kam eine große Menſchen⸗
menge hinunter zum Strande. Dann fuhren zwei Männer in
einem Boote zum Schiff. Sie fragten, wer die Eigentuͤmer dieſes
Schiffes ſeien. Olaf gab ihnen Beſcheid und antwortete iriſch, fo
wie ſie gefragt hatten. Als aber die Iren erfuhren, daß es Nor⸗
weger feien, verlangten fie mit dem Hinweis auf ihre Geſetze,
daß fie ihr Gut zur Verfuͤgung ſtellten, es würde ihnen da
kein Schade geſchehen, bis der König in dieſer Sache entſchie⸗
den haͤtte. Olaf antwortete, ſo ſeien die geſetzlichen Beſtimmun⸗
gen, wenn kein Dolmetſcher bei den Kaufleuten ſei. „Und ich
kann euch in Wahrheit verſichern, daß ihr friedliche Leute vor
euch habt; aber doch werden wir uns nicht ergeben ohne Wider⸗
71
ſtand.“ Da erhoben die Iren ihren Kriegsruf und wateten in
die See, ſie hatten den Plan, das Schiff ſamt den Leuten an
Land zu ziehen, es war nicht tiefer, als daß ihnen das Waſſer
bis unter die Arme reichte, oder denen, die am größten waren,
nur bis an die Zoſenguͤrtel. Die Senke aber, in der das Schiff
ſchwamm, war ſo tief, daß man keinen Grund faſſen konnte.
Olaf befahl, die Waffen herauszuholen und die Borde von
Steven zu Steven zu beſetzen. Sie ſtanden auch ſo eng, daß alles
mit Schilden gedeckt war, und ein Speerende ſtreckte ſich heraus
neben jeder Schildſpitze. Olaf trat nach vorn an den Steven, er
war ſo geruͤſtet, daß er eine Bruͤnne trug und einen vergolde⸗
ten Helm auf dem Kopfe hatte. Er hatte ein Schwert umge⸗
guͤrtet, deſſen Griff war mit Goldſchmuck geziert. In der Zand
trug er einen Hafenfpieß, der auch für den Hieb gebraucht werden
konnte, mit vortrefflicher Zierarbeit auf dem Blatt. Einen roten
Schild hielt er vor ſich, darauf war ein goldener Löwe gemalt.
Und als die Iren dieſe Zurüftung ſahen, ſank ihnen das Herz, fie
fuͤrchteten nun, daß es nicht ſo leicht ſein wuͤrde, ſich des Gutes
zu bemaͤchtigen, wie ſie gedacht hatten; die Iren gaben daher
ihren Angriff auf und liefen in einen Zaufen zuſam men. Bald
verſtaͤrkte ſich immer mehr das Gerede in der Menge, es ſei
leicht zu erkennen, daß dies ein Kriegsſchiff ſei un d fie noch
mehr Schiffe zu erwarten haͤtten. Sie ſandten daher eilig Bot⸗
ſchaft zum Rönige; es traf ſich grade bequem, daß der König
ganz in der Naͤhe zur Gaſtung war. Er kam gleich mit Gefolge
dorthin geritten, wo das Schiff lag. Es war nicht weiter vom
Lande bis zu der Stelle, wo das Schiff ſchwamm, als daß
man ſich gut gegenſeitig verſtehen konnte. Oft hatten die Iren
ſie mit Schuͤſſen angegriffen, doch war Olaf und ſeinen Leuten
kein Schade geſchehen. Olaf ſtand da in der oben beſchriebenen
Rüftung, und die Leute ſprachen mit Bewunderung davon, wie
praͤchtig der Mann ſei, der das Schiff befehligte. Als aber Olafs
Schiffsgefaͤhrten eine große Ritterfchar heranreiten ſahen, und
ſie erſchien ſehr kriegeriſch, da wurden ſie kleinlant, denn ſie
meinten, daß fie es nun mit einer großen Übermacht zu tun be⸗
kaͤmen. Als Olaf aber hoͤrte, was die Leute ſich einander
zuraunten, bat er ſie feſten Muts zu ſein: „denn unſre Sache
72
nimmt eine gute Wendung, nun begrüßen die Iren ihren
König Myrkjartan.“ Darauf ritten jene fo nahe an das Schiff,
daß man verſtehen konnte, was auf der andern Seite geſprochen
wurde. Der Konig fragte, wer der Fuͤhrer des Schiffes ſei.
Olaf nannte feinen Namen und fragte, wer der ſtattliche Ritter
ſei, mit dem er das Geſpraͤch fuͤhre. Der antwortete: „Ich heiße
Myrkjartan.“ Olaf ſprach: „Biſt du der Konig der Iren?“ Er
antwortete, fo ſei es. Darauf fragte der Koͤnig nach allgemei⸗
nen Neuigkeiten. Olaf gab uͤber alle Dinge wohl Beſcheid,
nach denen er gefragt wurde. Weiter fragte der Koͤnig, von
wo ſie ausgeſegelt ſeien und weſſen Maͤnner ſie ſeien. Und
dann fragte der Koͤnig noch genauer nach Olafs Abkunft als
zuerſt, denn der Konig fand, daß dieſer Mann ein ſtolzes
Benehmen zeigte, und nur ſoweit Auskunft geben wollte, als
er gefragt wurde. Olaf ſagte: „Das will ich Euch zu wiſſen
geben, daß wir von Norwegen ausgeſegelt ſind, und dies ſind
hier Gefolgs leute des Koͤnigsarald, des Sohnes der Gunnhild,
alle Männer, die an Bord find. Und inbezug auf meine ger⸗
kunft habe ich Euch zu ſagen, Herr, daß mein Vater in Island
lebt und Zoͤskuld heißt — er iſt ein Mann aus maͤchtigem
Geſchlecht; aber was meine muͤtterliche Familie angeht,
ſo moͤchte ich glauben, daß Ihr ſie beſſer kennt als ich; denn
Melkorka heißt meine Mutter, und mir iſt es als verbuͤrgte
Wahrheit geſagt, daß fie deine Tochter iſt, König; das hat
mich zu der weiten Keiſe getrieben, und nun erwarte ich mit
Spannung, was du auf meine Worte erwidern wirſt.“
Der König ſchwieg darauf, dann unterhielt er ſich mit feinen
Leuten; die Verſtaͤndigen wollten vom Könige wiſſen, was
wohl an dieſer Angabe wahres ſei, die der Fremde gemacht
hatte. Der Konig antwortete: „Das iſt leicht zu erkennen an
dieſem Olaf, daß er aus edlem Geſchlecht ſtammt, ob er nun
unſer Bluts verwandter iſt oder nicht, und ebenſo ſteht feſt,
daß er vorzuͤglich iriſch ſpricht.“
Darauf richtete ſich der Koͤnig im Sattel auf und ſprach:
„Nun ſollſt du die Antwort auf deine Worte hoͤren: ich will
allen Frieden gewaͤhren, der ganzen Schiffsmannſchaft. Was
du aber über die Verwandtſchaft mit uns vorbringft, das
73
müffen wir noch näher beſprechen, ehe ich darauf eine Ant⸗
wort geben kann.“
Darauf wurden die Laufſtege ausgelegt und Olaf ging an
Land und ſeine Gefaͤhrten vom Schiff. Die Iren ſahen nun
mit Bewunderung, wie kriegeriſch dieſe Maͤnner waren. Olaf
grüßte da den König mit Anſtand, nahm den Helm ab und
verneigte ſich vor dem Koͤnige, der Konig aber empfing ihn
mit großer Freundlichkeit. Sie nahmen nun das Geſpraͤch wie⸗
der auf mit einander; Olaf brachte aufs neue ſeine Sache
vor, in langer, lebhafter Rede.!“ Das war der Schluß, daß
er ſagte, er habe den Ring an der Zand, den ihm Melkorka
zum Abſchied in Island uͤbergeben habe mit der Mitteilung:
„daß du, König, ihn ihr als Jahngeſchenk gegeben habeſt.“
Der Rönig nahm den Ring, ſah ihn an und wurde blutrot im
Geſicht. Darauf ſprach der Koͤnig: „Wahr find die Zeichen
und was gewiß ebenſo ins Gewicht faͤllt: du haſt eine ſo große
Samilienaͤhnlichkeit von deiner Mutter her, daß man dich wohl
daran erkennen kann. Und aus dieſen Gruͤnden will ich ohne
Bedenken hiermit unſere Blutsverwandtſchaft feſtſtellen, Olaf,
mit dem Zeugnis der Männer, die hier gegenwärtig find und
meine Rede hören. Dazu ſoll kommen, daß ich dich einlade an
meinen Sof mit aller deiner Mannſchaft; und die Ehre, die
euch zuteil werden ſoll, wird ſich danach richten, welchen Ge⸗
winn ich in dir finde, wenn ich dich erſt ſchaͤrfer erprobe.“
Darauf ließ ihnen der Koͤnig Reiſepferde geben und beftimmte
Leute, die ihr Schiff beſorgen und die Ladung, die fie hatten,
behuͤten ſollten. Der Koͤnig ritt dann nach Dublin, und dem
Volke ſchien das ein denkwuͤrdiges Ereignis, daß der Konig
von einem Enkel begleitet wurde, dem Sohne ſeiner Tochter, die
vor langem als Kriegsgefangene aus dem Lande gefuͤhrt wor⸗
den war im Alter von fuͤnfzehn Jahren. Am meiſten aber wurde
Melkorkas Pflegemutter von dieſer Kunde ergriffen. Sie war
bettlaͤgerig, Sorge ſowohl wie Alter hatten ſie geſchwaͤcht, doch
ging ſie ohne Stab, Olaf aufzuſuchen. Da ſprach der Koͤnig zu
Olaf: „Zier iſt nun die Pflegemutter der Melkorka gekommen,
ſie wirdſich von dir wollen erzählen laſſen, wie es Melkorka geht.“
i Sormeſhafte wendung
74
Olaf nahm fie zu ſich mit beiden Händen und feste die Alte auf
ſeinen Schoß, dann erzaͤhlte er ihr, daß ihre Pflegetochter in
gutem Behagen in Island ſaͤße. Olaf reichte ihr Meſſer und
Guͤrtel, die Alte erkannte die Stuͤcke und weinte Freuden⸗
traͤnen, ſie ſagte, beides ſei wahr, daß der Sohn der Melkorka
ein Prachtsmann ſei, „doch hat er es auch von der Mutter
mitbekommen.“ Die Alte blieb friſch den ganzen Winter uͤber.
Der König kam wenig zur Ruhe, denn fortwährend gab es
damals feindliche Einfaͤlle in den Weſtlaͤndern. Der Bönig
ſchlug den Winter über Wikinger und Räuber von feinen
Kuͤſten zuruͤck. Olaf mit ſeiner Mannſchaft war auf dem
Köͤnigsſchiffe und mit dieſer Mannſchaft war nicht gut anzu⸗
binden, wenn man ihr feindlich gegenuͤberſtand. Der Koͤnig
beſprach mit Olaf und deſſen Gefaͤhrten alle Plaͤne; er erfand
Olaf als klug, und dabei kuͤhn bei jeder Maͤnnerprobe.
Und gegen Ende des Winters berief der König eine Verſamm⸗
lung, die war ſehr zahlreich beſucht. Der Koͤnig ſtand auf, eine
Re de ʒu halten. Er hob folgendermaßen an: „Es iſt euch bekannt,
daß im letzten gerbſt ein Mann hierher gekommen ift, der Sohn
meiner Tochter, zugleich auch von edler Abkunft vaͤterlicher⸗
ſeits; Olaf ſchaͤtze ich als einen ſo tuͤchtigen und heldenmaͤßi⸗
gen Mann, wie wir ſeinesgleichen hierzulande nicht haben.
Nun will ich ihm die Koͤnigswuͤrde anbieten nach meinem
Tode, denn Olaf eignet ſich beſſer zum Landesherrn als meine
Soͤhne.“ Olaf dankte ihm fuͤr dieſes Anerbieten mit ſehr be⸗
redten und ſchoͤnen Worten, ſagte aber, er wolle es doch nicht
auf die Gefahr ankommen laſſen, ob Myrkjartans Söhne
das dulden würden, wenn der Koͤnig ſtuͤrbe. Er ſagte, beſſer
ſei eine kurze Ehre, als eine lange Schmach. Er wolle nach Nor⸗
wegen reiſen, ſobald es gefahrlos fuͤr die Schiffe ſei hinuͤber⸗
zuſegeln. Seine Mutter würde wenig Freude mehr haben, wenn
er nicht zuruͤckkehrte. Der Koͤnig ſagte, Olaf ſolle nach eigenem
Willen handeln. Darauf wurde die Verſammlung geſchloſſen.
Und als Olafs Schiff fahrtbereit war, geleitete ihn der Koͤnig
zum Schiff und gab ihm einen Speer mit goldner Einlegearbeit,
ein prachtvolles Schwert und noch manch andres Gut. Olaf
wuͤnſchte Melkorkas Pflegemutter mitzunehmen. Der König
75
fagte, dazu fei kein Grund vorhanden, und ſo fuhr fie nicht
mit. Olaf ſtieg an Bord mit feinen Leuten, und der Konig
und Olaf verabſchiedeten ſich in der beſten Freundſchaft. Da⸗
rauf ging Olafs Schiff in See. Sie hatten guten Wind und
erreichten die norwegiſche Kuͤſte, und die Runde von Olafs
Sahrt verbreitete ſich weit; fie ʒogen dann das Schiff an Land.
Olaf verſchaffte ſich Pferde und machte ſich mit ſeinen Gefaͤhr⸗
ten auf den Weg, den Konig aufzuſuchen.
22. Olaf kehrt nach Island zur uͤck
laf, Zöskulds Sohn, kam nun an den Hof des Königs
Harald und fand guten Empfang beim Rönig, und bei
Gunnhild noch weit beſſeren. Sie luden ihn zu ſich ein und
redeten ihm eifrig zu. Olaf nahm das an und blieb mit Orn
am goflager. Der Rönig und Gunnhild erwieſen Olaf ſolche
Ehre, wie ſie niemals ein Auslaͤnder von ihnen empfangen
hatte. Olaf gab dem Könige und Gunnhild manche ſeltene
Kleinode, die er im Weſten in Irland bekommen hatte. Der
König ſchenkte Olaf zum Julfeſt einen ganzen aus Scharlach
geſchnittenen Anzug. Olaf ſaß nun da in Ruhe den Winter
über, Im Fruͤhling aber, als die Zeit vorſchritt, ka m es zum
Geſpraͤch zwiſchen dem · Koͤnige und Olaf: er bat den Koͤnig
um Urlaub, im Sommer nach Island zu fahren: „Ich habe
da!, ſagte er, „angeſehene Verwandte zu beſuchen.“ Der Rönig
antwortete: „Es waͤre mir am liebſten, daß du fuͤr immer bei
mir bliebeſt und dir hier eine Stellung waͤhlteſt, wie ſie deinem
eignen Wunſche entſpricht.“ Olaf dankte dem Koͤnige für das
ehrenvolle Angebot, ſagte aber, er möchte doch lieber nach Ts:
land fahren, wenn es nicht gegen den Willen des Königs ſei.
Da antwortete der König: „Ich will hierin nicht unfreund⸗
ſchaftlich gegen dich fein. Fahre du nur im Sommer nach Is⸗
land, denn ich ſehe, daß dein Sinn ganz darauf gerichtet iſt;
doch ſollſt du keine Muͤhe und Sorge wegen deiner Vor⸗
bereitungen haben, dafuͤr werde ich ſorgen.“ Damit endeten
ſie das Geſpraͤch.
Der König Harald ließ im Fruͤhling ein Schiff zu Waſſer
bringen: das war ein Laftfchiff, ein großes und tuͤchtiges
76
Sahrzeug. Dieſes Schiff ließ der König mit Bauholz bes
frachten und vollftändig ausruͤſten. Und als das Schiff ſegel⸗
fertig war, ließ der Konig Olaf rufen und ſprach: „Dieſes
Schiff ſoll dein Eigen ſein, Olaf. Ich will nicht, daß du
dieſen Sommer als Sahrgaſt anderer Leute von Norwegen
nach Island reifen ſollſt.“ Olaf dankte dem Rönige mit
paſſenden Worten für feine Hochherzigkeit. Darauf bereitete
ſich Olaf zur Abreiſe. Und als er fertig war und Sahrwind
ſich einſtellte, ging Olaf in See. Er und der Koͤnig ſchieden von
einander in größter Herzlichkeit. Olaf hatte guten Wind in den
Sommertagen und landete mit ſeinem Schiff bei Bordeyri im
Zrutafjord. Die Nachricht von der Ankunft des Schiffes ver⸗
breitete ſich ſchnell, und auch, wer der Schiffs fuͤhrer war. Zoͤs⸗
kuld erfuhr die Ankunft ſeines Sohnes Olaf und war hoch er⸗
freut und ritt ſofort nordwaͤrts zum Hrutafjord mit einigen
Leuten. Da war ein frohes Wiederſehen von Vater und Sohn.
Zoͤskuld lud Olaf zu ſich ein. Olaf ſagte, er nehme das an.
Olaf brachte ſein Schiff an Land, ſein Gut ließ er nach dem
Weſtlande ſchaffen. Als alles beſorgt war, ritt Olaf mit elf
Mann vom Norden heimwaͤrts nach Zoͤskulds ſtadir. Hösfuld
begruͤßte ſeinen Sohn freundlich. Auch die Bruͤder nahmen
ihn mit Freundlichkeit auf und alle andern Verwandten; am
beſten aber ſtand er ſich mit Bard.
Olaf wurde berühmt wegen feiner Fahrt. Jugleich wurde auch
allgemein ſeine Abſtammung bekannt, daß er ein Tochterſohn
des Irenkoͤnigs Myrkjartan war. Das verbreitete ſich über das
ganze Land, ebenſo, welche Ehren ihm von maͤchtigen Maͤn⸗
nern erwieſen waren, die er beſucht hatte. Olaf brachte auch
großes Gut heim, er blieb nun den Winter uͤber bei ſeinem
Vater.
Melkorka kam gleich ihren Sohn Olaf zu beſuchen. Olaf begruͤßte
fie mit aller Sreundlichkeit; fie fragte ihn nach ſehr vielen Dingen
aus Irland, vor allem nach ihrem Vater und ihren anderen
Verwandten. Olaf berichtete ihr alles, was fie wiſſen wollte.
Sie fragte auch gleich, ob ihre Pflegemutter noch am Leben
ſei. Olaf ſagte, ja ſie lebe noch. Melkorka fragte dann, warum
er ihr nicht habe den Gefallen tun wollen, ſie mit nach Island
77
zu bringen. Da antwortete Dlaf: „Den Leuten war es nicht
recht, Mutter, daß ich deine Pflegemutter aus Irland weg⸗
fuͤhrte.“ „Es mag wohl ſo ſein,“ ſagte ſie. Da merkte man,
daß ihr das ſehr gegen ihren Wunſch war.
Melkorka und Thorbjörn hatten einen Sohn, der hieß Lambi.
Er war groß und ſtark und ſeinem Vater gleich an Geſicht und
Sinnesart.
Als nun Olaf den Winter uͤber in Island geweſen war und
der Srühling kam, redeten Vater und Sohn darüber, was nun
Olaf vornehmen ſollte. „Das iſt mein Wunſch,“ ſagte 3oͤskuld,
„daß wir dir eine Frau ſuchen und du dann Goddaſtadir, den
Zof deines Pflegevaters, uͤbernimmſt; da iſt auch ein großer
Vieh ſtand; du koͤnnteſt dort die Wirtſchaft führen mit meiner
Unterſtuͤtzung.“ Olaf antwortete: „Daruͤber hab ich mir bis⸗
her wenig Gedanken gemacht; ich weiß nicht, wo wohl die
Frau ſitzen mag, die zu bekommen ich als beſonderes Gluͤck
anſehen ſollte; du kannſt dir denken, daß ich mich weit um⸗
ſchauen werde, ehe ich mir eine erwaͤhle; doch weiß ich gewiß,
daß du nicht die Rede auf diefe Sache gebracht haft, ohne et⸗
was beſtimmtes im Sinne zu haben, auf das ſie auslaufen
ſoll.“! goͤskuld ſprach: „Richtig haft du vermutet. Ein
Mann heißt Egil;? er iſt der Sohn des Skallagrim. Er
wohnt in Borg am Borgarfjord. Egil hat eine Tochter, die
Thorgerd heißt. Um dieſes Maͤdchen gedenke ich für dich an⸗
zuhalten, denn das iſt die allerbeſte Partie im ganzen Borgar⸗
fjord und druͤber hinaus; es iſt auch zu erwarten, daß die
Verſchwaͤgerung mit den Myrarleuten ? dein Anſehen mehren
wird.“ Olaf antwortete: „Deiner Umſicht will ich mich hierin
anvertrauen, und ganz nach meinem Sinn iſt dieſe Heirat, wenn
fie zuftande kommt; aber ebenſo kannſt du dir denken, Vater,
wenn dieſer Antrag geſtellt und nicht angenommen wird, daß
mir das uͤbel gefallen wuͤrde.“ Zoͤskuld ſagte: „Wir wollen
es eben verſuchen, dieſe Sache ins Werk zu ſetzen.“ Olaf bat
ihn zu tun, was er für gut hielte. Es kam nun die Zeit des
Allthings heran. Zoͤskuld ruͤſtete ſich zur Thingfahrt und forgte
Borg heißt Myrar, die Moore.
78
für ein großes Gefolge. Olaf, fein Sohn begleitete ihn. Sie
überzelteten ihre Thingbude. Da waren viele Menſchen zu⸗
ſammengekommen. Egil, Skallagrims Sohn, war auf dem
Thinge. Alle Leute ſprachen daruͤber, die Olaf ſahen, was
fuͤr ein ſchoͤner und adliger Mann er ſei. Er war ſtattlich an⸗
getan mit Waffen und Kleidern.
23. Olaf wirbt um Thorgerd, die Tochter
Egils
ines Tages, ſo wird erzaͤhlt, gingen Vater und Sohn,
Zoͤskuld und Olaf, aus ihrer Thingbude, um Egil auf⸗
zuſuchen. Egil begrüßte fie herzlich, denn Zoͤskuld und er
kannten ſich gut von früheren Begegnungen her. Zoͤskuld kam
nun mit ſeiner Werbung fuͤr Olaf zutage und hielt um Thor⸗
gerd an. Sie war auch dort auf dem Thinge. Egil nahm
dieſe Sache wohl auf und ſagte, daß er gutes gehoͤrt habe uͤber
vater und Sohn. „Ich weiß auch, Zoͤskuld, daß du ein Mann
von beſter Abkunft und hochangeſehen biſt, und Olaf iſt be⸗
ruͤhmt durch ſeine Keiſe; es iſt nicht zu verwundern, daß
Maͤnner wie er ihren Blick uͤber das naheliegende hinaus
richten, denn es mangelt ihm nicht edle Abkunft und gutes Aus⸗
ſehen, aber doch muß ich dies erſt mit Thorgerd beſprechen, denn
es waͤre keinem Manne moͤglich, Thorgerd ohne ihre Juſtimmung
zu bekommen.“ Zoͤskuld ſprach: „Ich bitte, Egil, daß du das
mit deiner Tochter beſprichſt.“ Egil ſagte, daß ſolle geſchehen.
Egil ging nun, ſeine Tochter aufzuſuchen, und ſie begannen
ihre Unterredung. Da ſprach Egil: „Ein Mann heißt Olaf
und iſt der Sohn des Soͤskuld. Er iſt nun einer der be⸗
ruͤhmteſten Männer. Sein Vater goͤskuld iſt mit einer Werbung
für Olaf zutage gekommen und hat um dich angehalten. Ich
habe die Sache ganz deiner Entſcheidung anheimgeſtellt. Ich
wuͤnſche nun deine Antwort zu wiſſen, und ſo ſcheint uns, als
wenn es nicht ſchwer fein Pönnte, auf dieſe Bewerbung zu ant⸗
worten, denn dieſer Antrag iſt ehrenvoll.“ Thorgerd erwiderte:
„Das habe ich dich ſagen hoͤren, daß du mich am liebſten
habeſt von deinen Kindern, aber nun, meine ich, bewaͤhrſt du
das nicht, da du mich mit dem Sohn einer Magd verheiraten
79
willſt, mag er auch ftattlich fein und noch fo prächtig auftreten.“
Egil ſagte: „Du biſt in dieſer Sache nicht ſo gut unterrichtet
wie in andern; haft du das nicht gehört, daß er der Tochter⸗
ſohn des Irenkoͤnigs Myrkjartan iſt? Er iſt viel edler geboren
muͤtterlicherſeits als von der Vaterſeite her, und die würde
uns auch ſchon durchaus ebenbuͤrtig fein.“ Thorgerd ſchien das
nicht anerkennen zu wollen. Nun brachen ſie das Geſpraͤch
ab und jedes blieb bei ſeiner Meinung.
Am Tage darauf ging Egil zur Thingbude Hösfulds. Zoͤskuld
begruͤßte ihn freundlich. Sie begannen nun die Unterhaltung.
goͤskuldfragte, wie es mit dem Zeiratsantrage gegangen ſei. Egil
zeigte ſich wenig zufrieden und erzaͤhlte alles, wie es verlaufen
war, er fagte, die Sache ſitze feſt. Zoͤskuld mußte dem beiſtim⸗
men. „Doch glaube ich, daß du das beſte gewollt haſt.“ Olaf
war nicht bei ihrem Geſpraͤch zugegen. Darauf ging Egil fort.
Olaf erkundigte ſich nun, wie es mit dem geiratsantrage
ſtuͤnde. Zoͤskuld ſagte, die Sache ſei ins Stocken gekommen
durch Thorgerd. Olaf ſprach: „Nun iſt es ſo, wie ich es dir
vorausgeſagt habe, Vater, daß mir es übel gefallen würde,
wenn ich eine ſchmaͤhliche Antwort fuͤr die Werbung erhalten
ſollte. Es war zuerſt mehr dein Gedanke, daß dieſe Sache
aufgebracht wurde. Nun aber will auch ich dafuͤr ſorgen, daß
ſie nicht hier zu Boden faͤllt. Wahr iſt doch das Sprichwort:
Was man nicht ſelbſt beſorgt, freſſen die Woͤlfe; ich werde
jetzt gleich zur Thingbude Egils gehen.“ Soöskuld fagte, er
möge beſtimmen, was geſchehen ſolle. Olaf hatte ſich fo ge⸗
richtet, daß er den Scharlachanzug trug, den ihm Koͤnig Harald
geſchenkt hatte. Auf dem Kopfe trug er einen vergoldeten
Selm und in der Hand das koſtbare Schwert, das ihm Koͤnig
Myrkjartan gegeben hatte.
Nun gingen Soͤskuld und Olaf zur Thingbude Egils. Zoͤs⸗
kuld trat zuerſt ein und Olaf folgte ihm auf dem Fuße. Egil
begrüßte fie freundlich, und Zoͤskuld ſetzte ſich neben ihm nie⸗
der, aber Olaf blieb ſtehen und ſchaute ſich um. Er ſah, daß
eine Frau auf der Querbank in der Thingbude ſaß; die Srau war
ſchoͤn und vornehm und gut gekleidet. Er dachte ſich, daß es Thor⸗
gerd, Egils Tochter, ſein muͤſſe. Olaf ging zu der Querbank und
80
ſetzte ſich nebenfie. Thorgerd begrüßte den Mann und fragte ihn,
wer er ſei. Olaf nannte feinen Namen und den feines Vaters.
„Du wirſt denken, daß der Magdsſohn frech geworden iſt, weil er
es wagt, neben dir zu ſitzen und mit dir zu reden.“ Thorgerd ant⸗
wortete: „Du wirſt dir wohl bewußt ſein, ſchon kuͤhnere Wag⸗
niſſe beſtanden zu haben, als mit Srauen zu reden.“ Darauf ka⸗
men ſie ins Geſpraͤch und unterhielten ſich den ganzen Lag. ! Nicht
hoͤrten andere, was ſie miteinander redeten. Und ehe ihr Geſpraͤch
zu Ende ging, wurden Egil und Hösfuld herzugerufen. Da
kam die Rede noch einmal auf Olafs Werbung. Thorgerd
ſchloß ſich jetzt der Entſcheidung ihres Vaters an. Nun war
die Sache leicht erledigt, und die Verlobung fand gleich ſtatt.
Es wurde ihnen die Ehre gegönnt, den Leuten aus dem Lachs⸗
tal, daß man ihnen die Braut ins Haus bringen ſollte. Das
Zochzeitsfeſt, beſtimmte man, ſollte ſieben Wochen vor dem
Ende des Sommerhalbjahrs in Zoͤskuldsſtadir gefeiert werden.
Darauf nahmen Egil und Soͤskuld Abſchied von einander;
Vater und Sohn ritten heim nach Soͤskuldsſtadir und waren
zu Haufe den Sommer über, und alles war ruhig. Dann be:
gann man ſich zum Feſt in Hösfuldsftadir zu ruͤſten und
ſparte nicht, denn Mittel waren zur Genuͤge vorhanden. Die
Seftgäfte kamen zum beſtimmten Tage; es waren die Leute
aus dem Borgarfjord in großer Anzahl zur Stelle. Da war
Egil und fein Sohn Thorftein.? Die Braut war mit ihnen ge⸗
kommen und ausgewähltes Gefolge aus ihrer Gegend. Zoͤs kuld
hatte auch vorher viele Gaͤſte zuſammengebracht. Dieſes Seſt
war uͤberaus praͤchtig; die Gaͤſte wurden mit Geſchenken ent⸗
laſſen. Olaf ſchenkte da dem Egil das Schwert Myrkjartans⸗
Kleinod, und Egil machte ſehr freudige Augen bei dieſer Gabe.
Sonſt ging da nichts beſonderes vor, die Leute machten ſich auf
den Heimweg.
24. Olaf baut den Hof Sjardarholt
laf und Thorgerd waren nun in Soͤskuldsſtadir und
faßten große Liebe zu einander. Leicht war es zu er⸗
1 Sormelhafte Wendung. ? Thorſtein und Jofrid (eine Enkelin des Olaf
Seilan, ſ. oben Kap. 7) find die Eltern der ſchoͤnen Helga (Gunnlaugsſaga).
6 Meißner, Lachstalſaga 81
kennen für jedermann, daß fie eine Frau von großartigen
Weſen war. In alltägliche Dinge miſchte fie ſich wenig ein,
aber das mußte geſchehen, was Thorgerd wollte, wenn fie
ſich einmal fuͤr etwas eingeſetzt hatte. Olaf und Thorgerd
waren abwechſelnd dieſen Winter über in Zoͤskuldsſtadir und
bei Olafs Pflegevater. Im Fruͤhling übernahm Olaf die Wirt⸗
ſchaft in Goddaſtadir. Im Sommer fiel Thord Goddi in eine
Krankheit, die zum Tode fuͤhrte. Olaf ließ uͤber dem Toten
einen Hügel aufwerfen auf der Landzunge, die in den Lachs»
fluß hineingeht und Drafnarnes heißt. Dabei iſt eine Ein⸗
hegung, die nach dem Hügel benannt ift!.
Nun ſammelten ſich Leute unter Olafs Schutzherrſchaft und
er wurde ein großer Häuptling. Zoͤskuld mißgoͤnnte ihm das
durchaus nicht, er war immer dafuͤr, daß Olaf bei allen wich⸗
tigen Streitfragen angerufen wurde. Die Wirtſchaft, die Olaf
hatte, war die bedeutendſte im Lachswaſſertal. Zwei Brüder
waren bei Olaf, die beide An hießen; einer wurde genannt An
der Weiße, der andre An der Schwarze. Ein dritter Mann hieß
Beinir der Starke. Das waren Olafs Zandwerksleute, alle
drei tapfere Maͤnner. Thorgerd und Olaf hatten eine Tochter,
die Thurid hieß.
Die Ländereien, die Hrapp gehabt hatte, lagen wuͤſt, wie oben
geſchrieben iſt. Olaf ſchienen ſie guͤnſtig gelegen zu ſein; er
ſchlug es einmal feinem Vater vor, daß fie Leute zu Thorkel
Zipfel? mit der Mitteilung ſchicken wollten, daß Olaf ihm das
Land von grappsſtadir und die anderen dazu gehörenden
Grundſtuͤcke abkaufen wolle. Das Geſchaͤft war leicht erledigt,
der Kauf wurde abgeſchloſſen, denn Thorkel hielt dafuͤr, daß
eine Kraͤhe in der Hand ihm mehr wert fei als zwei im Walde.
Sie machten ihren Zandel ſo, daß Olaf drei Mark Silber fuͤr
das Land zahlen ſollte. Aber die Vorteile dabei ſtanden nicht
gleich, denn es waren weite und ſchoͤne und ſehr gewinn⸗
bringende Ländereien; gute Lachsfifchereien und Seehunds⸗
plaͤtze gehörten dazu; auch waren da große Wälder.
Etwas talaufwaͤrts von Zoͤskuldsſtadir, aber noͤrdlich vom
Cachswaſſer, war eine Rodung in den Wald geſchlagen, und
1 Der Grabhügel wird noch jetzt gezeigt. ? Vgl. Kap. 18 (S. 61).
82
man konnte ſich ziemlich darauf verlaſſen, daß Olafs Vieh ſich
dort ſammelte,! mochte die Witterung gut oder ſchlecht fein.
Es war in einem Zerbſte, daß in der ſelben Lichtung Olaf einen
Zof bauen ließ aus den Staͤmmen, die dort im Walde ge⸗
ſchlagen waren;? ein Teil kam auch vom Treibholz ſtrande.
Dieſer Zof war anſehnlich. Die Gebaͤude ſtanden den Winter
über leer. Im Sruͤhling darauf wollte Olaf dort einziehen und
ließ vorher fein Vieh zuſammentreiben, das war eine große
Maſſe geworden, denn keiner am Breidifjord war damals
reicher an Vieh.
Olaf ſandte nun zu ſeinem Vater mit der Bitte, daß er draußen
ſtehen und ſich den Zug anſehen ſolle, wenn Olaf in dieſen
neuen Hof einziehen würde, und daß er ſegnende Worte aus⸗
ſpraͤche. Zoͤskuld ſagte, das ſolle fo geſchehen. Olaf ordnete nun
alles an, er ließ zuerft das Schafvieh treiben, das am ſcheuſten
war; dahinter kam das Milchvieh. Darnach wurde das Gelt⸗
vieh getrieben; zum Schluß kamen die Packpferde. Die Leute
waren ſo in dem Juge verteilt, daß im Marſch kein Zaken ge⸗
ſchlagen wurde. Die Spitze des Juges war an dem neuen
Zofe im gleichen Augenblick angekommen, da Olaf aus dem
Zofe von Goddaſtadir abritt,? und im Zuge war nirgends eine
Cuͤcke.
Zoͤskuld ſtand draußen mit den Leuten feines Hofes. Da ſprach
Zoͤskuld, fein Sohn Olaf ſolle willkommen fein und gute Zeit
haben auf dieſer neuen Wohnſtaͤtte, „und ſo ſagt mir meine
Ahnung, es wird geſchehen, daß ſein Name lange fortleben
wird.” Jorunn, feine Frau fagte: „Dieſer Magdsſohn hat ſchon
Reichtum genug dazu, daß fein Name fortleben wird.“
Gerade, als die Knechte die Laften von den Packpferden abge⸗
laden hatten, ritt Olaf in den Hof. Da nahm er fo das Wort:
„Nun ſoll den Maͤnnern die Neugierde geſtillt werden, wie
diefer Hof heißen wird, worüber den ganzen Winter hindurch
1 Diefe Bemerkung begründet die wahl des Namens für den Hof, den Olaf
dort anlegt. Sonderbar iſt, daß hier nicht das Bauholz erwähnt wird,
das Olaf von König Harald erhalten hatte. Daß der islaͤndiſche, wald Bau:
holz geliefert habe, iſt ſagenhafte Ausſchmuͤckung. Der Zug müßte bar:
nach etwa fünf Kilometer lang geweſen fein!
6* 83
geredet worden iſt. Er fol heißen: im Zjardarholt.“! Diefer
Name ſchien den Leuten gut erfunden nach dem, was da vor⸗
gegangen war.
Olaf richtete nun die Wirtſchaft ein in Zjardarholt. Der Hof
war bald in praͤchtigem Stande; da fehlte es an nichts. Nun
ſtieg Olafs Anſehen ſehr. Dazu trug mancherlei bei; Olaf war
vor allen andern beliebt, denn, wenn er ſich darauf einließ, et⸗
was zu entſcheiden in Streitſachen der Maͤnner, ſo war jeder
wohl zufrieden mit ſeinem Teil. Sein Vater unterſtuͤtzte ihn
kraͤftig in ſeiner Stellung. Olaf empfing auch eine große Staͤr⸗
kung durch ſeine Verbindung mit den Myrarmaͤnnern. Olaf
galt als der maͤchtigſte unter den Söhnen 3oͤskulds.
Im erſten Winter, den Olaf in Sjardarholt zubrachte, hatte
er viele Zausleute und Arbeiter; die ganze Arbeit war ver⸗
teilt unter den Knechten; einer hatte für das Geltvieh, ein ande⸗
rer fuͤr die Milchkuͤhe zu ſorgen. Der Ochſenſtall lag abſeits
im Walde, ziemlich entfernt vom Hofe. Eines Abends kam der
Mann zu Olaf, der das Geltvieh zu beſorgen hatte, und bat
ihn, einen andern Mann für die VDiehwartung zu beſtimmen,
„ich moͤchte gern eine andere Arbeit haben.“ Olaf antwortete:
„Ich will, daß du deine Arbeit behaͤltſt wie bisher.“ Der Mann
ſagte, dann wolle er lieber fort. „Da muß etwas nicht in Ord⸗
nung fein,“ ſagte Olaf, „ich will heute abend mit dir gehen,
wenn du das vieh im Stall anbindeſt, und wenn ich da etwas
finde, das dich entſchuldigt, will ich nichts weiter ſagen, andern⸗
falls wirſt du deinen gebuͤhrenden Teil ſchon bekommen.“ Olaf
nahm ſeinen mit Gold eingelegten Speer in die Zand, das
Köͤnigskleinod; er ging nun aus dem Haufe und der Knecht
mit ihm. Es lag etwas Schnee auf der Erde. Sie kamen zum
Stall, der ſtand offen; Olaf ſagte, daß der Knecht hineingehen
ſolle: „Ich werde dir die Kinder zutreiben, und du bindeſt ſie
dann an.“ Der Knecht ging auf die Stalltuͤr zu. Aber ehe Olaf
ſichs verſah, kam der Knecht zuruͤck ihm in die Arme ge⸗
laufen. Olaf fragte ihn, was ihn ſo erſchreckt habe. Er ant⸗
wortete: „Hrapp ſteht in der Stalltuͤr und wollte nach mir
langen, und ich habe die Ringerei mit ihm ſatt.“ Olaf trat nun
Auf der Heerdenyalde, vgl. S. 83, Anm. I.
84
zur Tür und ftieß mit dem Speer nach ihm. Zrapp griff mit
beiden Händen um die Tülle der Spige und drehte fie zur
Seite, fo daß gleich der Schaft zerbrach. Olaf wollte da auf
Hrapp zuſtuͤrzen, aber Zrapp verſank dort, wo er ſtand. So
trennten fie ſich: Olaf hatte den Schaft und Hrapp die Spitze.
Darauf band Olaf mit dem Knecht die Rinder feſt, und fie
gingen dann heim. Olaf ſagte zu dem Knecht, er würde ihm
keine Vorwuͤrfe mehr machen für feine Worte. Am naͤchſten
Morgen ritt Olaf aus dem Zofe nach der Stelle, wo Zrapp
unter einem Steinhaufen beigeſetzt war und ließ dort nach⸗
graben. Zrapp war da noch unverweſt. Dort fand Olaf auch
ſeine Speerſpitze. Darauf ließ er einen Scheiterhaufen er⸗
richten, Zrapp wurde verbrannt und feine Aſche ins Meer
hinausgeſchafft. Von da ab kam es nicht mehr vor, daß jeman⸗
dem durch Widergaͤngerei von Hrapp ein Leid geſchah.
25. Streit zwiſchen Hrut und Soͤskuld.
Bolli, der Sohn Thorleiks, wird geboren
un ſoll von Zoͤskulds Söhnen erzählt werden. Thorleik,
Zoͤskulds Sohn, war ein großer Seefahrer geweſen und
hatte auf feinen Zandelsfahrten bei vornehmen Leuten Auf:
enthalt gefunden, ehe er einen Hof uͤbernahm, und galt als
hervorragender Mann; er war auch auf Wikingfahrt geweſen
und man ruͤhmte die Tapferkeit, die er dabei bewieſen hatte.
Bard, Zoͤskulds Sohn, war auch Seefahrer geweſen und hoch⸗
geſchaͤtzt, wohin er kam, denn er war der beſte Geſell und mild in
allen Dingen. Bard verheiratete ſich und nahm eine Frau vom
Breidifjord, die Aſtrid hieß; fie war aus guter Samilie. Ein
Sohn des Bard hieß Thorarin, eine Tochter Gudny; fie ver:
heiratete ſich mit Hall, dem Sohne des Totſchlag⸗Styr,! von
ihnen ſtammt eine lange Geſchlechterreihe.
Zrut, Zerjolfs Sohn, gab einem feiner Knechte die Freiheit,
der Zrolf hieß, dazu einiges Gut und eine Zofſtelle an der
Grenze gegen Zoͤskulds Land hin, und zwar ging die Mark⸗
ſcheide ſo nahe voruͤber, daß die Hrutleute ſich verſehen und
den Freigelaſſenen auf das Land Hösfulds geſetzt hatten. Er
1 Vgl. S. 29, Anm. 2.
85
erwarb ſich da bald ein Vermögen. Dem Zoͤskuld gefiel das ſehr
wenig, daß Zrut ihm den Freigelaſſenen vor die Naſe geſetzt
hatte, er verlangte, daß ihm der Freigelaſſene den Grund be⸗
zahle, auf dem er wohne — „denn das iſt mein Eigentum.“
Der Freigelaſſene kam zu Brut und berichtete ihm, was Soͤs⸗
kuld mit ihm geſprochen hatte. Zrut befahl ihm, ſich nicht dar⸗
um zu kuͤmmern und Hösfuld nichts zu bezahlen; „ich weiß
nicht,“ ſagte er, „wem von uns beiden dieſes Land gehoͤrt.“
Der Freigelaſſene kehrte nun heim und ſaß auf feinem Hofe
gerade ſo wie zuvor.
Bald darauf zog Thorleik, Zoͤskulds Sohn, mit Juſtimmung
feines Vaters auf den Hof des Sreigelafienen mit einigen
Leuten; fie nahmen ihn gefangen und töteten ihn, aber Thor⸗
leik eignete ſich das ganze Dermögen an und feinem Vater, das
der Sreigelaffene ſich erworben hatte. Das erfuhr Hrut und
war uͤbel damit zufrieden, ebenſo ſeine Soͤhne. Sie waren
zum großen Teil völlig erwachſen, und dieſe Samilientruppe
ſchien unangreifbar. Hrut ſuchte feftzuftellen, wie von Rechts⸗
wegen dieſe Streitſache ablaufen muͤßte. Als ſie aber von
den Kechtskundigen unterſucht wurde, fiel die Entſcheidung
nicht zugunſten der Partei Hruts aus; die Männer legten
großes Gewicht darauf, daß der Freigelaſſene von Hrut auf
Zoͤskulds Land ohne deſſen Erlaubnis angeſiedelt war und ſich
dort Dermögen erworben hatte. Thorleik hatte ihn auf feinem
und feines Vaters Grund getötet. Hrut war wenig mit dem
Ausgang zufrieden, aber es blieb ſo, wie es war. Darauf ließ
Thorleik auf dem Grenzgebiet zwiſchen Hruts und Hösfulds
Land einen Hof bauen, der heißt Rambsnes. Da wohnte Thor:
leik eine Zeitlang, wie vorher erzählt wurde.! Thorleik bekam
einen Sohn von ſeiner Frau. Der Knabe wurde mit Waſſer
benetzt und erhielt einen Namen: er wurde Bolli genannt; er
war bald ein wunderſchoͤnes Kind.
26. goͤskuld ſtirbt
oͤs kuld, der Sohn des Roll von den Tälern, wurde krank
in ſeinen alten Tagen. Er ſandte nach ſeinen Soͤhnen und
1 Dal. Rap. 20 zu Anfang. Da wohnt Thorleik ſchon auf dem Hofe Kambs⸗
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andern Verwandten. Und als fie gekommen waren, ſprach
Zoͤskuld zu den beiden Brüdern Bard und Thorleik: „Ich
fuͤhle eine gewiſſe Beſchwerde in mir; ich war immer frei von
irgend welchen Anfaͤllen;! daher glaube ich, daß dieſe Krank⸗
heit mir den Tod bringen wird. Nun ſteht es ſo, wie euch beiden
bekannt iſt, daß ihr zwei meine ehelichen Soͤhne ſeit und auf
das geſamte Erbe nach meinem Tode Anſpruch habt; aber da
iſt noch mein dritter Sohn, der nicht in der Ehe geboren iſt. Nun
will ich euch zwei Bruͤder bitten, daß Olaf zum Erbe zu⸗
gelaſſen werde und den dritten Teil des Gutes neben euch
bekomme.“ Bard antwortete zuerft und ſagte, daß er tun wolle,
was der Vater wuͤnſche: „Denn ich erwarte mir Ehre von Olaf
in jeder Beziehung, um fo mehr, je reicher an Gut er ift.” Da
ſprach Thorleik: „Das iſt ganz und gar nicht meine Meinung,
daß Olaf fuͤr erbberechtigt erklaͤrt werde; Olaf hat ſchon Gut
genug; du haſt, Vater, dafuͤr ſchon viel von dem deinen hin⸗
gegeben und feit langer Zeit uns, die andern Brüder, ſehr
zuruͤckgeſetzt; ich werde gutwillig die Ehre nicht aufgeben, zu
der ich geboren bin.“ Hoͤskuld ſprach. „Nicht werdet ihr beide
mir das geſetzliche Recht verwehren wollen, daß ich zwoͤlf Öre?
einem Sohne gebe, der muͤtterlicherſeits fo vornehmer Abkunft
iſt wie Olaf.“ Thorleik war damit einverftanden. Darauf ließ
Zoͤskuld den Goldring Zakon⸗ Kleinod holen — er war eine
Mark ſchwer — und das Schwert, das Kleinod desſelben
Königs, das auf eine halbe Mark Goldes zu ſtehen kam, und
ſchenkte beides ſeinem Sohne Olaf zum Erbe, zugleich mit
ſeinem guten Gluͤck und dem ſeiner Vorfahren; er ſage das
nicht, als ob es ihm unbekannt waͤre, daß das Gluͤck ſchon
bei Olaf eingekehrt ſei.
Olaf nahm die Kleinode und ſagte, er wolle es darauf an⸗
kommen laſſen, wie Thorleik ſich damit abfinde. Der war un⸗
zufrieden und meinte, daß Zoͤskuld hinterliſtig gegen ihn
nes, der hier erſt nach dem Zwift mit Hrut angelegt wird. Im Kap. 19 da⸗
gegen wird erzählt, daß Frut den Hof Kambsnes gebaut habe.
1 Typiſche Wendung, vgl. S. 57, 1. 2 Soͤskuld benutzt liſtig die Einwilli⸗
gung Thorleiks und berechnet das Erbteil Olafs auf zwoͤlf Öre Gold, d. h.
mindeſtens auf das achtfache. ° Vgl. S. 46 (die Mark hat acht re).
87
verfahren ſei. Olaf erwiderte: „Ich werde die Kleinode nicht
hergeben, Thorleik, denn du haft vor Zeugen eine ſolche Be⸗
gabung zugelaſſen. Ich werde es alſo darauf ankommen laſſen,
ob ich das Gut feſthalten kann.“ Bard ſagte, er wolle ſich mit
dem Willen feines Vaters einverftanden erklaͤren. Darauf ſtarb
Zoͤskuld. Das ſchien ein großer Verluſt, zuerſt vor allem für
feine Söhne und alle feine Verwandten und Freunde. Seine
Soͤhne ließen einen wuͤrdigen Grabhuͤgel uͤber ihm aufwerfen.
Nur wenig Gut wurde ihm in den Hügel mitgegeben. Und als
das beſorgt war, begannen ſich die Bruͤder daruͤber zu be⸗
ſprechen, daß fie Vorbereitungen für ein Erbmahl zum Andenken
ihres Vaters treffen wollten, denn ſo war es der Brauch in
jener Zeit. Da ſprach Olaf: „Mir ſcheint es, daß wir nicht fo
ſchnell dieſe Bewirtung veranſtalten koͤnnen, wenn ſie ſo wuͤr⸗
dig werden ſoll, wie wir es für geziemend halten; der Zerbſt
iſt nun ſchon weit vorgeſchritten, daher iſt es nicht leicht, alles
Notwendige anzuſchaffen. Es wird auch den meiſten Maͤnnern,
die von weit herkommen muͤßten, unbequem fallen in den Herbſt⸗
tagen; und es ſteht ſicher zu erwarten, daß viele ſich nicht ein⸗
finden werden, deren Kommen wir gerade beſonders wuͤnſchen
wuͤrden. Ich will mich vielmehr dazu bereit erklaͤren, naͤchſten
Sommer beim Thing den Maͤnnern dieſe Einladung anzu⸗
ſagen. Ich werde den dritten Teil der Koſten zur Bewirtung
beiſteuern.“ Dem ſtimmten die Brüder zu und Olaf kehrte nun
heim.
Thorleik und Bard teilten das Erbe unter ſich. Bard bekam
den väterlichen Hof, dazu rieten die meiſten Maͤnner, weil
er der Beliebtere war. Thorleik bekam mehr bewegliches
Gut. Die Bruͤder Olaf und Bard ſtanden gut miteinander,
aber zwiſchen Olaf und Thorleik war ein ziemlich feind ſeliges
Verhaͤltnis. Nun ging der Winter hin und der Sommer kam
und die Jeit des Things ruͤckte heran. Die Soͤskuldsſoͤhne
machten ſich nun auf zum Thing. Bald zeigte ſich klar, daß
Olaf weit uͤber die Bruͤder angeſehen ſein wuͤrde. Und als ſie
zum Thinge gekommen waren, zelteten ſie ihre Bude auf und
richteten alles ſchoͤn und vornehm ein.
88
27. Olaf erbietet ſich, Bolli, den Sohn
Thorleiks, zu erziehen
ines Tages, wird erzaͤhlt, als die Maͤnner zum Geſetz⸗
felfen gingen, da ſtand Olaf auf, bat um Ruhe für ſich
und zeigte zuerſt den Maͤnnern den Heimgang feines Vaters
an: „gier ſind nun viele Maͤnner, die ſeine Verwandten oder
Freunde waren. Es iſt der Wille meiner Brüder, daß ich euch
zum Erbmahl einlade, dem Andenken Zoͤskulds, unferes
Vaters, zu Ehren, zunaͤchſt alle Boden, denn die meiſten vor⸗
nehmeren Maͤnner ſind wohl verwandtſchaftlich irgendwie mit
ihm verknuͤpft geweſen; ich ſoll auch erklaͤren, daß keiner von
den anſehnlicheren Maͤnnern ohne Geſchenk von uns gehen
wird. Ferner wollen wir die Bonden einladen und jeden, der
es annehmen will, reiche und arme; man ſoll ſich zu einer vier⸗
zehntaͤgigen Bewirtung in Zoͤskuldsſtadir einfinden, wenn es
zehn Wochen bis Winteranfang ſind.“
Und als Olaf feine Rede geſchloſſen hatte, da folgte lauter
Beifall, man fand dieſes Gebot uͤberaus großartig. Und als
Olaf in die Thingbude zuruͤckgekehrt war, erzaͤhlte er ſeinen
Bruͤdern, was er angeſagt hatte. Sie waren wenig erbaut da⸗
von und meinten, die Sache ſei uͤbertrieben.
Nach dem Thing ritten die Brüder nach Haufe. Der Som:
mer ging nun hin. Die Brüder ruͤſteten ſich zu der Be⸗
wirtung; Olaf gab uͤber ſein Drittel hinaus ohne zu kargen,
und fuͤr die Bewirtung wurde die beſte Fuͤrſorge getroffen;
große Vorräte wurden angeſchafft für dieſe Bewirtung,
denn man nahm an, daß eine Maſſe Gaͤſte kommen wuͤrden.
Und als der Tag da war, erzaͤhlt man, waren die meiſten
vornehmen Maͤnner gekommen, die zugeſagt hatten. Es war
da eine ſo große Menge, daß nach allgemeiner uͤberliefe⸗
rung nichts an neunhundert fehlte. Dies iſt die zweitgrößte
Bewirtung in Island geweſen, die erſte war, als die Söhne
des Hjalti nach dem Tode ihres Vaters das Erbmahl hielten; da
waren zwoͤlfhundert.! Die Bewirtung bei den Zoͤskulds ſoͤhnen
1 Hjalti nahm Land an der Oſtſeite des Skagafiord (Hjalta⸗Tal). Gemeint
ſind hier Großhunderte zu 120.
89
war in jeder Beziehung ganz großartig, und die Brüder hatten
große Ehre davon; Olaf aber erfchien durchaus als der Erſte
unter ihnen. Olaf hielt ſich in den Geſchenken gleich mit den
beiden Bruͤdern zuſammengenommen; es bekamen aber alle
Vornehmeren Gaben.
Und als die meiſten Gaͤſte ſich auf den Weg gemacht hatten,
ſuchte Olaf eine Ge legenheit, mit feinem Bruder Thorleif zu
ſprechen und ſagte: „So liegt es, Bruder, wie du weißt, daß
zwiſchen uns kein beſonderes Verhaͤltnis geweſen iſt. Nun
moͤchte ich vorſchlagen, daß wir uns von nun an etwas bruͤ⸗
derlicher mit einander ſtellen. Ich weiß, du biſt unzufrieden
damit, daß ich die Kleinode nahm, die mir mein Vater an
ſeinem Todestage gegeben hat. Wenn du nun glaubſt, hier⸗
durch benachteiligt zu ſein, ſo will ich um deiner guten Mei⸗
nung willen es uͤbernehmen, deinen Sohn aufzuziehen, denn
immer hat der fuͤr den geringeren Mann gegolten, der einem
andern ein Kind aufzieht.“ Thorleik nahm das wohl auf und
ſagte, das ſei ein ehrenvolles Anerbieten, wie es auch wirk⸗
lich war. Olaf nahm nun Bolli mit ſich, den Sohn Thor⸗
leiks. Er war damals drei Winter alt. Sie ſchieden nun in
groͤßter Herzlichkeit voneinander und Bolli folgte Olaf nach
Zjardarholt. Thorgerd nahm ihn freundlich auf, Bolli wurde
dort aufgezogen, und Olaf und Thorgerd hatten ihn nicht
weniger lieb als ihre eignen Kinder.
28. Olafs Rinder
Ou und Thorgerd hatten einen Sohn; der Knabe wurde
mit Waſſer benetzt und ihm ein Name gegeben; Olaf
ließ ihn Rjartan nennen nach Myrkjartan, feinem Muttervater.
Bolli und Kjartan waren faſt gleichalt. Sie bekamen dann noch
mehrere Kinder. Steinthor hieß ein Sohn, dann Halldor, Helgi.
und Hösßuld hieß der jüngfte Sohn Olafs. Bergthora hieß eine
Tochter Olafs und der Thorgerd, und Thorbjörg eine zweite.
Alle ihre Kinder waren vielver ſprechend als fie aufwuchſen.
In dieſer Zeit wohnte Holmgang: Berfi! im Saurbò auf dem
ı Zweitampfs:Berfi, der Schweſterſohn des Hos kuld (Ray. 9) iſt bekannt aus
der Kormaksſaga.
90
Zofe, der Tunga heißt. Er reiſte zu Olaf und erbot ſich, feinen
Sohn Zalldor aufzuziehen. Das nahm Olaf an, und Berſi
brachte Halldor mit ſich heim; er war damals einen Winter alt.
Im Sommer wurde Berſi krank und lag lange danieder waͤh⸗
rend dieſer Jeit. Eines Tages, wird erzaͤhlt, waren die Leute
beim geumachen in Tunga, aber die beiden im Haufe zuruͤck⸗
geblieben, Haldor und Berſi; Halldor lag in der Wiege. Da
fiel die Wiege um mit dem Knaben und er aus der Wiege auf
den Boden. Berſi war da nicht imſtande, zu ihm hinzugehen.
Da ſprach Berſi folgende Verſe:
Da liegen wir beide
mit lahmen Gliedern,
Zalldor und ich,
hilflos beide.
Mich zwingen die Jahre,
zu jung biſt du.
Bei dir wirds beſſer,
bei Berſi nimmer.
Dann kamen Leute und hoben Zalldor auf vom Fußboden,
Berſi aber erholte ſich. Halldor wurde dort aufgezogen und war
groß und kuͤhn.
Kjartan, Olafs Sohn, wuchs daheim auf in Zjardarholt. Er
war der ſchoͤnſte aller Männer, die in Island geboren find.
Er hatte große Züge und dabei ein wohlgeformtes Geſicht, die
aller ſchoͤnſten Augen, helle Geſichtsfarbe; fein Haar war voll
und ſchoͤn wie Seide, es fiel in Locken herab, er war groß und
kraͤftig, fo wie fein Muttervater Egil oder Thorolf! geweſen
waren. Kjartan war mehr als jeder andere zur Vollkommenheit
entwickelt, ſo daß alle ihn bewunderten, die ihn ſahen. Er war
auch ein beſſerer Sechter als die meiſten andern, ſehr geſchickt
und der beſte Schwimmer. In allen Fertigkeiten übertraf er
die andern bei weitem; er war der beſcheidenſte Menſch und ſo
liebens wuͤrdig, daß jedes Kind ihn gern hatte; er war muntern
Sinns und freigebig mit feinem Gut. Olaf liebte Kjartan am
meiſten von allen feinen Kindern.
Bolli, fein Ziehbruder, war groß an Wuchs; er kam Kjartan
1 Thorolf, Egils Bruder.
91
am naͤchſten in allen Fertigkeiten und an Tuͤchtigkeit; er war
ſtark und ſchoͤn von Anſehen, ritterlich und ganz wie ein rech⸗
ter Kriegsmann, ſehr prächtig in feinem Auftreten. Die bei⸗
den Ziehbruͤder hatten ſich ſehr lieb.
Olaf ſaß nun auf feinem Zofe, während fo eine ganze Reihe
von Jahren verging.
29. Olaf holt Bauholz aus Norwegen und
baut eine große Halle. Vermaͤhlung der
Thurid mit Geirmund Laͤrm
ines Srühlings, wird erzählt, erklaͤrte Olaf feiner Frau
Thorgerd, daß er beabſichtige, nach Norwegen zu reiſen.
„Ich bitte, daß du unfern Hof und die Rinder huͤteſt.“ Thor:
gerd erwiderte, ſie ſei gar nicht damit zufrieden, aber Olaf
ſagte, er beſtehe auf ſeinem Willen. Er kaufte ein Schiff, das
in Vadil ! im Weſtlande lag. Olaf ſegelte aus im Sommer
und kam mit feinem Schiff nach Hordland. Dort wohnte ein
Mann etwas landeinwaͤrts, der Geirmund Laͤrm hieß, ein maͤch⸗
tiger und reicher Mann und ein großer Wikinger; ein ſtreit⸗
ſuͤchtiger Mann war er, hatte ſich nun aber ruhig gehalten
und war ein Gefolgsmann Jarl Zakons, des Maͤchtigen;?
Geirmund kam zum Schiff und machte ſich bald mit Olaf be⸗
kannt, denn er hatte von ihm reden hoͤren. Geirmund lud
Olaf zu ſich ein mit ſoviel Mann, als er mitbringen wolle.
Das nahm Olaf an und begab ſich zum Gaſtbeſuch mit fünf
Mann. Olafs Schiffsleute wurden an verſchiedenen Orten
in Zordland untergebracht. Geirmund bewirtete Olaf gut:
es war ein ſtattlicher Hof und viele Männer beiſammen; man
war ſehr vergnuͤgt den Winter uͤber. Als es aber auf
Wintersende zuging, gab Olaf dem Geirmund Beſcheid über
ſeine Abſichten, daß er ſich Bauholz beſorgen wolle; er ſagte,
es kaͤme ihm viel darauf an, gute Hölzer zu bekommen. Geir⸗
mund antwortete: Jarl gakon hat den beiten Forſt, und ich
1 Eine Bucht an der Nordkuͤſte des Breidifjords, jetzt Hagavadall. ? Ein
Beirmund bringt dem Jarl Hakon die erſte Nachricht von dem Nahen der
Jomswikinger (Seimskringla, Saga des Olaf Tryggvaſon Kap. 38). Der
Geir mund der Laxdſ. iſt zu dieſer Zeit ſchon tot.
92
weiß beftimmt, daß, wenn du den Jarl aufſuchſt, der Wald
dir zur Verfuͤgung ſtehen wird; denn der Jarl nimmt Leute
freundlich auf, die nicht ſo vortreffliche Maͤnner ſind wie du,
wenn fie an feinen Hof kommen.
Im Srühjahr machte Olaf fich auf die Reife zum Jarl Hafon;
der Jarl empfing ihn mit größter Freundlichkeit und lud Olaf
ein, bei ihm zu bleiben, ſo lange er wolle. Olaf ſagte dem Jarl,
wie es mit feiner Reife ſtuͤnde, — „ich möchte Euch bitten, Herr,
uns Euren Sorft freizugeben, damit wir uns Bauholz ſchlagen
koͤnnen.“ Der Jarl antwortete: „Daran ſoll nichts geſpart wer⸗
den, wenn du mit dem Holz, das wir dir ſchenken werden, dein
Schiff befrachten willſt, denn ich finde, daß nicht alle Tage
ſolche Maͤnner aus Island uns beſuchen.“ Aber zum Abſchied
gab ihm der Jarl eine Axt mit in Gold getriebener Arbeit,
das war ein koſtbares Stuͤck. Sie ſchieden dann voneinander
in groͤßter Zerzlichkeit.
Geirmund ordnete heimlich die Verwaltung feiner Landgüter,
er beabſichtigte zum Sommer nach Island zu reiſen auf dem
Schiffe Olafs; das hatte er vor jedermann geheim gehalten.
Olaf erfuhr nichts davon, bis Geirmund ſein Gut auf das
Schiff Olafs bringen ließ, das war ein großes Vermoͤgen.
Olaf ſprach: „Du ſollteſt nicht auf meinem Schiffe reiſen,
wenn ich das vorher gewußt haͤtte, denn ich fuͤrchte, es wird
Leute auf Island geben, für die es beſſer wäre, wenn fie dich
nie zu Geſicht bekaͤmen. Doch nun biſt du einmal da mit ſo
großem Gut, fo daß ich nicht Luft habe, dich wegzujagen wie
einen hund.“ Geirmund ſagte: „Ich werde nicht zuruͤckbleiben,
wenn du auch ziemlich hohe Töne anſchlaͤgſt; denn ich habe
mir nun einmal vorgenommen, auf gut und boͤſe Euer Sahr⸗
gaſt zu ſein.“
Olaf und ſeine Leute ſtiegen an Bord und gingen in See. Sie
hatten guten Wind und erreichten den Breidifjord; ſie legten
dann die Stege an Land in der Lachsflußmuͤndung. Olaf ließ
das Holz ausladen und brachte das Schiff in dem Schuppen
unter, den ſein Vater hatte bauen laſſen. Olaf lud Geirmund
zu ſich zum Aufenthalt ein.
1 Der Text iſt hier unſicher.
93
In diefem Sommer ließ Olaf eine Zerdhalle in Zjardarholt
bauen, groͤßer und beſſer, als man ſie je geſehen hatte. Es
waren da beruͤhmte Sagen dargeſtellt an der Wandtaͤfelung
und ebenfo an der Decken verkleidung; das war alles fo ſchoͤn
gearbeitet, daß die Salle viel prächtiger erſchien, wenn keine
Teppiche aufgehaͤngt waren.
Geirmund kuͤmmerte ſich gewohnlich nicht um andere, war un⸗
freundlich gegen die meiſten; er ging immer ſo einher, daß er
einen roten Scharlachrock trug und darüber einen grauen Pelz⸗
mantel, auf dem Kopfe eine Kappe von Baͤrenfell, in der Zand
ein Schwert; das war eine ſtarke und gute Waffe, der Griff aus
Walroßzahn; Silber ſchmuck war nicht daran, aber die Klinge
war ſcharf, an der hielt kein Roft, Dies Schwert nannte er
Sußbeißer und ließ es nie aus der Zand.
Geirmund war nicht lange Jeit dort, da faßte er Neigung zu
Thurid, der Tochter Olafs, und kam bei Olaf mit einem Zei⸗
ratsantrage zutage, doch der gab ihm eine Abſage. Darauf
machte Geirmund der Thorgerd Geſchenke, damit ſie ſeine Wer⸗
bung foͤrdern ſollte. Sie nahm die Geſchenke an, denn er bot ihr
nichts geringes. Dann brachte ſie dieſe Sache vor Olaf zur
Sprache; ſie ſagte ihm auch, es ſei ihre Meinung, daß ihre Toch⸗
ter nicht beſſer verheiratet werden koͤnne: — „denn er iſt einer,
der ſich vor nichts fuͤrchtet, reich und ſtolzen Sinnes.“ Da ant⸗
wortete Olaf: „Ich will in dieſem ebenſowenig wie in anderem
gegen deinen Willen ſein, doch haͤtte ich Thurid lieber mit einem
andern Mann verheiratet.“ Thorgerd ging weg, und es ſchien
ihr, daß ſie ihren Auftrag gut ausgerichtet hatte. Sie ſagte
nun Geirmund, wie die Sache ſtand. Er dankte ihr fuͤr ihre
Hilfe und ihr kraͤftiges Eingreifen; Geirmund trug darauf Olaf
zum zweiten Male ſeine Werbung vor, und nun hatte er keine
Schwierigkeiten mehr. Darauf verlobte ſich Geirmund mit
Thurid, und die Hochzeit ſollte gegen Ende des Winters in der
Zerdhalle gefeiert werden. Bei dieſem Sefte waren ſehr viele
Menſchen, die Zalle war nun ganz vollendet. An dieſem Feſte
nahm Ulf, der Sohn des Uggi, teil; er hatte ein Gedicht ge⸗
macht auf Olaf, Hösfulds Sohn, und über die Sagen, die in
der Halle dargeſtellt waren und trug das bei dem Feſte vor.
94
Dieſes Gedicht wird die Hausdrapa genannt und iſt gut ge⸗
dichtet. Olaf gab ihm reichen Lohn dafür. Er beſchenkte auch
freigebig alle vornehmen Maͤnner, die zu ihm gekommen waren.
Nach dieſer Bewirtung ſtand Olaf noch groͤßer da als vor⸗
her.
30. Geirmund verlaͤßt Thurid. Sie raubt
ihm das Schwert Sußbeißer. Er legt einen
Fluch auf das Schwert
as eheliche uſammenleben der beiden, Geirmunds und
der Thurid, war nicht beſonders gut, und das lag an
beiden Teilen. Drei Winter war Geirmund bei Olaf, bis er
Luft bekam, fortzugehen, und zwar erklaͤrte er, daß Thurid
dableiben ſolle und ebenſo ihre Tochter, die Groa hieß. Das
Maͤdchen war da ein Jahr alt; aber Geld wollte Geirmund
nicht hinterlegen. Damit waren Thurid und ihre Mutter
aͤußerſt unzufrieden und ſie ſagten es Olaf. Olaf aber ſprach
da: „Wie nun, Thorgerd? iſt nicht der Norweger jetzt ebenſo
ſtolzen Sinnes wie in jenem Zerbſt, als er dich bat, feine
Schwieger zu werden?“ Sie erreichten gar nichts bei Olaf,
denn er war ein Seind alles Streits, er ſagte, das Mädchen
ſolle nur dableiben, bis es einigermaßen erzogen ſei. Und zum
Abſchied von Geirmund ſchenkte ihm Olaf das Zandelsſchiff
mit aller Ausruͤſtung. Geirmund dankte ihm lebhaft und
ſagte, das ſei eine ganz großartige Gabe. Darauf machte er
das Schiff klar und ſegelte ab aus der Lachswaſſermuͤndung
vor einem leichten Nordoſt, und der Wind hoͤrte auf, als ſie
zu den Inſeln hinausgekommen waren. Er lag bei der Ochſen⸗
infel einen halben Monat, ohne Fahrwind zu bekommen.
In diefer Zeit war Olaf fort vom Zofe und auf feinem Treib⸗
holz ſtrand beſchaͤftigt. Da rief feine Tochter Thurid Knechte zu
ſich und befahl ihnen, ihr zu folgen. Sie hatte auch das Kind
mit ſich; zehn waren es zuſammen. Sie ließ das Reiſeboot zu
Waſſer bringen, das Olaf beſaß. Thurid befahl ihnen, den
Srammsfjord hinaus zu fegeln und zu rudern. Und als fie
zu den Inſeln gekommen waren, ließ ſie die Jolle aus ſetzen,
1 Bruchſtuͤcke dieſes Gedichtes find erhalten.
95
die zu dem Keifeboor gehörte. Thurid flieg in die Jolle und
mit ihr zwei Mann, die Juruͤckbleibenden ſollten das Schiff
hüten, bis fie wiederkaͤme. Sie nahm ihr Mädchen in die
Arme und befahl den Männern über die Strömung zu rudern,
bis ſie an Geirmunds Schiff herankaͤmen. Sie holte einen
Bohrer aus dem Kaſten am Steven und gab ihn dem einen
Mann in die Zand, er ſollte in das Boot des Seeſchiffes ſteigen
und das Boot ſo anbohren, daß es leck wuͤrde, wenn man es
eilig gebrauchen muͤßte. Dann ließ ſie ſich an Land ſetzen und
hatte ihr Maͤdchen in den Armen. Es war gerade die Zeit des
Sonnenaufgangs. Sie ging die Laufbrüde entlang auf das
Schiff. Alle Maͤnner lagen im Schlaf. Sie ging zu dem Schlaf⸗
ſack, in dem Geirmund ſchlief. Das Schwert Sußbeißer hing
neben ihm an einem Krummholz. Thurid ſetzte nun das kleine
Maͤdchen, die Groa, auf den Schlafſack, hob den Sußbeißer ab
und nahm ihn mit ſich. Sie ging herab vom Schiff und zu
ihren Gefaͤhrten. Nun fing das Maͤdchen an zu weinen. Da⸗
von erwachte Geirmund und richtete ſich auf und erkannte
das Kind und dachte ſich gleich, wie das zuſammenhing. Er
ſpringt auf und will das Schwert an ſich reißen und greift ins
Leere, wie zu erwarten war. Er tritt an die Reeling und ſieht,
wie ſie gerade vom Schiff wegrudern. Geirmund ruft ſeine
Leute auf und heißt fie ins Boot ſpringen und ihnen nach⸗
rudern. Das tun ſie, aber ſie ſind nicht weit gekommen, da
ſehen fie, daß die tiefdunkle See ! zu ihnen hineinſtroͤmt; da
kehren ſie zum Schiff zuruͤck.
Nun rief Geirmund Thurid an und bat ſie, umzukehren und
ihm das Schwert Sußbeißer wiederzugeben. „Und nimm du
dein Maͤdchen zuruͤck und mit ihm ſoviel Geld, als du willſt.“
Thurid fagte: „Wuͤrdeſt du dich lieber dazu verſtehen, als das
Schwert hingeben?“ Geirmund antwortete: „Viel andres Gut
noch wuͤrde ich opfern, ehe ich mich entſchließen koͤnnte, das
Schwert zu miſſen.“ Sie ſprach: „Dann ſollſt du es niemals
wieder bekommen; du haſt dich in vielem nicht ehrenhaft ge⸗
gen mich gehalten; ſo ſoll es nun zwiſchen uns zu Ende ſein.“
Da ſprach Geirmund: „Kein Gluͤck wird es dir bringen,
1 Formelhafte verbindung (‚die See dunkel wie Kohle‘).
96
wenn du das Schwert mit dir nimmſt.“ Sie fagte, fie wolle
es drauf ankommen laſſen. „So möge es ausgeſprochen fein,“
ſagte Geirmund, „daß diefes Schwert dem Manne in eurer
Samilie das Leben nehmen ſoll, deſſen Tod für euch der ſchwerſte
Verluſt iſt und euch am tiefſten trifft.“ Darauf fuhr Thurid
heim nach Zjardarholt. Auch Olaf war unterdeſſen nach
Zauſe gekommen und zeigte ſich wenig zufrieden mit dem,
was ſie getan hatte, aber es geſchah nichts weiter. Thurid gab
ihrem Vetter Bolli das Schwert Sußbeißer, denn ihn liebte fie
nicht minder als ihre Bruͤder; Bolli trug dieſes Schwert ſeit⸗
dem immer.
Nun bekam Geirmund guten Sahrwind. Sie gingen in See
und kamen im Herbft nach Norwegen. Sie ſegelten in einer
Nacht auf eine Untiefe vor Stattland, ! Geirmund und alles,
was auf dem Schiffe war, ertrank, und damit endet die Er⸗
zaͤhlung von Geirmund.
31. Olafs Töchter. Der Stier Harri.
Olafs Traum
O laf, Zoͤskulds Sohn, ſaß auf feinem Hof in hohen Ehren,
wie oben geſchrieben iſt.
Gudmund hieß ein Mann, der Sohn des Soͤlmund. Er wohnte
auf Asbjarnarnes? im Vidital im Nordlande. Gudmund war
ein reicher Mann; er hielt um Thurid an und bekam ſie mit
großem Gut. Thurid war eine kluge Frau, hohen Sinnes und
von uͤberragendem Weſen. Ihre Söhne? hießen Hall und Bardi,
Stein und Steingrim, Gudrun hieß eine Tochter und die zweite
Oloͤf.
Thorbjörg, die Tochter Olafs, war ſehr ſchoͤn und kraͤftig;
man nannte fie Thorbjoͤrg die Starke; fie wurde in den Vatns⸗
fiord* im Weſtland mit Asgeir, den Sohn des Knott, ver⸗
1 Oft erwaͤhntes vorgebirge an der weſtkuͤſte Norwegens, ſuͤdweſtlich von
Aaleſund. 2 Asbjarnarnes liegt nicht eigentlich im vidit al, ſondern weft:
lich des Sees Hop, in den der Sluß des viditals mündet. ? von ihnen han:
delt ausführlich die Heidarvigaſaga; über Bardi vgl. auch unten Kap. 53 ff.
* Yatnsfiord, eine Bucht mit gleichnamigem Hof im Innern des Iſaffardar⸗
djup (nordweſtl. Island). Thorbjoͤrg rettet in großherziger weiſe Grettir
aus den Händen der Bauern des Vatnsfjiords (Grettisſaga Kap. 52).
7 Meißner, Lachstalſaga 97
heiratet. Er war ein angeſehener Mann. Ihr Sohn war
Kiartan, deſſen Sohn Thorvald, deſſen Sohn Thord, deſſen
Sohn Snorri, deſſen Sohn Thorvald.! Das iſt das Geſchlecht
der Leute vom Vatnsfjord. Später wurde Thorbjoͤrg die Frau
Vermunds, des Sohnes des Thorgrim.? Ihre Tochter war
Thorfinna, die mit Thorftein, dem Ruggifohne, vermaͤhlt
war. |
Bergthora, die Tochter Olafs, wurde in den Djupafjord! im
Weſtland verheiratet mit Thorhall dem Goden. Ihr Sohn
war Kjartan, der Vater des Schmiede⸗Sturla; er war der
Pflegevater des Thord, des Sohnes des Gils.
Olaf hatte viele wertvolle Stuͤcke in ſchreitendem Gut. Er be⸗
ſaß einen guten Ochſen, der Harri hieß, von apfelgrauer Sarbe,
größer als ſonſt ein Rind. Er hatte vier Hörner, zwei waren
groß und ſtanden regelmaͤßig, ein drittes ſtand grad in die
Höhe und das vierte ſtand ihm aus der Stirn hervor und bog
ſich herunter vor den Augen; das war fein Eispickel.“ Er
ſcharrte wie die Pferde. In einem Winter, der ſehr hart fuͤr
das Vieh war, ging er fort aus Zjardarholt und dorthin ins
Talgebiet, wo jetzt Harraftadir liegt. Da zog er umher während
des Winters mit ſechzehn Kindern und ver ſchaffte ihnen allen
Gras. Im Srühling kam er zuruͤck auf den Weidegrund, wo
jetzt Harrabol liegt in der Gegend von Hjardarholt. Als arri
achtzehn Jahr alt war, fiel ihm ſein Eispickel vom Kopfe ab
und im Zerbſt des ſelben Jahres ließ ihn Olaf ſchlachten.
In der naͤchſten Nacht traͤumte Olaf, daß eine Frau zu ihm kam,
die war groß und grimmig. Sie fing an zu ſprechen: „Schläfft
du?“ Er fagte, er wache. Die Frau ſprach: „Du ſchlaͤfſt, aber
doch wirſt du alles ſo kommen ſehen, als haͤtteſt du mich
wachend angehoͤrt. Meinen Sohn haſt du toͤten laſſen und ihn
mir übel zugerichtet heimgeſchickt, deshalb werde ich es dahin
bringen, daß du auch einen Sohn in ſeinem Blute ſollſt liegen
ſehen; und den werde ich dazu auserſehen, von dem ich weiß,
I Diefer Thorvald, ein Schwiegerſohn des Snorri Sturluſon, wurde 1228 ge:
toͤtet. Vgl. oben S. 29. Thorkel Kuggi, oben S. 36. An der Korb:
kuͤſte des Breidifjord. 5 Eigentlich ‚Brunnenwecker, zum Aufhauen des
eiſes, wenn die Tränkeftellen zugefroren waren.
98
daß du ihn am ſchwerſten hingibft.” Darauf verſchwand fie.
Olaf wachte auf und glaubte noch einen Schimmer von der
Stau zu ſehen. Olaf machte ſich viele Gedanken über den
Traum und erzählte ihn feinen Freunden, aber niemand konnte
ihn ſo deuten, daß es Olaf gefallen haͤtte. Am liebſten hoͤrte
er die daruͤber reden, die ihm ſagten, es ſei nur ein taͤuſchendes
Traumgeſpinſt, das ſich da gezeigt habe.
32. Oſvifr auf Laugar und feine
Familie
foifr hieß ein Mann; er war der Sohn des Zelgi,
des Sohnes des Ottar, des Sohnes des Björn vom
Oſten, des Sohnes des Ketil Slachnaſe, des Sohnes des Björn
Buna. Die Mutter des Oſvifr hieß Ylidbjörg, ihre Mutter
Kadlin, die Tochter des Goͤngu⸗Hrolf!, des Sohnes des Ochſen⸗
Thorir; der war ein mächtiger Herfe im Oſten, in Wik, geweſen.
Er wurde ſo genannt, weil er drei Inſeln und auf jeder achtzig
Ochſen hatte. Er ſchenkte eine Inſel mitſamt den Ochſen dem
Bönig Harald, dieſe Gabe war allgemein berühmt. Oſvifr war
bekannt wegen feiner Klugheit. Er wohnte auf Laugar im
Saͤlingstal. Der Hof Laugar liegt weſtlich des Saͤlingstal⸗
waſſers gegenuͤber von Tunga. Seine Frau hieß Thordis, die
Tochter des Thjodolf des Kurzen. Oſpak hieß ihr Sohn, der
zweite Helgi, der dritte Dandrad, der vierte Torrad, der fünfte
Thorolf. Alle waren ſtreitbare Männer. Oſvifrs Tochter hieß
Gudrunz ſie war von allen Srauen, die in Island aufgewachſen
waren, die erſte an Schoͤnheit und Verſtand; vornehm war
Gudrun, fo daß in jener Zeit neben ihr alles Kinderſpiel zu
ſein ſchien, womit andere Frauen prunken wollten. Vor allen
andern Frauen einſichtig war ſie und des Wortes maͤchtig; ſie
war freigebig. Eine Frau lebte auf Oſvifrs Hofe, die Thor⸗
halla hieß und die Geſpraͤchige genannt wurde.: Sie war irgend⸗
1 Hrolf, der zu Suß ging, weil kein Roß ihn tragen konnte, iſt der Eroberer
der Normandie. ? Thorhalla hat ihren Beinamen wohl lediglich daher, weil
fie durch ihr Geſchwaͤtz die veranlaſſung zum Überfall auf Kjartan gibt (Kap.
47), daß die Söhne auch geſchwaͤtzig geweſen fein ſollen, iſt nur der müßige
Einfall eines Schreibers. In der Saga reden fie kein Wort.
7° 99
wie mit Oſvifr verwandt. Zwei Söhne hatte fie; der eine hieß
Odd, der andere Stein. Es waren kraͤftige Männer, recht ein
Paar ſtarke Steinewaͤlzer für die Wirtſchaft des Oſvifr. Bes
ſpraͤchig waren ſie auch wie ihre Mutter und nicht beſonders
beliebt; doch hatten fie eine feſte Stuͤtze an den Söhnen des
Oſvpifr.
In Tunga wohnte ein Mann, der Thorarin hieß, der Sohn des
Thorir Saͤling; er war ein tuͤchtiger Wirt. Thorarin war groß
und ſtark. Er hatte gutes Land, aber weniger bewegliches Gut.
Oſvifr wollte Land von ihm kaufen, denn er hatte Mangel da⸗
ran und eine Menge Vieh. Es kam dann fo, daß Oſvifr aus
Thorarins Beſitz das ganze Land kaufte von Gnupuſkoͤrd das
Tal entlang auf beiden Seiten des Waſſers bis nach Stakkagil;
das iſt gutes und brauchbares Land. Er richtete da Saͤterwirt⸗
ſchaft ein. Immer hatte er großes Geſinde; die Zaushaltung
war im allerbeſten Stand.
Im Weſtland, im Saurboͤ, liegt ein Hof Hol. Da wohnten zwei
Brüder mit ihrem Schwager. Thorkel Huͤndlein und Knut
waren die Brüder, Männer aus angeſehener Samilie. Ihr
Schwager, der mit ihnen wirtſchaftete, hieß Thord. Er wurde
nach ſeiner Mutter bezeichnet und Sohn der Ingunn! genannt.
Der Vater des Thord war Glum, der Sohn des Geiri. Thord
war ein ſtattlicher und ruͤſtiger Mann, geſchickt in ſeinem Weſen
und groß in Prozeß ſachen. Thord hatte die Schweſter Thor:
kels zur Srau, die Aud hieß; fie war weder ſchoͤn noch gewandt.
Thord liebte ſie wenig; er hatte es hauptſaͤchlich auf das Geld
abgeſehen, denn da war ein großes Dermögen beiſammenz ihre
Wirtſchaft gedieh, ſeit Thord mit hinzugekommen war, ſich
ihrer anzunehmen.
33. Der weiſe Geſt deutet die Traͤume der
Gudrun
Go, der Sohn des Oddleif, wohnte in Zagi am Barda⸗
ſtrand im Weftland.? Er war ein großer Häuptling und
1 Hach der Mutter, weil er den vater früh verloren hatte (vgl. den Anfang
von Kap. 57). Der vater war ein berühmter Skalde. Hagi, Hof weſtlich
der zu Anfang von Kap. 29 erwähnten Bucht vadil, die heute nach Geſts
Hof Hagavadall heißt. Beft, der Seher, kommt in mehreren erzaͤhlungen vor.
100
klugen Verſtandes, er hatte Sehergabe in pielen Dingen, war
gut befreundet mit allen größeren Männern im Lande, und
viele ſuchten ihn heim, um ſich Rats zu erholen. Er ritt jeden
Sommer zum Thing und kehrte regelmäßig in Hol ein.
Einmal trug es ſich zu, daß Geſt nach dem Thing ritt und · in Hol
uͤbernachtet hatte. Er brach morgens zeitig auf, denn die Tages⸗
ſtrecke war lang. Er gedachte abends in Thykkvaſkog bei feinem.
Schwager Armod zu fein; dieſer hatte Thorunn, Geſts Schwe
fter, zur Frau. Ihre Söhne waren Örnolf und Zalldor. Geſt ritt . Er
an dem Tage von Saurboͤ ſuͤdwaͤrts weiter und kam zur warmen
Quelle im Saͤlingstal und raſtete da etwas. Gudrun kam zur
Quelle und begruͤßte ihren Verwandten! Geſt herzlich. Geſt
nahm ihren Gruß wohl auf, und ſie kamen ins Geſpraͤch mit⸗
einander, ſie waren beide klug und wortgewandt. Und als die
Zeit verging, ſagte Gudrun: „Ich bitte dich, Lieber, daß du
heute abend zu uns reiteſt mit deiner ganzen Schar; das iſt
zugleich der Wunſch meines Vaters, wenn er mir auch die
Ehre goͤnnt, dieſe Einladung zu uͤberbringen, ebenſo bittet er,
daß du jedesmal bei uns einkehrſt, wenn du von Haufe oder
nach Zauſe reiteſt.“ Geſt nahm das wohl auf und ſagte, das
ſei ein großartiges Anerbieten, doch muͤſſe er ſo weit reiten,
als er ſichs vorgenommen habe.
Gudrun ſprach: „Viel habe ich zuſammengetraͤumt den letz⸗
ten Winter uͤber, doch ſind es vier Traͤume, die mir beſonders
Gedanken machen; und keiner hat ſie mir ſo gedeutet, daß es
mich befriedigt haͤtte; aber doch moͤchte ich nicht, daß ſie mir
nur nach Wunſch und Gefallen gedeutet werden.“ Da ſagte
Geſt: „Erzähle deine Träume; es wäre möglich, daß wir etwas
draus machen koͤnnen.“
Gudrun ſprach: „Es war mir, als ſtuͤnde ich draußen an einem
Bach und hätte eine Jakenhaube auf dem Kopfe; die ſchien mir
nicht zu ſtehen, und ich hatte große Luft, eine andere aufzu ſetzen;
aber viele redeten mir zu, ich ſolle das nicht tun; doch ich hoͤrte
nicht darauf und riß mir die Haube vom Kopfe und warf
T roa, die Schweſter Oddleifs, des Vaters des Geſt, iſt die Urgroßmutter
der Gudrun. Der Sagaerzaͤhler hat bisher nichts Über die Verwandtſchaft
geſagt.
101
fie in den Bach be. — und laͤnger war dieſer Traum
nicht.“! a
Und weiter ſprach Casa: „Das war der Anfang des zweiten
Traumes, daß ich glaubte an einem See zu ſtehen. So war es
mir, als ff mir ein Silberring an den Arm gekommen, der mein
Eigentum war und mir ſehr wohl anſtand; es ſchien mir, als
ſet das ein koſtbares Kleinod, und ich hoffte, ihn lange zu beſitzen.
5 And ehe ich mich des mindeſten verſah, da glitt mir der Ring
boom Arm und in den See, und ich ſah ihn nimmer wieder;
dieſer Verluſt ſchien mich tiefer zu ſchmerzen, als wenn ich mir
den Fall vorſtellte, daß ich ein Schmuckſtuͤck verloren haͤtte.
Darauf erwachte ich.“ Geſt ſagte nur: „Dieſer Traum iſt nicht
weniger bedeutend.“
Weiter ſprach Gudrun: „Mein dritter Traum war, daß es
mir vorkam, als haͤtte ich einen Goldring am Arm, der mein
Eigentum war; ich dachte, daß mir mein Verluſt nun erſetzt
ſei; es kam mir in den Sinn, daß ich mich an dieſem Ring
vielleicht laͤnger freuen wuͤrde als an dem erſten, aber nicht
ſchien mir dieſer Schmuck um ſo beſſer anzuſtehen, als Gold
koſtbarer iſt wie Silber. Dann war es mir, als fiele ich und
wollte mich mit dem Arm ſtuͤtzen, aber der Goldring ſtieß auf
einen Stein und ſprang in zwei Stuͤcke, und aus den Stuͤcken
ſchien mir Blut zu fließen. Ich hatte mehr das Gefuͤhl der
Trauer als das des Verluſtes; es kam mir da in den Sinn,
daß ein Sprung an dem Ring geweſen fein koͤnnte; und als ich
die Bruchſtuͤcke darauf anſah, glaubte ich mehrere Spruͤnge
zu ſehen, und doch ſchien es mir, als waͤre er heil geblieben,
wenn ich ihn beſſer gehuͤtet haͤtte, und laͤnger war dieſer Traum
nicht.“ Geſt ſagte: „Die Traͤume werden nicht geringer.“
Und weiter ſprach Gudrun: „Das war mein vierter Traum,
daß es mir ſchien, als hätte ich einen goldenen Helm auf dem
Zaupte, der reich mit Edelſteinen beſetzt war. Der koſtbare
Helm war mein Eigentum, und es quälte mich, daß er mir zu
ſchwer war, denn ich konnte ihn kaum ertragen und trug den
Kopf gebeugt, aber ich gab doch dem Helme des halb keine Schuld
und dachte nicht daran, mich von ihm zu trennen; und doch
1 Hier iſt eine Bemerkung Geſts ausgefallen.
102
ſtuͤrzte er mir vom Haupte hinaus in den Hvammsfjord; und
darauf erwachte ich. Nun habe ich dir die Traͤume alle erzaͤhlt.“
Geſt antwortete: „Klar ſehe ich vor mir, was dieſe Traͤume be⸗
deuten, und es wird dir ſehr einfoͤrmig vorkommen, denn ich
werde ſie alle faſt in derſelben Weiſe auslegen.
Du wirſt vier Maͤnner haben, und ich fuͤrchte, wenn du dich
mit dem erſten vermaͤhlſt, daß das keine Neigungsheirat ſein
wird. Daß es dir fo vorkam, als haͤtteſt du eine große Haube
auf dem Kopfe, die dir nicht zu ſtehen ſchien, bedeutet, daß du
ihn wenig lieb haben wirft; und daß du dir die Haube vom
Kopfe nahmſt und ſie ins Waſſer warfſt, heißt, daß du ihn
verlaſſen wirſt. Man nennt es ja ins Waſſer geworfen, wenn
man ſein Eigentum weggibt und nichts dafuͤr bekommt.“
Und weiter ſprach Geſt: „Das war dein zweiter Traum, daß
es dir vorkam, als truͤgeſt du einen Silberring am Arm. Das
heißt, du wirſt einem andern Manne vermaͤhlt werden, einem
vortrefflichen; den wirft du ſehr lieb haben und nur kurze Zeit
dich an ihm freuen; es wird mir nicht unerwartet kommen,
wenn du ihn durch Ertrinken verlierſt; weiteres habe ich über
diefen Traum nicht zu fagen.
Das war dein dritter Traum, daß es dir vorkam, als trügft
du einen Goldring am Arme. So wirſt du einen dritten
Mann haben; nicht wird er dir mehr wert fein, wie dir auch
das ſeltnere und teurere Metall nicht mehr galt.! Und es
ſagt mir meine Ahnung, daß in dieſer Jeit ein Glaubens⸗
wechſel ſein wird, und dein Mann wird einen Glauben an⸗
genommen haben, von dem wir fuͤhlen, daß er viel erhabner
fein wird. Und wenn es dir vorkam, als ſpraͤnge der Ring in
Stuͤcke, und zwar mit durch dein Verſaͤumen, und als ſaͤheſt
du aus den Stuͤcken Blut fließen, ſo bedeutet das, daß dein
Mann erſchlagen wird; dann wirſt du ſelbſt die ſtarken Spruͤnge
ſehen, die in dieſem Eheband geweſen find.”
Und weiter ſprach Geſt: „Das war dein vierter Traum, daß
es dir vorkam, als haͤtteſt du einen Goldhelm auf dem Kopfe,
einen mit Edelſteinen beſetzten, der dir ſchwer zu tragen war.
1 Gudrun liebt Bolli nicht mehr als fie den zweiten Mann, Thord, geliebt
hat, obgleich er (als Chriſt) von edlerem metall iſt als dieſer.
103
So wirft du den vierten Mann haben: das wird ein ſehr großer
Zaͤuptling ſein, ein Mann, der dir etwas den Schreckenshelm
weiſen wird.! Und daß es dir ſchien, als ſtuͤrzte er hinaus in
den gvammsfjord, das bedeutet, daß er mit dieſem ſelben Sjord
Bekanntſchaft machen wird am letzten Tage feines Lebens;
weiter habe ich über dieſen Traum nichts zu ſagen.“
Gudrun war blutrot geworden, waͤhrend die Traͤume gedeutet
wurden, doch aͤußerte ſie kein Wort, ehe Geſt ſeine Rede be⸗
endet hatte. Dann ſagte Gudrun: „Du haͤtteſt beſſere Vor⸗
ausſagen in deiner Rede vorbringen konnen, hätte ich dir
beſſeres an die Hand gegeben. Doch habe Dank dafür, daß du
die Traͤume gedeutet haſt. Aber ſchwere Gedanken muß man
ſich machen, wenn dies alles fo eintreffen fol.“ Gudrun lud
nun Geſt aufs neue ein, daß er ſich einen Tag dort aufhalten
ſolle, fie ſagte, daß Oſvifr manch kluges Wort mit ihm reden
wuͤrde. Er antwortete: „Weiterreiten muß ich, wie es beſtimmt
iſt, aber deinem Vater ſollſt du meinen Gruß bringen, und ſag
ihm dieſe meine Worte, es werde ſo kommen, daß einſt zwiſchen
unſer beider Wohnſtaͤtten ein geringerer Abſtand ſein wird; da
werden wir beide bequem uns unterhalten koͤnne n, wenn es
uns dann noch erlaubt fein ſollte, miteinander zu ſprechen.“
Darauf ging Gudrun heim, aber Geſt ritt weiter und traf an
der Einhegung der Zauswieſe von Caugar einen Mann von
Olafs Hofe. Er lud Geſt im Auftrage Olafs nach Zjardarholt
ein. Geſt ſagte, er wolle Olaf am Tage beſuchen, aber uͤber⸗
nachten in Thykkvaſkog. Der Knecht kehrte gleich um und
ſagte Olaf, was er ausgerichtet hatte. Olaf ließ Pferde holen
und ritt mit einigen Leuten Geſt entgegen. Geſt und Olaf
trafen fi im Tal an der Cja. Olaf begrüßte ihn herzlich und
lud ihn mit ſeiner ganzen Schar zu ſich ein. Geſt dankte ihm
für die Einladung und fagte, er wolle auf feinen Hof reiten
und fein gausweſen beſehen, aber übernachten muͤſſe er bei
Armod. Geſt verweilte da nur einige Jeit und ſah ſich doch
überall um auf dem Hof und ſprach fein Lob über alles aus;
er ſagte, es ſei das Geld nicht geſpart für dieſen Hof. Olaf gab
ihm das Geleit auf den Weg bis zum Cachsfluß.
1 Findeutung auf den herriſchen Charakter des Thorkel. ? Vgl. Kap. 66.
104
Die Ziehbruͤder waren an dem Tage beim Schwimmen gewefen;
die Olafsſoͤhne waren die Anführer bei dieſem Vergnuͤgen. Viele
junge Maͤnner von andern Höfen hatten ſich zum Schwimmen
eingefunden. Kjartan und Bolli waren aus dem Waſſer gekom⸗
men, als die Schar auf den Fluß zuritt, und ſchon faſt ganz an⸗
gekleidet, als Geſt und Olaf herangeritten kamen. Geſt ſah dieſe
jungen Männer eine Zeitlang an und fagte dann Olaf, wo Kjar⸗
tan ſaß und wo Bolli; darauf wies Geſt mit der Speerſpitze
auf jeden einzelnen der Olafsſoͤhne und nannte ſie alle, die da
waren. Es waren dort aber noch viele andere ſehr ſtattliche
junge Maͤnner, die aus dem Waſſer gekommen waren und auf
dem Ufer neben Kjartan und feinen Brüdern ſaßen. An dieſen,
ſagte Geſt, fände er keine Züge von Olafs Geſchlecht.
Da ſprach Olaf: „Man kann wirklich nicht genug ſagen uͤber die
Gaben deines Geiſtes, Geſt, wenn du Maͤnner erkennſt, die
du vorher nie geſehen haſt; nun moͤchte ich noch, daß du mir
ſagſt, wer von dieſen jungen Maͤnnern der hervorragendſte
fein wird. Geſt antwortete: „Das wird ſich ganz fo erfüllen,
wie es deine gerzens liebe begehrt, daß Kjartan der am hoͤchſten
geprieſene ſein wird, ſo lange er lebt.“ Darauf ſpornte Geſt
ſein Pferd und ritt davon.
Und einige Jeit darauf ritt Thord der Kurze, ſein Sohn, an
ſeine Seite und ſprach: „Was ſoll das bedeuten, lieber Vater,
daß dir die Tränen herabrinnen? “ Geſt antwortete: „Es bringt
keinen Nutzen, das zu offenbaren, aber ich begehre doch nicht
daruͤber zu ſchweigen, was ſich in deinen Tagen ereignen wird;
nicht wird es mich uͤberraſchen, wenn Bolli Kjartans Haupt
blutig auf die Erde legt und wenn auch ihm deshalb das Todes⸗
los zu teil wird, aber furchtbar iſt es, das vorher zu wiſſen
bei ſo herrlichen Maͤnnern.“ Darauf ritten ſie zum Thing, und
es war ruhig auf dem Thinge.
34. Gudruns erſte Ehe
horvald hieß ein Mann, der Sohn Zalldors, des Goden
on Garpstal. Er wohnte auf Garpstal am Gilsfjord, !
ein reicher Mann, aber kein beſonderer Held. Er hielt um Bud:
i Nördlich vom Saurbb o —?
105
run, die Tochter des Dfvifr, auf dem Allthing an, als fie fünf:
zehn Jahre alt war. Dieſer Antrag wurde nicht von der Zand
gewieſen, doch ſagte ihm Oſvifr, es muͤſſe bei den Bedingun⸗
gen zum Ausdruck kommen, daß er Gudrun nicht ebenbuͤrtig
ſei. Thorvald antwortete nachgiebig, er ſagte, er werbe um die
Srau, nicht um das Geld. Darauf wurde Gudrun dem Thor⸗
vald verlobt, und Oſvifr beſtimmte allein den Zeirats vertrag;
und es wurde ausgemacht, das Gudrun allein das Vermoͤgen
verwalten ſolle, ſobald ſie in ein Bett gekommen waͤren, und
die Hälfte des Ganzen ſolle ihr Eigentum fein, ob nun ihre
Ehe kuͤrzere oder längere Zeit beſtuͤnde. Serner ſolle er ver⸗
pflichtet fein, ihr Schmuck und Frauenſachen zu kaufen, in dem
Maße, daß keine gleichvermoͤgende Frau beſſer ausgeſtattet
wäre als fie, doch ſolle er natürlich deshalb den Hof nicht zu⸗
grunde richten. Die Leute ritten nun heim vom Thinge.
Gudrun wurde bei dieſer ganzen Sache nicht gefragt, doch ver⸗
hehlte ſie ihr Mißfallen nicht, es blieb aber ruhig. Die Zochzeit
fandeEnde des Sommers in Garpstal ſtatt. Wenig Neigung hatte
Gudrun fuͤr Thorvald und war beſchwerlich in der Anſchaffung
von Frauenſachen. Da gab es keine noch ſo koſtbaren Stuͤcke in
den Weſtfjorden, daß nicht Gudrun es fuͤr angemeſſen hielt,
ſie in ihren Beſitz zu bringen, und ſie zeigte ſich feindſelig gegen
Thorvald, wenn er ſie nicht kaufte, wie viel ſie auch koſten
mochten.
Thord, der Sohn der Ingunn, machte ſich vertraut bei Thor⸗
vald und Gudrun und war viel bei ihnen. Da gab es großes
Gerede darüber, daß zwiſchen Thord und Gudrun ein Liebes
verhaͤltnis beſtehe.
Es geſchah einmal, daß Gudrun Thorvald um Anſchaffung
von Srauenfachen anging. Thorvald ſagte, fie wiſſe nicht, was
Maß ſei und gab ihr einen Backenſtreich. Da ſprach Gudrun:
„Nun haſt du mir das gegeben, was wir Frauen fuͤr ſehr
wichtig halten, daß wir es nach Wunſch beſitzen, naͤmlich
eine gute Geſichtsfarbe, und du haſt mir eine Cehre gegeben,
dich nicht mehr durch meine Anſpruͤche zu belaͤſtigen.“ Am
ſelben Abend kam Thord dorthin, Gudrun erzaͤhlte ihm, wie
ſchmaͤhlich ſie behandelt worden ſei, und fragte ihn, wie ſie
106
das vergelten ſolle. Thord laͤchelte und fagte: „Dafür weiß
ich einen guten Rat. Mach' ihm ein Zemd mit einem Zalsaus⸗
ſchnitt, der zur Scheidung genuͤgt, ! und erklaͤre dann aus die⸗
ſem Grunde die Scheidung.“ Gudrun antwortete nichts dar⸗
auf, und ſie brachen das Geſpraͤch ab.
Im Fruͤhling darauf erklaͤrte Gudrun, daß ſie ſich von Thor⸗
vald ſcheide, und kehrte nach Laugar zuruͤck. Darauf wurde die
Vermögensteilung zwiſchen Thorvald und Gudrun vorge⸗
nommen, und fie bekam die Hälfte des ganzen Vermoͤgens und
hatte nun mehr als vorher. Zwei Winter waren fie zuſammen
geweſen.
In demſelben Fruͤhjahr verkaufte Ingunn ihr Land am Kroks⸗
fjord,? wo Ingunnarſtadir liegt, und zog weſtwaͤrts nach
Skalmarnes.“ Sie war mit Glum, dem Sohne des Geiri, ver⸗
heiratet geweſen, wie oben gefchrieben iſt. In dieſer Zeit wohnte
der Bode Hallftein auf Hallfteinsnes weſtlich von Thorſkafjord.“
Er war ein maͤchtiger Mann und von mittlerer Beliebtheit.
35. Thord ſcheidet ſich von Aud und hei⸗
ratet Gudrun. Thord ertrinkt infolge der
Zauberei des Kotkel
Run hieß ein Mann, der vor kurzem nach Island aus⸗
gewandert war. Grima hieß feine Frau. Ihre Söhne
waren Zallbjoͤrn Schleifſteinauge und Stigandi. Dieſe Leute
ſtammten von den Hebriden. Alle waren ſie in geheimen Rünften
bewandert und die größten Zauberer. Hallftein der Gode nahm
fie in feinen Schutz und ſiedelte fie in Urdir im Sfalmarfjord®
an, aber man ſah es nicht gern, daß ſie da wohnten.
In dieſem Sommer reiſte Geſt zum Thing und fuhr zu Schiff
nach dem Saurbö, wie er gewöhnlich tat. Er uͤbernachtete auf
1 So tief, daß man die Bruſtwarzen ſehen konnte, d. h. ein Semd mit dem
tiefen Halsausſchnitt des Srauenhemdes, vgl. das naͤchſte Kapitel. Kroks⸗
fiord, Meeresbucht weſtlich vom Gils ford. Halbinſel an der Kordkuͤſte
des Breidifjord zwiſchen Stalmarfiord und Kerlingarfſord. Der Thorſka⸗
fiord liegt weiter öͤſtlich an derſelben Kuͤſte. Mit dieſem Hallſtein kann nur
der Sohn des Thorolf von Moſtr gemeint ſein, der oben als Vater des Thor⸗
ſtein Surt erwähnt iſt (Kap. 10, vgl. auch S. 33, Anm. 3). Dieſer kann aber
damals nicht mehr gelebt haben. S. Anm. 3.
107
Hol im Saurbd. Die Schwaͤger liehen ihm Pferde, wie gewoͤhn⸗
lich. Thord, der Sohn der Ingunn, ſchloß ſich Geſt an und
kam nach Laugar im Saͤlingstal. Gudrun, die Tochter des
Oſvifr, ritt zum Thinge, und Thord, der Sohn der Ingunn,
begleitete ſie.
Es war eines Tages, als fie über die Blaſkogaheide! ritten
— das Wetter war ſchoͤn — da ſprach Gudrun: „Iſt das
wahr, Thord, daß deine Frau Aud immer in Zoſen geht mit
einem Schlußſtuͤck und mit Wadenſtreifen, die ganz hinunter
bis zu den Schuhen gewickelt find!“ Er ſagte, er habe das
nicht bemerkt.? „So ift wohl nicht viel daran,“ ſagte Gud⸗
run, „wenn du es nicht bemerkt haſt; aber aus welchem
Grunde nennt man fie da goſen⸗Aud? / Thord ſprach: „Ich
vermute, daß ſie noch nicht lange ſo genannt wird.“ Gudrun
antwortete: „Das mag ſie wohl mehr angehen, daß ſie dieſen
Namen von jetzt an lange tragen wird.“
Nun kamen die Männer zum Thing und es geſchah gar nichts
beſonderes. Thord machte lange Beſuche in der Thingbude des
Geſt und unterhielt ſich allezeit mit Gudrun. Eines Tages fragte
Thord, der Sohn der Ingunn, Gudrun, was einer Frau ge⸗
buͤhre, wenn fie immer in Zoſen gehe wie die Männer. Gud⸗
run antwortete: „Die gleiche Strafe hat die Frau da ihrer⸗
ſeits zu gewaͤrtigen, wie der Mann, der einen ſo großen Zals⸗
ausſchnitt trägt, daß man feine entblößten Bruſtwar zen ſehen
kann, es iſt ein Scheidungsgrund, eines wie das andere.“
Da ſprach Thord: „Was raͤtſt du mir: ſoll ich meine Schei-
dung von Aud hier auf dem Allthing erk laͤren oder daheim in
meinem Bezirk, wo ich es mit der Juſtimmung anderer tun
koͤnnte, denn die Maͤnner ſind ſtolzen Sinnes, die ſich durch
dieſen Schritt beleidigt fühlen werden.“ Gudrun antworteie
1 Heide bezeichnet im Islaͤndiſchen gewohnlich ein ddes Hochland, beſonders
wenn es die Waſſerſcheide zwiſchen zwei Talgebieten bildet. Mit Blaſkoga⸗
heide (Dunkelwaldheide) iſt hier das Hochland gemeint, das man uͤber⸗
ſchreitet, wenn man vom Borgarfiord nach Thingvellir reift. Es iſt ge:
meint, daß Aud in Hoſen geht und keine Srauenröde trägt (vgl. im gleichen
Kapitel weiter unten); die Beſchreibung der Maͤnnerhoſe laͤßt aber darauf
ſchließen, daß die Frauen unter ihren Röden kurze und im Schritt offne
Hoſen trugen.
108
nach einigem Stillſchweigen: „Auf den Abend harrt, wer un⸗
kuͤhn iſt.“ ! Da ſprang Thord gleich auf und ging zum Geſetz⸗
felſen und rief Zeugen an dafür, daß er feine Scheidung von
Aud erklaͤre, und gab das als Grund an, daß fie Hofen mit
einem Schlußſtuͤck truͤge, wie Mannweiber. Den Brüdern der
Aud gefiel das übel, doch blieb es ruhig. Thord ritt vom
Thinge mit den Söhnen des Oſvifr. Als aber Aud die Runde
vernahm, da ſprach ſie:
Mir iſts lieb, daß ichs weiß,
alſo verlaſſen bin ich.?
Darauf ritt Thord zur Vermoͤgensteilung hinuͤber nach dem
Saurbò mit elf Mann, und das ging ohne Schwierigkeit ab,
denn Thord ließ es ſich wenig kuͤmmern, wie das Vermoͤgen
geteilt wurde. Thord trieb viel Zausvieh heruͤber nach Caugar.
Darauf hielt er um Gudrun an; fein Antrag war Oſvifr
willkommen, und Gudrun ſprach nicht dagegen. Die Hochzeit
ſollte in Caugar fein, zehn Wochen vor Winteranfang; diefes
Seft war ſehr großartig. Das Zufammenleben von Thord und
Gudrun war gut. Thorkel Huͤndlein und Knut ſtrengten nur
deshalb keine Klage gegen Thord, den Sohn der Ingunn, an,
weil ſie nicht die noͤtige Unterſtuͤtzung fanden.
Im Sommer darauf hatten die Leute von Zol die Saͤter be⸗
zogen im Zvammstal. Aud war auf dem Saͤter. Die Leute
von Eaugar hatten die Saͤter im Lambatal bezogen, das geht
weſtlich vom Saͤlingstal ins Gebirge hinauf. Aud fragte den
Mann, der das vieh huͤtete, wie oft er den Zirten von Laugar
treffe. Er ſagte, das geſchehe taͤglich, wie es ja zu vermuten
war, denn es war nur ein Rüden zwiſchen den Almen. Da
ſprach Aud: „Du ſollſt heute mit dem Hirten von Laugar zu⸗
ſammenkommen und mir dann Beſcheid geben, wer von den
Leuten drüben auf dem Hofe und wer auf dem Saͤter iſt, und
ſprich nur ganz freund ſchaftlich von Thord, fo wie ſichs ge⸗
hört.“ Der Hirt ſagte, er wolle es fo ausrichten, wie fie be⸗
fohlen habe. Und abends, als der Zirt heim kam, fragte ihn
Aud, was er neues bringe. Der Hirt antwortete: „Eine Neuig⸗
1 Sprichwort mit Stabreim. ? vielleicht ein Zitet aus einem uns unbe:
kannten Gedicht.
109
keit habe ich erfahren, die dir gefallen wird, es iſt nun
eine breite Diele zwiſchen den Betten des Thord und der Gud⸗
run, denn ſie iſt auf dem Saͤter, und er bringt ſich um mit dem
Bau eines Schlafhauſes, und nur Oſpvifr iſt noch mit ihm auf
dem gofe.“ „Du haft gut gekundſchaftet,“ ſagte fie, „nun halte
zwei Pferde geſattelt, wenn die Leute ſchlafen gehn.“ Der
Hirt tat, wie fie befohlen hatte.
Und etwas nach Sonnenuntergang ſtieg Aud zu Pferde und
war da nun wirklich in Hofen, Der Zirt ritt das andre Pferd
und konnte ihr nur mit Muͤhe folgen, ſo wild jagte ſie vorwaͤrts.
Sie ritt ſuͤdwaͤrts über die Saͤlingstals heide und hielt nicht eher
inne als vor dem Hofgehege von Laugar. Da ſtieg fie ab und
fagte dem girten, er folle auf die Pferde achten, fo lange fie im
Haus ſei. Aud ging auf die Tür zu, fie war nicht verſchloſſen;
dann trat fie in das Herdhaus und ging nach der Kammer, in
der Thord lag und ſchlief. Die Tür war zu, aber kein Riegel vor:
geſchoben. Sie trat in die Kammer ein, Thord ſchlief und lag auf
dem Rüden. Da weckte Aud ihn auf, und er wandte ſich nach
der Seite, als er ſah, daß jemand gekommen war. Sie zuͤckte
ein Schwert und hieb nach ihm und verſetzte ihm eine ſtarke
Wunde, ſie traf ſeinen rechten Arm und verletzte ihn an beiden
Bruſtwarzenz; fie ſchlug fo feſt zu, daß das Schwert im Bett⸗
kaſten ſtecken blieb. Darauf ging Aud fort und kam zu ihrem
Pferde und ſaß auf und ritt dann heim.
Thord wollte aufſpringen, als er die Wunde empfing, aber er
konnte nicht, denn der Blutverluſt machte ihn ſchwach. Unter⸗
deſſen erwachte Oſvifr und fragte, was denn los ſei. Thord
ſagte, er habe eine Wunde bekommen. Oſpifr fragte, ob er
wiſſe, wer ihn uͤberfallen habe, und ſtand auf und verband
ſeine Wunden. Thord ſagte, er glaube, daß es Aud geweſen
ſei. Oſvifr erbot ſich, ihr nachzureiten, er ſagte, fie ſei wohl mit
geringer Begleitung gekommen, und ſo wuͤrde ihr ſchon die
gebuͤhrende Beſtrafung zuteil werden. Thord antwortete, das
ſolle keinesfalls geſchehen, er ſagte, ſie habe ſo gehandelt, wie
ſie handeln mußte.
Aud kam heim bei Sonnenaufgang und ihre Bruͤder fragten
fie, wo fie geweſen ſei. Aud ſagte, fie ſei in Laugar geweſen, und
110
erzählte ihnen, was ſich zugetragen hatte bei ihrer Fahrt. Sie
gaben ihre Freude kund darüber und ſagten, es fei nur zu
wenig geweſen. Thord lag lange an feinen Wunden danieder,
die Bruſtwunden heilten gut aus, aber ſein Arm war von nun
an keineswegs beſſer zum Jugreifen geſchickt als fruͤher. Still
blieb es nun den Winter uͤber.
Aber im Sruͤhjahr darauf kam Ingunn, Thords Mutter, ber:
uͤber aus Skalmarnes. Er nahm ſie wohl auf. Sie ſagte, Thord
muͤſſe ihr Boot ins Schlepptau nehmen, ſie habe ſo viel zu
leiden an Raub und Zexerei von Kotkel und feiner Frau und
feinen Söhnen, über denen der Bode YHallftein feine Zand
halte. Thord gab gleich ihrer Bitte Gehoͤr und ſagte, er würde
dieſe Diebe zur Rechenfchaft ziehen, und wenn ſich auch Hall:
ſtein entgegen ſtellen ſollte; er machte ſich ſofort auf den Weg
mit neun Mann. Ingunn reiſte auch heimwaͤrts mit ihnen.
Er verſchaffte ſich ein Reiſeboot in Tjaldanes. Dann ſegelten
ſie weſtwaͤrts nach Skalmarnes. Thord ließ alles bewegliche
Gut, das die Mutter dort hatte, an Bord bringen, aber das
Vieh ſollte über Land um die Sjorde getrieben werden. Zwölf
waren ſie im ganzen auf dem Schiff. Da war Ingunn und
eine andre Srau.
Thord kam zum Hofe Kotkels mit neun Mann. Die Söhne
Kotkels waren nicht zu Haufe. Darauf lud er Rotfel und
Grima und ihre Söhne vor wegen Diebſtahl und Zexerei
und klagte auf Sriedlofigfeit. Er lud fie vor das Allthing
und kehrte dann auf das Schiff zuruͤck. Da kamen Hall:
bjoͤrn und Stigandi heim, als Thord abgefahren, aber noch
nicht weit gekommen war; Kotkel erzählte feinen Söhnen,
was ſich da zugetragen hatte. Die Bruͤder wurden wuͤtend
daruͤber und ſagten, noch nie habe jemand ſo zum offenen
Schlage gegen fie ausgeholt in ſolcher Seindſeligkeit.! Darauf
ließ Kotkel ein großes Jaubergeruͤſt aufrichten. Sie ſtiegen
alle zuſammen hinauf. Da ließen ſie erklingen grimmig ge⸗
fügte Weiſen: das waren Zauberſpruͤche. Sofort brach ein
ſtarkes Unwetter los. Das verſpuͤrte Thord, der Sohn der Ing⸗
1 Die Vorladung vor Gericht gilt ſchon als Ehrverletzung (vgl. die Geſchichte
vom Suͤhner⸗Thorir Kap. 8).
111
unn und feine Befährten, die auf der See fuhren, wie gegen
fie das Wetter aufgeboten war. Das Schiff wurde nach Weiten!
gegen Skalmarnes getrieben. Thord zeigte große Unerſchrocken⸗
heit in der Schiffsfuͤhrung. Die Leute am Lande ſahen, daß er
alles, was das Schiff beſchwerte, außer den Menſchen uͤber
Bord warf; die Leute, die am Lande waren, glaubten ſchon,
daß Thord die Kuͤſte erreichen würde, da er bereits die Stellen,
wo die meiſten Klippen waren, hinter ſich hatte. Da erhob ſich
nahe dem Lande eine Brandung uͤber einer blinden Klippe,
von der kein Menſch ſich erinnerte, ſie je fruͤher bemerkt zu
haben; die Brecher trafen das Schiff mit ſolcher Gewalt, daß
gleich der Kiel nach oben ſchlug. Da ertrank Thord und alles,
was auf dem Schiffe war, aber das Schiff zerbrach in Späne,
und der Kiel trieb an die Inſel, die darnach Kielinſel genannt
wurde. Der Schild des Thord trieb auf die Inſel, die Schild⸗
inſel heißt. Die Leichen Thords und feiner Gefährten trieben
gleich dort ans Land; es wurde dort ein Hügel über fie auf⸗
geworfen; die Stelle heißt ſeitdem Zaugsnes.
36. Kotkel wird von Thorleik, dem Sohne
des Zoͤskuld, im Lachs waſſertal angeſiedelt
ieſe Geſchichte verbreitete ſich weit im Lande, und man
ſprach mit Entruͤſtung davon; man meinte, die Leute
ſeien des Todes ſchuldig, die ſolchen Zauber veruͤbten, wie
Kotkel und die Seinen ins Werk geſetzt hatten. Gudrun war
ſehr ergriffen vom Tode Thords, ſie war damals ſchwanger
und der Niederkunft nahe; Gudrun gebar einen Knaben; er
wurde mit Waſſer benetzt und Thord? genannt.
In dieſer Zeit wohnte Snorri der Bode in Helgafell; er war
ein Verwandter; des Oſvifr und fein Freund; Gudrun und die
Ihrigen hatten bei ihm auf ſichern Schutz zu rechnen. Snorri
kam nach Laugar, wohin er eingeladen war. Da klagte Gudrun
dem Goden Snorri ihre ſchwierige Lage, aber er verſprach
Sie wollten oftwärte nach dem Saurbd. Well der Vater vor der Geburt
geſtorben war. Snorris Srau Asdis, die Tochter des Viga⸗Styr (vgl.
S. 29, Anm. 2) iſt die Ururenkelin des Bjoͤrn vom Oſten. Oſpifr iſt fein
Urenkel, vgl. S. 99.
112
ihr Hilfe zu leiſten in der Sache, ſobald er es für richtig hielte,
und erbot ſich, um fie zu tröften, er wolle Gudruns Kind
aufziehen. Das nahm Gudrun an und ſagte, ſie wolle ſich ſeinen
Ratſchlaͤgen unterwerfen. Dieſer Thord wurde Katze genannt,
er iſt der Vater des Skalden Stuf.
Nun begab ſich Geſt, Oddleifs Sohn, zu Zallſtein dem Boden
und ließ ihm die Wahl zwifchen zwei Dingen, entweder ſolle
er dieſe Herenmeifter fortjagen, oder, ſagte er, er würde fie
umbringen — „und das haͤtte früher geſchehen ſollen.“! Hall:
ſtein entſchied ſich ſchnell und befahl ihnen fortzuziehen und
nicht Halt zu machen dies ſeits der Dalaheide,? er ſagte, es
waͤre beſſer geweſen, man haͤtte ſie umgebracht.
Darauf zog Kotkel mit den Seinen fort, fie hatten nicht mehr
Vieh mit ſich als vier Juchtpferde. Der Zengſt war ſchwarz,
groß und ſchoͤn und erprobt im Pferdefampf.? Über ihre Reife
wird nichts berichtet, bis ſie nach Kambsnes kamen zu Thorleik,
dem Sohne des Zoͤskuld. Er handelte mit ihnen um die Pferde,
denn er ſah, daß es koſtbare Tiere waren. Kotkel ſagte: „Ich
will dir einen Vorſchlag machen. Nimm die Pferde und gib
mir eine Hofftelle hier in deiner Naͤhe.“ Thorleik ſprach: „Da
würden mir die Pferde ziemlich teuer zu ſtehen kommen, denn
nach dem, was ich gehoͤrt habe, wuͤrdet ihr hier in dieſer Ge⸗
gend wohl Händel zu erwarten haben.“ Kotkel antwortete:
„Du denkſt dabei an die Leute von Caugar.“ Thorleik ſagte,
ſo ſei es. Da ſprach Kotkel: „Es verhaͤlt ſich doch etwas an⸗
ders mit unſerer Streitſache gegen Gudrun und ihre Bruͤder,
als dir berichtet worden iſt; man hat Schmach uͤber uns ge⸗
bracht ohne Veranlaſſung; dieſer Sache wegen kannſt du die
Pferde ruhig nehmen; nach allem, was man ſich von dir er⸗
zählt, werden wir den Leuten dieſer Gegend nicht preisge⸗
geben fein, wenn wir auf deinen Schutz rechnen konnen.“
Thorleik uͤberſchlug ſich die Sache, die Pferde ſchienen ihm
1 Sormelhaft. ? Er ſchiebt fie in die benachbarte Sysla ab. Der Name iſt
jetzt verſchollen.“ Man ließ Hengſte miteinander kaͤmpfen. Da die Beſitzer
ihre Pferde dabei anzutreiben hatten, gerieten fie leicht ſelbſt in Kampf
miteinander. Eine anſchauliche Schilderung eines Pferdekampfs ſteht 3. B.
in der Njalsſaga (Kap. 59).
8 Meißner, Lachstalſaga 113
prächtig und Kotkel batte fein Anliegen geſchickt vorgetragen.
So nahm alſo Thorleik die Pferde. Er gab ihnen eine gofſtelle
in Leidolfsftadir im Cachswaſſertal; er half ihnen auch mit Vieh
aus.
Das erfuhren die Leute von Laugar, und die Söhne des
Oſpifr wollten ſofort einen Angriff auf Kotkel und feine Söhne
machen. Oſvifr ſprach: „Halten wir uns an den Rat des Boden
Snorri und ſparen wir dieſes Werk andern auf, denn es wird
nicht lange dauern, bis die Nachbarn Kotkels nagelneue gaͤn⸗
del mit ihnen haben, und der größte Schaden wird, wie es
billig ift, den Thorleik treffen; bald werden viele feine Seinde
ſein, die ihm fruͤher Achtung erwieſen haben, aber ich werde
euch nicht abhalten, dem Kotkel und feinen Leuten fo viel
Boͤſes anzutun, wie es euch gefaͤllt, wenn nicht andere ſich fin⸗
den ſollten, fie aus unſerer Gegend zu treiben oder überhaupt
aus dem Wege zu ſchaffen, nachdem drei Winter vergangen
ſein werden.“ Gudrun und ihre Bruͤder ſagten, ſo ſolle es ſein.
Kotkel und und feine Leute arbeiteten nicht viel für ihren
Unterhalt, doch brauchten fie im Winter nicht Heu oder Lebens⸗
mittel zu kaufen; allen war es zuwider, daß ſie ſich angeſiedelt
hatten. Aber man traute ſich Thorleiks wegen nicht, ihr Zaus⸗
weſen zu ſtoͤren.
37. Kari, Hruts Sohn, wird durch Zauber
getoͤtet
2 s war eines Sommers während des Thing es, als Thor⸗
leik in ſeiner Thingbude ſaß, daß ein großer Mann in
die Bude eintrat. Er begruͤßte Thorleik und der erwiderte
den Gruß des Mannes und fragte ihn nach ſeinem Namen
und woher er ſei. Er ſagte, er heiße Eldgrim und wohne im
Gebiet des Borgarfjord auf dem Zofe, der Eldgrims ſtadir
heiße; und diefer Hof liegt in dem Tal, das ſich weſtlich in das
Gebirge zwiſchen Muli und Griſartunga einſchneidet; das
Tal heißt jetzt Grimstal. Thorleik ſagte: „Ich habe uͤber dich
ſprechen hoͤren, und zwar, daß du ein Mann von nicht kleinem
Sinne biſt.“ Eldgrim ſprach: „Das iſt mein Geſchaͤft hier, daß
ich dir die wertvollen Juchtpferde abkaufen will, die Kotkel
114
dir im vorigen Sommer gegeben hat.“ Thorleif antwortete:
„Die Pferde find mir nicht feil.“ Eldgrim ſagte: „Ich biete dir
ebenſoviele Zuchtpferde und noch eine Zugabe und viele werden
ſagen, daß ich dir den doppelten Wert anbiete.“ Thorleik
ſagte: „Ich bin kein Pferdehaͤndler, und dieſe Pferde bekommſt
du niemals, wenn du mir auch das Dreifache dafür bieteſt.“
Eldgrim ſagte: „Das iſt nicht gelogen, daß du großmaͤchtig
und eigenſinnig biſt. Ich moͤchte dir wuͤnſchen, daß du eine
weniger vorteilhafte Bezahlung bekaͤmeſt, als ich dir jetzt an⸗
geboten habe, und doch die Pferde hergeben muͤßteſt.“ Thor⸗
leik wurde dunkelrot bei dieſen Worten und ſagte: „Du wirſt
ſchon etwas mehr wagen muͤſſen, Eldgrim, wenn du mir die
Pferde abzwingen willſt.“ Eldgrim ſprach: „Es kommt dir
unwahrſcheinlich vor, daß du mir unterliegen koͤnnteſt, aber
dieſen Sommer werde ich kommen, mir die Pferde zu beſehen,
wem von uns beiden es beſchieden ſein mag, ſie in Zukunft zu
beſitzen.“ Thorleik ſagte: „Tue, was du mir androhſt, aber
komme mir nicht mit Übermacht.“ Darauf brachen fie das
Geſpraͤch ab. Das ſagten die Leute, die zugehoͤrt hatten, daß
da bei ihrem Wortwechſel keiner zu kurz gekommen ſei. Dar⸗
auf reiſten die Leute nach Haufe vom Thinge und es geſchah
gar nichts Beſonderes.
Es war eines Morgens in der Srübe, daß ein Mann ſich
draußen umſah beim Bonden Hrut, dem Sohn des Herjolf,
auf Hrutsſtadir. Und als er wieder herein kam, fragte ihn Hrut,
ob es etwas Neues gaͤbe. Er ſagte, er wuͤßte weiter nichts Neues
zu erzaͤhlen, als daß er habe einen Mann von druͤben durch
das ſeichte Waſſer heranreiten ſehen, dorthin, wo die Pferde
Thorleiks ſtuͤnden; der Mann ſei abgeſtiegen und habe ſich
mit den Pferden zu ſchaffen gemacht. Brut fragte, wo die
Pferde ſtuͤnden. Der Knecht antwortete: „Sie haben ſich wieder
an die gute Weide gehalten, ſie ſtanden in deinen Wieſen nicht
weit vom Gehege der Zofwieſe.“ Zrut ſagte: „Es iſt ſchon
wahr, daß mein Neffe Thorleik fich kein Gewiſſen daraus
macht, die Weide zu nehmen, wo er ſie findet, und ich glaube
nicht, daß die Pferde auf ſeinen Befehl fortgetrieben werden.“
Darauf ſprang Brut auf im Hemde und Leinenhoſen und warf
8° 115
einen grauen Mantel über ſich und nahm in die Hand die
große Streitart mit Goldſchmuck, die ihm der Koͤnig Harald
geſchenkt hatte.! Er ging hinaus mit einiger Haft und ſah,
daß ein Mann mit Pferden am Zofgehege vorüber ritt. Brut
trat ihm entgegen und ſah, daß Eldgrim? die Pferde vor ſich
hertrieb. Zrut gruͤßte ihn. Eldgrim erwiderte feinen Gruß,
aber etwas zoͤgernd. Hrut fragte, wohin er die Pferde treiben
wolle. Eldgrim antwortete: „Ich will dir das nicht verbergen,
obgleich ich weiß, daß du ein Verwandter Thorleiks biſt: ſo
bin ich zu den Pferden gekommen, daß ich gedenke, ſie ihm
niemals wieder zu geben. Ich habe auch das ausgefuͤhrt, was
ich ihm auf dem Thinge gelobte, daß ich nicht mit einer großen
Schar die Pferde holen wollte.“ Hrut fagte: „Das ift kein
beſonderer Mut, wenn du die Pferde wegnimmſt, waͤhrend
Thorleik in feinem Bett liegt und ſchlaͤft. Du wirft das am
beſten aus fuͤhren, was ihr miteinander ausgemacht habt,
wenn du ihn triffſt, ehe du mit den Pferden aus unſrer Gegend
reiteſt.“ Eldgrim ſprach: „Laß es Thorleik wiſſen, wenn du
willſt, du ſiehſt ja, ich habe mich ſo vorbereitet, daß es mir nur
gefallen konnte, wenn Thorleik und ich zuſammentraͤfen,“ —
und dabei ſchwenkte er den Zakenſpeer, den er in der Hand
hielt. Er trug auch einen Helm auf dem Kopfe und hatte ein
Schwert am Guͤrtel, einen Schild an der Seite; er trug eine
Bruͤnne. Hrut ſprach: „Ich will lieber etwas andres ver⸗
ſuchen, als nach Kambsnes zu gehen, denn ich bin ſchwerfaͤllig
auf den Süßen; aber nicht werde ich Thorleik berauben laſſen,
wenn ich es verhindern kann, obgleich unfere VDerwandtſchaft
nicht viel zu beſagen hat.“ Eldgrim ſprach: „Du denkſt doch
nicht etwa mir die Pferde wegzunehmen? “ Hrut antwortete:
„Ich will dir andre Zuchtpferde geben, unter der Bedingung,
daß du dieſe loslaͤßt, wenn meine auch nicht eben ſo gut ſind
wie dieſe.“ Eldgrim ſprach: „Alles ſehr gut, was du redeſt,
Zrut, aber, weil ich meine Zand auf die Pferde Thorleiks
gelegt habe, ſo ſollſt du mir ſie nicht entreißen, weder mit Be⸗
i Ein ſolches Geſchent᷑ iſt im Kap. 19 nicht erwahnt. i Woher Brut Eld⸗
grim kannte, erfährt man nicht. “ ginweis auf feinen Zwift mit Tyorleik,
Kap. 25.
116
ſtechung, noch mit Drohung.“ Da antwortete Hrut: „Ich
glaube, du waͤhlſt fuͤr uns beide eine Entſcheidung, die ge⸗
faͤhrlicher ſein wird.“ Eldgrim wollte nun abbrechen und trieb
fein Pferd an. Als aber rut das ſah, ſchwang er die Streit⸗
axt und traf Eldgrim zwiſchen den Schultern, ſo daß gleich
die Bruͤnne zerriß und die Axt durch die Bruſt herausdrang.
Eldgrim fiel tot vom Pferde, wie zu erwarten war. Darauf
bedeckte Hrut die Leiche; ! die Stelle heißt Eldgrimsholt, ſuͤd⸗
lich von Kambsnes. Dann ritt Frut hinab nach Kambsnes
und brachte Thorleik dieſe Nachricht. Er brach in Jorn aus
und meinte, daß durch den ganzen Zergang ihm große Be⸗
ſchaͤmung! zugefügt ſei, während Zrut dachte, ihm einen
großen Sreundfchaftsdienft geleiſtet zu haben. Thorleik ſagte,
für dieſes üble Spiel koͤnne er auch nichts Gutes erwarten.
Hrut ſagte, er möge tun, was er für richtig halte. Sie ſchieden
ohne Sreundlichkeit von einander. Hrut war achtzig Jahre
alt, als er Eldgrim erſchlug, und er ſtand groß da durch dieſe
Tat. Nur Thorleik wollte rut deshalb nicht mehr gelten
laſſen, weil man dieſe Tat ſo erhob; er hielt es fuͤr ſelbſtver⸗
ſtaͤndlich, daß er Eldgrim uͤberwunden haben wuͤrde, haͤtten
ſie ſich miteinander gemeſſen, ſo wenig wie das Gluͤck dem
Eldgrim hold geweſen war.
Thorleif begab ſich nun zu feinen Pächtern, Kotkel und Grima,
und bat fie irgend etwas auszuführen, worin für Hrut eine
Beſchaͤmung liege. Sie zeigten ſich ſehr willig dazu und ſagten,
fie ſeien völlig geruͤſtet für fo etwas. Darauf kehrte Thorleik
heim.
Aber kurze Zeit darauf brachen fie auf, Kotkel und Grima
und ihre Söhne; es war in der Nacht. Sie begaben ſich zum
Zofe Hruts und begannen dort einen ſtarken Zauber. Und als
die Jauberklaͤnge ſich erhoben, da konnten die Leute im Haufe
ſich gar nicht denken, was das bedeuten ſollte; aber ſchoͤn war
die Weiſe anzuhören. Hrut allein kannte dieſe Töne und ver⸗
1 Der Totſchlaͤger hatte den Erſchlagenen leicht mit Erde zu bedecken und
durch Anzeige dafur zu ſorgen, daß die Leiche von den verwandten gefun⸗
den werden konnte. ? weil Thorleik verhindert worden war, felbft den Eld⸗
grim zu töten.
117
bot allen, während dieſer Nacht hinaus zuſchauen — „und
bleibe jeder wach, ſo weit er kann, dann wird uns kein Schaden
ankommen, wenn wir uns ſo halten.“ Aber doch ſchliefen
alle ein. Zrut hielt ſich am laͤngſten wach, dann ſchlief er
auch ein. Kari hieß ein Sohn gruts, er war damals zwölf
Jahr alt und der treff lichſte unter Hruts Söhnen. Der liebte
ihn ſebr. Kari ſchlief faſt gar nicht; gegen ihn war der Jauber
gerichtet, daher konnte er ſich nicht beruhigen. Er ſprang auf,
um hinauszuſchauen. Er ging auf die Jauberſtelle zu und
ftärzte ſofort tot nieder. Am Morgen erwachte grut mit feinen
Leuten und vermißte feinen Sohn; man fand ihn leblos nicht
weit von der Tür, Hrut empfand das als den ſchwerſten Ver⸗
luft und ließ einen Hügel über dem Toten aufwerfen.
Dann ritt er zu Olaf, Zoͤskulds Sohn, und berichtete ihm,
was geſchehen war. Olaf wurde wuͤtend uͤber dieſe Kunde
und ſagte, es ſei eine große Gedankenloſigkeit von ihnen ge⸗
weſen, daß fie hätten ſolche Boͤſewichter wie die Kotkelleute fo
in ihrer Naͤhe ſitzen laſſen; er ſagte, Thorleik habe ſich gegen⸗
über Hrut in eine ſehr böfe Sache eingelaſſen, doch ſei die
Wirkung wohl ſchlimmer geweſen, als er gedacht habe. Olaf
fagte, fie wollten nun auf der Stelle Rotfel, feine Frau und
feine Söhne töten, — „und das hätte laͤngſt geſchehen ſollen.“
Olaf und Zrut zogen aus mit fünfzehn Mann. Und als
Kotkel und die Seinen den Trupp anreiten ſahen, flohen fie
ins Gebirge. Da wurde Zallbjoͤrn Schleifſteinauge gefangen
und ihm ein Sack übern Kopf gezogen.. Es wurden Leute
beſtimmt, die ihn zu bewachen hatten, und andere verfolgten
Kotkel, Grima und Stigandi ins Gebirge. Man holte fie ein
auf dem Rüden zwiſchen dem Zaukatal und dem Lachs⸗
waſſertal; da wurden ſie mit Steinen erſchlagen und uͤber
ihnen ein Steinhaufen aufgeworfen, man ſieht noch Reſte da⸗
von, die Stelle heißt Skrattavardi.“ Stigandi floh vom Berg⸗
ruͤcken ſuͤdwaͤrts hinunter ins HZaukatal und da entſchwand er
ihnen. Hrut und feine Söhne führten Hallbjörn mit ſich zum
Strande. Sie zogen ein Boot ins Waſſer und ruderten mit
Sormelhaft, vgl. S. 113, 1. * Damit er nicht durch den boͤſen Blick Schaden
anrichte. 3 Hexenmeiſtervarde (varde = Steinhaufen zur Wegweiſun g).
118
ihm vom Lande. Dann nahmen fie ihm den Sack vom Kopfe
und banden ihm einen Stein an den Hals. Sallbjoͤrn warf
einen Blick nach dem Lande, und der Ausdruck der Augen be⸗
deutete nichts Gutes. Hallbjörn ſprach: „Es war kein guͤnſtiger
Tag für uns, als unſre Samilie dort bei Rambsnes mit Thor⸗
leik zuſammentraf. So beſtimme ich denn,“ fagte er, „daß
Thorleik von nun an dort keinen frohen Tag mehr haben
und alle eine leid volle Wohnſtaͤtte finden ſollen, die fich an feine
Stelle ſetzen.“ Dieſe Verwuͤnſchung ſcheint ganz eingetroffen
zu ſein. Darauf ertraͤnkten ſie ihn und ruderten an Land.
Kurze Zeit darauf kam Hrut zu feinem Neffen Olaf und fagte
ihm, er wolle die Sache mit Thorleik nicht ſo auf ſich beruhen
laſſen und bat ihn um Leute, Thorleik anzugreifen. Olaf
antwortete: „Das gehoͤrt ſich nicht, daß ihr Verwandten Hand
aneinander legt; ungluͤckſelig hat ſich das fuͤr Thorleik ge⸗
wendet; wir wollen lieber verſuchen, euch beide zu verſoͤhnen.
Du haſt ja ſchon fruͤher mit Ehren und lange ausgeharrt, bis
dir dein Recht wurde.“! Hrut fagte: „Zier iſt an fo etwas
nicht zu denken, zwiſchen uns beiden kann der Bruch niemals
mehr heilen; es iſt mein Verlangen, daß wir beide nun nicht
lange mehr nebeneinander im Lachswaſſertal wohnen. Olaf
antwortete: „Es wird dir nicht dienlich ſein, weiter gegen Thor⸗
leik vorzugehen, als ich es erlaube; und wenn du es doch tuſt,
fo iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß auf das Hinauf ein Hin
unter folgt.“ grut merkte nun, daß hier nichts zu machen war,
er kehrte heim und war ſehr uͤbel damit zufrieden, aber aͤußer⸗
lich blieb es ruhig und die Leute verhielten ſich ſtill das Jahr
über.
38. Olaf veranlaßt feinen Bruder Thorleik
auszuwandern ,
It: ift von Stigandi zu erzählen. Er hauſte in den Od⸗
marken und wurde ein gefährlicher Räuber, Thord hieß
ein Mann, er wohnte in Zundatal; er war ein wohlhabender
Mann aber Fein Häuptling. Eines Sommers bemerkte man
in Zundatal, daß das Vieh wenig Milch gab; eine Frau be⸗
1 Bezieht ſich auf Fruts Streit mit Hoͤskuld, Rap. 19.
119
forgte da das Vieh. Man fand nun heraus, daß die Srau Roft-
barkeiten in ihren Beſitz bekam und daß ſie oft lange ver⸗
ſchwunden war, ohne daß man wußte, wo ſie ſich aufhielt.
Der Bonde Thord ließ fie zur Ausſage zwingen; und als fie
bedroht wurde, ſagte ſie, ein Mann treffe ſich mit ihr: „Er iſt
groß“, fagte fie, „und ich finde ihn gut ausſehend.“ Da fragte
Thord, ob dieſer Mann ſie bald wieder beſuchen wuͤrde. Sie
ſagte, ſie glaube, daß es bald geſchehen wuͤrde. Darauf begab
ſich Thord zu Olaf und zeigte ihm an, daß Stigandi ſich da in
der Naͤhe aufhalten muͤſſe, er bat ihn, mit ſeinen Leuten zu kom⸗
men und ihn feſtzunehmen. Olaf war ſofort bereit und ritt nach
Zundatal; die Magd wurde zum Verhoͤr herbeigeholt. Olaf
fragte ſie, wo Stigandis Behauſung ſei, ſie ſagte, das wiſſe ſie
nicht. Olaf verſprach ihr nun Geld, wenn ſie ihnen Stigandi
in die Hände lieferte. Der Handel wurde abgeſchloſſen.
An demſelben Tage ging fie zu ihrer Herde. Da kam Stigandi
zu ihr. Sie begruͤßte ihn freundlich und erbot ſich, ihm die
Haare zu durchſuchen. Er legte feinen Kopf in ihren Schoß
und ſchlief bald ein. Da zog ſie ſich unter ſeinem Kopfe hervor
und eilte zu Olaf und ſagte ihm, wie es ſtuͤnde. Sie machten
ſich nun auf den Weg zu Stigandi und beredeten unterein⸗
ander, daß es mit ihm nicht ſo geſchehen ſolle wie mit ſeinem
Bruder: er ſolle nicht ſo viel anſehen duͤrfen, daß da ein
Schaden geſchaͤhe. Sie nahmen nun einen Sack und zogen
ihm den übern Kopf. Stigandi erwachte dabei und verſuchte
erſt gar keinen Widerſtand, denn es waren viele gegen einen.
Es war ein Riß in dem Sack, und Stigandi gelang es, auf der
einen Seite einen Blick auf den Bergabhang zu werfen. Da war
ſchoͤner Boden und dichter Graswuchs. Es war nun gerade fo,
als kaͤme ein Wirbelwind daruͤber und kehrte den Boden um,
ſo daß dort niem als mehr Gras gewachſen iſt. Der Platz heißt
nun Brenna. Darauf ſchlugen ſie Stigandi mit Steinen zu Tode,
er wurde dort unter einem Steinhaufen geborgen. Olaf be⸗
lohnte die Magd gut und gab ihr die Sreiheit, und ſie kehrte
mit ihm nach Zjardarholt zurüd.
Zallbjoͤrn Schleifſteinauge trieb an aus der Brandung, kurze
Zeit darauf, nachdem man ihn ertraͤnkt hatte. Die Stelle heißt
120
Knarrarnes, wo man ihn unter einen Steinhaufen legte. Er
ging viel um. Ein Mann wird erwaͤhnt, der Thorkel Glatz⸗
kopf hieß. Er wohnte in Thykkvaſkog auf ſeinem vaͤterlichen
Hof. Er war ohne alle Furcht und ſehr ſtark. Eines Abends
vermißte man eine Kuh in Thykkvaſkog; Thorkel ging aus,
ſie zu ſuchen und ein Knecht mit ihm. Es war nach Tages⸗
ende und Mondſchein. Thorkel ſagte, ſie wollten in verſchiedener
Richtung ſuchen, und als Thorkel allein war, ſchien es ihm,
als ſehe er die Ruh vor ſich auf einer galde; als er aber naͤher
kam, war es Schleifſteinauge und nicht die Kuh. Sie griffen
ſich an mit furchtbarer Gewalt. Sallbjoͤrn verſuchte ſich los⸗
zuwinden, und ehe Thorkel ſich des mindeſten verſah, glitt er
ihm unter den Händen in die Erde nieder. Darauf kehrte
Thorkel heim. Der Knecht war auch heimgekommen und hatte
die Kuh gefunden. Seitdem tat gallbjoͤrn keinen Schaden
mehr.
Thorbjörn Skrjup war damals geſtorben und ebenſo Melkorka,
fie liegen beide unter einem Grabmal im Lachs waſſertal, und
ihr Sohn Lambi ſaß nach ihnen auf dem Hof. Er war ein fehr
ftreitbarer Mann und ſehr vermoͤgend. Cambi galt bei den
Leuten mehr als fein Vater wegen feiner muͤtterlichen Ver⸗
wandten. Das Verhältnis unter den Verwandten war gut.
Es verging nun der naͤchſte Winter nach dem Tode Kotkels.
Im Fruͤhjahr darauf trafen ſich die Brüder Olaf und Thor⸗
leik; Olaf fragte, ob Thorleik vorhabe, feinen Hof feſtzuhalten.
Thorleik antwortete, fo fei es. Olaf ſprach: „Darum mochte
ich Euch bitten, Bruder, daß Ihr Eure Wirtſchaft hier aufgebt
und aus wandert. Du wirft als ein angeſehener Mann gelten,
wohin du auch kommſt; ich vermute aber von unſerm Oheim
Zrut, daß er nach dem, was zwiſchen euch vorgefallen iſt, dir
bittre Seindſchaft geſchworen hat. Ich möchte es nicht länger
darauf ankommen laſſen, daß ihr euch ſo nahe ſitzt; Hrut iſt
maͤchtig, ſeine Soͤhne ſind alles ſtolze und ſtreitbare Geſellen;
ich wuͤrde als Verwandter in eine ſchlimme Lage kommen,
wenn ihr im Böfen aneinander gerietet, beide mir verwandt.“
Thorleik ſprach: „Ich habe keine Angſt, daß es mir nicht ges
lingen ſollte, mich aufrecht zu halten vor Zrut und feinen
121
Söhnen, und deshalb würde ich das Land nicht verlaſſen.
Aber wenn dir daran ſo viel liegt, Bruder, und du fuͤrchteſt,
dadurch in große Verlegenheit zu kommen, ſo will ich es gern
tun um deines Wunſches willen, denn mir gefiel mein Leben
am beſten, ſo lange ich im Ausland war; ich weiß auch, daß
du nicht weniger gut zu meinem Sohne Bolli ſein wirſt, wenn
ich nicht mehr in der Naͤhe bin, und ihn habe ich am liebſten
auf der Welt.“ Olaf antwortete: „Du handelſt richtig in dieſer
Sache, wenn du meiner Bitte nachgibſt; was Bolli angeht,
gedenke ich mich in Zukunft zu verhalten wie bisher, und gegen
ihn nicht anders zu fein als gegen meine eignen Söhne.“ Dar⸗
auf ſchieden die Bruͤder von einander in großer Freundlichkeit.
Thorleif verkaufte nun feine Güter und verſah ſich mit Geld
zur Auswanderung. Er kaufte ein Schiff, das in Dagverdarnes
auflag. Und als er mit allem fertig war, ging er an Bord mit
feiner Srau und feinem ganzen Zausgeſinde. Das Schiff hatte
gute Sahrt und fie kamen im Herbſt nach Norwegen. Von da
reiſte er ſuͤdwaͤrts nach Daͤnemark, denn es wollte ihm in
Norwegen nicht mehr gefallen; feine Verwandten und Freunde
waren geſtorben, einige auch aus dem Lande vertrieben. Dann
ſegelte Thorleik nach Goͤtaland. Es wird allgemein erzaͤhlt,
daß Thorleik kein hohes Alter erreichte, aber ſehr angeſehen
war, ſo lange er lebte. Und damit ſchließen wir die Erzaͤhlung
von Thorleik.
39. Ajartan und Gudrun
aruͤber wurde viel geſprochen in den Taͤlern des Breidi⸗
fjords, wie es Hrut und Thorleik gegangen war und wie
Zrut hatte von Kotfel und feinen Söhnen fo ſchweres Leid er⸗
fahren. Da ſprach Oſvifr mit Gudrun und ihren Brüdern und
bat ſie, ſichs zu uͤberlegen, ob ſie beſſer daran getan haben
wuͤrden, wenn ſie ſich ſelbſt in die Gefahr mit ſolchem Teufels⸗
volk begeben haͤtten, wie Kotkel und ſeine Leute geweſen
waren. Gudrun ſprach: „Der iſt nicht unberaten, Vater, der
dich um Kat bitten kann.“
Olaf ſaß nun auf feinem Hofe in großen Ehren, und alle feine
Soͤhne waren daheim und ebenſo Bolli, ihr Vetter und Zieh⸗
122
bruder. Rjartan war der erfte unter den Söhnen Olafs.
Kjartan und Bolli liebten ſich am meiſten; Kjartan ging
nirgendwohin, ohne daß Bolli ihn begleitete. Kjartan kam oft
nach der heißen Quelle im Saͤlingstal. Gewoͤhnlich traf es
ſich ſo, daß Gudrun an der Quelle war; Kjartan fand Ver⸗
gnuͤgen daran, ſich mit Gudrun zu unterhalten, denn ſie war
klug und beredt. Alle kamen darin uͤberein, daß kein paſſende⸗
res Paar unter allen jungen Leuten, die damals aufwuchfen,
gefunden werden konnte, als Kjartan und Gudrun. Große
Sreundſchaft war auch zwiſchen Olaf und Oſpifr, man lud
ſich oft ein und des halb nicht ſeltner, weil die jungen Leute ſich
gern hatten.
Einmal redete Olaf mit Rjartan: „Ich weiß nicht, warum mir
immer das gerz ſchwer wird, wenn du nach Laugar gehſt und
mit Gudrun dich unterhaͤltſt. Es iſt nicht deshalb, als ftellte ich
nicht Gudrun höher als alle andern Frauen, und als erſchiene
mir ſie nicht als die einzige, die ich deiner fuͤr ganz wuͤrdig
hielte; aber es iſt meine Ahnung, doch ſoll es keine Weisſagung
fein, daß unſere Familie und die von Laugar nicht bis zum
Ende gluͤckliche Beziehungen miteinander haben werden.“
Kjartan ſagte, er wolle nicht dem Willen ſeines Vaters ent⸗
gegen handeln, ſo weit es an ihm liege, doch hoffe er, dies
wuͤrde beſſer ausgehen, als der Vater vermute. Kjartan ſetzte
ſeine Beſuche in gewohnter Weiſe fort. Bolli war immer mit
ihm. Das Jahr ging nun hin.
40. Ki artan und Bolli in Norwegen
sgeir hieß ein Mann, er wurde genannt Brauſekopf. Er
wohnte auf Asgeirsa im Vidital.“ Er war der Sohn des
Audun Skoͤkul; der kam als erfter feines Geſchlechts nach Is⸗
land und nahm das Vidital in Beſitz. Ein zweiter Sohn des
Audun hieß Thorgrim Graukopf; er war der Vater des As⸗
mund, des Vaters des Grettir. Asgeir Brauſekapf hatte fuͤnf
Kinder. Der aͤlteſte Sohn hieß Audun, der Vater des Asgeir,
des Vaters des Audun, des Vaters des Egil, der Ulfeid, die
Tochter Eyjolfs des Lahmen zur Frau hatte; ihr Sohn war
I Im nördlichen Island, vgl. S. 97 Anm. 2k
123
Eyjolf, der auf dem Allthing erſchlagen wurde. Der zweite
Sohn des Asgeir hieß Thorvald, ſeine Tochter war Dalla, die
der Biſchof Isleif! zur Frau hatte; ihr Sohn war der Biſchof
Gizur. Der dritte Sohn des Asgeir hieß Kalf. Alle Söhne
Asgeirs waren ſtattliche Maͤnner. Kalf, Asgeirs Sohn, war
in dieſer Zeit auf Seereiſen und galt als ein ſehr trefflicher
Mann. Eine Tochter Asgeirs hieß Thurid; ſie war vermaͤhlt
mit Thorkel Kuggi,? dem Sohne des Thord Bruͤller; ihr Sohn
war Thorſtein. Die zweite Tochter des Asgeir hieß Zrefna; ſie
war das ſchoͤnſte Maͤdchen der ganzen Gegend dort im Nor⸗
den und allgemein verehrt, Asgeir war ein einflußreicher
Mann.
Einſtmals, wird erzählt, begab ſich Kjartan, Olafs Sohn,
auf eine Reife ſuͤdwaͤrts nach dem Borgarfjord; von feiner
Reife wird nichts berichtet, bis er nach Borg kam. Dort wohnte
Thorſtein, Egils Sohn, ſein Mutterbruder. Bolli war mit auf
der Reife, denn fo große Liebe war unter den Ziehbruͤdern,
daß ſie es nicht ertragen konnten, von einander getrennt zu
fein. Thorſtein nahm Kjartan mit aller Freundlichkeit auf und
ſagte, er wuͤrde ihm Dank wiſſen, wenn er dort bliebe, je laͤnger
je lieber. Kjartan hielt ſich in Borg eine Zeitlang auf. Zu diefer
Jahreszeit lag ein Schiff auf an der Mündung des Gufuwaſſers;
das gehörte Kalf, dem Sohne des Asgeir. Er war den Winter
uͤber als Gaſt bei Thorſtein, dem Sohne Egils, geweſen. Kjartan
ſagte Thorſtein heimlich, bei ſeiner Reiſe nach dem Suͤden habe
er hauptſaͤchlich den weck gehabt, das halbe Schiff von Kalf
zu kaufen; „ich habe Luft auszureiſen,“ — und er fragte
Thorſtein, wie er uber Kalf denke. Thorſtein ſagte, er glaube, Kalf
ſei ein ehrlicher Geſelle: „Es iſt ja leicht zu begreifen, Neffe,“
ſagte Thorſtein, „daß es dich gelüftet, fremder Leute Lebens⸗
weiſe kennen zu lernen; deine Reife wird unter allen Umſtaͤn⸗
den merkwuͤrdig ſein; deine Verwandten ſetzen viel aufs Spiel,
je nachdem deine Keiſe ausgeht.“ Kjartan ſagte, es wuͤrde
ſchon gut ablaufen. Darauf kaufte Kjartan das halbe Schiff
von Kalf, und ſie ſchloſſen eine Genoſſenſchaft zu gleichen
Joleif, Biſchof von Skatholt, der erſte is laͤndiſche Biſchof (1056 1080);
Gizur 1082— 1118. * vgl. Kap. 7, S. 36. Das in den Borgarfiord fließt.
124
Teilen. Kjartan follte zehn Wochen nach Sommersanfang an
Bord kommen. Kjartan wurde mit Geſchenken aus Borg ent⸗
laſſen. Er und Bolli ritten dann heim. Und als Olaf von die⸗
ſem neuen Vorhaben erfuhr, meinte er, daß Kjartan ſich ſchnell
dazu entſchloſſen habe, ſagte aber, er wolle ihn nicht hindern.
Einige Zeit darauf ritt Kjartan nach Laugar und fagte Gud⸗
run, daß er ausreiſen wolle. Gudrun ſprach: „Schnell haſt du
dich dazu entſchloſſen, Kjartan.“ Sie fuͤgte noch einige Worte
daruͤber hinzu, aus denen Kjartan entnehmen konnte, daß
Gudrun nicht damit zufrieden war. Kjartan ſprach: „Laß dir
das nicht mißfallen, ich will dafuͤr etwas anderes tun, was
dir lieb iſt.“ Gudrun ſagte: „So halte dein Wort, denn ich
will gleich aus ſprechen, was ich begehre.“ Kjartan bat fie, das
zu tun. Gudrun ſprach: „So laß mich mit dir ausreiſen dieſen
Sommer, dann haſt du deinen haſtigen Entſchluß bei mir
wieder gut gemacht; denn ich liebe Island nicht.“ „Das kann
nicht fein,“ ſagte Kjartan, „deine Brüder find noch unſelb⸗
ſtaͤndig, und dein Vater iſt alt, ſie waͤren aller Fuͤrſorge be⸗
raubt, wenn du das Land verlaſſen wollteſt. Warte auf mich
drei Winter.“! Gudrun ſagte, darüber Fönne fie kein Ver⸗
ſprechen abgeben, und jedes blieb bei ſeinem Sinn, und ſo
ſchieden fie von einander. Kjartan ritt heim. —
Olaf ritt zum Thing im Sommer. Rjartan ritt mit feinem
Vater von Zjardarholt nach Süden und fie trennten ſich im
Nordratal.“ Von dort ritt Kjartan zum Schiff und fein Vetter
Bolli begleitete ihn. Jehn islaͤndiſche Maͤnner waren es im
ganzen zuſammen, die ſich Kjartan angeſchloſſen hatten und
ſich alle von Kjartan aus Liebe zu ihm nicht trennen wollten.
Kjartan ritt zum Schiff mit dieſen Gefaͤhrten. Ralf, Asgeirs
Sohn, begrüßte fie herzlich. Großes Gut brachten Kjartan
und Bolli für die Reife mit. Sie arbeiteten nun daran, alles
fertig zu machen, und gleich, ſobald fie Sahrwind hatten, ſegel⸗
1 Selbſt wenn Gudrun darauf eingegangen waͤre, hätte eine ſolche Verab⸗
redung in Island nicht als Verlobung gegolten; gleiche Sriſt bei geſetzlicher
Verlobung, 3. B. bei Hrut und Unn, der Tochter des Moͤrd (Hjala Kap. 2).
2 Die Nordra fließt von Horden her in die vita, nicht weit von deren Mün-
dung in den Borgarfiord.
125
ten fie ab, den Borgarfjord hinaus vor einem leichten, guͤnſti⸗
gen Wind, und dann in See. Sie hatten gute Fahrt und er⸗
reichten Norwegen im Norden in der Höhe von Thrandheim, !
hielten landeinwaͤrts auf Agdenaͤs? und trafen da Leute, mit
denen ſie ſprechen und ſie nach Neuigkeiten fragen konnten.
Es wurde ihnen erzählt, daß ein Zerrſcherwechſel ſtattge⸗
funden habe im Lande, Jarl Zakon war tot, und Konig Olaf,
Tryggvis Sohn, an ſeine Stelle getreten, und ganz Norwegen
hatte ſich ihm unterworfen. Rönig Olaf gebot Glaubens⸗
wechſel in Norwegen; die Leute ſtellten ſich ſehr verſchieden
dazu. Kjartan und feine Gefaͤhrten ſegelten hinein nach Nidar⸗
os“ mit ihrem Schiffe.
In dieſer Zeit waren manche islaͤndiſche Maͤnner von Bedeu⸗
tung in Norwegen. An den Hafenbrüden? lagen drei Schiffe,
die alle Islaͤndern gehoͤrten. Ein Schiff gehoͤrte Brand® dem
Freigebigen, dem Sohne des Vermund, des Sohnes des Thor⸗
grim; das zweite Schiff gehörte Hallfred, dem Schwierigkeits⸗
dichter; das dritte Schiff gehörte zwei Brüdern, der eine hieß
Bjarni, der andere Thorhall, fie waren die Söhne des Skeggi
von Breidas aus Sellshverfi im Oſtlande.
Alle dieſe Maͤnner hatten die Abſicht gehabt, im Sommer nach
Is land zu fegeln, aber der Koͤnig hatte ein Fahrtverbot auf alle
dieſe Schiffe gelegt, weil die Maͤnner den Glauben nicht anneh⸗
men wollten. Alle islaͤndiſchen Maͤnner begruͤßten Kjartan herz⸗
lich, beſonders aber Brand, denn ſie kannten ſich gut von fruͤher
her. Die Is laͤnder hielten nun Rat zuſammen, und es wurde
Damit iſt die Tandſchaft um Trondhjem gemeint. Vorgebirge am Ein:
gange des Trondhjemsfiordes. Im Jahre 995 wurde Olaf Tryggpafon
König von Norwegen. ‚Mündung des Nidfluſſes', die heutige Stadt
Trondhjem. Bollwerke zum bequemen Anlegen, Zin: und Ausladen,
‚sie deutſche Bruͤcke in Bergen. vermund iſt als Nachkomme des Bjoͤrn
von Oſten im Kap. 3, S. 29, erwahnt. Eine Heine anmutige Erzaͤhlung be⸗
richtet, wie Koͤnig Harald Hardrade die Sreigebigkeit Brands auf die Probe
ſtellt. Brand müßte da ſchon ſehr alt geweſen fein. 7 Sein Leben if in
einer beſonderen Saga erzählt. Seinen Beinamen ſoll er von Konig Olaf
ſelbſt bekommen haben, weil er dem Könige Schwierigkeiten machte, ehe
er ſich taufen ließ. ° Breida (Breitwaſſer) ein Sluß und Hof im ſuͤdoͤſt⸗
lichen Island an dem ſchmalen Kuͤſten ſaum unter dem rieſigen vatnajokull.
Sellshverfi iſt Candſchaftsname.
126
unter ihnen beſchloſſen, den Glauben abzuweiſen, den der Ko⸗
nig verkuͤndete, und zu dieſem Bunde gehoͤrten alle die vorher⸗
genannten. Kjartan und ſeine Gefaͤhrten legten nun ihr Schiff
an die Zafenbruͤcke und loͤſchten die Ladung und beftimmten
uͤber ihre Waren.
König Olaf war in der Stadt. Er erfuhr die Ankunft des
Schiffes und zugleich, daß da manche bedeutende Maͤnner ſich
auf dem Schiffe befanden.
Es war im Zerbſt an einem ſchoͤnen Tage, daß die Maͤnner
aus der Stadt gingen um im Nidfluß zu ſchwimmen. Kjar⸗
tan und die andern ſahen das. Da ſagte Kjartan zu feinen
Genoſſen, ſie wollten auch zum Schwimmen gehen und heute
an dem Vergnuͤgen teilnehmen. Das taten ſie. Ein Mann
leiſtete da bei weitem das beſte. Kjartan fragte Bolli, ob er
ſich im ſchwimmen verſuchen wolle gegen den Mann aus der
Stadt. Bolli antwortete: „Ich glaube, das uͤberſteigt meine
Kraͤfte.“ „Ich weiß nicht, wo dein Ehrgeiz hingekommen iſt,“
ſagte Kjartan, „fo werde ich es verſuchen.“ Bolli antwortete:
„Das magſt du tun, wenn du Luft haft.” Kjartan warf ſich
nun in den Fluß und ſchwamm zu dem Manne, der ſich als
beſten gezeigt hatte, und tauchte gleich mit ihm unter und hielt
ihn unten eine Zeitlang, dann ließ ihn Kjartan hinauf. Und
als fie eine kurze Zeit ſich oben gehalten hatten, da packte der
Mann Kjartan und zog ihn nach unten, und fie blieben länger
unten, als es Kjartan gebürlich ſchien; dann kamen fie wieder
nach oben. Sie ſprachen kein Wort mit einander. Jum dritten
Male fahren ſie nieder, bleiben nun am allerlaͤngſten unten,
und Rjartan konnte ſich kaum noch denken, wie dieſes Spiel
enden ſollte, und meinte noch niemals ſo in der Klemme ge⸗
weſen zu ſein. Endlich kam es, daß ſie wieder emportauchten
und an Land ſchwammen. Da ſprach der Mann aus der Stadt:
„Wer bift du, Fremder?“ Rjartan nannte feinen Namen. Der
Mann aus der Stadt ſagte: „Du biſt ein guter Schwimmer,
biſt du auch in andern Fertigkeiten ebenſo ausgebildet wie in
dieſer? Rjartan antwortete, aber etwas zoͤgernd: „Man redete
davon, als ich in Island war, daß ich auch noch in andern
gleiches leiſtete, aber nun hat ſich gezeigt, wie wenig dieſe wert
127
iſt. Der Mann aus der Stadt fagte: „Es kommt doch darauf
an, mit wem du es zu tun gehabt haſt, warum fragſt du mich
gar nicht?“ Kjartan ſagte: „Ich kuͤmmere mich nicht um deinen
Namen.“ Der Mann aus der Stadt ſagte: „Beides iſt wahr,
du biſt ein tuͤchtiger Mann und du benimmſt dich ſehr hoch⸗
muͤtig; aber nichts deſto weniger ſollſt du meinen Namen er⸗
fahren, und gegen wen du im Schwimmen gekaͤmpfſt haſt:
Hier ſteht König Olaf, Tryggvis Sohn.“ Kjartan antwortete
nichts und wandte ſich ſofort zum Gehen, er war ohne Mantel,
in einem roten Scharlachsrock. Der König war da faft völlig
angezogen, er rief Kjartan nach und bat ihn, nicht fo ſchnell
wegzugehen. Kjartan kam zuruͤck, aber ziemlich zoͤgernd. Da
nahm der Rönig feinen guten Mantel von den Schultern, gab
ihn Kjartan und ſagte, er ſolle nicht ohne Mantel zu feinen
Leuten zuruͤckkehren. Kjartan dankte dem König für die Gabe
und ging zu ſeinen Leuten und wies ihnen den Mantel. Seine
Leute bezeigten darüber keine Freude, fie meinten, er habe ſich
damit ziemlich in die Macht des Koͤnigs gegeben; und es blieb
nun ſtill. |
Das Wetter wurde hart im gZerbſt; es war ſtarker Froſt und
kalte Zeit. Die Heiden ſagten, es ſei nicht zu verwundern, daß
das Wetter ſich ſchlecht anließe, — „das iſt die Strafe fuͤr die
neuen Erfindungen des Königs und dieſen neuen Glauben,
woruͤber die Goͤtter zornig geworden ſind.“ Die Islaͤnder
waren alle zuſammen den Winter über in der Stadt. Kjartan
war ſo gut wie ihr Anfuͤhrer. Das Wetter beſſerte ſich, und es
kamen die Maͤnner in großen Scharen auf das Gebot des
Rönigs zur Stadt. Viele Männer in Thrandheim hatten das
Chriſtentum angenommen, aber jene bildeten doch bei weitem
die Mehrzahl, die dagegen waren. Eines Tages hielt der Koͤnig
ein Thing ab in der Stadt, auf dem Sande an der SIußmüns
dung !, und ſprach über den Glauben zu den Maͤnnern, eine
lange und lebhafte Rede. Die von Thrandheim waren heer⸗
ſtark und boten dem Koͤnige Kampf an. Der König fagte, fie
1 An der Mündung des Lidfluſſes, auf dem Sande (eyrar) war ein be:
ruͤhmter Thingplatz (Eyrathing). Hier wurde ſpaͤter den norwegiſchen Rd:
nigen gehuldigt. Sormelhaft.
128
follten nur wiſſen, daß er ſich habe ſchon gegen größere uͤber⸗
macht ſchlagen muͤſſen, als gegen die Bauernkerle in Thrand⸗
heim. Da ſank den Bonden das Herz, und fie überließen alles
der Gewalt des Königs, und viel Volk wurde getauft. Und
dann wurde das Thing geſchloſſen.
An demſelben Abende ſandte der König Leute zur Herberge
der Islaͤnder und befahl den Spaͤhern in Erfahrung zu brin⸗
gen, was man da redete. Sie kamen zur Herberge. Von innen
hoͤrte man luſtiges Caͤrmen. Da nahm Kjartan das Wort und
ſagte zu Bolli: „Biſt du geneigt, Vetter, den Glauben anzuneh⸗
men, den der König verkuͤndet?“ „Ich bin nicht dazu geneigt,“
antwortete Bolli, „denn mir kommt ihre Religion zu weichlich
vor.“ Rijartan fragte: „Schien euch der Konig etwas von Droh⸗
ungen merken zu laſſen gegen alle, die ſich ſeinem Willen nicht
unterwerfen wuͤrden? “ Bolli antwortete: „Es war fuͤr uns nicht
der Schatten eines Zweifels, daß er fie mit ſchwerer Strafe be:
drohte.“ „Keines Mannes Zwang will ich mich ergeben,“ ſagte
Kjartan, „folange ich aufrecht ſtehen und die Waffen führen
kann; das kommt mir auch ſchwaͤchlich vor, ſich wie ein Lamm
aus der Hürde oder wie ein Suchs aus der Falle holen zu laſſen.
Viel beſſer ſcheint mir etwas anderes, wenn einer doch einmal
ſterben ſoll: vorher eine Tat zu vollbringen, die noch lange nach⸗
lebt.“ Bolli fragte: „Was willſt du tun?“ „Das werde ich nicht
verſchweigen,“ ſagte Kjartan, — „den Rönig in feinem Haufe
verbrennen.“ „Das nenne ich allerdings nicht ſchwaͤchlich,“
ſagte Bolli, „aber es wird nicht ausgefuͤhrt werden koͤnnen nach
meiner Anſicht; dem Könige wird das Gluͤck und die Dorfehung
zur Seite ſtehen; außerdem hat er eine zuverläffige Wache um
ſich, Tag und Nacht.“ Kjartan fagte, die Kuͤhnheit wanke doch
gelegentlich bei den meiſten, wenn ſie auch noch ſo tapfere Maͤn⸗
ner ſeien. Bolli erwiderte, das ſei durchaus noch nicht ſicher,
wer da den größeren oder geringeren Mut habe. Aber die mei⸗
ſten fielen ein und ſagten, das ſei alles unnoͤtiges Gerede. Und
als die Rönigsmannen das vernommen hatten, gingen fie fort
und berichteten dem Könige das ganze Geſpraͤch.
Am Morgen darauf ließ der Konig ein Thing gebieten, dazu
wurden auch alle Islaͤnder geladen. Und als das Thing
9 Meißner, Lachstalſaga 129
eröffnet war, ſtand der Koͤnig auf und dankte allen Männern
fuͤr ihr Kommen, die ſeine Freunde ſein wollten und ſeinen
Glauben angenommen haͤtten. Darauf ließ er die Islaͤnder
vor ſich kommen. Der Rönig fragte fie, ob fie zur Taufe
gehen wollten. Sie zeigten wenig Neigung dazu. Der König
ſagte, dann würden fie ſich in eine Cage bringen, die ihnen
unbehaglicher fein Fönnte — „aber wem von euch ſchien es
denn das raͤtlichſte, mich in meinem Haufe zu verbrennen?“
Da antwortete Kjartan: „Ihr werdet vielleicht denken, daß
dem Manne, der das geſagt hat, der Mut mangeln könnte, es
zu bekennen; aber hier koͤnnt Ihr ihn ſehen.“ „Sehen kann ich
dich,! ſagte der König, „einen Mann, der keine kleine Gedanken
hat. Aber es wird dir nicht beſchieden fein, mein Haupt in den
Staub zu legen; reichlich haͤtteſt du verdient, daß ich dich ver⸗
hinderte, noch andere Koͤnige deshalb mit Verbrennung zu be⸗
drohen, weil man dir eine beſſere Lehre darbietet. Doch weil
ich nicht weiß, ob es dir Ernſt war mit deiner Rede, und weil
du ehrlich dich zu deinem Wort bekannt haſt, will ich dir nicht
das Leben nehmen wegen dieſer Sache. Es iſt auch möglich,
daß du dem neuen Glauben um ſo feſter anhaͤngen wirſt, weil
du heftiger als andere gegen ihn ſprichſt. Ich kann mir ferner
denken, daß es ganze Schiffsbeſatzungen ſein wer den, die an
dem Tage den Glauben annehmen, an dem du dich ungezwun⸗
gen taufen laͤßt. Auch ſcheint es mir wahrſcheinlich, daß eure
Verwandten und Freunde viel auf das geben werden, was ihr
ihnen erzaͤhlen werdet, wenn ihr wieder in Island ſeid; es
ſagt mir meine Ahnung, daß du, Kjartan, eine beſſere Religion
haben wirſt, wenn du aus Norwegen abſegelſt, als da du her⸗
kamſt. Geht nun in meinem Schutz und Frieden, wohin ihr
wollt, aus dieſer Verſammlung; ich werde euch nicht zum
Chriſtentum zwingen bei dieſer Gelegenheit, denn Gott ſpricht:
er wolle nicht, daß jemand gezwungen zu ihm komme.“
Der Rede des Königs folgte großer Beifall, doch am meiſten
bei den Chriſten; aber die Heiden uͤberließen es Kjartan, zu
antworten, wie er fuͤr gut hielt.
I Mach dieſem Grundſatz verfaͤyrt ſonſt Olaf durchaus nicht bei feinen Be:
kehrungen, vgl. Kap. 41.
130
Da ſprach Kjartan: „Danken wollen wir Euch, Rönig, dafür,
daß Ihr uns guten Srieden gebt, und auf die Weiſe kannſt du
uns am beſten locken, den neuen Glauben anzunehmen, wenn
du uns vergibſt, was wir verbrochen haben, und alles in
Freundlichkeit begehrſt, gerade an dem heutigen Tage, da Ihr
unſer Schick ſal ganz in der Hand habt; und, was mich angeht,
denke ich nur ſo deinen Glauben anzunehmen, daß ich dann
Thor gering achten wuͤrde im naͤchſten Winter, wenn ich nach
Island komme.“ Da ſagte der Rönig und lächelte dabei: „Man
ſieht das an Kjartans Weſen, daß er mehr Vertrauen hat
auf ſeine Kraft und ſeine Waffen, als auf die Macht Thors
und Odins.“ Darauf wurde das Thing geſchloſſen. Viele reiz⸗
ten den König auf, als einige Zeit vergangen war, Rjartan
und ſeine Leute zum Glauben zu zwingen, und erklaͤrten es
für gefaͤhrlich, ſo viele Heiden in der Naͤhe des Rönigs zu
laſſen. Der Koͤnig antwortete ihnen zornig und ſagte, er glaube,
es gaͤbe viele Chriſten, die nicht von ſo edler Geſinnung ſeien
wie Kjartan und feine Geſellen: — „auf ſolche Leute will ich
geduldig warten.“
Der König ließ manches Nuͤtzliche ausführen in dieſem Winter,
er ließ eine Kirche bauen und die Stadt ſehr erweitern. Die
Kirche war zur Weihnachtszeit fertig. Da ſagte Kjartan, ſie
wollten fo nahe an die Kirche gehen, daß fie ſehen konnten,
was die Leute da trieben, die den chriſtlichen Glauben haͤtten.
Viele ſtimmten dem bei und ſagten, das muͤßte ſehr unterhaltend
fein. Kjartan ging nun dahin mit feiner Schar und Bolli; auch
Zallfred war dabei und viele andere von den Islaͤnde rn. Der
König ſprach uͤber den Glauben vor den Leuten, e ine lange
und lebhafte Rede,! und bei den Chriſten war großer Beifall
nach feinen Worten. Und als Kjartan mit feinen Ge faͤhrten
in die Herberge zuruͤckgekehrt war, wurde eifrig daruͤber ge⸗
ſprochen, welchen Eindruck ihnen der König gemacht hatte an
dem Seft, daß die Chriſten als ihr zweithoͤchſtes anſehen, —
„denn der Rönig ſagte, fo daß wir es hoͤren konnten, daß heute
Nacht der Häuptling geboren iſt, an den wir nun glauben
follen, wenn wir tun, wie der König uns gebietet.“ Kjartan
I gl. S. 128, Anm. 2.
9 131
ſagte: „So gut gefiel mir der Konig gleich beim erſten Male,
als ich ihn ſah, daß ich ſofort merkte, er ſei ein ganz hervor⸗
ragender Mann, und das iſt ſpaͤter immer gleich geblieben,
wenn ich ihn bei Maͤnnerzuſammenkuͤnften geſehen habe; aber
am allerbeſten hat er mir doch heute gefallen, und ich bin feſt
davon uͤberzeugt, daß es zu unſerm beſten iſt, wenn wir glauben,
das ſei der wahre Gott, den uns der Rönig verkuͤndet, und
nun kann der Rönig nicht eifriger wuͤnſchen, daß ich den
Glauben annehme, als ich, mich taufen zu laſſen, und nur das
eine haͤlt mich ab, jetzt gleich zum Koͤnige zu gehen, daß der
Tag weit vorgeſchritten iſt; denn nun wird der Koͤnig bei Tiſch
ſitzen, es wird aber ein ganzer Tag drauf gehen, wenn wir
Landsleute alleſamt getauft werden ſollen.“ Bolli ſtimmte
dem bei und ſagte, KRjartan möge allein entſcheiden, was ges
ſchehen ſolle.
Was Kjartan mit ſeinen Gefaͤhrten geſprochen hatte, war dem
Könige bekannt geworden, ehe die Tiſche weggebracht waren,
denn er hatte ſeine Dertrauensmaͤnner in allen gerbergen der gei⸗
den. Der König war darüber aufs hoͤchſte erfreut und ſagte:
„Rjartan hat das Sprichwort beſtaͤtigt: hohe Seſte, heilbringen⸗
de Zeit.“ Und am naͤchſten Morgen gleich in der Srübe, als der
König zur Kirche ging, trat ihm Rjartan auf der Straße mit
einer großen Schar von Männern entgegen. Kjartan begrüßte
den Rönig in freundlicher Ergebenheit und ſagte, daß er ihm
etwas wichtiges mitzuteilen habe. Der Rönig erwiderte feinen
Gruß und fagte, er wiſſe ſchon ganz genau Beſcheid — „und
dieſer dein Wunſch fol gern erfüllt werden.“ Kjartan bat den
Koͤnig, er möge nun nicht zoͤgern, ſich nach Taufwaſſer um⸗
zuſehen, und ſagte, man wuͤrde ziemlich viel Waſſer dazu
brauchen. Der Rönig antwortete und lächelte dabei: „Ja,
Kjartan,“ ſagte er, „hierbei würde Eigenwilligkeit keine
Schwierigkeiten machen, auch wenn du ſchwerer zu gewinnen
waͤrſt.“ Darauf wurden Rjartan und Bolli getauft und ihre
ganze Schiffsgenoſſenſchaft und eine Menge anderer Maͤnner.
Es war am zweiten Weihnachtstage vor dem Gottesdienſte.
Darauf lud der König Kjartan zum Weihnachts feſt ein und
ebenſo Bolli, ſeinen Vetter. Die allgemeine Erzaͤhlung iſt, daß
132
Rjartaen an dem ſelben Tage ein geſchworener Mann König
Olafs geworden ſei, an dem er das Taufkleid ablegte, und
Bolli mit ihm. Hallfred wurde an dieſem Tage nicht getauft,
weil er ſich das ausbedang, daß der König ſelbſt fein Pate
fein ſollte; der Rönig verſtand ſich dazu an dem naͤchſten Tage.
Kjartan und Bolli blieben beim Koͤnige die Übrige Zeit des
Winters. Der Konig ſchaͤtzte Kjartan höher als alle andern
Männer wegen feiner Familie und feiner Tuͤchtigkeit, und all⸗
gemein wird erzaͤhlt, Kjartan ſei dort ſo beliebt geweſen, daß
er keinen Neider innerhalb der koͤniglichen Gefolgſchaft hatte;
ebenſo ſagten alle, daß noch nie ein ſolcher Mann aus Island
gekommen ſei, wie Rjartan. Auch Bolli war ein ſehr tuͤchtiger
Mann und hochgeſchaͤtzt bei allen wackeren Leuten. So ging
nun dieſer Winter hin. Und als der Fruͤhling gekommen war,
ruͤſte ten ſich die Maͤnner zur Abreiſe, jeder nach ſeinem Vor⸗
hab en.
41. König Olaf ſendet Thangbrand nach
Island
Ku der Sohn des Asgeir, ging zu Kjartan und fragte
ihn, was feine Pläne ſeien für den Sommer. Kjartan
antwortete: „Ich dachte in erſter Linie daran, daß wir mit
unſerm Schiff nach England fahren ſollten, denn da iſt jetzt
ein guter Markt fuͤr chriſtliche Kauffahrer. Doch will ich mit
dem Koͤnige reden, ehe ich mich dazu feſt entſchließe, denn es
ſchien ihm gar nicht zu gefallen, als ich vor kurzem mit ihm
von meiner Abreiſe ſprach.“ Darauf ging Kalf fort und Kjar⸗
tan begab ſich zum Koͤnige und begrüßte ihn ehrerbietig. Der
König empfing ihn freundlich und fragte ihn, was er mit
feinem Gefährten beſprochen habe. Kjartan berichtete, was ihr
vorlaͤufiger Plan ſei, ſagte aber, er komme zunaͤchſt zum
Rönige, ſich Erlaubnis zur Abreiſe zu erbitten. Der König
antwortete: „Ich will dich abreiſen laſſen, Kjartan, wenn du
im Sommer nach Island faͤhrſt und das Volk zum Chriſten⸗
tum bringſt, mit Gewalt oder mit andern Mitteln; ſollte dir
aber dieſe Unternehmung zu ſchwierig ſcheinen, ſo will ich dich
unter keinen Umſtaͤnden aus der Hand laſſen, denn ich meine,
133
es paſſe befier für dich, im Dienſte hochſtehender Männer zu
ſtehen, als dich hier in einen Kaufmann zu verwandeln.“ Rjar-
tan wollte lieber beim Könige bleiben als nach Island fahren
und dort den Glauben verkuͤnden, er ſagte, er habe keine
Neigung, gewalttätig gegen feine Verwandten vorzugehen,
— „es ift auch wahrſcheinlicher bei meinem Vater und anderen
Zaͤuptlingen, die meine nahen Verwandten find, daß fie umfo
weniger hartnaͤckig deinem Willen ſich widerſetzen werden,
wenn ich in ehrenvoller Stellung in deinem Dienſte ſtehe.“
Der Rönig ſagte: „Das iſt verſtaͤndig und vornehm gedacht.“
Der Rönig ſchenkte Rjartan einen ganzen, neu zugeſchnittenen
Scharlachanzug. Er paßte ihm gut, denn man ſagt, daß ſie
gleich große Maͤnner geweſen ſind, wenn ſie ſich meſſen ließen,
König Olaf und Kjartan.
König Olaf ſandte nach Island feinen Gefolgſchaftsprieſter,
der Than gbrand ! hieß. Er kam mit feinem Schiff in den Alpta⸗
fiord? und war den Winter über bei Hall von Sida? in
Thvatta und verkuͤndete den Leuten den Glauben, ſowohl mit
freundlicher Rede als mit harten Strafworten. Thangbrand
erſchlug zwei Männer,* die beſonders eifrig gegen ihn ſprachen.
Sau nahm den Glauben an im Fruͤhling und wurde getauft
am Samstag vor Oſtern und mit ihm fein ganzes Haus; und
da ließ ſich Gizor der Weiße? taufen und Hjalti, der Sohn
des Skeggi, und viele andere Häuptlinge; aber doch waren
die viel zahlreicher, die dagegen ſprachen, und die Spannung
zwiſchen den Heiden und Chriſten fing an gefährlich zu werden;
die Zaͤuptlinge beſchloſſen untereinander, Thangbrand zu töten
und alle, die ihm Unterſtuͤtzung gewaͤhren wuͤrden. Vor dieſem
I Die Miſſionsreiſe Thangbrands, der kein Norweger, vielleicht ein Deutſcher
war, wird in verſchiedenen Quellen geſchildert. 2 Alptafiord (Schwanen;
fiord), im ſuͤdoͤſtlichen Island, ſuͤdweſtlich vom Handelsplatz Diupivogr.
Hall, der Sohn des Thorſtein, ift ein Haͤuptling, der in der Njals ſaga eine
bedeutende Rolle ſpielt. Sein Hof heißt eigentlich A (Sluß); §Fluß und Hof
ſollen von der Taufhandlung den Namen, waſchfluß' bekommen haben. Sida
iſt der Kuͤſtenſtrich ſuͤdlich des Vatnajoͤkull. Thangbrand und feine Leute
erſchlugen vetrlidi und Thorvald, die Schmaͤhſtrophen gegen den Bekehrer
gedichtet hatten. 5 Gizor iſt der Vater Isleifs, des erſten islaͤndiſchen Biſchofs
(S. 124, Anm. 1).
134
drohenden Angriff floh Thangbrand nach Norwegen und kam
zu Koͤnig Olaf und berichtete ihm, wie es ihm auf feiner Sahrt
ergangen ſei, und ſagte, er glaube nicht, daß man das Chriſten⸗
tum annehmen werde auf Island. Der König wurde darüber
ſehr zornig und ſagte, er meine, viele Islaͤnder wuͤrden das
empfindlich zu fuͤhlen haben, wenn ſie nicht vorher von ſelbſt
zu Verſtande kaͤmen.
In demſelben Sommer wurde gjalti, der Sohn des Skeggi,
auf dem Thinge wegen Gotteslaͤſterung geaͤchtet. Die Klage
hatte erhoben Runolf,! Ulfs Sohn, der in Dal unter den
Eyjafjoͤll wohnte, ein ſehr großer Häuptling. In demſelben
Sommer verließ Gizor Island und Zjalti mit ihm; fie
landeten in Norwegen und begaben ſich ſofort zu König Qlaf.
Der Rönig nahm fie gut auf und ſagte, fie hätten daran recht
getan, außer Landes zu gehen, und lud ſie ein, bei ihm zu
bleiben, und das nahmen fie an. Da war Sverting, der Sohn
des Runolf von Dal, den Winter über in Norwegen gewefen
und wollte nun im Sommer nach Island fahren; ſein Schiff
lag völlig ſegelfertig an der Hafenbruͤcke und wartete auf Sahr⸗
wind. Der Koͤnig verbot ihm die Ausreiſe, er ſagte, kein Schiff
ſolle nach Island ſegeln dieſen Sommer. Sverting ging vor
den König und trug feine Sache vor, bat um Keiſeerlaubnis
und ſagte, es kaͤme fuͤr ihn viel darauf an, daß ſie nicht die
Ladung wieder aus dem Schiffe ſchaffen müßten. Der Koͤnig
ſagte und war zornig: „Gut iſt's, daß der Sohn des Goͤtzen⸗
dieners dort bleiben muß, wo es ihm unbehaglich ift,“ und
Sverting durfte nicht abreiſen. Den Winter uͤber ging gar
nichts vor.
Im Sommer darauf ſandte der Konig Gizor den Weißen,
und Zjalti, den Sohn des Skeggi, nach Island, um aufs neue
den Glauben zu verkuͤnden, und behielt vier Maͤnner als
Geiſeln zuruͤck, Kjartan, Olafs Sohn, Zalldor, den Sohn Gud⸗
munds des Maͤchtigen,? und Kolbein, den Sohn des Thord,
1 Die Klage wurde wegen eines Verfes erhoben, in dem Zjalti die Böttin
Sreyja eine luͤſterne Hündin nennt. Gudmund, der Sohn des Spyjolf,
gewaltiger Haͤuptling des Nordlandes, der in verſchiedenen Erzaͤhlungen
bedeutſam hervortritt. Berühmt durch den Totfchlag, den er mit feinem
Bruder Egil an Arnor, dem Sohne des Srnolf, verübte (Yliala Kap. 116).
135
des Freyprieſters, und Sverting, den Sohn des Runolf von
Dal. Da beſchloß auch Bolli mit Gizor und Zjalti zu fahren.
Er ſuchte feinen Vetter Kjartan auf und ſprach: „Ich bin nun
entſchloſſen zur Abreiſe; ich wuͤrde auf dich noch den naͤchſten
Winter warten, wenn im Sommer darauf deine Abreiſe
weniger unſicher waͤre als jetzt. Aber ich glaube es voraus⸗
zuſehen, daß der König dich um keinen Preis freigeben wird,
und bin uͤberzeugt, du machſt dir wenig aus dem, was es in
Island an Unterhaltung gibt, fo lange du neben Ingibjoͤrg,!
der Schweſter des Königs, im Geſpraͤch ſitzen kannſt.“ Sie
war damals am Zofe Rönig Olafs und die ſchoͤnſte von allen
rauen im Lande. Kjartan antwortete: „Was redeſt du da
für Zeug Du ſollſt unſern Verwandten meine Grüße bringen
und ebenſo unſern Freunden.“
42. In Island wird das Chriſtentum an⸗
genommen. Bolli kehrt heim
arauf nahmen Kjartan und Bolli Abſchied von ein:
ander. Gizor und Sjalti fegelten ab aus Norwegen und
hatten gute Fahrt; ſie kamen zur Thingzeit zu den Weſt⸗
maͤnnerinſeln und fuhren zum Hauptland hinüber; da hielten
fie Derfammlungen und Beratungen mit ihren Verwandten
ab. Darauf ritten ſie zum Allthing und ſprachen uͤber den
Glauben vor den Männern, eine lange und lebhafte Rede;
da nahmen alle Männer auf Island den Glauben an.?
Bolli ritt nach Zjardarholt vom Thinge mit feinem Oheim
Olaf; Olaf nahm ihn mit großer Freundlichkeit auf. Bolli
ritt nach Laugar zu feiner Unterhaltung, nachdem er kurze
Zeit daheim geweſen war; er wurde dort herzlich begrüßt.
Gudrun fragte ihn eingehend nach feinen Reifeerlebniffen und
darauf nach Kjartan. Bolli antwortete bereitwillig auf alle
ragen Gudruns, er ſagte, von feinen Aeifeerlebniffen ſei
nichts Beſonderes zu erzählen, — „was aber Kjartan anlangt,
ſo ſind ſehr hohe Dinge der Wahrheit gemaͤß von ſeiner Stellung
zu ſagen, denn er iſt im Gefolge des Koͤnigs Olaf und wird
1 Ing ibjoͤrg, die Tochter des Tryggvi, war ſpaͤter vermaͤhlt mit dem Jarl
Rögnvald in Gautland. * So einfach ging die Bekehrung nicht vor ſich.
136
da mehr geſchaͤtzt als jeder andere; es wird mich nicht über:
raſchen, wenn wir hierzulande wenig von ihm haben ſollten
die naͤchſten Jahre.“ Gudrun fragte ihn, ob dafuͤr noch ein
anderer Grund fei als die Freundſchaft mit dem Koͤnige. Bolli
erzählte, was die Leute redeten von der Freundſchaft zwifchen
Kjartan und Ingibjoͤrg, der Koͤnigsſchweſter, und fagte, feiner
Meinung nach würde der Konig ihm lieber Ingibjörg zur
Stau geben, als ihn loslaſſen, wenn er ſich für eins von beiden
entſcheiden muͤßte. Gudrun ſagte, das ſei eine gute Nachricht,
— „denn eine gute Frau muß es fein, die Kjartans würdig fein
will.“ Sie ließ da gleich das Geſpraͤch fallen, ging weg und
war ganz rot. Aber andere bezweifelten, ob ihr dieſe Nach⸗
richt wirklich ſo gut ſchien, wie ſie vorgab.
Bolli war daheim in Zjardarholt den Sommer über, er hatte
ſich großes Anſehen erworben durch feine Reife. Alle feine
Verwandten und Bekannten ſchaͤtzten ſeine Tuͤchtigkeit hoch.
Bolli hatte auch großes Gut mit nach Island gebracht. Er
kam oft nach Laugar und unterhielt ſich mit Gudrun. Eines
Tages fragte Bolli Gudrun, wie ſie ihm antworten wuͤrde,
wenn er um ſie anhielte. Da ſprach Gudrun haſtig: „Nicht
ſollſt du ſo etwas reden, Bolli; keinem Manne werde ich mich
vermaͤhlen, ſolange ich Kjartan am Leben weiß.“ Bolli ant⸗
wortete: „Da denke ich, daß du manches Jahr ohne Mann
wirft ſitzen muͤſſen, wenn du auf Kjartan warten willſt; er
würde die Gelegenheit benutzt haben, mir hierüber irgend
einen Auftrag mitzugeben, wenn ihm ſo beſonders viel daran
gelegen wäre.“ Sie wechſelten noch einige Worte miteinander,
und jedes blieb bei feiner Meinung. Darauf ritt Bolli heim.
43. Bolli verheiratet ſich mit Gudrun.
König Olaf entlaͤßt KAjartan
inige Zeit darauf begann Bolli ein Geſpraͤch mit feinem
Oheim Olaf und ſagte: „Es iſt nun ſoweit, Oheim, daß
ich Luft habe, mich irgendwo feſtzuſetzen und zu heiraten; ich
bin nun, denke ich, völlig erwachſen, ich möchte bei meinem
Vorhaben Hilfe und Soͤrderung durch dein Wort nicht ent⸗
behren, denn die meiſten hier in der Gegend werden in hohem
137
Maße auf dein Wort Gewicht legen.“ Olaf antwortete: „Es
wird keine Frau geben, das darf ich ſagen, der dein Antrag
nicht zur Ehre gereichte, wenn du um ſie anhaͤltſt. Du haſt aber
gewiß nicht das Geſpraͤch hierauf gebracht, ohne dir vorher
vorgenommen zu haben, wohin du es lenken willſt.“ ! Bolli
ſagte: „Ich will nicht um eine Srau außerhalb unſerer Gegend
anhalten, fo lange gute Partien in der Naͤhe find; ich will
anhalten um Gudrun, die Tochter des Oſvifr; fie iſt die Erſte
unter den Frauen.“ Olaf antwortete: „Das iſt eine Sache, an
der ich keinen Teil haben will; es iſt dir, Bolli, genau ſo be⸗
kannt wie mir, was man geredet hat uͤber die Liebe zwiſchen
Kjartan und Gudrun. Aber wenn dir dieſe Sache fo außer:
ordentlich am Herzen liegt, werde ich keine Hinderniſſe ent⸗
gegenſtellen, vorausgeſetzt, daß ihr unter einander einig werdet.
gaſt du denn ſchon mit Gudrun hieruͤber geredet?“ Bolli ſagte,
er habe wohl ſein Anliegen einmal vorgebracht, ſie ſei aber wenig
darauf eingegangen, — „ich ſollte doch meinen, daß Dfvifr
vor allem in dieſer Sache etwas zu ſagen haben wird.“ Olaf
erwiderte, er möge fo handeln, wie es ihm gut ſchiene.
Nicht lange darauf ritt Bolli vom Zofe und mit ihm die Söhne
Olafs, Halldor und Steinthor; fie waren zwoͤlf zuſammen.
Sie ritten nach Laugar. Oſpvifr begrüßte fie herzlich und
ebenſo ſeine Soͤhne. Bolli bat Oſvifr um eine Unterredung
und hob an mit feiner Werbung und bat ihn um die Hand
feiner Tochter Gudrun. Und Oſvpifr antwortete folgender⸗
weiſe: „So ſteht es, wie du weißt, Bolli, daß Gudrun Witwe
iſt und ſich ſelbſtaͤndig zu entſcheiden das Recht hat, aber
empfehlen will ich deinen Antrag.“ Oſvifr ging nun zu
Gudrun und ſagte ihr, Bolli, Thorleiks Sohn, ſei gekommen,
— „und er hält um dich an; du haft in dieſer Sache zu ent⸗
ſcheiden. Ich will nur in Rürze meinen Willen erklaͤren, daß
Bolli nicht abgewieſen werden ſoll, wenn es nach mir geht.“
Gudrun antwortete: „Leichthin entſcheideſt du uͤber dieſe
Sache; Bolli hat einmal vor mir daruͤber geſprochen, und ich
habe ihn deutlich genug abgewieſen, und das iſt auch jetzt noch
meine Abſicht.“ Da ſagte Dfvifr: „Viele werden ſagen, da
1 Sormelhaft, vgl. S. 78, Anm. 1.
138
ſpreche mehr Hochmut aus dir als verftändige Überlegung,
wenn du einen ſolchen Mann abweiſt, wie Bolli iſt. Aber fo
lange ich am Leben bin, ſoll mein fuͤrſorgender Kat bei euch,
meinen Kindern, etwas gelten, in allen Dingen, in denen ich
klarer ſehen kann als ihr.“ Und als Oſpvifr dieſe Sache fo un⸗
willig aufnahm, da wagte Gudrun nicht fuͤr ſich allein Wider⸗
ſtand zu leiſten, gab aber nur mit dem größten Wider willen
nach; die Söhne Oſvifrs redeten ihr ſehr zu; fie betrachteten die
Verſchwaͤgerung mit Bolli als einen ſehr großen Gewinn. Mag
man nun längere oder kuͤrzere Zeit über dieſe Sache verhandelt
haben,! man kam zu dem Ende, daß die Verlobung vor ſich
ging, und man beſtimmte die Zeit um die erſten Winternaͤchte
zur Hochzeit. Darauf ritt Bolli heim nach Zjardarholt und
ſagte Olaf, was man ausgemacht habe. Olaf bezeigte wenig
Sreude darüber. Bolli blieb daheim, bis er zur Hochzeit kom⸗
men ſollte. Bolli lud feinen Oheim Olaf ein, Olaf hatte keine
Luft dazu, kam aber doch mit auf Bollis Bitten. Die Hochzeit
wurde praͤchtig in Caugar gefeiert. Bolli blieb dort den Winter
über. Das Ehegluͤck der beiden war nicht befonders, ſoweit
Gudrun dazu beitrug.
Und als der Sommer kam, da fuhren die Schiffe von Land
zu Land. Da kam nach Norwegen die Kunde aus Island,
daß dort alles chriſtlich geworden war. Rönig Olaf war
hocherfreut daruͤber und gab Sahrerlaubnis den Maͤnnern,
die er als Geiſeln zuruͤckgehalten hatte, zu reiſen, wohin ſie
Luft hätten. Kjartan antwortete — denn er war der Vor:
mann aller derer, die da vergeiſelt geweſen waren — „habt
großen Dank, wir gedenken Island zu beſuchen in dieſem
Sommer.“ Da ſagte Koͤnig Olaf: „Ich werde dieſe meine
Worte nicht zuruͤcknehmen, Kjartan, aber ich habe das mehr
zu den andern geſagt als zu dir; denn wir denken, Kjartan,
daß du hier mehr als Freund wie als Geiſel geweſen biſt.
Ich moͤchte, du haͤtteſt nicht den Wunſch geaͤußert, nach
Island zu reiſen, wenn du auch da angeſehene Verwandte
haſt, denn es liegt in deiner Zand, dich fuͤrs Leben in
Norwegen zu verſorgen, wie es dir in Island nicht geboten
Sormelhaft, vgl. S. 30 Anm. 2.
139
werden kann.“! Da antwortete KRjartan: „Unſer Herr lohne
Euch alle Ehre, die Ihr mir erwieſen habt, ſeit ich in Euern
Dienſt getreten bin, doch hoffe ich, Ihr werdet mir nicht minder
Urlaub geben als den andern, die ihr hier eine Zeitlang zuruͤck⸗
gehalten habt.“ Der Rönig ſprach, fo ſolle es fein, und fagte,
unter den Maͤnnern nichtfuͤrſtlichen Ranges werde er ſchwer⸗
lich jemanden finden, der Kjartan gleich kaͤm e.
In dieſem Winter hatte Kalf, Asgeirs Sohn, ſich in Norwegen
aufgehalten; im Herbſt vorher war er von England zu Kjar⸗
tan gekommen, mit ihrem Schiff und mit Zandelsware. Und
nachdem Kjartan Urlaub zur Islandfahrt bekommen hatte,
gingen Ralf und Kjartan daran, das Schiff fegelfertig zu
machen. Und als das Schiff klar war, ging Kjartan, Ingibjoͤrg,
die Rönigsfchwefter, zu beſuchen. Sie begrüßte ihn freundlich
und ließ ihn neben ſich ſitzen, und ſie begannen ihr Geſpraͤch.
Da ſagte Rjartan zu Ingibjörg, daß er im Begriffe ſei, nach
Island zu fahren. Sie antwortete ihm: „Wir glauben, Kjar⸗
tan, daß du das mehr aus Eigenwillig keit beſchloſſen haft, als
daß man dir es nahe gelegt haͤtte, Norwegen zu verlaſſen und
nach Island zu reiſen.“ Und ſie wurden darauf wortkarg mit
einander. Unterdeſſen griff Ingibjoͤrg in die Kredenz, die bei
ihr ſtand und nahm daraus ein weißes Kopftuch mit Gold⸗
gewebe und gab es Kjartan und ſagte, es würde Gudrun, der
Tochter des Oſpvifr, ſehr gut ſtehen — „und du ſollſt ihr das
Kopftuch zur Morgengabe ſchenken, ich will, daß die Islaͤnde⸗
rinnen ſehen, daß die Srau nicht von Knechten ſtammt, mit
der du dich in Norwegen unterhalten haſt;“ das Tuch lag
in einem Beutel von Sammet, es war ein ſehr koſtbares
Stuͤck. „Nicht will ich dich hinaus geleiten,“ ſagte Ingibjörg,
„fahr wohl und ſei gluͤcklich.“ Darauf ſtand Rjartan auf und
Püßte fie; jedermann ſah, daß es ihnen ſchwer wurde, von
einander zu ſcheiden.
Kjartan ging nun fort und begab ſich zum Koͤnige; er ſagte dem
Könige, daß er nun fertig zur Abreiſe ſei. König Olaf begleis
tete Kjartan zum Schiff und eine große Menge mit ihm. Und
als er dorthin kam, wo das Schiff auf dem Waſſer lag — ein
’ Durch die Dermäylung mit Ingibſorrgg gg
140
Landungsſteg führte heruͤber —, da nahm der Konig das
Wort: „Zier iſt ein Schwert, Kjartan, das du von mir an⸗
nehmen ſollſt zum Abſchied; laß dies Schwert dir zur Seite
ſein, denn ich meine, keine Waffe ſoll dich niederſtrecken, ſo
lange du dieſes Schwert in der Hand hältft.” Das war ein
prachtvolles Kleinod und reich gearbeitet. Kjartan dankte dem
Könige mit trefflichen Worten für alle die Ehre und Soch⸗
ſchaͤtzung, die er ihm erwieſen habe, ſo lange er in Norwegen
geweſen ſei. Da ſprach der Rönig: „Darum will ich dich noch
bitten, Kjartan, daß du treu an deinem Glauben feſthaͤltſt.“
Darauf ſchieden fie von einander, der Rönig und Kjartan,
in großer Liebe. Dann ging Kjartan aufs Schiff. Der König
ſah ihm nach und ſprach: „Schweres droht Kjartan und ſei⸗
nem Geſchlecht, und es wird nicht leicht ſein, etwas zur Ab⸗
wendung des Verhaͤngniſſes zu tun.“
44. Kjartan kehrt nach Island zu ruͤck
jartan und Ralf gingen nun in See. Sie hatten guten
Wind und waren nur kurze Zeit unterwegs. Sie kamen
zurgvita im Borgarfjor d. Die Kunde davon verbreitete ſich weit,
daß Kjartan nach Island gekommen ſei. Dies erfuhr Olaf,
ſein Vater, und ſeine andern Verwandten und wurden hocher⸗
freut. Olaf ritt gleich aus dem Talbezirfim Weſtlande ſuͤdwaͤrts
zum Borgarfjord. Es war da ein herzlich frohes Wiederſehen
von Vater und Sohn. Olaf lud Kjartan zu ſich ein mit ſo viel
Mann, als er wolle. Kjartan nahm das gern an, er ſagte, er
wuͤrde ſich keinen andern Aufenthaltsort in Island gewaͤhlt
haben. Olaf ritt nun heim nach Hjardarholt, aber Kjartan blieb
beim Schiffe den Sommer über. Er erfuhr nun Gudruns Verhei⸗
ratung und ſchien ſich das wenig anfechten zu laſſen; aber für
viele war das Anlaß zur Beſorgnis geweſen.
Gudmund, ! Solmunds Sohn, Kjartans Schwager, und feine
Schweſter Thurid kamen zum Schiffe. Kjartan begrüßte fie
freundlich. Asgeir Brauſekopf kam auch zum Schiff, ſeinen
Sohn Ralf zu beſuchen; da war mit ihm gekommen Zrefna,
feine Tochter; fie war ſehr. ſchoͤn. Kjartan bot feiner Schweſter
Vgl. Kap. 31 zu Anfang.
141
Thurid an, ſich etwas aus der Ladung auszuſuchen, das ihr
gefiele. Dasſelbe fagte Ralf zu Hrefna. Ralf ſchloß nun eine
große Rifte auf und bat die Frauen, ſich die durchzuſehen.
Waͤhrend des Tages kam ein ſcharfer Wind und Kjartan und
Ralf liefen hinaus, um ihr Schiff feſt zulegen. Und als fie
damit fertig waren, kehrten fie zu den Handelsbuden zuruͤck.
Ralf trat zuerft in ihre Bude. Thurid und Hrefna hatten da
ſchon viel aus der Rifte ausgepackt. Da holte Hrefng das
Kopftuch heraus und faltete es auseinander. Die Frauen rede⸗
ten darüber, was das für ein koſtbares Stuck ſei. Da ſagte
Zrefna, ſie wolle ſich einmal das Kopftuch anlegen. Thurid
erwiderte, das fei recht; und Hrefna tat es nun. Kalf ſah das
und ſagte, ſie tue da etwas, das ſich nicht paſſe, er bat ſie, das
Kopftuch ſofort abzulegen, — „denn das iſt das einzige Stuͤck,
das Kjartan und ich nicht gemeinſam beſitzen.“ Und während
ſie noch daruͤber redeten, kam Kjartan in die Bude. Er hatte
ihr Geſpraͤch gehoͤrt und fiel gleich ein und ſagte, es mache
nichts. Zrefna ſaß immer noch mit dem Kopftuch da. Rjartan
ſah ſie lange an und ſprach: „Schoͤn, finde ich, ſteht dir das
Kopftuch, grefna,“ ſagte er, „ich meine auch, es wäre wohl
am beſten, wenn ich alles zuſammen haͤtte, Kopftuch und
Maͤdchen.“ Da antwortete Zrefna: „Man wird annehmen
dürfen, daß du dich nicht wirft fo plotzlich verheiraten wollen,
doch daß du die Frau bekommſt, um die du anhaͤltſt.“ Ajartan
ſagte, es würde ihm nicht fo viel ausmachen, welche er bekaͤme,
aber er wuͤrde nicht lange aufs ungewiſſe um eine freien; —
„ich ſehe, daß dieſer Schmuck dir gut ſteht, und deshalb iſt es
billig, daß du meine Frau wirft.” Hrefna machte nun den Kopf:
putz los und gab Rjartan das Tuch surüd, und er nahm es
in Verwahrung.
Gudmund und Thurid luden für den Winter Rjartan zu fich
ins Nordland zum Verwandtenbeſuch ein. Kjartan verſprach
zu kommen. Kalf, Asgeirs Sohn, ritt nach Norden mit ſeinem
Vater. Kjartan und Ralf löften nun ihre Genoſſenſchaft auf,
das ging alles in Frieden und §reundſchaft vor fi. Rjartan
ritt dann auch vom Schiffe weg und. zwar nach dem Talbezirf
im Weſtland. Sie waren zwoͤlf zuſammen. Kjar tan kam heim
142
nach Zjardarholt, und alle waren froh über ihn. Kjartan ließ
im gerbſt fein Gut vom Schiff aus dem Süden holen. Dieſe
zwoͤlf Mann, die mit Kjartan ins Weſtland geritten waren,
blieben alle in Zjardarholt den Winter über.
Olaf und Oſvifr hatten ihre Gewohnheit der gegenfeitigen
Einladungen beibehalten.! In jedem Zerbſt ſollten fie abwech⸗
ſelnd einander beſuchen. In dieſem gerbſt ſollte ein Gaſtmahl
in Laugar fein und Olaf dazu kommen und die Leute von
Zjardarholt. Gudrun ſprach nun zu Bolli, es komme ihr vor,
als habe er ihr nicht die volle Wahrheit gefagt über Kjartans
Kuͤckkehr aus Norwegen. Bolli antwortete, er habe ihr nur das
davon geſagt, was ihm als durchaus wahr mitgeteilt worden
ſei. Gudrun ſprach wenig uͤber dieſe Sache, aber es war leicht
zu bemerken, daß ſie uͤbel zufrieden war, und die meiſten
meinten, fie trage noch ſtarke Sehnſucht nach Kjartan, wenn
ſie auch ihr Gefuͤhl verbarg.
Es kam nun die Zeit heran, daß das Zerbſtgaſtmahl in Caugar
ſtattfinden ſollte. Olaf bereitete ſich zur Fahrt und bat Kjartan,
ihn zu begleiten. Kjartan ſagte, er wolle daheim bleiben und
die Wirtſchaft beaufſichtigen. Olaf bat ihn, das nicht zu tun
und ſich nicht zu verbittern gegen feine Verwandten. „Denke
daran, Kjartan, daß du niemanden ſo geliebt haft wie Bolli,
deinen Jiehbruder; es iſt mein Wille, daß du mitkommſt; es
wird auch bald wieder gut werden zwifchen euch Vettern, wenn
ihr erſt ſelbſt wieder zuſammenkommt.“ Kjartan ließ fich durch
die Bitte feines Vaters bewegen und holte nun feinen Schar⸗
lachanzug hervor, den ihm König Olaf beim Abſchied? ge⸗
geben hatte, und ruͤſtete ſich praͤchtig. Er guͤrtete ſich das Schwert,
die Rönigsgabe, um; auf dem Kopf hatte er einen vergolde⸗
ten Helm und einen roten Schild an der Seite, auf dem das
heilige Kreuz in Gold angebracht war. In der Hand trug er
einen Speer mit getriebenem Goldſchmuck am Eiſen. Alle ſeine
Leute waren in bunten? Kleidern. Im ganzen waren es an
dreißig Mann. Sie ritten nun ab von Zjardarholt und weiter,
i Ebenſo iſt das Verhältnis zwiſchen Nſal und Gunnar in der Nialsſaga
(Kap. 35). vielmehr, nachdem Riartan ſich bereit erklärt hatte, beim Koͤ⸗
nige zu bleiben (Rap. 41). Gewoͤhnliche Ceute trugen Stoffe in Naturfarbe.
143
bis ſie nach Caugar kamen; da war ſchon eine Menge Men⸗
ſchen verſammelt.
45. Ajartan wirbt um Hrefna und ſchenkt
ihr bei der Hochzeit das koſtbare
Kopftuch
Ba ging Olaf und ſeinen Leuten entgegen mit den
Söhnen des Oſvifr und bewillkommte fie freundlich.
Bolli ging auf Kjartan zu und kuͤßte ihn. Kjartan nahm ſei⸗
nen Gruß an. Darauf wurden ſie hineingefuͤhrt. Bolli war
aͤußerſt heiter mit ihnen. Olaf ging bereitwillig darauf ein,
aber Kjartan hielt ſich ziemlich zuruͤck. Das Gaſtmahl nahm
einen guten Verlauf.
Bolli hatte Zuchtpferde, die als ganz vortrefflich galten. Ein
Zengſt war groß und ſchoͤn und hatte niemals verſagt beim
Kampf;! er war von weißer Sarbe, Ohren und Stirnbuͤſchel
rötlich; dazu gehörten drei Stuten von derſelben Sarbe wie der
gengſt. Dieſe Pferde wollte Bolli Kjartan ſchenken, aber Kjar⸗
tan ſagte, er ſei kein Pferdeliebhaber, und wollte ſie nicht an⸗
nehmen. Olaf bat ihn, die Pferde nicht zuruͤckzuweiſen, —
„das ift doch eine koſtbare Gabe.“ Kjartan ſetzte dem ein be⸗
ſtimmtes Nein entgegen. Darauf ſchieden ſie von einander ohne
Freundlichkeit, und die Leute von gjardarholt ritten nach Haufe.
Es blieb nun ruhig.
Kjartan war ziemlich ſtill während des Winters. Die Leute
hatten wenig Unterhaltung von ihm. Olaf ſchien das ſehr
betruͤblich. In dieſem Winter nach dem Weihnachtsfeſt machte
ſich Rjartan von Haufe auf und die zwoͤlfe mit ihm. Sie wollten
in die Bezirke im Norden. Sie ritten ihres Weges, bis ſie in das
Vidital im Nordlande kamen, nach Asbjarnarnes, dort wurde
Kjartan mit der größten Freundlichkeit und Zerzlichkeit emp⸗
fangen. Da war das ſtattlichſte Zausweſen. Hal, der Sohn
Gudmunds, war damals etwa zwanzig Jahr alt und ſchlug
ganz nach der Art der Maͤnner vom Lachstal. Es wird allge⸗
mein geſagt, daß es keinen vollkommneren Mann im ganzen
Nordviertel gegeben habe. Hall nahm ſeinen Verwandten mit
Vgl. S. 113, Anm. 3.
144
der größten Freundlichkeit auf. Es wurden da ſogleich Spiele
angeſetzt in Asbjarnarnes, und dazu weit herum in den Be⸗
zirken Leute aufgeboten; man kam dazu vom Weſten her aus
dem Midfjord und von Vatnsnes, und aus dem Vatnstal und
bis von der Rüfte vom Cangatal; da war eine große Menſchen⸗
menge beiſammen. Alle Leute ſprachen darüber, wie ſehr Kjar⸗
tan uͤber andere Maͤnner hervorrage. Darauf ruͤſtete man ſich
zum Spiel, und Hall übernahm die Leitung; er forderte Kjar⸗
tan zum Spiele auf, — „wir möchten, Lieber, daß du uns
deine Ritterlichfeit dabei ſehen läßt.“ Kjartan antwortete:
„Wenig habe ich mich in Spielen geübt in letzter Zeit, denn
anders war der Brauch bei Rönig Olaf; doch will ich mich zu
Ehren des Tages nicht weigern.“ Kjartan machte ſich nun fer⸗
tig fuͤr die Spiele; die Maͤnner wurden ihm entgegengeſtellt,
die da die ſtaͤrkſten waren. Es wurde nun den Tag uͤber ge⸗
ſpielt; da hatte keiner gegen Kjartan aufkommen konnen,
weder an Kraft noch an Gewandtheit.
Und am Abend, als das Spiel geſchloſſen war, da ſtand auf
Hal, Gudmunds Sohn, und ſprach: „Das iſt die Einladung
meines Vaters und ſein Wille an alle, die hierher aus der
Serne gekommen ſind, daß ſie alle hier die Nacht uͤber bleiben
und hier am Morgen ſich wieder vergnügen.” Dieſer Botſchaft
folgte großer Beifall und die Einladung fand man eines Zaͤupt⸗
lings wuͤrdig.
Ralf, Asgeirs Sohn, war dorthin gekommen, und Kjartan
und er begrüßten ſich überaus herzlich. Da war auch Hrefna,
ſeine Schweſter, ſie hatte ſich ſorgfaͤltig geſchmuͤckt. Es waren
da uͤber hundert Gaͤſte in der Nacht auf dem Zofe.
Am naͤchſten Tage wandte man ſich wieder dem Spiele zu.
Kjartan ſaß da bei dem Spiel als Juſchauer. Thurid, feine
Sch weſter, trat ʒu ihm und begann eine Unterhaltung und ſprach
ſo: „Es iſt mir erzaͤhlt worden, Bruder, du ſeiſt ʒiemlich ſtill ge⸗
weſen während des Winters; die Leute reden davon, daß du
noch Sehnſucht haſt nach Gudrun; man ſchließt das daraus,
daß kein freundliches Verhaͤltnis mehr iſt zwiſchen euch Vet⸗
tern, zwiſchen dir und Bolli, nach ſo großer Liebe, wie ſie
unter euch beiden allezeit beſtanden hat. Tu nun, was recht
10 Meißner, Lachstalſaga 145
und verftändig iſt, und laß dich die Sache nicht anfechten und
gönne deinem Freunde die gute Heirat. Mir ſchiene das am
vernuͤnftigſten, wenn du dich ſo verheiraten wuͤrdeſt, wie du
es im letzten Sommer ſagteſt, wenn man auch nicht von voͤl⸗
liger Ebenbuͤrtigkeit reden kann, was Hrefna angeht, aber das
wirſt du hier zu Lande nicht finden. Asgeir, ihr Vater, iſt ein
Mann von Anſehen und guter Familie. Es fehlt ihm auch nicht
an Geld, diefe Heirat anſehnlich zu machen; auch iſt feine ans
dere Tochter! an einen maͤchtigen Mann vermaͤhlt. Du haſt
mir auch geſagt, daß Ralf, Asgeirs Sohn, der tuͤchtigſte Mann
ſei; die Stellung der Leute iſt durchaus hervorragend. Es iſt
mein Wunſch, daß du dich mit Zrefna unterhaͤltſt, und ich ver⸗
mute, du wirſt finden, daß ihr Verſtand nicht zuruͤckſteht hin⸗
ter ihrer Schönheit.“ Ajartan ging darauf bereitwillig ein und
ſagte, daß ſie die Sache auf den richtigen Weg bringe.
Darauf kamen Zrefna und Kjartan miteinander ins Geſpraͤch
und unterhielten ſich den Tag uͤber.? Am Abend fragte Thurid,
welchen Eindruck er aus der Unterredung mit grefna bekom⸗
men habe. Kjartan. zeigte ſich ſehr befriedigt, er ſagte, nach
allem, was er bemerkt habe, ſchiene ſie ihm in jeder Beziehung
ein außergewoͤhnliches Maͤdchen zu ſein.
Am Morgen darauf wurden Leute nach Asgeir geſandt und
er nach Asbjarnarnes eingeladen. Nun begann eine Beſprech⸗
ung über dieſe Angelegenheit, und Kjartan hielt um Hrefna,
die Tochter Asgeirs, an. Der nahm die Werbung mit Befrie⸗
digung auf, denn er war ein kluger Mann, und ſah ein, daß
ihm mit dem Antrage hohe Ehre erwieſen wurde. Kalf war
eifrig, dieſe Sache zu befoͤrdern, — „ich will nicht, daß man
ſich hier zuruͤckhaltend benimmt.“ Zrefna gab ihrerſeits auch
keine abſchlaͤgige Antwort und uͤberließ ihrem Vater die Ent⸗
ſcheidung. So wurde denn dieſe Sache in Ordnung gebracht
und mit Zeugen beglaubigt. Kjartan ließ ſich auf nichts an⸗
deres ein, als daß die Hochzeit in Zjardarholt ſtattfinden follte,®
Asgeir und Kalf widerſetzten ſich dem nicht. So wurde denn
1 Thurid, die mit Thorkel Kuggi vermaͤhlt war (Rap. 40, S. 124). ? Sor⸗
melhafte Wendung, vgl. S. 81, Anm. 1. Dadurch wurde die Familie des
Braͤutigams geehrt, vgl. die Hochzeit von Olaf pfau und Thorgerd, S. 81.
146
feſt geſetzt, daß man ſich fünf Wochen nach Sommeranfang zur
Hochzeit einfinden wolle. Darauf ritt Kjartan heim mit reichen
Geſchenken. Olaf zeigte ſich ſehr befriedigt uͤber dieſe Neuig⸗
keit, denn Kjartan war nun viel heitrer, als bevor er von Haufe
weggeritten war.
Kjartan hielt trockene Cangfaſten und tat das ohne Vorgang
anderer hierzulande; denn ſo iſt die Überlieferung, daß er
als erſter trocken gefaſtet habe hier in Island. So wunderſam
kam es den Leuten vor, daß Rijartan fo lange ohne rechte
Nahrung lebte, daß fie von weit herkamen, ihn zu ſehen. Ebenſo
erhob ſich auch ſonſt Kjartans Verhalten Über das andrer
Maͤnner. Oſtern ging ſo voruͤber.
Darauf ließen Kjartan und Olaf für ein großes Seft Vorberei⸗
tungen treffen. Es kamen von Norden Asgeir und Kalf zur
verabredeten Zeit und Gudmund und Hall, fie hatten alle zu⸗
ſammen ſechzig Mann mit ſich. Auch auf Kjartans Seite war
eine große Menge zur Stelle. Dieſes Seſt war prächtig, denn
acht Tage lang ſaß man bei der Bewirtung. Kjartan gab
Zrefna als Brautgabe das Kopftuch, und dieſe Gabe wurde
hochberuͤhmt, denn niemand war fo welterfahren oder von fo
großem Reichtum, daß er eine ſolche Koſtbarkeit geſehen oder
beſeſſen haͤtte; verſtaͤndige Maͤnner haben behauptet, daß acht
re Gold in das Kopftuch gewebt geweſen ſeien. Kjartan war
auch ſo heiter bei dem Seſte, daß er mit ſeinem Geſpraͤch jeden
einzelnen unterhielt und von feinen Keiſeerlebniſſen erzählte;
den Maͤnnern machte es einen großen Eindruck, was fuͤr be⸗
deutſame Dinge da zur Sprache kamen, da er lange Zeit dem
hervorragendſten Sürften, dem Rönig Olaf, Tryggvis Sohn,
gedient hatte. Und als das Seft zu Ende war, wählte Kjar⸗
tan wertvolle Geſchenke aus für Gudmund und Hall und die
andern Großen. Vater und Sohn erwarben fich hohes Lob
mit dieſem Seſt. Kjartan und Hrefna faßten herzliche Liebe zu
einander.
10 147
46. Kjartans Schwert wird geſtohlen und
wiedergefunden, das Kopftuch der Frefna
wird entwendet und vernichtet
laf und Oſpvifr hielten an ihrer Freundſchaft feſt, ob⸗
gleich das Band zwiſchen den jungen Leuten ſo ziemlich
zerriſſen war. In dieſem Sommer hatte Olaf eingeladen fuͤr
einen halben Monat vor Winteranfang. Oſvifr hatte auch
eine Gaſtbewirtung vorbereitet fuͤr die Jeit der erſten Winter⸗
naͤchte. Jeder uͤberließ es dem andern bei der Einladung, wie
viel Leute er entſprechend feinem Anſehen mitbringen wollte.
Oſpifr hatte zuerſt das Seft bei Olaf zu beſuchen und kam
zur verabredeten Zeit nach Zjardarholt. An dieſer Sahrt nahmen
auch Bolli und Gudrun und die Söhne des Oſpvifr teil. Am
nächften Morgen, als die Frauen miteinander den Schlafſaal
entlang nach der Tuͤr gingen, redete eine davon, wie man wohl
die Frauen ſetzen wuͤrde. Waͤhrend ſie das ſagte, war Gudrun
gerade in die Naͤhe des Bettes gekommen, in dem Rjartan zu
liegen pflegte. Kjartan war da und zog ſich an und warf den
roten Scharlachrock uͤber ſich; da ſprach Kjartan zu der Frau,
die uͤber die Tiſchordnung der Frauen geredet hatte — denn
niemand konnte ihm mit der Antwort zuvorkommen — „ Hrefna
ſoll auf dem gochſitze ihren Platz haben und in jeder Bezieh⸗
ung die geehrtefte fein, fo lange ich am Leben bin.“ Aber bis⸗
her hatte immer Gudrun auf dem Sochſitze geſeſſen in Zjard⸗
arholt und anderswo. Gudrun hoͤrte dies und ſah Kjartan
an und wechſelte die Sarbe, aber antwortete nichts. Am Tage
darauf ſagte Gudrun zu Hrefna, fie ſolle das Kopftuch an⸗
legen und ſo den Leuten das beſte Kleinod zeigen, das nach
Island gekommen ſei. Kjartan war in der Naͤhe, wenn er auch
nicht bei ihnen ſtand, und er hoͤrte, was Gudrun geſagt hatte.
Er war ſchneller mit der Antwort als Hrefna: „Nicht fol fie
das Kopftuch tragen bei dieſem Sefte, denn mehr ſcheint es
mir darauf anzukommen, daß grefna das koſtbarſte Schmuck⸗
ſtuͤck beſitzt, als daß die eingeladenen Gaͤſte eine Augenweide
haben bei dieſer Gelegenheit.“ Eine Woche ſollte die Zerbſt⸗
bewirtung dauern bei Olaf. Am Tage darauf redete Gudrun
148
heimlich mit Hrefna, fie möge ihr das Kopftuch einmal zeigen.
Zrefna ſagte, das folle geſchehen. Am naͤchſten Tage ging
ſie mit Gudrun in das Vorratshaus, wo die Kleinodien be⸗
wahrt wurden. Zrefna ſchloß eine Truhe auf und holte den
Samtbeutel hervor, und aus dem Beutel nahm ſie das
Kopftuch und zeigte es Gudrun. Dieſe faltete das Tuch aus⸗
einander und betrachtete es eine Zeitlang und ſagte kein Wort
daruͤber, weder liebes noch leides. Darauf fchloß Zrefna das
Kopftuch wieder ein, und ſie kehrten zu ihren Plaͤtzen zuruͤck.
Dann ging die Bewirtung weiter in Freuden und Unterhal⸗
tung.
Aber an dem Tage, als die Eingeladenen abreiten ſollt en, war
Kjartan eifrig damit beſchaͤftigt, den Leuten friſche Pferde zu
verſchaffen, die von weither gekommen waren, und jeden ſo
für die Reife zu verſorgen, wie es noͤtig war. Kjart an hatte
fein Schwert Koͤnigsgabe nicht bei ſich gehabt, während er ſich
ſo zu ſchaffen machte, obgleich er nicht gewohnt war, es von
ſeiner Seite zu laſſen. Darauf ging er nach ſeinem Bett, wo
das Schwert gehangen hatte, da war es verſchwun den. Er
ging ſofort zu feinem Vater und teilte ihm feinen Verluſt mit.
Olaf ſprach: „Zier muͤſſen wir mit der größten Zeimlich⸗
keit verfahren, ich werde Spaͤher jeder Geſellſchaft mitgeben,
die wegreitet.“ Und das tat er. An der Weiße ſollt e mit der
Schar des Oſvifr reiten und aufpaſſen, ob jemand abbiegen
oder zuruͤckbleiben würde.
Sie ritten landeinwaͤrts an Cjarſkogar und den Höfen vorüber,
die Skogar heißen, und hielten dort am Walde und ſtiegen
ab. Thorolf, der Sohn des Oſvifr, ging abſeits von den Höfen
und einige andere Maͤnner mit ihm. Sie gingen fort ins Moor⸗
buſchwerk hinein, während die andern bei den Höfen raſteten.
An begleitete dann die Geſellſchaft noch bis zu dem Lachs⸗
waſſer,! das aus dem Saͤlingstal kommt, und ſagte, er wolle
nun umkehren. Thorolf ſagte, es wuͤrde auch nichts geſchadet
haben, wenn er gar nicht mitgekommen waͤre. Die Nacht vor⸗
her war duͤnner Schnee gefallen, ſo daß man Spur en ver⸗
folgen konnte. An ritt zuruͤck zum Walde und verfolgte die
1 vereinigung der aus dem Saͤlingstal und Svinatal kommenden Gewaͤſſer.
149
Spur Thorolfs bis zu einer fumpfigen, moorigen Stelle. Er
griff da hinein und bekam den Schwertgriff zu faſſen. An wollte
Zeugen haben bei dieſem Sund und ritt zu Thorarin auf
Saͤlingsdalstunga, und der kam mit An, das Schwert heraus⸗
zuholen. Darauf brachte An Rjartan das Schwert. Kjartan
wickelte ein Tuch darum und verſchloß es in einer Truhe. Die
Stelle heißt ſeitdem Schwertfumpf, wo Thorolf mit feinen
Leuten das Schwert Koͤnigs gabe verſteckt hatte. Man verhielt
ſich ganz ſtill daruͤber, aber die Scheide wurde niemals wieder⸗
gefunden. Rjartan hielt in der Folgezeit das Schwert nicht
mehr ſo wert wie fruͤher.
Die ſe Sache hatte Kjartan verletzt und er wollte das nicht auf
ſich ſitzen laſſen. Olaf ſprach: „Laß dich das nicht verletzen; es
war kein ſchoͤner Streich von ihnen, aber es ſchadet dir ja nichts;
wir wollen nicht andern Gelegenheit zum Cachen geben, wenn
wir fo etwas zum Anlaß eines Zwiftes machen, Freunden
und Verwandten gegenuͤber.“ Und auf Olafs Jureden hin
ließ Kjartan die Sache auf ſich beruhen.
Einige Zeit ſpaͤter rüftete ſich Olaf, der Einladung nach Caugar
zu den erſten Winternaͤchten zu folgen, und redete mit Kjar⸗
tan darüber, daß er auch mitkommen ſolle. Kjartan hatte keine
Luft, aber um der Bitte des Vaters willen ſagte er ihm doch
zu. Hrefna ſollte auch mitkommen und wollte das Kopf⸗
tuch daheim laſſen. Thorgerd, die Hausmutter, fragte: „Wann
willſt du ein ſolches koſtbares Schmuckſtuͤck eigentlich tragen,
daß du es in der Truhe liegen laͤßt, wenn du zu einem Feſte
gehſt?“ Hrefna erwiderte: „Viele ſagen, daß ich vielleicht auch
einmal anders wohin kommen werde, wo ich weniger Neider
finde als in Laugar.“ Thorgerd ſagte: „Ich ſchenke den Leuten
keinen großen Glauben, die hier ſolche Zwiſchenblaͤſereien
machen von Haus zu Haus.“ Und weil Thorgerd fie fo eifrig
drängte, nahm Hrefna das Kopftuch mitz und Kjartan erhob
keinen Widerſpruch, als er ſah, daß es der Wunſch ſeiner
Mutter war.
Darauf machten ſie ſich auf den Weg und kamen abends nach
Laugar und wurden wohl empfangen. Thorgerd und Zrefna
gaben ihre Kleider zur Aufbewahrung. Und am Morgen, als
150
die Frauen ſich anziehen follten, fuchte grefna nach dem Kopf⸗
tuch, und da war es von dem Orte verſchwunden, wo ſie es
verwahrt hatte; es wurde da uͤberall danach geſucht, aber
man fand es nicht. Gudrun ſagte, es ſei am wahrſcheinlichſten,
daß fie das Kopftuch zu Zauſe gelaſſen habe, oder fie habe es
nicht ſorgfaͤltig genug eingepackt, und es ſei verloren ge⸗
gangen. Zrefna teilte nun Kjartan mit, daß das Tuch ver⸗
ſchwunden ſei. Kjartan antwortete und ſagte, es ſei wirklich
keine leichte Sache, auf diefe Leute aufpaſſen zu muͤſſen, doch
bat er ſie, jetzt ſich ſtill zu verhalten, darauf ſagte er ſeinem
Vater, was da im Spiele war. Olaf antwortete: „Wieder
wuͤnſche ich wie beim vorigenmal, daß du nichts tuft und
dieſe ſchlimme Sache an dir voruͤbergehen laͤßt; ich werde dem
im Stillen nachforſchen, denn ich will alles aufbieten, daß
zwiſchen euch beiden, Bolli und dir, kein Bruch entſteht; eine
heile Stelle laͤßt ſich am beſten verbinden,! mein Sohn,“ ſagte
er. Kjartan erwiderte: „Leicht iſt es zu ſehen, Vater, daß du
allen hier nur gutes wuͤnſcheſt; aber ich weiß doch nicht, ob
ich es länger dulden ſoll, mir ſo von den Caugarleuten an den
Wagen fahren zu laſſen.“
An dem Tage, an dem die Leute fortreiten ſollten von dem Sefte,
nahm Rjartan das Wort und ſprach fo: „Dich, Vetter Bolli,
fordere ich hiermit auf, von nun an ehrlicher an uns zu han⸗
deln als bisher; ich will dies nicht in geheimer Iwieſprache
vorbringen, weil ja viele Leute Kenntnis davon haben, daß
hier allerlei verſchwunden iſt, wobei die Spuren nach eurem
Hof weiſen. Im Zerbſt, als wir die Bewirtung in Zjardar⸗
holt hatten, wurde mein Schwert weggenommen; es hat
ſich wieder eingefunden, aber die Scheide nicht. Und jetzt
wieder iſt ein Kleinod verſchwunden, das für koſtbar gelten
darf; ich will nun beides wiederhaben.“ Da antwortete Bolli:
„Ich bin nicht der Urheber deſſen, was du uns vorwirfſt;
ich hätte alles eher von dir erwartet, als daß du mich des
Diebſtahls bezichtigen wuͤrdeſt.“ Kjartan ſagte: „Es haben, wie
wir glauben, Perſonen hierum gewußt, fuͤr die du mit Bußen
eintreten kannſt, wenn du willſt;? mehr, als notwendig iſt,
1 Sprichwort. Damit ſpricht Kjartan feinen Verdacht gegen Gudrun aus.
151
ſucht ihr mit uns anzubinden; lange find wir eurer Seindfelig-
keit ausgewichen; es wird ſich nun zeigen, daß es ſo nicht weiter
gehen kann.“ Da antwortete Gudrun auf feine Rede und ſprach:
„Du ftörft da in Kohlen herum, Kjartan, die beſſer nicht zu
rauchen anfangen ſollten. Und wenn es nun auch ſo waͤre, wie
du ſagſt, wenn hier Perſonen ſein ſollten, die damit etwas zu tun
haben, daß das Kopftuch verſchwunden iſt, ſo halte ich dafuͤr,
daß ſie nach dem gegriffen haben, was ihnen gehoͤrt. Glaubt
nun, was ihr wollt, wohin das Kopftuch gekommen iſt, jeden⸗
falls gefaͤllt es mir nicht uͤbel, wenn das Tuch ſo aufgehoben
iſt, daß Zrefna von nun an ſich nicht mehr damit aufputzen
kann.“ Darauf ſchieden ſie von einander in ausgeſprochener
Unfreundlichkeit. Die Leute von Zjardarholt ritten heim. Die
gegenſeitigen Einladungen hörten nun auf, doch blieb aͤußer⸗
lich alles ruhig. Von dem Kopftuch erfuhr man nie mehr etwas.
Viele hielten es fuͤr wahr, das Thorolf das Tuch im Feuer
verbrannt habe auf den Kat feiner Schweſter Gudrun.
Ju Anfang des Winters ſtarb Asgeir Brauſekopf. Seine Sohne
übernahmen da Hof und Vermoͤgen.
47. KAjartan reitet nach dem Saurbo
m Winter nach dem Weihnachtsfeſte brachte Rjartan eine
Mannſchaft zuſammenz es waren im ganzen ſechzig Mann.
Kjartan ſagte feinem Vater nicht, was für ein Zug beabſichtigt
ſei; Olaf fragte auch nicht danach. Kjartan hatte Zelte und
Lebensmittel mit ſich. Kjartan ritt nun ſeines Weges, bis er
nach Laugar kam. Er befahl den Leuten abzuſteigen und ſagte,
einige ſollten die Pferde beaufſichtigen, andere hieß er die Zelte
aufſchlagen.
In jener Jeit war das vielfach der Brauch, daß die Abtritte
draußen lagen, und zwar ziemlich entfernt vom Hofe, und fo
war es auch in Laugar. Kjartan ließ da alle Türen des Hofes
beſetzen und verwehrte jedermann den Ausgang, und zwang
fie drei Tage hindurch, ihre Geſchaͤfte im Haufe abzumachen.
Darauf ritt Kjartan heim nach gjardarholt, und jeder von feinen
Gefährten nach Haufe. Olaf war bös über dieſe Fahrt. Thor⸗
gerd ſagte, er dürfe Kjartan nicht tadeln, die Leute von Cau⸗
152
gar hätten das verdient und noch größere Schmach. Da ſprach
Hrefna: „Haft du mit jemandem geſprochen, Rjartan, in Laug⸗
ar?“ Er antwortete: „Es war nichts Wichtiges“, er ſagte, er
habe mit Bolli ein paar Worte gewechſelt. Da ſprach Hrefna
und laͤchelte dabei: „Es iſt mir als ſicher erzaͤhlt, daß du mit
Gudrun geſprochen haben ſollſt, und ich habe auch gehoͤrt, wie
fie angezogen war, daß fie das Kopftuch angelegt hatte und
daß es ihr ſehr gut geſtanden haben ſoll.“ Ajartan antwortete
und wurde dunkelrot dabei — jedermann konnte ſehen, daß
er zornig war, weil fie ihren Spott hiermit trieb —: „Nichts
davon, was du da erzaͤhlſt, iſt mir zu Geſicht gekommen,
Hrefna,“ ſagte Kjartan; „Gudrun braucht ſich nicht dazu das
Kopftuch anzulegen, um ſchoͤner aus zuſehen als alle andern
Frauen.“ Da brach Hrefna das Geſpraͤch ab.
Die Leute von Caugar waren übel zufrieden, ſie glaubten eine
viel groͤßere und ſchlimmere Schmach erlitten zu haben, als
wenn ihnen Kjartan einen oder zwei Mann erſchlagen haͤtte.
Die Söhne des Oſpifr waren raſend über dieſe Sache, aber
Bolli ſuchte ſie eher zu beruhigen. Gudrun redete am wenigſten
davon, aber doch merkte man ſoviel aus ihren Worten, daß es
zweifelhaft war, ob es irgend jemand anderem naͤher ging als
ihr. Es war nun offne Seindfchaft zwiſchen den Leuten von
Caugar und denen von Zjardarholt.
Als der Winter zu Ende ging, gebar Hrefna ein Kind. Es
war ein Knabe und wurde Asgeir genannt.
Thorarin, der Bonde auf Tunga, ! machte bekannt, daß er Hof
und Land verkaufen wollte; einmal deshalb, weil ſein Ver⸗
mögen zuruͤckging, und dann, weil ihm die Zwietracht immer
ſtaͤrker zu werden ſchien zwiſchen den Leuten feiner Gegend;
und er ſtand mit beiden Parteien in herzlicher Freundſchaft.
Bolli ſchien es notwendig, ſich durch Kauf irgendwo feſtzuſetzen,
denn in Caugar war wenig Land, aber eine große Menge Vieh.
Bolli und Gudrun ritten nach Tunga auf den Kat Oſvifrs.
Es ſchien ihnen das gegebene, dieſes benachbarte Land zu er⸗
werben, und Oſvifr bat fie, nicht an Kleinigkeiten den Handel
1 Saͤlingsdalstunga. Er war, wie das folgende zeigt, abhängig von Olaf,
ſaß aber in gefährlicher Naͤhe von Caugar.
153
ſcheitern zu laſſen. Darauf verhandelten Thorarin und die
beiden uͤber den Verkauf und wurden einig daruͤber, wie hoch
der Preis ſein, und ebenſo, womit gezahlt werden ſollte, und
der Kauf wurde zwiſchen ihnen abgeſchloſſen. Weil nicht ſo
viel Maͤnner zur Stelle waren, wie es das Geſetz verlangt,
wurde der Kaufvertrag nicht durch Zeugen feſtgemacht. Bolli
und Gudrun ritten darauf nach Sauſe.
Als aber Kjartan, Olafs Sohn, dieſe Neuigkeit erfuhr, ritt er
ſofort mit elf Mann ab und kam fruͤh am Tage nach Tunga;
Thorarin begrüßte ihn herzlich und lud ihn ein, dazubleiben.
Kjartan ſagte, er muͤſſe am Abend wieder heim reiten,! wolle
ſich aber einige Jeit bei ihm aufhalten. Thorarin fragte, was
ihn hergefuͤhrt habe. Kjartan antwortete: „Das hat mich ber⸗
geführt, das ich etwas mit dir Über den Landverfauf reden
wollte, den du mit Bolli vorhaſt, denn es iſt mir unerwuͤnſcht,
daß du dieſes Land an Bolli und Gudrun abtreten willſt.“
Thorarin ſagte, es ſei ihm ungelegen, wenn das zuruͤckgehen
follte, — „denn der Preis, den mir Bolli für das Land ver⸗
ſprochen hat, iſt gut und ſoll außerdem gleich bezahlt werden.“
Kjartan ſprach: „Es ſoll dein Schade nicht fein, wenn auch
Bolli das Land nicht kauft, denn ich werde es dir zu gleichem
Preiſe abkaufen, und es wird dir nicht viel helfen, dem zu
widerſprechen, wie ich es haben will, denn es wird dir klar
werden, daß ich vor allem hier im Bezirke zu beſtimmen habe
und mich dabei mehr nach dem Gefallen anderer Maͤnner richten
werde als nach dem der Laugarleute.“ Thorarin antwortete:
„Hoch ſteht mir des Herren Wort, das ſoll für mich auch hierbei
gelten; aber es waͤre mir doch am liebſten, wenn dieſer Kauf
beſtehen bliebe, wie Bolli und ich es ausgemacht haben.“ Kjar⸗
tan ſprach: „Das nenne ich nicht einen Candkauf, der nicht
durch Zeugen feſtgemacht iſt. Wähle nun eins von beiden,
entweder verkaufe mir fofort das Land in die Hand zu den
gleichen Bedingungen, zu denen du dich andern gegenuͤber
verſtanden haſt, oder aber bleibe ſelbſt auf deinem Lande
wohnen.“ Thorarin zog es vor, ihm das Land zu ver⸗
kaufen. Es waren nun gleich die Jeugen fuͤr dieſen Kauf zur
i Typiſche wendung. Sprichwort..
154
Stelle. Kjartan ritt heim, nachdem der Landverkauf abge-
ſchloſſen war.
Dieſe Runde verbreitete ſich im ganzen Talbezirk. Am felben
Abend noch erfuhr man es in Laugar. Da ſprach Gudrun:
„Ich halte dafuͤr, Bolli, daß Kjartan dir die Wahl zwiſchen
zwei Dingen ſtellt, noch ſchaͤrfer, als er es mit Thorarin getan
hat, daß du entweder dieſe Gegend mit wenig Ehre verlaſſen
mußt oder dich bei jedem naͤchſten Juſammentreffen mit ihm
etwas weniger ſtumpf zeigſt als bisher.“ Bolli gab keine Er⸗
widerung und ging gleich weg nach dieſen Worten; es blieb
nun ſtill die übrige Zeit von Cangfaſten.
Am dritten Oſtertage ritt Kjartan von Zauſe fort mit einem
Mann; es begleitete ihn An der Schwarze. Sie kamen zu⸗
naͤchſt an dieſem Tage nach Tunga. Kjartan wollte, daß Thor⸗
arin mit ihm weiter ins Weſtland nach dem Saurboͤ reiten
ſollte, um da als Zeuge zu dienen bei Forderungen, denn Kjar⸗
tan hatte dort große Geldgeſchaͤfte wahrzunehmen. Thorarin
war nach einem andern Zof geritten. Kjartan hielt ſich dort
eine Zeitlang auf und wartete auf ihn.
An demſelben Tage war Thorhalla die Geſpraͤchige! dorthin
gekommen. Sie fragte Kjartan, wohin er zu reifen beabſichtigte.
Er fagte, er wolle weiter ins Weſtland nach dem Saurboͤ. Sie
fragte: „Welchen Weg wirft du reiten?“ Kjartan antwortete:
„Ich werde auf dem Hinweg durch das Saͤlingstal und auf dem
Kuͤckweg durch das Svinatal reiten.“ Sie fragte, wie lange er
ausbleiben würde, Kjartan antwortete: „Aller Wahrſchein⸗
keit nach werde ich am Donnerstag die Kuͤckreiſe antreten.“
„Willſt du mir einen Gefallen tun?“ ſagte Thorhalla, „ich
habe einen Verwandten drüben auf Zvitadal im Saurbö; er
hat mir eine halbe Mark in Fries verſprochenz ich bitte, daß du
fie einfor derſt und mit zuruͤckbringſt.“ KAjartan verſprach das.
Unterdeſſen kam Thorarin heim und machte ſich bereit, ihn zu
begleiten. Sie ritten weiter uͤber die Saͤlingstalsheide und kamen
am Abend nach Hol zu den Geſchwiſtern.! Rjartan fand da
gute Aufnahme, denn zwiſchen ihnen war herzliche Freund⸗
ſchaft.
Von Laugar, vgl. 8.99, Anm. 2. ? gl. S. 100.
155
Thorhalla die Geſpraͤchige kam heim nach Caugar am Abend.
Die Söhne des Oſpifr fragten fie, ob fie jemanden getroffen
habe waͤhrend des Tages. Sie ſagte, ſie habe Kjartan, Olafs
Sohn, getroffen. Sie fragten, wo er hin wolle. Sie erzaͤhlte,
was fie darüber wußte, — „und niemals iſt er ein ftolzerer
geld geweſen als jetzt; das iſt auch nicht zu verwundern, wenn
ſolchen Maͤnnern alles niedrig neben ihnen vorkommt.“ Und
dann ſagte Thorhalla noch: „Leicht war es mir auch zu be⸗
merken, daß Kjartan uͤber nichts ſo gern ſprach als uͤber den
Kauf von Thorarins Land.” Gudrun ſagte: „Wohl mag Kjar⸗
tan alles kuͤhn tun, was ihm beliebt, weil er erprobt hat, daß
er ſich jede Beleidigung herausnehmen darf, ohne daß jemand
es wagt, den Schaft gegen ihn zu ſchießen.“ Bei dieſer Rede
Gudruns waren ſowohl Bolli wie die Söhne des Oſpvifr zu⸗
gegen. Oſpak und die Bruͤder antworteten wenig darauf, aber
mit deutlicher Seindſeligkeit gegen Kjartan wie gewöhnlich.
Bolli tat, als hörte er nichts, wie immer, wenn ſchlecht von
Kjartan geſprochen wurde, denn er pflegte dann zu ſchweigen
oder zu widerſprechen.
48. An der Schwarze hat einen boͤſen
Traum
jartan blieb Mittwoch nach Oſtern in Hol; da war große
Unterhaltung und Sröhlichkeit. In der Nacht darauf ge⸗
berdete ſich An uͤbel im Schlafe, und man weckte ihn auf. Sie
fragten ihn, was er geträumt habe. Er antwortete: „Eine Frau
kam zu mir, greulich, und riß mich über die Bettkante; fie hatte
ein großes Meſſer in der einen Zand und einen Trog in der
andern; fie ſetzte mir das Meſſer an die Bruſt und ſchnitt mir
den ganzen Leib auf, und nahm das Eingeweide her aus und
ſtopfte dafür Reiſig hinein. Dann ging fie zur Tür hinaus,“
ſagte An. Kjartan und die andern lachten ſehr über den Traum
und ſprachen, er ſolle nun An Reifigmagen heißen; fie griffen
ihm an den Leib und ſagten, fie wollten fühlen, ob er Keiſig
im Magen habe.
Da ſprach Aud: „Es iſt nicht recht, hierüber fo ſe hr zu ſpotten;
ich rate zum beſten, wenn ich Kjartan bitte, entweder hier
156
länger zu verweilen, oder wenn er reiten will, dann reite er
mit mehr Begleitung von hier fort als er hergebracht hat.“
Kjartan ſprach: „Es wird dahin kommen, daß ihr An Reifig-
magen noch fuͤr einen Mann von gewichtigen Worten haltet,
wenn ihr noch einige Tage im Geſpraͤch mit ihm zuſammen⸗
ſitzt, da euch das wie eine Offenbarung erſcheint, was er
traͤumt; aber doch werde ich abreiſen, wie ich es mir vorge⸗
nommen hatte, trotz dieſes Traumes.“
Kjartan machte ſich fruͤh auf am Donnerstag in der Oſter⸗
woche, und mit ihm Thorkel Zuͤndlein und fein Bruder Knut
nach dem Kate der Aud. Sie ritten mit Kjartan feines Weges,
im ganzen zwoͤlf zuſammen. Rijartan kam an Hpitatal vor⸗
uͤber und forderte die Schuld ein fuͤr Thorhalla die Geſpraͤchige,
wie er ihr verſprochen hatte. Dann ritt er ſuͤdwaͤrts ins
Svinatal.
Das geſchah ʒu Laugar im Saͤlingstal, daß Gudrun fruͤh auf
den Fuͤßen war, gleich nach Sonnenaufgang. Sie ging dorthin,
wo ihre Brüder ſchliefen; fie faßte Oſpak an. Er wachte gleich
davon auf und ebenſo einige von den andern Bruͤdern. Und
als Oſpak ſeine Schweſter erkannte, fragte er ſie, was ſie wolle,
daß ſie ſo fruͤh auf den Fuͤßen ſei. Gudrun ſagte, ſie wolle
wiſſen, was fie an dem Tage vorzunehmen gedaͤchten. Oſpak
fagte, fie würden ſich wohl ruhig halten, — „es gibt jetzt wenig
zu tun.“ Gudrun ſprach: „Gut wuͤrde eure Gemuͤtsart ſein,
waͤret ihr Töchter irgend eines Bauern,! fo daß von euch aus
niemandem Nutzen oder Schaden geſchieht; aber ſolche Schmach
und Schande wie euch Kjartan angetan hat, da ſchlaft ihr ganz
ruhig, obgleich er hier am Zofe vorbeireitet mit einem einzigen
Begleiter. Dieſe Maͤnner haben ſo viel Gedaͤchtnis wie Schweine.
Ich gebe auch die Zoffnung auf, daß ihr euch dazu aufraffen
ſolltet, Rjartan in feinem Zofe anzugreifen, da ihr es nicht
wagt, ihn jetzt zu treffen, wo er mit einem oder zwei Mann
unterwegs iſt, aber ihr ſitzt daheim und habt zuverſichtliche
Worte und ſeit doch immer ſo viele bei einander.“ Oſpak ſagte,
ſie nehme es ſo leidenſchaftlich, aber man koͤnne ſchwer dem
etwas entgegnen, und ſprang ſogleich auf und kleidete ſich an
1 Typiſche Wendung.
157
und mit ihm alle andern Brüder. Darauf ruͤſteten fie ſich,
Kjartan aufzulauern.
Da bat Gudrun Bolli, an der Fahrt teilzunehmen. Bolli fagte,
das ginge nicht an wegen feiner Verwandtſchaft mit Kjartan
und ſtellte ihr vor, wie liebevoll Olaf ihn ſelbſt aufgezogen
habe. Gudrun antwortete: „Du ſprichſt wahr, und dir iſt es
vom Gluͤck verſagt, ſo zu handeln, daß es von allen gebilligt
wird, aber mit unſerem Eheleben ift es zu Ende, wenn du dich
dieſer Sahrt entziehſt.“ Und unter dem Einfluſſe von Gudruns
Reden ſteigerte ſich Bolli immer mehr hinein in den Groll und
die Seindfchaft gegen Kjartan und waffnete ſich ſchnell, und
es waren nun neun zuſammen: die fünf Söhne des Oſpifr,
Oſpak und Zelgi, Vandrad und Torrad, Thorolf, als ſechſter
Bolli, der ſiebente Gudlaug, der Schweſterſohn des Oſpifr,
ein ſehr vielverfprechender Mann. Dazu kamen Odd und Stein,
die Soͤhne der Thorhalla der Geſpraͤchigen.
Sie ritten nach dem Svinatal und hielten bei der Schlucht, die
Zafragil! heißt; da feſſelten fie die Pferde und ſetzten ſich nieder.
Bolli war ſchweig ſam die Zeit über und lag oben am Rande
der Schlucht.
Als Kjartan mit feinen Begleitern ſuͤdwaͤrts durch Mjoſyndi?
gekommen war und das Tal anfing breiter zu werden, ſagte
Kjartan, daß Thorkel und die andern umkehren ſollten. Thor:
kel ſagte, er wolle ſo weit reiten, bis das Tal aufhoͤre. Und
als fie weiter bis zu den Sätern? gekommen waren, die Nord⸗
ſaͤter heißen, da ſagte Kjartan zu den Brüdern, daß fie nun
nicht weiter reiten ſollten —, „nicht ſoll Thorolf der Dieb dar⸗
uͤber lachen, daß ich es nicht wagte, ohne großes Gefolge meines
Weges zu reiten.“ Thorkel Huͤndlein antwortete: „Wir wol⸗
len dir nun nachgeben und nicht weiter reiten, aber bereuen
werden wir es, daß wir nicht zur Stelle ſind, wenn du heute
Männer nötig haſt.“ Da ſprach Kjartan: „Nicht wird mein
1 Bocksſchlucht; fie ſchneidet in die Oſtſeite des Tales ein, nahe der Tal:
muͤndung. Bolli liegt oben an der nördlichen Kante, von wo aus er nach
Norden das Spinatal Überfehen kann. “ Schmaler Sund, Einengung des
Tales, zugleich Waſſerſcheide. Jetzt iſt das Svinatal unbewohnt, die
Stelle des im naͤchſten Kapitel erwähnten Hofes Zafratindar (Bockszinnen)
iſt unbekannt.
158
Vetter Bolli einen Anſchlag auf mein Leben unternehmen;
aber wenn die Söhne des Oſpifr mir auflauern, da iſt es noch
nicht geſagt, welche Partei von dem Ausgang wird erzaͤhlen
Pönnen, wenn ich es auch mit Übermacht zu tun bekomme.“
Darauf ritten die Bruͤder ihres Weges zuruͤck.
49. Ajartan wird von Bolli getoͤtet
un ritt Kjartan ſuͤdwaͤrts das Tal entlang, es waren
drei zufammen. An der Schwarze und Thorarin und er.
Thorkel hieß ein Mann, er wohnte auf Zafratindar im Spina-
tal. Da iſt nun Wuͤſtung. Er war nach ſeinen Pferden aus⸗
gegangen an dem Tage und fein Zirtenjunge mit ihm. Sie
ſahen beide Parteien, die Caugarmaͤnner im Zinterhalt und
Kjartan, wie er mit den beiden andern das Tal entlang ritt.
Da ſagte der Hirtenjunge, fie wollten Kjartan entgegenlaufen,
es traͤfe ſich gluͤcklich fuͤr ſie, daß ſie ein ſo großes Ungluͤck ab⸗
wenden konnten, wie ſich da eins vorbereite. Thorkel ſprach:
„Gleich ſchweigſt du,“ ſagte er, „willſt du Narr jemandem
das Leben geben, wenn ihm der Tod beſtimmt iſt? Auch fage
ich's grade heraus, ich goͤnne es den einen wie den andern, daß
ſie ſich ſo boͤſe zurichten, wie es ihnen beliebt. Mir ſcheint das
ein beſſerer Ast, daß wir uns an eine Stelle begeben, wo wir
außer Gefahr find und fo genau wie möglich den Zuſammen⸗
ſtoß ſehen koͤnnen und unſere Freude an ihrem Spiel haben,
denn alle ruͤhmen, daß Kjartan ein beſſerer Kaͤmpfer ſei als alle
andern; ich meine auch, er wird das jetzt noͤtig haben, denn wir
beide wiſſen ja, daß die Übermacht bei den andern groß genug
iſt.“ Und es mußte ſo geſchehen, wie es Thorkel haben wollte.
Kjartan und feine Begleiter ritten weiter auf Zafragil zu.
Aber auf der andern Seite faßten die Söhne des Oſpvifr den
Verdacht, daß ſich Bolli den Platz ausgeſucht habe, wo er von
weitem ſehen konnte, wenn Leute das Tal heruntergeritten
kamen. Sie berieten ſich untereinander und meinten, daß Bolli
ſie vielleicht verraten wollte; ſie ſtiegen den Abhang zu ihm
hinauf und begannen mit ihm im Spaß ſich zu balgen und zu
walgen und faßten ihn an den Beinen und zogen ihn den Ab⸗
hang hinunter.
159
Kjartan mit feinen Begleitern kam bald heran, denn fie ritten
ſchnell; und als ſie die Schlucht uͤberſchreiten wollten, ſahen ſie
den ginterhalt und erkannten die Maͤnner. Kjartan ſprang ſo⸗
fort vom Pferde und wandte ſich gegen die Söhne des Oſpifr.
Da lag ein großer Steinblock.! Zier wollte Kjartan den Kampf
annehmen. Und ehe fie zufammenftießen, ſchleuderte Kjartan
feinen Speer; er traf den Schild Thorolfs über dem Handgriff
und preßte den Schild gegen ſeinen Arm. Der Speer drang durch
den Schild in den Arm uͤber dem Ellenbogen und zerſchnitt
den Hauptmusfel. Thorolf ließ den Schild fallen, und der Arm
war für die naͤchſte Zeit unbrauchbar. Dann zog Kjartan fein
Schwert, er hatte aber nicht die Koͤnigsgabe bei ſich. Die Soͤhne
der Thorhalla rannten Thorarin an, denn dieſer Teil der Ar⸗
beit war ihnen zugewieſen. Das war ein harter Kampf, denn
Thorarin beſaß eine gewaltige Kraft; die beiden waren aber
auch tuͤchtige Sechter; man haͤtte da kaum eine Entſcheidung
treffen koͤnnen, wer die Oberhand behalten wuͤrde.
Gegen Kjartan gingen die Soͤhne des Oſvifr und Gudlaug
zum Angriff; es waren fünf, und Kjartan und An zwei. An
verteidigte ſich wacker und wollte immer vor Kjartan treten.
Bolli ſtand zur Seite mit dem Sußbeißer.? Kjartan ſchlug ge⸗
waltige Ziebe, aber das Schwert taugte nichts; er mußte
fortwaͤhrend die Klinge mit dem Fuß grade biegen. Sowohl
die Osvifrſoͤhne wie An wurden verwundet, aber Kjartan
hatte da noch keine Wunde. Kjartan ſchlug fich mit ſolcher
Schnelligkeit und Kuͤhnheit, daß die Oſvifrſoͤhne vor ihm zu⸗
ruͤckwichen und ſich dorthin wandten, wo An ſtand. Da fiel An,
und er hatte zuletzt noch gekaͤmpft, waͤhrend ihm die Eingeweide
aus der Wunde drangen. In dieſem Augenblick ſchlug Kjartan
dem Gudlaug ein Bein ab, oberhalb des Knies, und dieſe Wunde
war ſchwer genug, ſeinen Tod herbeizufuͤhren. Nun griffen die
vier Dfvifrföhne Kartjan an, aber er wehrte ſich fo kuͤhn, daß
er keinen Schritt vor ihnen zuruͤckwich. Da ſprach Kjartan:
1 Findet ſich nicht an Ort und Stelle. Ein Kiartanftein wird weiter oben
im Tal gezeigt. Der gefaͤhrlichſte Gegner beteiligt ſich zunaͤchſt nicht am
Kampf, er wird wegen ſeines Verhaltens geſcholten und greift dann ent⸗
ſcheidend ein. Vgl. viga⸗Styr beim Angriff auf Thorhalli (Heidarvigaſ. S. 21)
und Hagen im Walthar ius.
160
„Vetter Bolli, warum bift du ausgeritten, wenn du hier ruhig
dabei ſtehen willſt? Jetzt iſt der Augenblick fuͤr dich da, ihnen
oder uns zu Hilfe zu kommen und einmal zu erproben, was
Sußbeißer vermag.“ Bolli tat, als hoͤrte er nicht. Und als
Oſpak ſah, daß fie mit Kjartan nicht fertig werden würden,
da verſuchte er Bolli mit allen Mitteln aufzureizen, er ſagte, Bolli
wuͤrde doch nicht das Bewußtſein der Schande mit ſich herum⸗
tragen wollen, daß er ihnen erſt Beiſtand zum Kampfe ver⸗
ſprochen und fie dann im Stiche gelaſſen habe, — „und wir
hatten ſchon ſchwer unter Kjartan zu leiden, als wir noch
nicht fo großes getan hatten; und wenn Rjartan jetzt davon⸗
kommen ſollte, ſo wirſt du es, Bolli, ebenſo wie wir, bald zu buͤßen
haben.“
Da zuͤckte Bolli den Sußbeißer und wandte ſich nun gegen
KRjartan. Da ſprach Kjartan zu Bolli: „Nun ſehe ich, Vetter,
daß du eine Neidingstat vorhaſt, aber viel lieber iſt es mir,
den Tod von dir zu empfangen, Vetter, als ihn dir zu geben.“
Darauf warf Kjartan die Waffen von ſich und wollte ſich nicht
mehr wehren, dabei war er nur wenig verwundet, aber furcht⸗
bar ermattet vom Kampfe. Bolli gab keine Antwort auf das,
was Kjartan ſagte, ſondern verſetzte ihm die Todeswunde.
Bolli legte ſogleich Kjartan mit den Schultern ſich uͤber die
Knie, und Kjartan ſtarb in Bollis Schoß. Bolli empfand auf
der Stelle Reue uͤber ſeine Tat; er gab die geſetzliche Erklaͤrung
ab, daß er den Totſchlag begangen habe.
Bolli ſandte die Söhne des Oſvifr nach den Höfen, er ſelbſt
und Thorarin blieben bei den Leichen. Und als die Oſpifr⸗
ſoͤhne nach Caugar kamen, da erzaͤhlten fie, was geſchehen
war. Gudrun gab ihre Freude kund; es wurde da Thorolfs
Arm verbunden, er heilte langſam und wurde niemals voͤllig
wiederhergeſtellt. Kjartans Leiche wurde nach Tunga gebracht.
Dann ritt Bolli heim nach Laugar.
Gudrun ging ihm entgegen und fragte ihn, wie weit der Tag
vorgeſchritten ſei. Bolli ſagte, es ſei gleich die Zeit der None. Da
ſprach Gudrun: „Groß iſt unſer Tagewerk, ich habe fuͤr zwoͤlf
Ellen Garn geſponnen, und du haſt Rjartan erſchlagen.“
Bolli antwortete: „Dieſes Ungluͤck wuͤrde auch ohne das mir
II Meißner, Cachstalſaga 161
ſchwer aus der Erinnerung weichen, wenn du mich nicht daran
gemahnt haͤtteſt.“ Gudrun ſprach: „Ich nenne das kein Un⸗
gluͤck; ich fand, daß dein Anſehen hoͤher ſtand in dem Winter,
da Kjartan noch in Norwegen war, als fpäter, da er euch
unter ſeine Fuͤße trat, ſobald er nach Island gekommen war.
Aber das nenne ich zuletzt, daß mir am beſten duͤnkt, daß
Zrefna nicht lachend zu Bett gehen wird heute abend.“ Da
ſagte Bolli und war ſehr zornig: „Es iſt mir unverſtaͤndlich,
warum ſie uͤber dies Ereignis bleicher werden ſoll als du, und
ich habe den Verdacht, daß du dir weniger daraus machen wuͤr⸗
deſt, wenn ich auf dem Kampfplatz liegen geblieben waͤre und
Kjartan dir die Kunde davon braͤchte.“ Gudrun merkte, daß
Bolli zornig wurde und ſprach: „Nimm es nicht auf dieſe
Weiſe, denn ich weiß dir großen Dank fuͤr die Tat; ich habe
das nun erprobt, daß du nicht gegen meinen Sinn handeln
willſt.“
Darauf gingen die Oſvifrſoͤhne in die Erdhoͤhle, die fie ſich hat⸗
ten heimlich bauen laſſen, aber die Soͤhne der Thorhalla wur⸗
den hinüber nach Zelgafell geſchickt, dem Boden Snorri zu
melden, was geſchehen ſei, und zugleich, daß Bolli und Gud⸗
run ihn baͤten, ihnen ſchnell Verſtaͤrkung zu ſenden, zur Hilfe
gegen Olaf und die andern, die für Kjartan die Totſchlagsſache
zu verfolgen hatten.
Das geſchah in Saͤtingsdalstunga in der Nacht nach dem
Kampfe, daß An ſich aufrichtete, waͤhrend doch alle dachten,
er ſei tot. Die Leute, die bei den Leichen wachten, erſchraken,
es ſchien ihnen ein großes Wunder. Da ſprach An zu ihnen:
„Ich bitte euch im Namen Gottes, daß ihr euch nicht vor mir
fuͤrchtet, denn ich habe gelebt und volles Bewußtſein gehabt,
bis zu dem Augenblick, da eine ſchwere Ohnmacht mich befiel.
Da traͤumte mir von derſelben Frau wie vorher, und es ſchien
mir, als naͤhme fie mir nun das Reifig aus dem Leibe und
tat dafuͤr die Eingeweide hinein, und bei dieſem Wechſel wurde
mir wohl.“ Darauf verband man die Wunden, die An hatte,
und er wurde wieder heil und hieß ſeitdem An Reifigma gen.
Als Olaf, Zoͤskulds Sohn, erfuhr, was geſchehen war, emp⸗
fand er ſchwer den Tod Kjartans, aber trug es doch maͤnnlich.
162
Seine Söhne wollten gleich gegen Bolli ziehen und ihn töten.
Olaf ſagte: „Das foll auf keinen Sall geſchehen; der Verluft
meines Sohnes wird mir dadurch nicht erſetzt, daß ihr Bolli er⸗
ſchlagt. Ich liebte Kjartan uͤber alle andern, aber ebenſo ſchwer
wuͤrde ich's tragen, wenn Bolli ein Leid zugefuͤgt wuͤrde; ich
weiß ein Unternehmen, das euch beſſer anſteht; verfolgt die
Soͤhne der Thorhalla; ſie ſind nach Zelgafell geſchickt worden,
um Mannſchaft gegen uns aufzubieten; es freut mich, wenn
ihr fie fo beftraft, wie es euch gefaͤllt.“
Darauf machten die Olafſoͤhne ſich ſchnell fertig und beſtiegen
das Reiſeboot, das Olaf gehoͤrte; fie waren ſieben zufammen; fie
ruderten feewärts den vamms fjord entlang und beſchleunig⸗
ten ihre Fahrt nach Kraͤften. Sie hatten ſchwachen, aber guͤnſti⸗
gen Wind. Sie ruderten unterm Segel, bis fie auf die Zoͤhe
von Skorey! kamen, da nahmen fie Aufenthalt und erkundig⸗
ten ſich, ob man da habe Leute fahren ſehen. Und bald darauf
ſahen fie ein Ruderboot vom Lande her über den Sjo rd kom⸗
men; fie erkannten bald die Männer: es waren die Söhne der
Thorhalla. Zalldor und die Brüder griffen fie ſofort an. Da
kam es nicht zum Widerſtand, die Olafſoͤhne ſprangen gleich
in ihr Schiff. Stein und ſein Bruder wurden gefangen, nieder⸗
gehauen und uͤber Bord geworfen. Die Olafſoͤhne kehrten nach
Hauſe zuruͤck, und die Fahrt wurde ihnen zu hohem Ruhme
gerechnet.
50. Olaf ſchuͤtzt Bolli
laf zog der Leiche Kjartans entgegen. Er ſandte Leute
ſuͤdwaͤrts nach Borg, Thorſtein, dem Sohn Egils, dieſes
Ereignis anzuzeigen, und zugleich ihn um Unterſtuͤtzung zur
verfolgung der Sache zu bitten; für den Sall, daß ſich Zaͤupt⸗
linge auf die Seite der Oſpifrſoͤhne ſchluͤgen, wolle er ſich
ſichern, daß er die ganze Entſcheidung in der Hand behielte.
Gleiche Botſchaft ſandte er nordwaͤrts ins Vidital zu Gud⸗
mund, feinem Schwiegerſohn, und den Söhnen des Asgeir,
und fuͤgte hinzu, daß er die Anklage wegen Totſch lag gegen
alle Männer erhoben habe, die bei dem Überfall beteiligt
i Schon ziemlich weit draußen, nordöflih von Tyors nes.
115 163
waren, außer gegen Oſpak, Oſvifrs Sohn. — Er war ſchon
vorher geaͤchtet wegen der Frau, die Aldis! hieß, ſie war die
Tochter des Zolmgang⸗Ljot von Ingjalds ſand. Der Sohn des
Oſpak und der Aldis hieß Ulf, der ſpaͤter Marſchall des Koͤnigs
garald Sigurdsſohn war; er war verheiratet mit Jorunn,
der Tochter des Thorberg; ihr Sohn war Jon, der Vater des
Erlend Zimaldi, der Vater des Erzbiſchofs Eyſtein.?
Olaf hatte die Totſchlagsklage an das Thorsnesthing ge⸗
wieſen. Er ließ die Leiche Kjartans heimbringen und ein Zelt
daruͤber errichten, denn es gab damals noch keine Kirche in dem
Bezirke der Taͤler.
Aber als Olaf erfuhr, daß Thorſtein ſich ſofort zum Aufbruch
entſchloſſen und eine große Menge Volk aufgeboten hatte, und
ebenfo die vom Vidital, da ließ Olaf Männer aus dem ganzen
Talbezirk ſammeln; das war eine große Maſſe. Darauf ge⸗
bot Olaf dieſer ganzen Schar, nach Eaugar zu ziehen, und
ſprach: „Es iſt mein Wille, daß ihr Bolli verteidigt, wenn es
noͤtig iſt, ebenſo, als wenn ihr unter mir ſtuͤndet, denn meine
Vermutung iſt, daß ſie von ihm Vergeltung fuͤr erlittenen Ver⸗
luſt fordern werden, die Maͤnner aus andern Bezirken, die
bald zu uns kommen werden.“ Und als dieſe Maßregeln ge⸗
troffen waren, da kam Thorſtein mit ſeiner Schar und ebenſo
die vom Vidital und waren in der zornigſten Stimmung. Am
meiften reizten Hall, Gudmunds Sohn, und Ralf, Asgeirs
Sohn, die Maͤnner auf, ſofort Bolli anzugreifen und nach den
Söhnen des Oſpifr zu ſuchen, bis fie gefunden wären, und
ſagten, es ſei unmöglich, daß fie den Bezirk verlaſſen hätten.
Aber weil Olaf alles tat, fie ʒuruͤckzuhalten von dem Zug, da
wurden Suͤhneverhandlungen zwiſchen beiden Parteien an⸗
geknuͤpft, und bei Bolli war die Erledigung leicht, denn er bat
Olaf, allein von ſich aus die Suͤhne zu beſtimmen; aber Oſpifr
ſah keine Möglichkeit, Widerſpruch zu erheben, denn es war
ihm keine Verſtaͤrkung von Snorri gekommen.
Es wurde da eine Suͤhnezuſammenkunft in Ljarskogar ver⸗
Er hatte fie geraubt. Ingjaldsſand liegt an der ſuͤdlichen Seite des Gnund⸗
arfiords (nordweſtliches IJsland). ? Erzbiſchof Eyſtein von NHidaros (1157
bis 1188).
164
abredet; alles wurde da bedingungslos Olaf anheimgeſtellt;
fuͤr den an Kjartan veruͤbten Totſchlag ſollte ganz nach Olafs
Belieben Geldbuße und Achtung eintreten. Darauf wurde die
Verſammlung geſchloſſen. Bolli war nicht zur Verſammlung
gekommen, das hatte Olaf veranlaßt. Die Seftfegungen ſollten
auf dem Thorsnesthinge verkuͤndet werden. Nun ritten die
Myrarleute und die vom Vidital nach Zjardarholt. Thorſtein,
Kuggis Sohn, erbot ſich Asgeir, den Sohn Kjartans, auf⸗
zuziehen, um Hrefna zu troͤſten; aber Zrefna reiſte ins Nord⸗
land mit ihren Bruͤdern und war tiefgebeugt vom Schmerz;
aber doch benahm ſie ſich mit edlem Anſtand, denn ſie ſprach
freundlich mit jedermann. Zrefna verheiratete ſich nicht wieder
nach dem Tode Kjartans. Sie lebte nur noch kurze Zeit, nach⸗
dem ſie ins Nordland zuruͤckgekehrt war, und es iſt die all⸗
gemeine Erzählung, daß ihr das Herz vor Leid gebrochen ſei.
51. Die Söhne des Oſvifr werden geächtet
und verlaſſen Island. Olaf ſtirbt
ie Leiche Kjartans blieb eine Woche in Zjardarholt aufs
gebahrt. Thorſtein, Egils Sohn, hatte in Borg eine
Kirche bauen laſſen. Er nahm Kjartans Leiche mit ſich, und
Kjartan wurde in Borg begraben.! Die Kirche war da grade
neugeweiht und noch in weißen Kleidern.
Dann kam das Thorsnesthing heran. Da wurde die Anklage
gegen die Oſpifrſoͤhne vorgebracht, und fie verfielen alle der
Acht. Es wurde Geld dafuͤr gegeben, daß ihnen die Ausreiſe
geſtattet fein follte, aber die Ruͤckkehr ſollte ihnen verboten
ſein, ſolange einer von den Olafsſoͤhnen am Leben waͤre oder
Asgeir, Kjartans Sohn. Aber Gudlaug, der Schweſterſohn
des Oſpifr, ſollte ungebuͤßt bleiben wegen ſeiner Beteiligung
am Überfall und Hinterhalt gegen Kjartan, und keine Genug⸗
tuung ſollte Thorolf fuͤr die Wunde bekommen, die er erhalten
hatte. Gegen Bolli wollte Olaf keine Klage erheben laſſen
und legte ihm auf, ſich durch Geld zu loͤſen. Damit waren
1 Bei der Kirche von Borg befindet ſich ein Grab mit einer Grabſchrift in
(viel jüngeren, und garnicht auf Riartan ſich beziehenden) Runen, das die
Überlieferung als Riartans Ruheſtaͤtte angeſehen hat.
165
galldor und Stein ſehr unzufrieden, und ebenſo die andern
Söhne Olafs, fie ſagten, fie würden es ſchwer ertragen,
daß Bolli in demſelben Bezirk mit ihnen ſitzen ſolle. Olaf ſagte,
es wuͤrde gehen muͤſſen, ſo lange er auf den Fuͤßen ſtuͤnde.
Ein Schiff lag in Bjarnarhoͤfn,! das Audun Kettenhund ge⸗
horte.“ Er war auf dem Thinge und ſprach: „Es iſt gluͤck⸗
licherweiſe zu erwarten, daß die Achtung dieſer Maͤnner in
Norwegen ebenſo wirkſam ſein wird, wie hier, wenn dort die
Sreunde Kjartans noch am Leben find.” Da ſagte Oſvifr:
„Deine Weisſagung, du Keitenhund, wird nicht eintreffen,
denn meine Soͤhne werden hochgeehrt ſein bei vornehmen
Zerren, aber du Kettenhund follft in dieſem Sommer fahren
in der Trolle Gewalt.“ Audun Kettenhund ſegelte aus im
Sommer und erlitt Schiff bruch an der Särder. Da ging jedes
Menſchenkind auf dem Schiffe zugrunde; fo ſchien alſo ganz
eingetroffen zu fein, was Oſvifr geweisfagt hatte. Die Oſvifr⸗
ſoͤhne ſegelten aus im Sommer, und keiner von ihnen kam je
wieder zuruͤck. So ſchloß die Verfolgung der Totſchlagsſache,
und Olaf ſchien nur groͤßer deshalb dazuſtehen, weil er feſt
zugegriffen hatte, wo es am Platze war, bei den Oſpifrſoͤhnen,
aber Bolli in Schutz nahm wegen der Verwandtſchaft. Olaf
dankte den Maͤnnern herzlich für die zugefuͤhrte Verſtaͤrkung.
Bolli kaufte das Land in Tunga auf den Rat Olafs. Es wird
erzählt, daß Olaf noch drei Winter gelebt hat, nachdem Kjar⸗
tan erſchlagen war. Und als er verſchieden war, teilten die
Söhne das Erbe des Vaters. Zalldor übernahm den Hof in
Zjardarholt. Thorgerd, die Mutter der Brüder, lebte bei
galldor. Sie war ſehr rachgierig geſinnt gegen Bolli und
meinte einen grauſamen Lohn fuͤr die Erziehung Bollis er⸗
halten zu haben.
52. galldor, Olafs Sohn, tötet Thorkel von
gafratindar
olli und Gudrun richteten im Srühling ſich auf ihrem
Zofe in Saͤlingsdalstunga ein, und das Zausweſen
1 vgl. S. 29, Anm. 1. 2 Im Schiffe dieſes Mannes tritt Gunnlaug Schlan⸗
genzunge ſeine Auslandreiſe an.
166
war bald ſtattlich. Bolli und Gudrun bekamen einen Sohn.
Dem Knaben wurde ein Name gegeben, ſie nannten ihn
Thorleik. Er war bald ein huͤbſches und ſehr aufgewecktes
Kind.
Zalldor, Olafs Sohn, wohnte in Zjardarholt, wie oben ge⸗
ſchrieben iſt; er war der Vormann unter den Brüdern. In
dem Fruͤhling, als Kjartan erſchlagen wurde, hatte Thorgerd,
Egils Tochter, einen jungen Verwandten bei Thorkel von gafr⸗
atindar in Koſt und Wohnung gegeben.! Der Junge huͤtete
da das Vieh im Sommer. Er trauerte ſehr über Kjartans
Tod wie andere auch. Er konnte nicht von Rjartan reden,
wenn Thorkel dabei war, denn der ſprach immer ſchlecht von
Kjartan und ſagte, er ſei feig und ſchwachherzig geweſen, und
machte es oft nach, wie er ſich bei der tödlichen Verwundung
benommen habe. Der Junge konnte das ſchlecht vertragen
und kam nach Zjardarholt und erzählte das alles alldor und
Thorgerd und bat ſie, ihn zu ſich zu nehmen. Thorgerd befahl
ihm, bis zum Winter in Roft zu bleiben, wo er war. Der
Junge ſagte, er bringe es nicht uͤber ſich, dort laͤnger zu bleiben,
— „und du wuͤrdeſt es nicht von mir verlangen, wenn du
wuͤßteſt, wie ſchwer es fuͤr mich zu ertragen iſt.“ Da ließ ſich
Thorgerd durch ſeine Klagen erweichen und ſagte, von ſich aus
wolle fie erlauben, daß er bei ihnen in Koſt bliebe. Zalldor
ſagte: „Achte doch nicht auf dieſen Jungen, es iſt ohne Be⸗
deutung, was er ſagt.“ Da antwortete Thorgerd: „Auf den
Jungen iſt nicht viel zu geben, aber Thorkel hat unter allen
Umſtaͤnden ſich ſchlecht in dieſer Sache benommen, denn er
wußte, daß die Laugarleute Kjartan auflauerten, und wollte
es ihm nicht anfagen, ſondern hat ſich ein Vergnügen und eine
Beluſtigung aus dem Kampfe gemacht, und dann noch viele
haͤßliche Reden geführt. Wie ſoll es geſchehen, daß ihr Bruͤ⸗
der da euch zu raͤchen wagt, wo euch Übermacht entgegenſteht,
wenn ihr es nicht uͤber euch bringt, einem ſo elenden Kerl,
1 Die Erzählung iſt hier ungeſchickt; obgleich Olaf noch lebt, tritt Halldor
hier ganz als Samilienhaupt auf; der junge Verwandte iſt vielleicht ur:
ſpruͤnglich mit dem Sirtenjungen identiſch, der Kiartan warnen will
(Kap. 49, S. 1 59).
167
wie Thorkel ift, den Dienſt zu bezahlen.“ Haldor antwor⸗
tete wenig hierauf, bat aber Thorgerd, für den Jungen zu
ſorgen.
Einige Tage darauf ritt Halldor fort und einige Männer mit
ihm. Er ritt nach Zafratindar und ſchloß Thorkel im Haufe
ein; Thorkel wurde herausgefuͤhrt und getoͤtet; er benahm
ſich unmaͤnnlich bei ſeinem Ende. Zalldor ließ nichts rauben
und ritt fo heim. Thorgerd bezeugte ihre Sreude über dieſe
Tat, es ſchien ihr dieſe Rache beſſer als keine.
In dieſem Sommer blieb es aͤußerlich ruhig, aber zwiſchen
Bolli und den Olafsſoͤhnen ſtand es boͤſe. Die Brüder be⸗
nahmen ſich ohne jede Rückficht gegen Bolli, er aber ſuchte in
allem einem Zuſammenſtoß mit den Verwandten auszuweichen,
wo er ſich nichts zu vergeben hatte, denn er fuͤrchtete den Kampf
durchaus nicht. Bolli hatte viele Leute um ſich und hielt ſich
wie ein großer Zerr, denn an Vermoͤgen fehlte es da nicht.
Steinthor, Olafs Sohn, wohnte auf Dönuftadir im Lachs⸗
waſſertal. Er hatte Thurid, Asgeirs Tochter, zur Frau, die
früher Thorkel Ruggi gehabt hatte. Ihr Sohn hieß Steinthor,
der Groſlappi genannt wurde.
53. Thorgerd reizt ihre Soͤhne auf, Rache
an Bolli zu nehmen
m naͤchſten Winter nach dem Tode Olafs, des Sohnes
des Zoͤskuld, ſchickte Thorgerd, Egils Tochter, nach ihrem
Sohne Steinthor, gegen Ende des Winters, er möge zu ihr
kommen. Und als Mutter und Sohn beieinander waren, gab ſie
ihm Beſcheid, daß ſie eine Reiſe machen wolle, und zwar ins Weſt⸗
land hinein nach dem Saurboͤ, ihre Freundin Aud zu beſuchen.
Sie ſagte Zalldor, er ſolle auch mitkommen. Sie waren fünf
zuſammen. Salldor begleitete feine Mutter. Sie ritten nun,
bis fie an dem Hof von Saͤlingsdalstunga vorüber kamen. Da
wandte Thorgerd ihr Pferd nach dem Hof zu und fragte: „Wie
heißt dieſer Jof?“ Zalldor antwortete: „Du fragſt das nicht,
Mutter, als wuͤßteſt du's nicht bereits. Dieſer Zof heißt
Tunga.“ „Wer wohnt hier?“ ſagte ſie. Er antwortete: „Du
weißt es ja, Mutter.“ Da ſagte Thorgerd und atmete ſchwer
168
“LS;
dabei: „Ich weiß freilich,“ ſagte fie, „daß hier Bolli wohnt,
der Moͤrder eures Bruders, und ſehr unaͤhnlich zeigt ihr euch
eueren edlen Vorfahren, daß ihr nicht Rache nehmen wollt fuͤr
einen ſolchen Bruder, wie Kjartan war. So hätte euer Groß⸗
vater Egil nicht gehandelt, und es iſt bitter, Soͤhne ohne Tat⸗
kraft zu haben; und ich meine wirklich, ihr paßtet beſſer dazu,
daß ihr Töchter eures Vaters und verheiratet wäret.! Es iſt
nun fo, Halldor, wie es im Sprichwort heißt, daß in jeder
Familie ein unnuͤtzes Glied iſt, und ganz deutlich iſt mir, was
Olafs Ungluͤck war: daß ihm die Söhne fo mißraten find.
An dich richte ich deshalb meinen Anſpruch, Halldor,“ ſagte
ſie, „weil du als der erſte giltſt von deinen Bruͤdern. Nun
koͤnnen wir wieder umkehren, denn das war mein eigentliches
Vorhaben, euch an das alles zu erinnern, ſolltet ihr nicht ſchon
vorher daran gedacht haben.“ Da antwortete Zalldor: „Dir
werden wir nicht die Schuld geben konnen, Mutter, wenn uns
dies aus dem Sinne ſchwinden ſollte.“ Halldor redete im
uͤbrigen wenig daruͤber, aber ſein Grimm gegen Bolli ſchwoll
maͤchtig an.
Es verging nun dieſer Winter, und als der Sommer ge⸗
kommen war, ruͤckte die Zeit des Things näher. Zalldor er⸗
klaͤrte, daß er zum Thinge reiten wuͤrde, und ebenſo ſeine
Bruͤder. Sie ritten nun mit einer großen Schar und zelteten
die Bude, die Olaf gehabt hatte. Das Thing verlief ruhig
und ereignislos. Vom Nordlande waren auch die Maͤnner
aus dem Vidital zum Thinge gekommen, die Söhne des Gud⸗
mund, des Sohnes des Soͤlmund. Bardi, Gudmunds Sohn,
war damals achtzehn Winter alt, er war groß und ſtark. Die
Olafs ſoͤhne luden ihren Vetter Bardi zu ſich ein und redeten
ihm eifrig zu. Zall, Gudmunds Sohn, war damals nicht
hier im Lande. Bardi nahm das gern an, denn zwiſchen den
Vettern war ein herzliches Verhaͤltnis. Bardi ritt nun nach
dem Weſtlande vom Thinge mit den Olafsſoͤhnen. Sie kamen
heim nach Zjardarholt, und Bardi blieb dort den Keſt des
Sommers uͤber.
Eine typiſche Wendung, vgl. S. 157, Anm. I.
169
54. Der Zug gegen Bolli wird beſchloſſen.
Thorgerd reitet mit
un teilte all dor Bardi im Vertrauen mit, daß fie, die
Bruͤder, die Abſicht haͤtten, gegen Bolli zu ziehen, ſie
fagten, fie koͤnnten die Vorwürfe ihrer Mutter nicht länger er:
tragen, — „wir wollen es nicht leugnen, Vetter Bardi, es war
ein Hauptgrund bei unſerer Einladung, daß wir dich hier
haben wollten, damit du mit uns ausziehſt und uns hilfſt.“ Da
antwortete Bardi: „Übel wird man den Bruch der unter den
Verwandten geſchloſſenen Suͤhne beurteilen, und andrerſeits
erſcheint mir Bolli ſchwer angreifbar. Er hat viele Maͤnner
um ſich und iſt ſelbſt ein Kaͤmpfer ohne alle Furcht; da
mangelt es auch nicht an kluger Vorſorge, wo Gudrun und
Oſvifr find. Aus allen dieſen Gründen ſcheint mir der An⸗
griff kaum ausfuͤhrbar.“ Halldor ſagte: „Es tut uns not,
daß wir uns die Sache nicht ſelbſt ſchwerer machen, als ſie
iſt. Ich habe auch nicht eher von unſrer Abſicht geſprochen,
als bis der Derfuch gemacht werden kann, an Bolli Rache zu
nehmen. Ich meine auch, Vetter, daß du uns nicht im Stiche
laſſen wirft bei dieſem unſerem Zuge.“ Bardi antwortete: „Ich
weiß, du wirſt es fuͤr unwuͤrdig halten, wollte ich mich dem
entziehen. Ich werde es auch nicht tun, wenn ich ſehe, daß ich
euch doch nicht zuruͤckhalten kann.“ „Da ſtellſt du dich recht
zur Sache,“ ſagte Zalldor, „wie zu erwarten war.“ Bardi
ſagte, der Angriff duͤrfe nicht ohne beſtimmten Plan gemacht
werden. Zalldor erwiderte, er habe erfahren, daß Bolli ſeine
Leute weggeſchickt habe, einige ins Nordland an den Zruta⸗
fjord zum Schiff und andere nach dem Strande hinaus, —
„mir iſt auch berichtet, daß Bolli ſich auf dem Saͤter im Saͤlings⸗
tal aufhaͤlt, und da ſeien nicht mehr Maͤnner als die Knechte,
die im Heu zu tun haben. Mir ſcheint, als koͤnne ſich nicht
zum zweiten Male eine ſo guͤnſtige Gelegenheit bieten, Bolli
zu uͤberfallen, wie jetzt.“ Und ſie bekraͤftigten nun mit ein⸗
ander ihre Verabredung, Zalldor und Bardi.
Ein Mann hieß Thorftein der Schwarze; er wohnte ingundadal
im Talbezirk des Breidifjords, ein kluger und wohlhabender
170
Mann; er war ein langjähriger Freund des Olaf Pfau ge
weſen; die Schweſter Thorfteins hieß Solveig, fie war ver:
heiratet mit dem Manne, der Zelgi hieß und ein Sohn des
Zardbein war. Zelgi war ein großer und ſtarker Mann und
ein großer Seefahrer. Er war grade nach Island gekommen
und bei ſeinem Schwager Thorſtein zu Gaſte.
galldor ſandte Botſchaft zu Thorſtein und Zelgi, deſſen
Schwager. Und als fie nach Zjardarholt gekommen waren,
ſagte Halldor, was ihr Vorhaben und ihr Plan fei, und bat
ſie an dem Juge teilzunehmen. Thorſtein zeigte ſich uͤbel zu⸗
frieden mit dieſem Vorhaben, — „das waͤre doch jammer⸗
ſchade, wenn ihr Verwandten euch nun immer weiter um⸗
bringen wolltet. Es gibt jetzt wenige ſolche Maͤnner in eurer
Familie, wie Bolli iſt.“ Und obgleich Thorſtein ſolches redete,
ſo half es doch nichts.
galldor ſandte Botſchaft zu Lambi,feinem Vaterbruder; und als
er zu Halldor kam, da erzählte ihm dieſer von ihrem Vorhaben.
Lambi trieb ſehr dazu an, daß dies ins Werk geſetzt würde.
Thorgerd, die Hausmutter, reizte auch allezeit dazu auf, daß
man ſich zu dem Juge entſchließen ſolle; ſie ſagte, niemals
würde Kjartans Tod geraͤcht ſcheinen, wenn nicht Bolli das⸗
ſelbe Los erdulde. Darauf ruͤſteten ſie ſich zu dem Juge. Daran
nahmen teil die vier Olafsſoͤhne, und als fuͤnfter Bardi — dies
waren die vier Olafsſoͤhne: Halldor und Steinthor, gelgi und
Zoͤskuld, aber der fünfte war Bardi, der Sohn des Gudmund,
der ſechſte Eambi, der ſiebente Thorſtein, der achte Helgi, fein
Schwager, der neunte An Reifigmagen. Thorgerd machte ſich
auch bereit, mit ihnen zu ziehen; ſie ſuchten ſie nach Moͤglich⸗
keit davon abzubringen und ſagten, ſo etwas ſei keine Weiber⸗
fahrt. Sie erwiderte, ſie wuͤrde beſtimmt mitkommen, —
„denn ich kenne euch, meine Soͤhne, ganz genau und weiß,
daß ihr etwas Scharfmachen nötig habt.“! Sie fagten, fie
moͤge nach ihrem Willen tun.
1 In der Heidarvigaſaga (S. 75) will Thurid (Rjartans Schweſter, |. oben
Kap. 29, 30, 31) ihre Söhne auf dem Rachezug begleiten, wird aber unter:
wegs liſtig in einen Bach geworfen und muß heimkehren.
171
55. Bolli wird überfallen und getötet
arauf ritten fie ab aus Zjardarholt, neun zuſammen;
Thorgerd war die zehnte. Sie ritten auf dem Niedrig⸗
waſſerſtrand fjordeinwaͤrts und fo bis Cjarſkogar. Das war
zu Anfang der Nacht. Sie raſteten nicht, bis ſie ins Saͤlingstal
kamen, da fing der Morgen an zu grauen. Dichter Wald war
in dem Tal in jener Zeit. Bolli war auf dem Saͤter, wie Hall:
dor in Erfahrung gebracht hatte. Die Saͤter ſtanden am Waſ⸗
fer, da wo der Platz jetzt Bollatoptir! heißt. Eine große Halde
erſtreckt ſich von oberhalb des Saͤters weiter hinunter bis nach
Stakkagil. Zwifchen der Halde und der Talwand iſt eine große
Wieſe, die Barm heißt; da arbeiteten die Knechte Bollis. Zall⸗
dor und ſeine Gefaͤhrten ritten nach Örnagrof, über Ranavellir
und weiter bis oberhalb der Zamarwieſe, das iſt gegenüber
dem Saͤter. Sie wußten, daß viele Leute auf dem Saͤter waren;
ſie ſtiegen ab und beabſichtigten zu warten, bis die Leute vom
Saͤter zur Arbeit gegangen waͤren.
Der Zirtenjunge Bollis ging nach dem Vieh früh morgens die
Talwand hinauf; er ſah Maͤnner im Walde und ebenſo die
gefeſſelten Pferde; es kam ihm der Verdacht, daß dies keine
friedlichen Leute fein koͤnnten, die fo ſich verſteckt hielten; er
eilte auf dem gradeſten Wege zum Saͤter zuruͤck und wollte
Bolli anzeigen, daß Maͤnner gekommen ſeien.
Zalldor hatte ſcharfe Augen. Er ſah, daß ein Menſch vom
Talabhang herunter gelaufen kam und die Richtung auf den
Saͤter nahm. Er ſagte ſeinen Gefaͤhrten, daß das Bollis Zirt
ſein muͤßte — „und er wird unſere Schar geſehen haben; wir
muͤſſen ihm den Weg verlegen und ihn verhindern, Nachricht
in den Saͤter zu bringen.“ Sie taten, wie er geſagt hatte. An
Reifigmagen zeigte ſich als der ſchnellſte von ihnen, er fing den
Jungen ab, hob ihn auf und warf ihn zur Erde nieder. Der
Sall war fo ſtark, daß dem Jungen das Rüdgrat zerbrach. Da⸗
rauf ritten fie nach dem Saͤter. Es waren zwei Gebaͤude, ein
Schlafſaͤter und ein Vorratshaus.
! toptir, Hausplat, bezeichnet durch die mehr oder minder eingeſunkenen
eErdwaͤnde.
172
Bolli war früh am Morgen auf den Süßen geweſen und hatte
die Arbeit verteilt, ſich dann aber wieder hingelegt zum Schla⸗
fen, als die Knechte ſich entfernt hatten. Es waren nur die
zwei im Saͤter, Bolli und Gudrun. Sie wachten von dem Ge⸗
raͤuſch auf, als die draußen abſtiegen; Bolli und Gudrun
hoͤrten auch, wie ſie daruͤber redeten, wer zuerſt hineingehen
ſolle in den Saͤter, Bolli anzugreifen. Bolli erkannte die
Stimmen Salldors und einiger anderer aus der Schar. Bolli
ſprach zu Gudrun und bat ſie, aus dem Saͤter fortzugehen
und ſagte, es wuͤrde das eine Begegnung unter ihnen werden,
an der fie kein Dergnügen finden koͤnnte. Gudrun erwiderte,
ſie glaube nicht, daß da etwas geſchehen wuͤrde, das ſie nicht
anſehen koͤnnte; und ſagte noch, Bolli geſchehe damit kein
Schade, wenn ſie bei ihm bliebe. Bolli erwiderte, er wolle hierin
ſeinen Willen haben, und ſo geſchah es, daß Gudrun hinausging
aus dem Saͤter. Sie ging den Abhang hinab zu dem Bach, der
da floß, und begann ihr Leinenzeug zu waſchen. Bolli war
nun allein im Saͤter; er ergriff feine Waffen, fette den Helm
ſich auf den Kopf, nahm den Schild vor ſich und das Schwert
Sußbeißer in die Hand; er hatte keine Bruͤnne.
Die um Halldor redeten nun mit einander, wie man das Werk
beginnen ſollte; denn keiner hatte Neigung, in den Saͤter hin⸗
einzugehen. Da ſprach An Reifigmagen: „Es find Maͤnner
hier in der Schar, die durch ihre Derwandtfchaft Kjartan naͤher
ſtehen als ich, aber wohl keiner, dem es feſter im Gedaͤchtnis
eingepraͤgt fein kann, wie Kjartan fein Leben verloren hat,
als mir. Das war mein Gedanke, als ich nach Tunga gebracht
wurde fo gut wie tot, und Kjartan erſchlagen war, daß ich mit
Freuden Bolli ein Leid antun moͤchte, wenn ſich mir die Ge⸗
legenheit bieten ſollte. Ich werde zuerſt in den Saͤter hinein⸗
gehen.“ Da ſagte Thorſtein der Schwarze: „Das heißt ge⸗
ſprochen wie ein Mann von Mut, doch wird es raͤtlicher ſein,
nicht ohne Überlegung hineinzuſtuͤrzen, man muß mit Vorſicht
zu Werke gehen, denn Bolli wird nicht ruhig dabei ſtehen,
wenn man ihn angreift. Mag er nun auch ohne gelfer ſein, wir
muͤſſen uns auf heftige Gegenwehr gefaßt machen, denn Bolli
iſt ſtark und ein gewandter Krieger. Er hat auch ein Schwert,
173
das eine zuverläffige Waffe iſt.“ Darauf drang An in den
Saͤter ein, ſchnell und unaufhaltſam, er hatte feinen Schild
uͤber dem Kopfe und dem ſchmaͤleren Teil nach vorn gewendet.
Bolli hieb nach ihm mit dem Schwerte Sußbeißer, ſchlug das
Schildende ab und ſpaltete ihm zugleich den Kopf bis auf die
Schultern nieder; das brachte ihm ſofort den Tod. Darauf
ging Cambi hinein, er hielt den Schild vor ſich und das gezuͤckte
Schwert in der Hand. In dem Augenblick riß Bolli den Fuß⸗
beißer aus der Wunde, dabei kehrte ſich ſein Schild zur Seite. Da
ſtieß Cambi Bolli in den Schenkel, das wurde eine große Wunde.
Bolli traf dagegen Lambian der Achſel, unddas Schwert fuhr an
der Seite herunter; er war gleich kampfunfaͤhig; und niemals
mehr wurde ihm der Arm wieder ganz heil, ſo lange er lebte.
In dieſem Augenblick kam Zelgi, Zardbeins Sohn, herein und
hatte einen Speer in der Hand, deſſen Blatt war eine Elle
lang und der Schaft in Eiſen gefaßt. Als aber Bolli das ſah,
warf er das Schwert weg, ergriff den Schild mit beiden Hän-
den und ging auf die Tür zu, Helgi entgegen. Helgi ſtieß nach
Bolli mit dem Speer, durchbohrte den Schild und ihn ſelbſt.
Bolli lehnte ſich gegen die Wand des Saͤters. Nun ſtuͤrmten
die Maͤnner hinein in den Saͤter, Zalldor und ſeine Bruͤder.
Auch Thorgerd ging hinein in den Saͤter.
Da ſprach Bolli: „Nun iſt es möglich, Brüder, näher heranzu⸗
kommen als bisher,“ er glaube, ſagte er, daß ſeine Gegenwehr
nur kurz ſein werde. Thorgerd antwortete auf ſeine Rede und
ſagte, man wuͤrde ſich nicht ſcheuen duͤrfen, gruͤndliche Arbeit
mit Bolli zu machen, zwiſchen Kopf und Rumpf ſolle die
Schneide durchfahren. Bolli ſtand da noch aufrecht an der
Wand und druͤckte ſich den Rod an, damit nicht die Einge⸗
weide herausdrangen. Da lief Steinthor, Olafs Sohn, gegen
Bolli an und hieb nach ihm mit einer großen Axt gegen den
Zals an den Schultern, ſo daß gleich das Haupt abſprang.
Thorgerd hieß feine Hand geſegnet fein, fie ſagte, Gudrun
würde nun rote Zaare zu kaͤmmen haben am Ropfe Bollis.
Darauf gingen ſie hinaus aus dem Saͤter.
Gudrun kam herauf von dem Bach und fing ein Geſpraͤch an mit
Zalldor und feinen Gefaͤhrten und fragte, wie es zwiſchen ihnen
174
und Bolli ausgegangen ſei. Sie erzählten alles ſo, wie es ſich zuge⸗
tragenhatte. Gudrun warin einemfeinen Tuchrock mit enger Mie⸗
derjacke, auf dem Kopf hatte ſie einen reichgefalteten Schleier. Sie
trugein Um ſchlagetuchmit blauer Muſterung, unten mit ranſen.
Helgi, Hardbeins Sohn, trat auf Gudrun zu und nahm einen
Zipfel des Tuches und wiſchte damit das Blut von dem Speere,
demſelben, mit dem er Bolli durchſtoßen hatte. Gudrun ſah ihn
an und laͤchelte dazu. Da ſprach Zalldor: „Das iſt bos haft ge⸗
handelt und grauſam.“ Helgi bat ihn, ſich nicht darüber zu ent⸗
ruͤſten: „denn ich denke mir, ſagte er, daß unter dieſem Tuche
mein Moͤrder hauſt.“ ! Dann nahmen fie ihre Pferde und ritten
fort. Gudrun brachte ſie auf den Weg und redete eine Weile
mit ihnen. Darauf kehrte ſie um.
56. Snorri der Gode uͤbernimmt Tunga,
Gudrun zieht nach Zelgafell
aruͤber redeten Zalldors Gefährten untereinander, daß
Gudrun ſich wenig aus dem Tode Bollis machen muͤſſe,
da fie mit Geleits worten fie auf den Weg gebracht und in dem
ganzen Geſpraͤche mit ihnen ſich ſo verhalten habe, als haͤtten
ſie gar nichts getan, das ihr gegen den Sinn ginge. Da ant⸗
wortete Halldor: „Nicht iſt das meine Anſicht, daß Gudrun
den Tod Bollis leicht nimmt; ich meine vielmehr, daß ſie des⸗
halb uns im Geſpraͤch das Geleit gegeben hat, weil ſie genau
wiſſen wollte, welche Maͤnner bei diefem Zuge beteiligt ge⸗
weſen ſind. Auch darf man ohne Übertreibung ſagen, daß
Gudrun mit ihrer großartigen Weiſe hoch uͤber andern Frauen
ſteht. Es iſt auch natürlich, daß Gudrun den Tod Bollis tief
empfindet, denn die Wahrheit zu ſagen, der Verluſt ſolcher
Maͤnner iſt der groͤßte Schade, wie Bolli war, wenn es uns
Verwandten auch nicht beſchieden war, in Eintracht mit ihm
zu leben.“ Darauf ritten ſie heim nach Zjardarholt.
Die Runde von dieſem Ereignis verbreitete ſich ſchnell und
machte einen tiefen Eindruck. Bollis Tod wurde allgemein be⸗
klagt. Gudrun ſandte ſofort Boten zu dem Goden Snorri,
denn fie und Oſvifr glaubten eine ſichere Stuͤtze zu haben, wenn
Der jüngere Bolli.
175
Snorri ihnen zur Seite ſtand. Snorri brach gleich auf, als er
Gudruns Botſchaft empfangen hatte, und kam nach Tunga
mit ſechzig Mann. Gudrun war froh uͤber ſeine Ankunft. Er
erbot ſich, den Verſuch einer Suͤhne zu machen, aber Gudrun
hatte wenig Neigung dazu, im Namen Thorleifs! Geldbuße
fuͤr den Totſchlag anzunehmen. „Ich glaube, daß du mir,
Snorri, damit die größte Hilfe gewaͤhrſt, “ ſagte Gudrun, „wenn
du mit mir den Wohnſitz tauſcheſt, ſo daß ich nicht mehr Seld an
Seld mit denen von Zjardarholt zuſammenſitze.“
In dieſer Zeit hatte Snorri große zwiſtigkeiten mit den Männern
von Eyr.? Snorri fagte, daß er dies tun wolle aus Freund⸗
ſchaft fuͤr Gudrun, — „doch mußt du, Gudrun, dieſes Jahr
noch in Tunga bleiben.“ Nun machte ſich Snorri auf den Weg,
und Gudrun gab ihm anſehnliche Geſchenke mit. Snorri ritt
nun nach Zauſe, und es blieb aͤußerlich ruhig das Jahr uͤber.
Im naͤchſten Winter nach dem Tode Bollis gebar Gudrun ein
Kind; das war ein Knabe. Er wurde Bolli genannt. Er war
bald groß und ſchoͤn. Gudrun liebte ihn ſehr. Und als der
Winter verging, und der Fruͤhling kam, da wurde der Handel
eingeleitet, von dem die Rede geweſen war, daß fie ihre Land⸗
guͤter vertauſchen wollten, Snorri und Gudrun. Snorri uͤber⸗
nahm Tunga und wohnte dort, ſolange er lebte. Gudrun zog
nach Helgafell und Oſpifr mit ihr, fie richteten da eine ſtatt⸗
liche Wirtſchaft ein; Gudruns Soͤhne wuchſen dort auf, Thor⸗
leik und Bolli. Thorleik war damals vier Winter alt, als Bolli
erſchlagen ward, fein Vater.
57. Thorgils, der Sohn der Zalla, unter⸗
richtet Gudruns Sohn Thorleik im Recht.
Thorkel, der Sohn des Eyjolf, zieht aus,
den geaͤchteten Orimzuuͤber fallen, und leiht
ſich dazu das Schwert Skoͤfnung
in Mann hieß Thorgils und war ein Sohn der Salla;
und deshalb war er nach ſeiner Mutter genannt, weil
1 Ihr und Bollis Sohn iſt gemeint. ? Vgl. S. 29, Anm. 3. Dieſe Streitig⸗
keiten waren damals laͤngſt erledigt. vgl. S. 112, Anm. 2.
176
fie länger lebte als fein Dater;! der hieß Snorri und war der
Sohn des Alf? aus dem Talbezirk. Halle, Thorgils Mutter,
war die Tochter Geſts, des Sohnes des Oddleif. Thorgils
wohnte im Hördatal? auf dem Hofe, der Tunga hieß. Thor⸗
gils war ein großer Mann und anſehnlich und von ſtolzem
Weſen; er galt nicht als ein Mann von Billigkeit. Oft war
das Verhaͤltnis zwiſchen ihm und Snorri ſchlecht. Snorri
hielt ihn fuͤr einen ehrgeizigen und anmaßenden Menſchen.
Thorgils miſchte fich viel in die Angelegenheiten des Kuͤſten⸗
bezirks, er kam oft nach Helgafell und bot Gudrun feinen Bei⸗
ſtand an. Sie ging nur ſoweit darauf ein, als die Umſtaͤnde
es verlangten, hielt ſich aber im uͤbrigen zuruͤck. Thorgils lud
ihren Sohn Thorleik zu ſich, und er war lange in Tunga und
ließ ſich von Thorgils im Recht unterweiſen, denn er war ein
ſehr rechtskundiger Mann.
In dieſer Zeit war einer von den Kauffahrern Thorkel, der
Sohn des Eyjolf, ein berühmter Mann und von edler Sas
milie, und ein guter Sreund des Goden Snorri. Er war auch
oft bei Thorſtein, dem Sohne des Thorkel Ruggi, feinem
Verwandten, wenn er ſich hier in Island befand.
Und einmal, als fein Schiff in Vadil® am Bardaſtand auf
Land lag, geſchah es im Borgarfjordgebiet, daß ein Sohn des
Eid aus As erſchlagen wurde von den Söhnen der Helga von
Kropp; Grim hieß der, der ihn erſchlagen hatte, und ſein
Bruder Njal: der ertrank etwas ſpaͤter in der Zvita. Aber
Grim verfiel der Acht wegen des Totſchlages und lag draußen
in den Bergen, ſolange er friedlos war; er war ein großer
und ſtarker Mann. Eid war damals ſchon ein ſehr alter
Mann, als dies geſchah; daher wurde die Achtung nicht weiter
verfolgt. Immer lag man dem Thorkel Eyjolfsſohn in den
1 gl. S. 100, Anm. 1. ? gl. S. 33, Anm. 2. vgl. den Anfang von
Kap. 6. Eyiolf der Graue, der Sohn des Thord Bruͤller, alſo ein Enkel
des Olaf Seilan, vgl. S. 36, Anm. 2. Thorkel Ruggi und Eyjolf der Graue
waren Brüder. Thorftein auf Liarfkogar iſt gemeint. Vgl. S. 92, Anm. I.
7 Beide Höfe liegen im Tal der vita. Eid, der Sohn des Skeggi, tritt als
angeſehener Mann des Borgarfiordgebietes in der Heidarvigaſaga auf. Von
Grim erzaͤhlt auch die Grettisſaga (Rap. 62).
12 Meißner, Lachstalſaga 1 77
Ohren, warum er dem Kechtsſpruch keine Geltung vers
fchaffe.!
Im Fruͤhjahr darauf, als Thorkels Schiff ſegelfertig war,
reifte er ſuͤdwaͤrts über den Breidifjord nach dem Borgarfjord
im Suͤdland und ver ſchaffte ſich ein Pferd und ritt allein und
raſtete nicht, bis er nach As kam zu Eid, ſeinem Verwandten.
Eid empfing ihn mit Freuden. Thorkel ſagte ihm, was ihn
dorthin gefuͤhrt habe, daß er Grim aufſuchen wolle, den Eid
habe aͤchten laſſen; er fragte ihn, ob er irgend eine Kunde
davon habe, wo Grim hauſen moͤge. Eid antwortete: „Das iſt
gar nicht nach meinem Wunſch, ich glaube, daß du viel ein⸗
ſetzt bei dem Spiel, wie d ies Unternehmen wohl ausgeht, mit
einem ſolchen Höllenferl anzubinden, wie Grim iſt. Wenn
du aber ausziehen willſt, ſo nimm viele Maͤnner mit, damit
du die Entſcheidung in der Hand haſt.“ „Das ſcheint mir
keine Heldentat,“ ſagte Thorkel, „mit einer großen Schar gegen
einen einzelnen Mann zu Selde zu ziehen; nein, ich bitte, daß
du mir das Schwert Skoͤfnung leihſt, dann, glaube ich, werde
ich wohl einen einzelnen Waldgaͤnger bezwingen, wenn er
auch noch ſo kampftuͤchtig iſt.“ „Du magſt deinem Willen
folgen,“ ſagte Eid, „doch es wird mich nicht uͤberraſchen, wenn
du einmal dieſen Eigenſinn bereuſt; aber weil du das um
meinetwillen unternimmſt, werde ich dir nicht abſchlagen,
worum du mich bitteſt, denn ich meine, daß Skoͤfnung in
guten Zaͤnden iſt, wenn du ihn traͤgſt. Aber ſo iſt die Natur
des Schwertes, daß die Sonne nicht auf den Knauf ſcheinen,
und daß man es nicht ziehen ſoll, wenn Srauen zugegen ſind.
Wenn ein Mann durch das Schwert verwundet wird, kann
die Wunde nicht heilen, wenn der geilſtein nicht druͤber ge⸗
ſtrichen wird, der zu dem Schwerte gehort.“ Thorkel fagte,
er wuͤrde das genau in Acht nehmen und empfing das Schwert,
er bat aber Eid, ihm den Weg dorthin zu weiſen, wo Grim
I Thorkels Großmutter Hrodny (vgl. oben S. 36) war die Schweſter des
Eid. ? Diefes Schwert ſoll der berühmte Haͤuptling Skegei aus dem Grab⸗
huͤgel des Koͤnigs Rolf Krake geraubt haben. Skeggi lebte zuletzt bei feinem
Sohne Eid auf As und wurde da begraben. mit dieſem Schwert, das
er ſich von Steggi geliehen hat, kaͤmpft Kormak gegen Berft, wird aber be:
ſiegt, weil er die Natur des Schwertes nicht achtet (Rormaksſaga Rap. ff.).
178
hauſe. Eid ſagte, er halte es für das wahrſcheinlichſte, daß
Grim im Norden in der Tvidoͤgraheide! bei den Fiſchſeen hauſe.
Darauf ritt Thorkel nordwaͤrts nach dem Zochland in der
Kichtung, die ihm Eid angegeben hatte; und nachdem er weit
in das Hochland eingedrungen war, ſah er bei einem großen
See eine Hütte und ritt darauf zu.
58. Thorkel wird von Grim beſiegt, der ihm
das Leben ſchenkt. Snorri gibt dem Thorkel
guten Rat
N. kam Thorkel zu der Hütte und ſah da, daß ein Mann
am See bei der Muͤndung eines Baches ſaß und angelte;
der hatte ſich den Mantel uͤber den Kopf gezogen. Thorkel
ſtieg ab und band ſein Pferd an der Wand der Zuͤtte feſt.
Dann ging er vorwaͤrts dem See zu, dorthin, wo der Mann
ſaß. Grim ſah den Schatten eines Mannes auf das Waſſer
fallen und ſprang ſchnell auf. Thorkel war da ganz nahe
herangekommen und hieb nach ihm; der Sieb traf den Arm
oberhalb des Handgelenkes, und das war keine ſchwere Wunde.
Grim ftürzte ſich gleich auf Thorkel, und fie begannen mit⸗
einander zu ringen; da zeigte ſich gleich der Unterſchied in der
Staͤrke, Thorkel fiel, und Grim warf ſich uͤber ihn.
Da fragte Grim, wer der Mann ſei. Thorkel ſagte, das ginge
ihn nichts an. Grim ſprach: „Nun iſt es anders gekommen,
als du dir es wohl gedacht haft, denn jetzt iſt dein Leben in
meiner Gewalt.“ Thorkel ſagte, er wuͤrde ihn nicht um
Schonung bitten, — „denn mir iſt das Gluͤck entgegen ge⸗
weſen.“ Grim ſagte: „Unheil genug hab ich ſchon angerichtet,
wenn ich auch jetzt nichts tue; ein anderes Schick ſal wird dir
beſtimmt fein, als bei dieſem unſerm Zufammentreffen zu
fterben, und ich will dir das Leben ſchenken, du aber lohne es
mir, wie du willſt.
Sie ſtanden nun beide auf und gingen nach der Hütte zuruͤck.
Thorkel ſah, daß Grim ſchwach wurde vom Blutverluſt; er
1 Das Hochland (mit zahlreichen Seen), über das vom oberen Hritatal der
weg in den weſtlichen Teil des Nordlandes führt. Der Name befagt, daß
man zweimal 24 Stunden braucht, das Hochland zu überfchreiten.
120 179
nahm da den Skoͤfnungsſtein, beſtrich den Arm Grims und
band den Stein gegen die Wunde und ſofort hoͤrte aller Schmerz
und alles Schwellen der Wunde auf. Sie blieben nun dort
die Nacht uͤber.
Am Morgen machte ſich Thorkel reiſefertig und fragte Grim,
ob er mit ihm kommen wolle. Er ſagte, ja, das wolle er.
Thorkel wandte ſich nun gleich dem Weſtlande zu und ſuchte
Eid nicht auf, er unterbrach die Reiſe nicht, bis er nach Saͤlings⸗
dalstunga kam. Snorri der Gode begruͤßte ihn mit großer
Freundlichkeit. Thorkel erzählte ihm, daß fein Unternehmen
uͤbel abgelaufen ſei. Snorri ſagte, gut ſei es gegangen, —
„Grim ſieht mir aus wie ein Mann des Gluͤcks; ich will, daß
du dich in allem guten mit ihm auseinanderſetzeſt. Es waͤre
das nun mein Rat, Sreund, daß du deine Kauffartei aufgibft
und dir hier eine Zofſtelle und eine Srau beſorgſt und ein
Zaͤuptling wirft, wie es deiner Abkunft entſpricht.“ Thorkel
antwortete: „Oft find Eure Aatfchläge zu meinem Gluͤck aus⸗
geſchlagen,“ und er fragte, ob Snorri daran gedacht habe,
um welche Frau er werben ſolle. Snorri antwortete: „Du
ſollſt um die Frau werben, die die beſte Partie iſt, und das iſt
Gudrun, Dfvifrs Tochter.“ Thorkel ſagte, das ſei wahr, dieſe
Zeirat ſei eine anſehnliche Sache; „aber ſchweres Bedenken
machen mir ihre Leidenſchaftlichkeit,“ ſagte er, „und ihre trotzi⸗
gen Gedanken; fie wird Rache verlangen für ihren Gatten Bolli.
Da ſcheint mir Thorgils, der Sohn der Zalla, mit ihr im Ein⸗
verſtaͤndnis zu fein, und es koͤnnte geſchehen, daß ihm unſere
Abſicht nicht beſonders gefiele; aber Gudrun iſt ganz nach
meinem Sinn.“
Snorri ſprach: „Ich will mich dazu verpflichten, daß dir von
Thorgils kein Ungemach geſchieht, und ich glaube erwarten
zu konnen, daß eine entſcheidende Wendung in bezug auf die
Race für Bolli eintreten wird, ehe das naͤchſte Halbjahr ver:
gangen iſt.“ Thorkel erwiderte: „Es kann ja ſein, daß das
nicht leere Worte ſind, was du da redeſt; aber wegen der
Rache für Bolli kann ich jetzt nichts anderes mir denken als
vorher, es ſei denn, daß einige größere Zaͤuptlinge eingreifen.“
Snorri ſprach: „Es iſt mir ganz recht, wenn du im Sommer
180
noch einmal ausführft; wir werden unterdeſſen ſehen, was
ſich ereignen mag.“ Thorkel ſagte, ſo ſolle es ſein, und N
ſchieden ſie von einander.
Thorkel fuhr uͤber den Breidifjord hinuͤber zu ſeinem Schif.
Er nahm Grim mit ſich auf die Reife. Sie hatten guten Wind
zur Sommerszeit und erreichten Norwegen im Suͤden. Da
ſprach Thorkel zu Grim: „Dir iſt bekannt, welche Verwick⸗
lungen und Ereigniſſe uns beide zuſammengefuͤhrt haben, ich
brauche das nicht ʒu erzaͤhlen; nun moͤchte ich gern, daß unſere
Verbindung mit weniger Sährlichfeiten ſich Iöfe, als es in
einer gewiſſen Zeit mit uns ausſchaute; als wackeren Mann
hab' ich dich erprobt, und deshalb will ich mich zum Schluß fo
mit dir auseinanderſetzen, als haͤtte ich niemals feindlichen
Sinn gegen dich gehabt. Ich werde dir ſoviel Handelsware
geben, daß du mit Ehren in die Geſellſchaft wackerer Maͤnner
eintreten kannſt, aber laß dich nicht im Norden nieder hierzu⸗
lande, denn manche Verwandte Eids ſind als Kauffahrer
unterwegs, die feindliche Geſinnung gegen dich haben.“ Grim
dankte ihm fuͤr dieſe Worte und ſagte, er haͤtte niemals ſo viel
zu erbitten gewagt, als ihm da geboten würde. Zum Abſchied
gab ihm Thorkel gute Kaufmannsware. Das ſagten viele,
daß er mit großartiger Geſinnung gehandelt habe. Darauf
fuhr Grim oſtwaͤrts nach der Wik und ließ ſich dort nieder;
er erwarb ſich da Anerkennung als ein tuͤchtiger Mann, und
damit endet die Erzaͤhlung von Grim.
Thorkel war in Norwegen den Winter uͤber und galt da als
ein Mann von Bedeutung; er war ſehr reich an Gut und von
ungewoͤhnlicher Tatkraft.
Nun muͤſſen wir uns für einige Zeit von ihm abwenden und
uns hinuͤber nach Island begeben und hoͤren, was da neues
vor ſich ging, während Thorkel im Auslande war.
59. Snorri gibt Gudrun liſtige Rat⸗
ſchlaͤge
Gon Ofvifrs Tochter, ritt aus von Haufe im fünften
Sommermonat dieſes Jahres und zwar landeinwaͤrts
1 Eine Wendung, die dem echten Sagaſtil fremd iſt.
181
in den Talbezirk, fie ritt nach Thykkvaſkog. Thorleik war da⸗
mals abwechſelnd in Thykkvaſkog bei den Armodsſoͤhnen Hall-
dor und Drmolf, bald war er in Tunga bei Thorgils.
In derſelben Nacht noch ſchickte Gudrun einen Mann zu
Snorri dem Goden, daß ſie ihn ſogleich am Tage darauf
ſprechen muͤſſe. Snorri brach ſofort auf und ritt, nur von
einem Mann begleitet, bis er zum Zaukatalwaſſer kam. Ein
Selſen ſteht nördlich des Sluſſes und heißt Höfdi. Der Platz
gehört zum Lande von CTökjarſkog. Dieſe Stelle hatte Gudrun
beſtimmt, um ſich mit Snorri zu treffen. Beide kamen da faſt
zu gleicher Zeit an. Auch Gudrun hatte nur einen Begleiter,
das war Bolli, Bollis Sohn. Er war damals zwoͤlf Winter
alt, und voll entwickelt an Kraft und Verſtand, ſo daß es viele
gab, die keine vollkommenere Mannheit erreicht hatten, ob⸗
gleich ſie ganz ausgewachſen waren; er trug da auch den Suß⸗
beißer.
Snorri und Gudrun begannen ſofort ihre Unterredung, aber
Bolli und der Mann des Snorri faßen auf dem Selfen und
ſpaͤhten im Umkreis aus nach dem Kommen und Gehen von
Leuten.
Und als Snorri und Gudrun ſich gefragt hatten, was es neues
gäbe, da bat Snorri um Auskunft, welcher Anlaß ſo plotzlich
eingetreten ſei, daß ſie ihm eine ſo draͤngende Botſchaft geſandt
habe. Gudrun ſprach: „Es iſt wahr, daß fuͤr mich dieſes Ereig⸗
nis nagelneu iſt, das ich nun vorbringen will, aber doch iſt es
vor zwoͤlf Jahren geſchehen, denn uͤber die Kache fuͤr Bolli
will ich einiges reden; es kann dir das auch nicht uͤberraſchend
kommen, denn ich habe dich manchesmal daran erinnert. Ich
will auch das hervorheben, daß du mir dazu einige Unter⸗
ſtuͤtzung verſprochen haſt, wenn ich in Geduld warten wollte,
aber nun ſcheint mir die Hoffnung geſchwunden zu fein, daß du
dich um dieſe unſere Sache kuͤmmern willſt. Ich habe gewartet,
ſo lange ich mich dazu zwingen konnte, aber nun moͤchte ich
guten Rat von Euch haben, welche Richtung die Rache nehmen
ſoll.“ Snorri fragte ſie, wohin wohl vor allem ihre eigenen
Gedanken gerichtet ſeien. Gudrun ſprach: „Das iſt mein Wille,
daß fie nicht alle heil davonkommen, die Olafsſoͤhne.“ Snorri
182
fagte, er müßte es ihr verwehren, die Männer anzugreifen,
die die erſten ſeien im Bezirk, „und dazu die nahen Verwandten
derer, denen die Rache obliegen wuͤrde, und das iſt die Zaupt⸗
ſache, daß dieſe Geſchlechtsaus rottung aufhört.“ Gudrun
ſprach: „Dann ſoll man Lambi angreifen und töten; fo iſt
einer weggeſchafft, der beſonders boͤſen Willen hatte.“ Snorri
antwortete: „Es liegt Grund vor gegen Lambi, daß er getötet
wird; aber dadurch ſcheint mir Bolli doch nicht geraͤcht; und
bei den Suͤhneverhandlungen wuͤrde dann nicht der geziemende
Abſtand fuͤr Bolli gewahrt werden, wenn dieſe beiden Tot⸗
ſchlaͤge einander gleichgeſtellt wuͤrden.“ Gudrun ſprach: „Es
kann wohl fein, daß wir die Lachstalleute nicht zu einer ge⸗
rechten Ausgleichung bringen werden; aber irgend einer ſoll
die volle Buße bezahlen, in welchem Tal er auch wohnen mag.
So moͤge man ſich denn dahin wenden, wo Thorſtein der
Schwarze ſitzt, denn keiner hat ſich auf eine haͤßlichere Weiſe bei
dieſer Sache beteiligt als er.“ Snorri erwiderte: „So iſt Thor⸗
ſtein ſchuldig Euch gegenuͤber, wie die Maͤnner, die bei dem
Totſchlage an Bolli mitgezogen waren, aber ihn nicht mit der
Waffe verletzt haben; doch du laͤßt jemanden in Ruhe ſitzen,
bei dem meiner Anſicht nach die Rache von hoͤherer Bedeutung
wäre, und der Bolli den Tod gebracht hat, ich meine Helgi,
gardbeins Sohn.“ Gudrun ſprach: „Wahr iſt das, aber ich
will nichts davon wiſſen, daß alle dieſe Maͤnner in Ruhe ſitzen
bleiben dürfen, gegen die ich allezeit bisher meinen Haß habe
anwachſen laſſen.“ Snorri antwortete: „Ich weiß dafuͤr einen
guten Rat. Lambi und Thorſtein follen mit ausziehen mit
deinen Söhnen, und es ift für Lambi und den andern ein
nicht unbilliger Friedenspreis; aber wenn fie das nicht wollen,
werde ich kein Wort mehr fuͤr ſie einlegen, daß Ihr nicht ſolche
Strafe uͤber ſie verhaͤngt, wie es Euch beliebt.“ Gudrun ſprach:
„Welchen Weg ſoll ich einſchlagen, dieſe Männer zu dem Zuge
zu veranlaſſen, die du genannt haft?” Snorri erwiderte: „Das
ſoll der beſorgen, der den zug anfuͤhren wird.“ Gudrun ſprach:
„Dazu werden wir deinen Kat beduͤrfen, den Anfuͤhrer und
Leiter des Zuges zu beſtimmen.“ Da laͤchelte Snorri und fagte:
„Du haft dir dazu wohl ſchon den rechten Mann ausgefucht.“
183
Gudrun antwortete: „Das redeſt du mit Bezug auf Thorgils.“
Snorri ſagte, ſo ſei es. Gudrun ſprach: „Geredet habe ich hier⸗
uͤber mit Thorgils, und es iſt ſo gut wie vorbei damit, denn
er ſtellte die eine Bedingung, die ich nicht ins Auge faſſen
mochte. Thorgils weigerte ſich nicht, Bolli zu raͤchen, wenn er
meine Zuftimmung zur geirat bekaͤme; aber das iſt eine Moͤg⸗
lichkeit, die wegfällt, und deshalb werde ich ihn nicht zu die⸗
ſem Juge auffordern.“ Snorri ſprach: „Zierzu werde ich dir
einen Rat geben, denn ich mißgoͤnne Thorgils dieſe Fahrt nicht.
Du ſollſt ihm allerdings die Heirat verſprechen, aber mit der
mehrdeutigen Zuſage, daß du mit keinem andern Manne dich
vermaͤhlen willſt, der mit dir hier im Lande ift,! als mit Thor⸗
gils, und das ſoll wahr werden, denn Thorkel, Eyjolfs Sohn,
iſt nun nicht hier im Lande und ihm habe ich die Heirat mit dir
zugedacht.“ Gudrun ſprach: „Er wird dieſen Zaken bemer⸗
ken.“ Snorri antwortete: „Er wird ihn gewiß nicht bemer⸗
ken, denn Thorgils iſt mehr bekannt wegen ſeines gewalt⸗
taͤtigen Mutes als wegen ſeines Verſtandes. Schließe dieſen
Vertrag in Gegenwart einiger weniger Zeugen; laß Salldor,
feinen Pflegebruder, dabei fein, aber nicht Ornolf,“ denn der
iſt geſcheiter; und mir gib die Schuld, wenn das nicht zum
Ziele führt.“
Damit beendeten Gudrun und Snorri ihr Geſpraͤch und ſag⸗
ten ſich einander Lebewohl, Snorri ritt heim und Gudrun
nach Thykkvaſkog.
Am Morgen darauf ritt Gudrun ab aus Thykkvaſkog und
ihre Soͤhne mit ihr; und als ſie heimwaͤrts ritten, am Skog⸗
arſtrand entlang, ſahen ſie, daß Maͤnner ihnen nachkamen.
Dieſe ritten ſcharf und holten fie ſchnell ein: das war Thor:
gils, Zallas Sohn; fie begruͤßten einander freundlich. Sie rit⸗
ten nun alle zuſammen weiter nach Zelgafell.
1 Im Islaͤndiſchen iſt der Betrug feiner; das entſcheidende Wort iſt doppel⸗
ſinnig, es bezeichnet den Landsmann und den, der mit im gleichen Cande iſt.
2 Halldor und Srnolf, die Söhne des Armod (vgl. den Anfang des Kapitels).
Ihre Mutter Thorunn war eine Schweſter des weiſen Geſt (vgl. Seite 101),
Halla, Thorgils Mutter, eine Tochter des Geſt.
184
60. Gudrun reizt ihre Söhne
zur Asche auf
Eine Tage ſpaͤter, nachdem Gudrun nach Haufe gekom⸗
men war, rief ſie ihre Soͤhne zu ſich zur Unterredung
in ihrem Gemuͤſegarten. Und als ſie hinkamen, ſahen ſie, daß
auf dem Boden Leinenkleider ausgebreitet lagen, ein Rock und
Leinenhoſen; die waren ganz blutig.
Da ſprach Gudrun: „Dieſe Kleider, die ihr hier ſeht, ſollen
euch zur Vaterrache aufreizen. Nun will ich daruͤber nicht viele
Worte machen, denn es iſt nicht zu erwarten, daß ihr durch
anfeuernde Worte bewegt werdet, wenn ihr nichts fuͤhlt vor
ſolchen Erinnerungen und Wahrzeichen.“ Die Bruͤder waren
ſtark ergriffen von dem, was Gudrun geſprochen hatte, aber
antworteten doch fo: fie ſeien zu jung geweſen, die Rache zu
verſuchen, und dabei ohne Fuͤhrung; ſie ſagten, ſie ſeien nicht
dazu imſtande, fuͤr ſich oder fuͤr andere etwas zu beſchließen, —
„aber daran erinnern werden wir uns beide, was wir verloren
haben.“ Gudrun erwiderte, ſie glaube, ſie wuͤrden wohl mehr
an Pferdekaͤmpfe und Spiele denken. Darauf gingen ſie fort.
In der Nacht darauf konnten die Bruͤder nicht ſchlafen. Thor⸗
gils bemerkte das und fragte ſie, was ihnen ſei. Sie erzaͤhlten
ihm das ganze Geſpraͤch mit der Mutter und ſagten, daß ſie
ihren Kummer und die Vorwuͤrfe der Mutter nicht laͤnger er⸗
tragen koͤnnten: „ Wir wollen die Rache verſuchen,“ ſagte Bolli,
„und wir beiden Bruͤder ſind nun erwachſen genug, daß die
Leute es uns verdenken werden, wenn wir die Zand nicht
rühren.“
Am Tage darauf kam es zur Unterredung zwiſchen Thorgils
und Gudrun, und Gudrun begann fo das Geſpraͤch: „ES
ſcheint mir, Thorgils, als hätten meine Söhne keine Luft mehr,
fo ſtill zu ſitzen, ohne auf Rache für ihren Vater zu denken.
Und das hat hauptſaͤchlich den Aufſchub der Sache herbeigefuͤhrt,
daß mir Thorleik und Bolli zu jung ſchienen, ſich in Unter⸗
nehmungen auf Leben und Tod einzulaſſen; im übrigen hatten
1 Aufbewahrung der blutigen Kleider des Erſch lagenen wie in der Njals⸗
ſaga Rap. 116. 124.
185
wir allen Grund, ſchon früher daran zu denken.“ Thorgils
antwortete: „Es ift zwecklos, mit mir hierüber zu fprechen,
da du es abgelehnt haft, mir in mein Haus zu folgen. Aber
meine Geſinnung iſt noch ganz dieſelbe wie fruͤher, als wir
dies mit einander verhandelt haben; wenn ich deine Juſtim⸗
mung zur Heirat bekomme, da wird es mir keine Kopfſchmer⸗
zen machen, einen von ihnen weg zuſtechen, oder auch zwei mit⸗
einander,! die am naͤchſten beteiligt waren an Bollis Tode.“
Gudrun ſprach: „So ſcheint es mir, als wenn Thorleif keinen
andern als dich für den geeigneten Sührer anſehen wird, wenn
es ein Unternehmen gilt, bei dem Kuͤhnheit erforderlich iſt; und
dir will ich es nicht verbergen, daß die Knaben vorhaben, gegen
gelgi, den Sohn Hardbeins zu ziehen, gegen den Berſerker, der
im Skorratalꝰ ſitzt und meint, daß er ſich vor nichts zu fuͤrch⸗
ten brauche. Thorgils ſprach: „Ich kuͤmmere mich nicht darum,
ob er Helgi heißt oder anders, denn nimmer wird es über meine
Kräfte gehen, mit dem Helgi oder irgend einem andern anzu⸗
binden. Dieſe Sache iſt von meiner Seite völlig abgemacht,
wenn du mir vor Zeugen verſprichſt, mich zu heiraten, falls ich
die Rache aus fuͤhre mit deinen Soͤhnen.“ Gudrun erwiderte,
ſie wolle alles das leiſten, was ſie ihm zuſagen wuͤrde, wenn
es auch nur durch das Zeugnis weniger Maͤnner beſtaͤtigt
wuͤrde, und ſie ſagte, das ſolle nun abgemacht werden. Gud⸗
run bat, Zalldor, feinen Pflegebruder, und außerdem ihre
Söhne herbeizurufen. Thorgils wuͤnſchte, daß auch Drnolf
dabei fein ſollte. Gudrun ſagte, das ſei nicht nötig, — „ich
ſetze etwas mehr Zweifel in die Treue Drnolfs gegen dich, als
du mir zu haben ſcheinſt.“ Thorgils ſagte, ſie moͤge nach ihrem
Willen verfahren.
Nun kamen die Brüder zu Gudrun und Thorgils; da war
auch Halldor zur Stelle. Gudrun gab nun folgende Erklaͤrung
ab: „Thorgils hat verſprochen, Fuͤhrer zu ſein bei dem Unter⸗
nehmen, Helgi, Zardbeins Sohn, in feinem Haufe zu übers
fallen mit meinen Söhnen, um Radye zu nehmen für Bolli.
Thorgils hat als Bedingung für die Fahrt geftellt, daß er
1 Steinthor und Helgi. ? Das Skorratal Öffnet ſich gegen das linke Ufer der
Hvita nahe deren Muͤndung in den Borgarfiord.
186
meine Einwilligung zur Heirat bekommt. Nun ftelle ich mit
klaren Worten unter euer Zeugnis, daß ich Thorgils verſpreche,
mich mit keinem anderen Manne, der mit mir hier im Lande iſt,
zu vermaͤhlen als mit ihm; aber nicht habe ich die Abſicht, mich
ins Ausland zu vermaͤhlen.“ Thorgils meinte, daß hiermit
alles in beſter Ordnung ſei, und durchſchaute dieſe Sache nicht.
Damit ſchloſſen ſie ihre Beſprechung. Es war nun alſo feſt
abgemacht, daß Thorgils die Fahrt unternehmen ſollte. Er
brach dann auf von gelgafell und mit ihm die Söhne der Gud⸗
run; fie ritten landeinwaͤrts in den Taͤlerbezirk und zunaͤchſt
heim nach Tunga.
61. Thorgils uͤberredet Thorſtein und
Lambi, an dem Rachezuge
teilzunehmen
m naͤchſten Sonntag war Bezirksverſammlung, und
Thorgils ritt hin mit ſeiner Schar. Snorri der Gode war
nicht auf der Verſammlung; da war eine große Menge bei⸗
ſammen.
Im Laufe des Tages holte Thorgils ſich Thorſtein den Schwar⸗
zen zu einer Unterredung! und ſprach: „So ſteht es, wie dir
bekannt iſt, daß du bei dem Überfall mit den Olafs ſoͤhnen
warſt, als Bolli erſchlagen wurde; du haſt fuͤr dieſe Schuld
keine Buße den Söhnen Bollis gegeben. Wenn nun auch eine
lange Jeit vergangen iſt ſeit jenem Ereignis, ſo glaube ich doch
nicht, daß ihnen die Maͤnner aus dem Gedaͤchtnis entſchwun⸗
den find, die an der Fahrt beteiligt waren. Nun halten die
Bruͤder dafuͤr, daß es ihnen am wenigſten anſtehen wuͤrde, ſich
gegen die Olafsſoͤhne zu wenden, wegen der Verwandtſchaft;
es iſt alſo die Abſicht der Bruͤder, die Rache zu kehren gegen
Zelgi, gardbeins Sohn, weil er Bolli die Todeswunde gegeben
hat. Wir wollen dich bitten, Thorſtein, daß du an dieſem Zuge
teilnimmſt mit den Bruͤdern, und dich dadurch in den Frieden
und die Suͤhne kaufſt.“
1 Es iſt nicht erzaͤhlt, daß Gudrun nach dem Plane Snorris Thorgils auf⸗
gefordert hat, Thorſtein und Cambi anzuwerben.
187
Thorſtein antwortete: „Das ſteht mir nicht an, mich auf
tuͤckiſche Anſchlaͤge gegen meinen Schwager gelgi einzulaſſen;
ich will lieber Geld bezahlen, um mir Frieden zu verſchaffen
in dem Maße, daß der Ausgleich ehrenvoll erſcheint.“ Thor⸗
gils ſagte: „Wenig liegt es, glaube ich, im Sinne der Bruͤder,
Geld aus dieſer Sache zu ſchlagen. Du mußt dir daruͤber nicht
im Ungewiſſen bleiben, Thorſtein, daß du nur die Wahl
zwiſchen zwei Dingen haft, entweder dich zur Teilnahme an
der Sahrt zu entſchließen, oder dich auf harte Behandlung
gefaßt ʒu machen, ſobald ſich Gelegenheit dazu bietet; ich wuͤrde
es wuͤnſchen, du waͤhlteſt das erſte, wenn du auch Verwandt⸗
ſchafts beziehungen mit gelgi haſtz; jeder iſt ſich ſelbſt der Naͤchſte,
wenn man in ſolche Klemme gerät.“
Thorſtein ſprach: „Soll noch andern die gleiche Wahl ge⸗
ſtellt werden, die in Schuld ſtehen gegenüber den Söhnen des
Bolli?“ Thorgils antwortete: „In gleicher Weiſe wird Lambi
ſich zu entſcheiden haben.“ Thorſtein ſagte, da ſehe es ſchon
beſſer aus, wenn er nicht ganz allein in dieſe Sache gezogen
wuͤrde.
Darauf hieß Thorgils Lambi zu ſich rufen und bat Thor⸗
ftein, die Unterredung mit anzuhören, und ſprach: „Die gleiche
Angelegenheit will ich dir gegenuͤber zur Sprache bringen,
die ich Thorſtein vorgelegt habe; welche Genugtuung willſt du
den Soͤhnen Bollis geben fuͤr die Klagegruͤnde, die ſie gegen
dich haben; denn es iſt uns als Tatſache verbuͤrgt, daß du
Bolli mit der Waffe verwundet haſt. Dazu kommt, daß du in
beſonderem Grade von der Schuld betroffen biſt, weil du ſtark
dazu aufgereizt haft, daß Bolli getötet werde; freilich warſt du
auch, wenn man von den Olafsſoͤhnen abſieht, in beſonderem
Grade zu entſchuldigen.“! Cambi fragte, was man von ihm
verlange. Thorgils antwortete, daß ihm dasſelbe anheim ge⸗
ſtellt werde wie Thorſtein, teilzunehmen an der Sahrt mit den
Bruͤdern.
Lambi ſagte: „Sür ſchlecht halte ich's, mir auf dieſe Weiſe den
Srieden zu erkaufen, und für unmaͤnnlich; ich bin nicht geneigt,
an dieſer Sahrt teilzunehmen.“ Da ſprach Thorſtein: „Es iſt
1 Als Gheim des Rarta gn.
188
durchaus nicht das ſelbſtverſtaͤndliche, Lambi, ſich fo einfach
dieſer Fahrt zu entziehen, denn hier haben große Männer die
Sand im Spiel und hochwerte Maͤnner, die der Meinung find,
fie hätten allzu lange ſich ihr Recht verkuͤrzen laſſen. Es ift
mir gefagt von den Söhnen Bollis, daß fie ſich zu tatkraͤf⸗
tigen Maͤnnern entwickeln und voller Stolz ſind, ſie haben
eine große Sache zu verfolgen; wir koͤnnen auf nichts anderes
denken, als daß wir nach einer ſo ſchweren Tat uns auf irgend
eine Weiſe löfen. Die Leute werden grade mir dies am meiſten
zum Vorwurf machen wegen meiner Verſchwaͤgerung mit
Zelgi. Mir ſcheint aber doch, als ſei es fuͤr die meiſten Men⸗
ſchen das natuͤrliche, alles lieber hinzugeben als das Leben;
man muß die Schwierigkeit zuerſt abſtoßen, die einem am
ſchaͤrfſten auf den Leib rüdt.”
Cambi ſprach: „Das iſt leicht zu vernehmen, wohin du treibſt,
Thorſtein. Ich glaube, es wird mir ſchon recht ſein, wenn du
dazu raͤtſt, was dir als das einzig mögliche erſcheint, wir haben
ja von je in allen ſchwierigen Lagen zuſammengehalten. Ich
will das zur Bedingung machen, wenn ich mich anſchließe, daß
meine Verwandten, die Olafsſoͤhne, ruhig ſitzen und in Frieden,
wenn die Rache an Helgi gelingt.“ Thorgils verſprach das im
Namen der Bruͤder.
Es wurde nun beſchloſſen, daß Thorftein und Cambi ſich Thor:
gils zu dem Juge anſchließen ſollten; ſie verabredeten, daß
fie am Dienstag in der Fruͤhe in Tunga im goͤrdatal fein woll⸗
ten. Darauf ſchieden fie von einander. Thor gils ritt am Abend
heim nach Tunga. Es kam nun die Zeit heran, die fie verab⸗
redet hatten, daß ſie ſich bei Thorgils einfinden ſollten, die zu
dem Zuge mit ihm auserſehen waren. Am Dienstag vor Son⸗
nenaufgang kamen Thorftein und Lambi nach Tunga, Thor⸗
gils nahm ſie wohl auf.
62. Thorgils reitet mit ſeiner Schar nach
dem Zofe des Zelgi
horgils brach nun auf von Haufe, und fie ritten das
Hördatal hinauf zehn zuſammen. Da war Thorgils,
Zallas Sohn, als Anführer der Schar. Da waren bei dem
189
Zuge die Söhne des Bolli, Bolli und Thorleik, Thord Katze
war der vierte, ihr Bruder, ! der fünfte Thorſtein der Schwarze,
der ſechſte Cambi, der ſiebente und achte Zalldor und Srnolf,
der neunte Svein, der zehnte Zunbogi, die letzten zwei waren
Soͤhne des Alf? aus dem Taͤlerbezirk. Alle dieſe waren kampf⸗
tuͤchtige Maͤnner.
Sie ritten ihres Weges hinauf bis Sopandaskard und durch
das Langavatnstal und weiter quer durch den Bezirk Bor⸗
gar fjord. Sie ritten bei der Eyjarfurt über die Nordra, und
bei der Bakkafurt uͤber die Zvita dicht oberhalb von Bo. Sie
ritten dann in das Reykjartal und weiter über den Talruͤcken
ins Skorratal, und dann den Wald entlang talaufwaͤrts bis
in die Naͤhe des Hofes Varnshornz; da ſtiegen fie ab; der Abend
war ſchon weit vorgeſchritten. Der Hof Vatnshorn liegt nahe
am See, ſuͤdlich des Sluſſes.
Thorgils ſagte da zu ſeinem Gefaͤhrten, ſie ſollten dort die
Nacht über bleiben, — „und ich werde nach dem Hof auf Kund⸗
ſchaft gehen, um feſtzuſtellen, ob Zelgi daheim iſt. Mir iſt geſagt,
daß Zelgi ſehr oft nur ganz wenig Leute bei ſich habe, aber un⸗
gemein vorfichtig ſei und in einer feſten, verſchloſſenen Kammer
ſchlafe.“ Die Gefaͤhrten Thorgils baten ihn, alles zu beſtimmen.
Thorgils veraͤnderte nun ſeinen Anzug, er legte ſeinen dunkel⸗
blauen Mantel ab und warf ſich eine graue Wetterkappe um.
Er ging dann nach dem Hofe, und als er nahe an die inhegung
gelangt war, ſah er einen Mann entgegenkommen; als ſie
zuſammentrafen, ſprach Thorgils: „Meine Frage wird dir
unverſtaͤndig vorkommen, Kamerad; in welcher Gegend be⸗
finde ich mich, und wie heißt dieſer Hof und wer wohnt hier?“
Der Mann antwortete: „Du muͤßteſt ein ſehr einfaͤltiger und
unwiſſender Menſch ſein, wenn du noch nie etwas gehoͤrt
haͤtteſt von Helgi, dem Sohne des Hardbein, dem tapferften
Degen und maͤchtigen Herrn.” Da fragte Thorgils, ob Helgi
Der Sohn Gudruns und des Thord (vgl. Kap. 36, S. 112). * Alfo Brüder
des Snorri, des vaters des Thorgils (Rap. 57, S. 177). Die Nordra (Nord⸗
waſſer), rechter Nebenfluß der Hvita; die Übergangs ſtellen find nicht ganz
ſicher zu beſtimmen. Tyorgils führt feine Leute nicht geradezu in das Skorra⸗
tal, ſondern in ein Paralleltal und dann erſt über den Rüden zwiſchen
beiden Tälern auf Helgis Hof zu.
190
ein guter Mann fei mit der Aufnahme von Fremden, wenn
Unbekannte zu ihm kaͤmen, beſonders folche, die Hilfe ſehr
noͤtig haͤtten. Er antwortete: „Davon kann man wirklich nur
gutes ſagen, denn Zelgi iſt der großartigſte Menſch ſowohl
in der Aufnahme ſolcher Maͤnner als in jeder anderen Zoch⸗
ſinnigkeit.“ „Iſt Helgi jetzt zu Haufe,” ſagte Thorgils, „ich
moͤchte ihn um Aufnahme bitten.“ Der andere fragte, welcher
Art denn ſeine Not ſei. Thorgils antwortet: „Ich bin im
Sommer auf dem Thinge geaͤchtet worden, ich moͤchte mir nun
Schutz ſuchen bei einem Manne, der etwas zu bedeuten hat.
Dafuͤr wuͤrde ich ihm meine Gefolgſchaft und meinen Dienſt
anbieten; du ſollſt mich nun auf euren Hof zu gelgi führen.“
„Leicht kann ich das tun,“ ſagte der Mann, „dich auf unſern
Hof fuͤhren, denn Unterkunft für die Nacht kannſt du hier haben;
aber gelgi wirft du nicht treffen, denn er iſt nicht zu Haufe.“ Da
fragte Thorgils, wo er ſei. Er antwortete: „Helgiift auf feinem
Saͤter, der Sarp heißt.“ Thorgils fragte, wo der liege, und was
für Leute bei Zelgi ſeien. Er ſagte, da fei fein Sohn Hardbein und
zwei andre, zwei Geaͤchtete, die bei ihm Aufnahme gefunden haͤt⸗
ten. Thorgils bat den Mann, ihm den naͤchſten Weg nach dem Saͤ⸗
ter zu zeigen, — „denn ich will gleich Helgi aufſuchen, wenn ich
zu ihm kommen kann, und meine Sache betreiben.“ Der Anecht
tat es und beſchrieb ihm den Weg, darauf trennten ſie ſich.
Thorgils wandte ſich dem Walde zu und zu ſeinen Gefaͤhr⸗
ten und ſagte ihnen, was er uͤber Zelgis Aufenthalt in Er⸗
fahrung gebracht habe: „Wir wollen hier die Nacht uͤber ver⸗
weilen und erſt morgen uns nach dem Saͤter begeben.“ Sie
taten, wie er ihnen geſagt hatte. Am Morgen ritten ſie tal⸗
aufwaͤrts den Wald entlang, bis fie in die Naͤhe des Saͤters
kamen; da hieß Thorgils ſie abſteigen und fruͤhſtuͤcken, und
das taten ſie und raſteten eine Weile.
63. Ein irt Helgis entdeckt die Feinde im
Wald und beſchreibt ſie ihm
un iſt zu erzaͤhlen, was auf dem Saͤter vor ſich ging,
wo ſich Zelgi aufhielt und die Männer, die vorher er⸗
waͤhnt wurden.
191
Selgi fagte am Morgen feinem Zirt, er folle die Wälder in der
Naͤhe des Saͤters durchſtreifen und auf das Kommen und
Gehen von Leuten achten, oder, ob er ſonſt etwas beachtenswer⸗
tes ſaͤhe — „Schwer waren meine Träume heute Nacht.“ Der
Zirt machte ſich auf den Weg, wie Zelgi ihm befohlen hatte.
Er blieb eine Zeitlang fort, und als er zuruͤckkam, fragte Helgi,
ob er etwas von Wichtigkeit geſehen habe. Er antwortete:
„Ich habe etwas geſehen, das, wie ich glaube, von Bedeutung
iſt.“ gelgi fragte, was das ſei. Er ſagte, er habe Männer
geſehen und nicht ganz wenige, — „und ich glaube, ſie ſind
nicht aus unſerm Bezirk.“ gelgi ſprach: „Wo waren ſie, als
du ſie ſahſt, und was taten ſie, und haſt du auf ihre Kleidung
und ihr Ausſehen geachtet?“ Er antwortete: „Nicht war ich ſo
erſchrocken daruͤber, daß ich nicht auf dieſe Dinge geachtet
haͤtte, denn ich wußte, daß du darnach fragen wuͤrdeſt.“ Er
ſagte auch, fie ſeien nahe dem Saͤter und aͤßen da ihr Fruͤh⸗
ſtuͤck. Zelgi fragte, ob fie da im Kreiſe oder in einer Reihe
neben einander ſaͤßen. Er ſagte, ſie ſaͤßen im Kreiſe und auf
ihren Sätteln. Helgi ſprach: „Sage mir nun etwas von ihrem
Ausſehen; ich möchte wiſſen, ob ich nach der Beſchreibung er⸗
raten kann, was das für Leute find.“
Der Hirt ſprach: „Da ſaß einer auf einem gemalten Sattel und
in dunkelblauem Mantel, er war groß und mannhaft, kahl
uͤber den Schlaͤfen und mit einem Mund, der faſt immer die
Zähne ſichtbar ließ.“ Zelgi ſagte: „Den Mann erkenne ich
gleich aus deiner Schilderung; das iſt Thorgils, der Sohn der
Halla vom goͤrdatal, den du geſehen haft; aber was will der
von uns, der Raufbold?“
Der Hirt ſprach: „Ihm zunaͤchſt ſaß einer auf einem vergol⸗
deten Sattel; er war in einem roten Scharlachrock und hatte
einen Goldring am Arm, um ſeinen Kopf war ein Goldband
gewunden. Er hatte gelbes Haar, das fiel ihm bis auf die
Schultern herunter. Er war von heller Geſichts farbe, er hatte
eine Biegung an der Naſe, und die Naſe vorn etwas aufge⸗
hoben, ſehr ſchoͤne Augen, das Auge blau, ſcharf und etwas
unruhig, die Stirn breit, die Wangen voll; fein Haar war
uͤber den Brauen kurz abgeſchnitten; er war gut gewachſen
192
in den Schultern, der Bruſtkaſten ſtark; er hatte eine fehr
ſchoͤne Hand und einen kraͤftigen Arm; ſeine ganze Haltung
war ritterlich; und das will ich zum Schluß noch ſagen, daß
ich, alles zuſammengenommen, noch nie einen ſo ſtattlichen
Mann geſehen habe. Er war noch jung, ſo daß ihm noch kein
Bart gekeimt war; es ſchien mir, als druͤcke ihn ſchwerer Rum⸗
mer.“ Da antwortete Zelgi: „Genau haft du dieſen Mann
in acht genommen; es muß auch etwas ganz Beſonderes an
dieſem Manne ſein, doch glaube ich nicht, daß ich ihn je
geſehen habe. Aber eine Vermutung ausſprechen will ich,
wer es ſei; ich glaube, das iſt Bolli, Bollis Sohn, geweſen;
denn mir iſt geſagt, daß er ein Mann vorzuͤglicher Art ſein
ſoll.“
Weiter ſprach der Zirt: „Da ſaß ein Mann auf einem Sattel
mit Schmelzarbeit; der war in einem hellgruͤnen Rock; er trug
einen ſchweren Goldring am Singer. Er war ſehr ſchoͤn von An⸗
ſehen und muß noch in jugendlichem Alter ſein, braun war
die Zaarfarbe, und ſehr ſchoͤn gewachſen war das Zaar, das
ganze Ausſehen ſehr ritterlich.“ Helgi antwortete: „Zu wiſſen
glaube ich, wer dieſer Mann iſt, von dem du eben erzaͤhlt haſt;
das wird Thorleik, Bollis Sohn, ſein; du biſt verſtaͤndig und
ſcharf auffaſſend.“
Der Hirt ſagte: „Ihm zunaͤchſt ſaß ein junger Mann. Er
war in einem blauen Rod und in ſchwarzen Hofen uud hatte
die Schöße des Rocks in die Zoſen geſteckt; der Mann hatte
ein regelmäßiges Geſicht und helle Haarfarbe, huͤbſche Züge,
eine ſchlanke und ritterliche Geſtalt.“ Zelgi antwortete: „Den
Mann erkenne ich, und ihn meine ich geſehen zu haben, er muß
damals noch ganz jung geweſen ſein; das wird Thord, Thords
Sohn fein, der Jiehſohn des Boden Snorriz; fie haben eine ſehr
ritterliche Schar zuſammengebracht, die Leute aus den Weſt⸗
fjorden. Wer war da noch?“
Da ſprach der Zirt: „Da ſaß ein Mann auf einem ſchottiſchen
Sattel mit grauem Bart und dunkelbraunem Geſicht, ſchwarz
von gaar und kraus und ziemlich haͤßlich, aber doch von kuͤhnem
Ausſehen; über ſich hatte er einen grauen Wettermantel ge⸗
zogen.“ gelgi ſagte: „Deutlich ſeh ich, wer dieſer Mann iſt; das
13 Meißner, Lachstalſaga 193
ift Lambi, Thorbjoͤrns Sohn, aus dem Cachswaſſertal, und ich
begreife nicht, wie er in die Geſellſchaft der Brüder kommt.“
Der Hirt ſprach: „Da ſaß ein Mann auf einem Bockſattel; er
trug einen blauen Ülberrod und einen Silberring am Arm. Er
hatte das Aus ſehen eines Bonden und war ſchon ziemlich über
die Jugend hinaus, fein Saar war von dunkler Sarbe und ſehr
lockig; er hatte eine Narbe im Geſicht.“ „Nun wird deine Schil⸗
derung ganz bedenklich,“ ſagte Helgi, „das iſt Thorſtein der
Schwarze, mein Schwager, den du geſehen haſt, und mit Recht
muß es mir ſeltſam ſcheinen, daß er ſich in dieſer Schar befin⸗
det, und ich wuͤrde ihn nicht in dieſer Weiſe heimſuchen. Aber
wer war da noch;?“
Er antwortete: „Da ſaßen zwei Maͤnner; die ſahen ſich gleich
und moͤgen Maͤnner mittleren Alters ſein, ſehr kraͤftige
Leute, mit rotem ZJaar und Sommerſproſſen im Geſicht,
aber doch gut ausſehend.“ Zelgi ſprach: „Genau weiß ich,
wer dieſe Männer find. Das find die Söhne Armods, die Zieh:
brüder des Thorgils, Zalldor und Ornolf, und du bift ein
ſicherer Beobachter. Aber ſind nun die Maͤnner aufgezaͤhlt, die
du geſehen haft?”
Er antwortete: „Ich habe doch noch einiges hinzuzufuͤgen.
Da ſaß ihnen zunaͤchſt ein Mann etwas außerhalb des
Kreiſes; der war im Plattenpanzer und hatte eine Stahl⸗
haube auf dem Kopfe und die Krempe war eine Hand breit;
er trug eine blanke Axt uͤber der Schulter, deren Schneide
wohl eine Elle lang war. Dieſer Mann hatte eine dunkle Zaut⸗
farbe und ſchwarze Augen und ſah ſehr wikingermaͤßig aus.“
Zelgi antwortete: „Dieſen Mann erkenne ich deutlich aus
deiner Schilderung; das iſt Hunbogi der Starke geweſen, der
Sohn des Alf aus dem Taͤlerbezirk; wüßte ich nur erſt, was
ſie vorhaben, ſehr ſorglich haben ſie die Maͤnner ausgeſucht
zu dieſer Sahrt.“
Der Hirte ſprach: „Und dann ſaß noch einer zunaͤchſt dieſem
ſtarken Manne; der hatte ſchwarzbraunes Zaar, ein grobes
und rotes Geſicht und ſtarke Augenbrauen; er war etwas
über Mittelgroße.“ Zelgi ſprach: „Du brauchſt da nichts
weiter von ihm zu ſagen; das iſt Svein geweſen, der Sohn
194
des Alf aus dem Taͤlerbezirk, der Bruder des Hunbogi. Und
es wird beſſer für uns fein, wenn wir nicht ohne Vorſorge
bleiben dieſen Maͤnnern gegenüber; denn ich muß wohl an⸗
nehmen, daß ſie mit mir zuſammentreffen wollen, ehe ſie die
Gegend verlaſſen, und es ſind Leute in der Schar, denen ein
Zufammentreffen mit mir erwuͤnſcht geweſen wäre, wenn es
ſich hätte ſchon etwas früher ermöglichen laſſen. Nun follen
die Frauen, die hier auf dem Saͤter find, ſich in Maͤnnerkleider
ſtecken, und die Pferde nehmen, die wir hier haben, und ſo
ſchnell als möglich nach dem Zofe reiten. Es koͤnnte fein, daß
die, welche hier in der Naͤhe liegen, es nicht merken, ob da
Männer reiten oder Frauen.! Wenn fie uns nur etwas Zeit
laſſen, daß wir Männer zu uns heranziehen Pönnten, da dürfte
es noch nicht aus gemacht fein, auf welcher Seite die beſſern Aus⸗
ſichten find.” Die Frauen ritten fort, vier zuſammen.
Thorgils faßte den Verdacht, daß Kundſchaft über fie zu gelgi
getragen ſei, und bat ſeine Gefaͤhrten, ihre Pferde zu nehmen
und fo ſchnell als moglich abzureiten, und das taten fie, Aber
ehe ſie noch aufgeſtiegen waren, ſahen ſie einen Mann, der augen⸗
ſcheinlich auf ſie zuritt. Er war von kleinem Wuchs und ſehr
raſchen Bewegungen; er hatte ungemein unruhige Augen und
ritt ein treffliches Pferd. Dieſer Mann gruͤßte Thorgils als
einen ihm bekannten. Thorgils fragte ihn nach Namen und
Samilie und ferner, wo er her kaͤme. Er ſagte, er heiße Hrapp
und ſei vom Breidifjord von muͤtterlicher Seite her, — „dort
bin ich aufgewachſen; ich trage den Namen des Totſchlag⸗
Srapp? und habe das mitbekommen mit dem Namen, daß ich
kein friedlicher Geſelle bin, wenn auch meine Geſtalt klein iſt.
Aber ich bin zus dem Suͤdlande nach der Vaterſeite her, und
habe mich nun da einige Winter aufgehalten. Und ſehr gut
hat ſich dies getroffen, Thorgils, daß ich hier auf dich geſtoßen
bin, denn ich hatte mir vorgenommen, dich aufzuſuchen, wenn es
1 Helgis Abſicht iſt, daß die Seinde entweder alle die Wegreitenden ver:
folgen, weil ja auch Helgi dabei fein könnte, oder ſich doch wenigſtens teilen.
Wenn die Frauen entkamen, ſollten fie Hilfe herbeiholen. Daß ihnen ein
Leid geſchehen konnte, war, ſobald fie als Srauen erkannt wurden, durch
die Sitte ausgeſchloſſen. Vgl. Rap. 10.
13 195
auch etwas umftändlicher für mich geweſen wäre. Ich befinde
mich naͤmlich in ſchwieriger Lage. Ich bin in Streit geraten mit
meinem gerrn; ich wurde von ihm nicht gut behandelt; aber ich
habe das von meinem Namen, daß ich mir von Niemandem
ſolche Zerabſetzung gefallen laſſe; deshalb machte ich einen An⸗
griff auf ihn, aber ich fuͤrchte, daß ich ihn entweder wenig oder
gar nicht getroffen habe. Natuͤrlich blieb ich dort nicht mehr
lange, denn ich fühlte mich geborgen, ſobald ich auf den Rüden
dieſes Pferdes gekommen war, das ich dem Bonden wegge⸗
nommen hatte.“ grapp redete viel, aber fragte kaum; und doch
ward er bald gewahr, daß fie die Abſicht hatten, Helgi anzu⸗
greifen; damit zeigte er ſich wohl zufrieden und ſagte, daß er
nicht dahinten bleiben wuͤrde.
64. Zelgi wird getötet
horgils und ſeine Leute ritten ſcharf zu, ſobald ſie aufge⸗
ſeſſen waren, und kamen nun aus dem Walde heraus.
Da ſahen ſie vier Maͤnner vom Saͤter wegreiten, die ebenfalls
ihre Pferde ſehr ſcharf ausgreifen ließen. Da ſagten einige von
den Gefährten Thorgils, man ſolle ihnen fo ſchnell als möglich
nachreiten. Da ſprach Thorleik, Bollis Sohn: „Laßt uns erſt
zu dem Saͤter kommen und ſehen, was fuͤr Leute da ſind;
denn ich glaube kaum, daß das Zelgi und feine Leute find; es
ſcheint mir ſo, als ſeien das nur Srauen.“ Es waren mehrere,
die widerſprachen. Aber Thorgils ſagte, Thorleik ſolle ent⸗
ſcheiden, denn er wußte, daß Thorleik die ſchaͤrfſten Augen
hatte. Sie wandten ſich nun nach dem Saͤter. Hrapp ſprengte
ihnen voraus und wirbelte den Speerſchaft, den er in der Hand
hatte und fuͤhrte Stiche in die Luft und ſagte, nun ſei die rechte
Zeit, ſich zu verſuchen.
gelgi und die Seinen merkten nichts von den Seinden, als bis fie
den Saͤt er umringten. Zelgi ließ die Tür ſchließen und zu den
Waffen greifen. Hrapp ſprang ſogleich auf das Dach der Hütte
und rief hinein, ob der Suchs in der Höhle fei. Helgi antwor⸗
tete: „Du wirſt es ſchon merken, daß der ziemlich gefaͤhrlich
iſt, der hier drinnen hauſt, und auch beißen kann, wenn
einer der Höhle zu nahe kommt,“ — und zugleich ftieß Helgi
196
mit dem Speere zum Senfter hinaus und durchbohrte Zrapp;
er glitt tot vom Speer zur Erde hinunter.
Thorgils bat ſeine Ceute, mit Vorſicht zu verfahren und ſich
vor Ungluͤck zu huͤten, — „wir ſind ja ſtark genug, den Saͤter
und Zelgi dazu in unſere Gewalt zu bekommen, wie es jetzt
mit ihm ſteht, denn ich meine, wir haben es nur mit wenigen
Leuten zu tun.“
Der Säter war fo gebaut, daß er nur einen Firſtbalken hatte,
der auf den Giebelwaͤnden lag, und die Balkenenden ſtanden
heraus, es war nur ein einfaches Dach auf dem Haufe und der
Raſen noch nicht zuſammengewachſen.
Da ſchlug Thorgils vor, daß man an die Enden der Sirftbalfen
treten und ſo ſtark ziehen ſollte, daß entweder der Balken ſelbſt
zerbraͤche oder das Dachgeſtaͤnge ſich loͤſte und nach innen
fiele; und andere ſollten die Tür beobachten, ob man etwa
einen Ausfall machen wuͤrde.
Sünf waren im ganzen auf Zelgis Seite im Saͤter; da war
Zardbein, fein Sohn, er war zwölf Winter alt, und der Hirt
und zwei Maͤnner, die im Sommer zu ihm gekommen waren,
zwei Geaͤchtete, einer hieß Thorgils, der andere Eyjolf.
Thorſtein der Schwarze ſtand an der Tuͤr des Saͤters und Svein,
der Sohn des Alf aus dem Taͤlerbezirk; aber die andern Ge⸗
faͤhrten ſuchten das Dach vom Saͤter zu reißen und hatten ſich
dazu verteilt. Das eine Balkenende nahm Zunbogi der Starke
und die Urmodföhne, aber das andere Thorgils und Lambi
und die Soͤhne der Gudrun. Sie nahmen nun alle Kraft zu⸗
ſammen an dem Balken, ſo daß er mitten entzwei brach; und
in dieſem Augenblicke ſtieß Zardbein mit dem Speer aus dem
Saͤter heraus, an einer Stelle, wo die Tuͤr zerbrochen war;
der Stoß traf die Stahlhaubeꝛ Thorſteins des Schwarzen und
verletzte die Stirn; das war eine ſehr große Wunde. Da ſprach
Thorſtein, was ja auch die Wahrheit war, daß Maͤnner drinnen
ſeien.
Gleich darauf ſprang Zelgi mit ſolchem Ungeſtuͤm zur Tür
1 Ahnliches Verfahren beim Angriff auf Gunnar (Njala Rap. 77). Bei
der Schilderung im vorigen Kapitel iſt nicht erwähnt, daß Thorftein eine
Stahlhaube trug. vielmehr gehört fie zur Ausſtattung des Hunbogi.
197
heraus, daß die zuruͤckwichen, die am naͤchſten ſtanden. Thor⸗
gils war da auch in der Naͤhe und hieb nach ihm mit dem
Schwerte, der Zieb traf die Achſel, und es war das eine große
Wunde. Helgi wandte ſich ihm zu und hatte eine Holzart in
der Hand. Helgi ſprach: „Der alte Krieger wagt es immer noch,
einer Waffe in die Schneide zu ſehen.“ Er ſchwang ſeine Axt
nach Thorgils, und die Axt traf ihn am Bein, und das war
eine große Wunde.
Und als Bolli das ſah, lief er gegen Helgi und hatte den Suß⸗
beißer in der Hand und durchſtieß Zelgi, das war ſeine Todes⸗
wunde. Helgis Genoſſen liefen in dem Augenblick heraus aus
dem Saͤter und ebenſo Zardbein. Thorleik, Bollis Sohn,
wandte ſich gegen Eyjolf; das war ein ſtarker Mann. Thor⸗
leik hieb nach ihm mit dem Schwert und traf den Oberſchenkel
uͤber dem Knie und ſchnitt ihm das Bein ab, und er fiel tot
zur Erde. Aber Zunbogi der Starke lief gegen Thorgils und
hieb nach ihm mit der Axt und traf den Rüden und ſpaltete
ihn in der Mitte. Thord Katze ſtand in der Naͤhe, als Zard⸗
bein heraus lief und wollte ihn ſofort angreifen. Bolli ſprang
herzu, als er das ſah, und bat ihn, gardbein kein Leid zu tun,
— „bier ſoll keiner etwas verrichten, deſſen wir uns ſchaͤmen
müßten, und man ſoll Hardbein Frieden geben.“ Zelgi hatte
noch einen andern Sohn, der Skorri hieß; er wurde erzogen
auf England im ſuͤdlichen Keykjartal.!
65. Thorgils mahnt Gudrun an ihr Ehe⸗
verſprechen und erfaͤhrt, daß er
betrogen iſt
4 dieſen Ereigniſſen ritten die um Thorgils fort und
über den Talruͤcken in das Reykjartal und gaben da die
Erklarung über dieſe Totſchlaͤge ab. Sie ritten dann auf dem⸗
ſelben Wege nach dem Weſtlande, auf dem fie gekommen waren,
und unterbrachen ihre Fahrt nicht, bis fie ins Zoͤrdatal kamen.
Sie erzaͤhlten nun, wie ihre Unternehmung ausgegangen war.
Dieſer Jug wurde ſehr beruͤhmt, und es erſchien das als eine
gewaltige Tat, daß ein folder Kaͤmpfer getötet worden war
1 England bedeutet Wieſenland.
198
wie Helgi. Thorgils ſagte den Männern großen Dank für ihre
Teilnahme an der Fahrt, und das gleiche ſprachen die Brüder,
die Bolliſoͤhne, aus. Die Maͤnner ſchieden nun von einander,
die mit Thorgils ausgezogen waren.
Cambi ritt weiter nach dem Lachs waſſertal und kam zuerft
nach Zjardarholt und erzählte feinen Verwandten ausführlich
von dem, was ſich im Skorratal zugetragen hatte. Sie waren
boͤſe uͤber ſeine Sahrt und machten ihm heftige Vorwuͤrfe, ſie
ſagten, er habe damit gezeigt, daß er mehr dem Geſchlecht des
Chorbjörn Skrjup als dem des Irenkoͤnigs Myrkjartan zuge⸗
hoͤre.! Cambi wurde ſehr zornig über ihre Reden nnd fagte,
fie wußten gar nicht, was fie täten, wenn fie ihm Vorwürfe
machten, — „denn ich habe den Tod von euch abgewendet,“
ſagte er. Sie wechſelten dann nur wenige Worte mehr mit
einander, denn auf beiden Seiten war der Unmut nur ſtaͤrker
als vorher. Lambi ritt nach Haufe auf feinen Hof.
Thorgils, Hallas Sohn, ritt hinaus nach Zelgafell und mit
ihm die Söhne der Gudrun und feine Ziehbruͤder Halldor und
Örnolf; fie kamen ſpaͤt am Abend nach gelgafell, fo daß alles
ſchon zu Bett war. Gudrun erhob ſich wieder und befahl ihren
Leuten aufzuſtehen und für Bewirtung zu forgen; fie ging in
die Stube und begruͤßte Thorgils und alle andern und fragte,
was es neues gaͤbe. Thorgils erwiderte den Gruß der Gud⸗
run, er hatte ſeinen Mantel abgelegt und ſeine Waffen und
ſaß an einem Wandpfeiler. Thorgils war in einem rotbraunen
Kock und trug einen breiten Silberguͤrtel. Gudrun ſetzte ſich
neben ihn auf die Bank. Da ſprach Thorgils folgende Strophe:
Wir find geritten zu Helgis Haus,
nun haͤlt der Rabe dort Ceichenſchmaus;
des Bordlichts Eichen? in Blut zu baden
brachen wir auf, wir Kameraden.
Drei ſind auf dem Selde geblieben,
fielen da unter unſeren Hieben,
Stämme des Helms, ſtark und gut,
ſtuͤrzten zur Suͤhne fuͤr Bollis Blut.
1 Thorbjòrn war fein Vater, Melkorka, die Tochter Myrkjartans, feine Mutter.
2 Das Bordlicht iſt der Schild. Die Schilde hingen außen am Bord und
199
Gudrun fragte da genau nach allem, was bei dem Zuge vor:
gefallen war. Thorgils beantwortete ihre Fragen. Gudrun
ſagte, der Jug ſei mit großer Rafchheit ausgeführt worden,
und bat ſie, ihren Dank anzunehmen. Darauf wurden ſie be⸗
wirtet, und als ſie gegeſſen hatten, geleitete man ſie zu Bett;
ſie ſchliefen da die Nacht uͤber.
Am Tage darauf ging Thorgils zur Unterredung mit Gudrun
und ſprach: „So liegt es, wie du weißt, Gudrun, daß ich die
Sahrt ausgeführt habe, um die du mich gebeten haft; als rech⸗
ter Mann, darf ich ſagen, habe ich mein Wort eingeloͤſt und
meine nun, mir einen guten Cohn verdient zu haben; du wirſt
dich auch erinnern, was du mir dafuͤr verſprochen haſt. Ich
glaube nun zum Abſchluß dieſes Handels gekommen zu fein.“
Da ſprach Gudrun: „Es iſt noch nicht fo lange Zeit vergangen,
ſeit wir beide mit einander geredet haben, daß mir das aus
dem Gedaͤchtnis entſchwunden waͤre; ich habe auch nichts an⸗
deres im Sinn, als dir gegenuͤber alles das zu erfuͤllen, wozu
ich mich verpflichtet habe; und erinnerſt du dich, wie unſer Ver⸗
trag lautete?“ Thorgils ſagte, ſie wuͤrde es ſchon wiſſen. Gud⸗
run antwortete: „Solgendes, glaube ich, habe ich dir gelobt:
mich keinem andern Manne, der mit mir hier im Lande iſt, zu
vermaͤhlen als dir. Oder haſt du dagegen etwas einzuwen⸗
den? “ Thorgils ſagte, fie habe das ganz richtig in Erinnerung.
„Es iſt gut,“ ſagte Gudrun, „daß unſer beider Erinnerung
hierin uͤbereinſtimmt; ich will es dir nun auch nicht laͤnger
verbergen: es wird ſich, glaube ich, nicht ſo fuͤgen, daß ich
deine Frau werde. Ich meine alles, was ich dir verſprochen
habe, zu halten, wenn ich mich mit Thorkel, dem Sohne Eyjolfs,
vermaͤhle, da Thorkel jetzt nicht mit mir hier im Cande iſt.“
Da ſprach Thorgils und war ſehr rot geworden: „Ich merke
ganz genau, woher dieſe Woge gefloſſen kommt; von derfelben
Seite iſt immer böfes gegen mich erfonnen worden: Ich weiß,
dies ſind die Anſchlaͤge des Goden Snorri.“
Thorgils ſprang ſogleich auf und brach das Geſpraͤch ab. Er
werden oft als Sonnen des Schiffes und aͤhnlich bezeichnet. Baͤume des
Schildes find die Schwerter. Die Umſchreibung konnte an ſich auch Krieger
be zeichnen, wie gleich darauf Staͤmme des Helms.
200
war furchtbar zornig, ging zu feinen Gefährten und fagte, er
wolle fortreiten. Thorleik gefiel es gar nicht, daß ſich die Sache
nicht zur Genugtuung fuͤr Thorgils gefuͤgt hatte, aber Bolli
war hierin mit dem Entſchluß ſeiner Mutter einverſtanden.
Gudrun ſagte, ſie wolle Thorgils gute Geſchenke geben und
ihn fo beſaͤnftigen. Thorleik erwiderte, das würde keinen weck
haben, — „denn Thorgils iſt ein viel zu ſtolzer Mann, als
daß ſolche Kleinigkeiten ſeine Haltung aͤndern koͤnnten.“ Gud⸗
run ſagte, ſo muͤſſe er eben ſehen, wie er ſich daheim troͤſten
koͤnne. Thorgils ritt darauf fort von Helgafell und mit ihm
feine Jiehbruͤder; er kam heim nach Tunga auf feinen Hof
und war außerordentlich unzufrieden mit feinem Los.
66. Oſvifr und Geſt ſterben und werden
beide in Helgafell begraben
Im Winter fiel Oſvifr in Krankheit und ſtarb. Das emp⸗
fand man als einen großen Verluſt, denn er war ein uͤber⸗
aus geſcheiter Mann geweſen. Oſvifr wurde in Selgafell be⸗
graben, denn Gudrun hatte da eine Kirche bauen laſſen.
In demſelben Winter wurde Geſt, Odͤdleifs Sohn, krank, und
als die Krankheit ihm ans Leben ging, rief er ſeinen Sohn
Thord den Kurzen zu ſich und ſprach: „So ſagt mir mein
Sinn, daß dieſe Krankheit unſer Juſammenleben beenden
wird. Ich will, daß meine Leiche nach Helgafell gebracht wird;
denn dieſer Ort wird der erſte werden in dieſer Gegend;
über ihm habe ich oft einen hellen Schein geſehen.“! Darauf
ſtarb Geſt.
Der Winter war kalt geweſen, es hatte ſich ſtarkes Eis gebildet,
und das Eis lag weit hinaus in den Breidifjord, ſo daß man vom
Bardaſtrand aus nicht auf Schiffe kommen konnte. Die Leiche
Geſts ſtand zwei Naͤchte aufgebahrt in Hagi; und in der zwei⸗
ten Nacht kam ein ſo ſtarker Sturm, daß das ganze Eis vom
Lande weggetrieben wurde; aber am Tage darauf war ſchoͤnes
und ſtilles Wetter. Thord nahm ein Schiff, brachte die Leiche
Geſts an Bord, und ſie fuhren an dem Tage ſuͤdwaͤrts uͤber
1 Die Weisfagung bezieht ſich auf das im 12. Jahrhundert gegründete Au:
guſtinerkloſter, das 1184 von der Inſel Slatey nach Helgafell verlegt wurde.
201
den Breidifjord und kamen abends nach gelgafell. Thord wurde
da gut empfangen und blieb dort die Nacht über. Am Morgen
darauf wurde Geſt beftattet, und er ruhte nun mit Oſpvifr in
einem Grabe.
So hatte ſich die Weis ſagung erfüllt, daß nun weniger Ab⸗
ftand! war zwifchen ihnen als damals, als der eine am Barda⸗
ſtrand, der andre im Saͤlingstal wohnte. Thord der Kurze
fuhr heim, ſobald er fertig war. In der naͤchſten Nacht erhob
ſich ein wildes Wetter, das ganze Eis wurde nach dem Lande
getrieben; da lag es lange waͤhrend des Winters, ſo daß die
Schiffahrt dort unmoglich war. Dies ſchien ein wunderbares
Jeichen, daß ſich Fahrgelegenheit bot für die Leiche Geſts,
waͤhrend vorher und nachher die See verſperrt war.
67. Audgifl, Thorarins Sohn, erſchlaͤgt
Thorgils auf dem Allthing
horarin hieß ein Mann, der in CLangadal wohnte; er hatte
die Godenwuͤrde, war aber nicht maͤchtig. Sein Sohn
hieß Audgifl; er war ein mutiger Mann. Thorgils, der Halle
Sohn, beraubte Vater und Sohn ihrer Godenſchaft, das emp⸗
fanden ſie als ſchmaͤhlichſte Kraͤnkung. Audgiſl begab ſich zum
Goden Snorri und berichtete ihm dieſe Vergewaltigung und bat
ihn um Hilfe. Snorri antwortete ihm freundlich, aber doch zu⸗
ruͤckhaltend und ſprach: „Er wird unbeſcheiden, der Zalla⸗
bengel, und anmaßend. Sollte denn Thorgils nicht einmal auf
Männer ſtoßen, die ſich nicht alles von ihm gefallen laſſen?
Es iſt ja wohl wahr, daß er ein ſtarker und tuͤchtiger Mann
iſt; aber man hat auch ſolche Maͤnner ums Leben gebracht wie
er iſt.“ Snorri ſchenkte Audgiſl eine Axt mit getriebener Ar⸗
beit, als er fortging.?
Im Sruͤhjahr fuhren Thorgils, der Halla Sohn, und Thorftein
der Schwarze ins Suͤdland zum Borgarfjord und boten den
Söhnen gelgis und feinen andern Verwandten Buße an. Der
Vertrag kam zuſtande und es wurde eine ehrenvolle Buße aus⸗
gemacht. Thorſtein bezahlte zwei Teile der Buße fuͤr den Tot⸗
1 gl. S. 104, Anm. 2. mit dieſer Art, fo iſt anzunehmen, erſchlaͤgt
dann Audgiſl den Thorgils.
202
ſchlag, Thorgils follte das letzte Drittel bezahlen, und auf dem
Thinge ſollte das erledigt werden.
Im Sommer ritt Thorgils zum Thing; und als ſie auf das
CLavafeld bei Thingvellir gekommen waren, ſahen fie eine Frau
auf ſich zuſchreiten; die war ſehr groß; Thorgils ritt ihr ent⸗
gegen; aber ſie wich zuruͤck und ſprach ſo:
Der huͤte ſich,
wer hoch zu ſtehen meint,
und ſichere ſich
vor Snorris Kaͤnken;
keiner doch ſichert ſich,
klug iſt Snorri.
Darauf ging ſie ihres Weges. Da ſprach Thorgils: „Selten
kam es ſo, ſolange es mir gut ging, daß du da vom Thinge
fuhrſt, waͤhrend ich zum Thinge fuhr.“! Thorgils ritt nun zum
Thing und zu feiner Bude, und es war ſtill in der erften Zeit
des Thinges.
Das geſchah eines Tages auf dem Thinge, daß die Kleider der
Maͤnner draußen zum Trocknen aufgehaͤngt wurden. Thorgils
hatte einen blauen Mantel. Der hing an der Budenwand aus⸗
gebreitet. Die Leute hoͤrten, wie der Mantel folgendes ſprach:
Gewaſchen haͤng' ich am Haus,
weine uͤber Betrug.
Nimmermehr trockne ich hier:
noch ein Anſchlag droht!
Das erſchien als das größte Wunder.
Am Tage darauf ging Thorgils hinuͤber auf das weſtliche
Ufer des Sluſſes; und wollte den Söhnen des Helgi das Buß⸗
geld bezahlen. Er ſetzte ſich nieder auf den Steingrund ober⸗
halb der Buden; mit ihm war Halldor, fein Ziehbruder, und
außerdem noch mehrere andere. Die Söhne Zelgis fanden
ſich dort ein. Thorgils begann nun das Geld vorzuzaͤhlen.
1 Es iſt die Sylgia (, Solgendes Wefen‘) des Thorgils, die ihm den Tod an:
kuͤndet und ihn verlaͤßt. Der Mantel klagt über die beiden liſtigen Anſchlaͤge
des Snorri; durch den erſten hat Thorgils Gudrun verloren, durch den zweiten
wird er fein Leben verlieren. — In der Sloamannaſaga ſprechen zwei Schiffe
miteinander (Bd. 13, 111). Der cara, die die Thingebene durchſtroͤmt.
203
Audgiſl, Thorarins Sohn, ging da vorüber, und in dem Augen⸗
blicke, als Thorgils zehn ſprach, hieb Audgiſl nach ihm, und
alle glaubten zu hören, daß der Kopf das Wort elf ausſprach,
als er vom Zalſe flog.! Audgiſl rannte nach der Bude der
Leute vom Vatnsfjord, aber Halldor gleich hinter ihm drein,
und ſchlug ihn am Eingang der Bude tot.
Dieſe Bunde kam zur Bude des Boden Snorri, daß Thorgils,
der Zalla Sohn, erſchlagen ſei. Snorri ſagte: „Ihr werdet
nicht richtig verſtanden haben, Thorgils, der Halla Sohn, wird
erſchlagen haben.“ Der Mann erwiderte: „Jedenfalls flog
fein Haupt vom Rumpfe.“ „Da mag es fein, daß es wahr
iſt,“ ſagte Snorri. Dieſer Totſchlag wurde friedlich gefühnt, wie
in der Saga von Thorgils, dem Sohne der galla, erzählt wird.?
68. Thorkel, Eyjolfs Sohn, kehrt nach Is⸗
land zuruͤck. Snorri wirbt fuͤr ihn um Gud⸗
run. Die Hochzeit wird feſtgeſetzt
n demſelben Sommer, da Thorgils, der Halla Sohn, er:
ſchlagen wurde, kam ein Schiff nach Bjarnarhoͤfn.“ Das
gehoͤrte Thorkel, dem Sohne Eyjolfs. Er war ein fo reicher
Mann, daß er zwei Frachtſchiffe unterwegs hatte; das andere
kam nach Bordeyri im Hrutafjord,“ beide waren mit Holz be⸗
laden.
Und als der Bode Snorri erfahren hatte, das Thorkel in Is⸗
land gelandet ſei, ritt er gleich zum Schiffe. Thorkel empfing
ihn mit aller Freundlichkeit. Thorkel hatte auch Getraͤnk in
Menge an Bord; es gab da Bewirtung aus dem Vollen, und
ſie redeten viel mit einander. Snorri fragte nach Neuigkeiten
aus Norwegen. Thorkel erzaͤhlte von allem gut und genau.
Snorri berichtete dagegen, was ſich hierzulande neues zuge⸗
tragen hatte, waͤhrend Thorkel draußen war.
„Es wuͤrde mir nun raͤtlich ſcheinen,“ ſagte Snorri, „wie wir
beide es ſchon beſprochen haben, ehe du ausgeſegelt biſt, daß
du deine Reifen aufgiebſt und dich zur Ruhe ſetzeſt und für dich
die Heirat zuſtande bringſt, von der damals die Rede war.“
Der gleiche Zug in der Njalsſaga (Kap. 158). * Dieſe Saga iſt verloren.
3 dgl. S. 29, Anm. 1. Vgl. S. 67, Anm. 1.
204
Thorkel antwortete: „Ich merke, worauf du ausgehſt; und
meine Geſinnung iſt noch durchaus dieſelbe wie damals bei
unferer Beſprechung, denn ich werde mir nicht die anſehnlichſte
Beirat entgehen laſſen, wenn das Ziel erreichbar iſt.“
Snorri ſprach: „Ich bin erbötig und bereit, dieſe Sache für dich
zu führen; nun find ja auch die zwei Vorausſetzungen für deine
Werbung um Gudrun, die dir ſo beſonders ſchwierig erſchienen,
erledigt, daß Bolli geraͤcht und Thorgils beſeitigt iſt.“
Thorkel ſprach: „Tief find deine Anſchlaͤge, Snorri, und gewiß⸗
lich will ich dieſe Sache nun ins Auge faſſen.“
Snorri blieb einige Naͤchte auf dem Schiffe. Darauf nahmen
fie den Jehnruderer, der am Handelsſchiffe lag, und bereiteten
ſich zur Sahrt, fuͤnfundzwanzig Mann. Sie fuhren nach Helga⸗
fell. Gudrun nahm Snorri mit großer Herzlichfeit auf; fie
wurden vortrefflich bewirtet; und als ſie dort eine Nacht ge⸗
weſen waren, bat Snorri Gudrun um eine Unterredung und
ſprach: „So liegt die Sache, daß ich dieſe Sahrt Thorkel, dem
Sohne Eyjolfs, meinem Freunde, zu Gefallen getan habe; er
iſt nun hier, wie du ſiehſt, und das hat ihn hergefuͤhrt, daß er
um deine Zand anhalten will. Thorkel iſt ein Mann von An:
ſehen; du weißt ja genau Beſcheid um feine Familie und fein
Auftreten; es fehlt ihm auch nicht an Vermoͤgen. Er ſcheint
uns vor allen andern zu einem Zaͤuptling hier im Weſtlande
geeignet, wenn er ſeinen Sinn darauf richten will. Thorkel ge⸗
nießt große Ehre, wenn er hier in Island iſt; aber noch viel
mehr wird er geſchaͤtzt, wenn er in Norwegen ſich bei hoch⸗
ſtehenden Maͤnnern aufhaͤlt.
Da antwortete Gudrun: „Meine Söhne werden hierbei das
meiſte zu ſagen haben, Thorleik und Bolli; aber du biſt dann
der dritte Mann, Snorri, an den ich mich vor allem mit ſolchen
Sachen wenden werde, die mir von ſo beſonders großer Wich⸗
tigkeit ſcheinen; denn du bift ſeit langem mein guter Ratgeber
geweſen.“ Snorri ſagte, es ſei ſelbſtverſtaͤndlich, daß man
Thorkel nicht zur Seite ſchieben konne.
Darauf ließ Snorri die Söhne der Gudrun herbeirufen; er
trug ihnen nun die Sache vor und ſuchte ihnen klar zu machen,
welch großer Machtzuwachs ſich ihnen durch Thorkel biete, in
205
feinem großem Vermoͤgen und feiner Sürforge, und ſprach über
alles in gewinnender Weiſe. Da antwortete Bolli: „Meine
Mutter wird das am klarſten beurteilen konnen; ich werde
hierin ihrem Willen mich anſchließen; und gewiß muß es uns
raͤtlich ſcheinen, darauf Gewicht zu legen, daß Ihr dieſe Sache
befuͤrwortet, Snorri; denn du haſt vieles ſehr gutes an uns
getan.“ Da ſprach Gudrun: „Gern werden wir uns Snorris
Leitung in dieſer Sache unterwerfen, denn feine Ratfchläge
ſind zu unſerem Gluͤcke ausgegangen.“ Snorri redete auf jede
Weiſe zu, und es wurde abgemacht, daß Gudrun ſich mit
Thorkel vermaͤhlen ſollte.
Snorri bot ihnen an, die Hochzeit in feinem Haufe auszurichten.
Thorkel gefiel das wohl — „denn es fehlt mir nicht an Mitteln,
ſoviel zuzuſchießen, als es Euch gefaͤllt.“ Da ſprach Gudrun:
„Es iſt mein Wille, daß die Hochzeitsfeier hier in Helgafell
ſtattfindet; es macht mir den Kopf nicht ſchwer, die Koſten
dafuͤr aufzubringen. Ich werde weder Thorkel noch andere
auffordern, ſich damit zu bemuͤhen.“ „Immer wieder zeigſt du,
Gudrun,“ ſagte Snorri, „daß du eine großartige Frau biſt.“
Es wurde nun abgemacht, daß die Hochzeit in Zelgafell ſechs
Wochen vor Winteranfang ftattfinden ſollte. Darauf fuhren
Snorri und Thorkel ab; Snorri fuhr nach Haufe und Thorkel
zu ſeinem Schiff; er war abwechſelnd waͤhrend des Sommers
in Tunga oder beim Schiff.
Die Zeit des Seftes ruͤckte nun heran, Gudrun machte große Zu⸗
ruͤſtungen und Anſchaffungen. Der Gode Snorri kam zu dieſem
Seſt mit Thorkel, ſie hatten beinahe ſechzig Mann bei ſich, das
war ein ſehr auserleſenes Gefolge, denn die meiſten Maͤnner
waren in bunten Kleidern. ! Gudrun hatte ihrerfeits faſt hun⸗
dert Gaͤſte gebeten. Die Brüder Bolli und Thorleik gingen
Snorri entgegen und mit ihnen die von Gudrun Geladenen.
Snorri und ſeine Schar wurde auf das herrlichſte empfangen.
Man nahm nun ihre Pferde und Kleider in Verwahrung. Sie
wurden in die Gaſthalle geleitet; Thorkel und Snorri beſetzten
die eine Bank, und zwar die vornehmere, und die Eingeladenen
der Gudrun ſaßen auf der anderen Bank.
I vgl. S. 143, Anm. 3.
206
69. Hochzeit in Zelgafell. Gudrun ſchuͤtzt
den geaͤchteten Gunnar Thidrandi⸗Toͤter
gegen Thorkel
n dieſem gerbſt war Gunnar, der Thidrandi⸗Töter, zu
Gudrun geſchickt worden, um bei ihr Schutz und Zilfe
zu finden; er war auch von ihr aufgenommen worden, und
ſeinen Namen hatte man geheim gehalten. Gunnar war ge⸗
aͤchtet wegen des Totſchlags an Thidrandi, dem Sohne des Beitir
aus Kroſſavik, wie in der Saga von den Njardwikingern er⸗
ʒaͤhlt wird.! Er hielt ſich ſehr heimlich, denn viele Großen ver:
folgten dieſe Sache.
Am erſten Abende der Bewirtung, als die Maͤnner zum
Waſchen gingen, ſtand da ein großer Mann beim Waſſer, mit
ſtarken Schultern und breiter Bruſt; der Mann hatte einen
gut auf dem Kopfe. Thorkel fragte ihn, wer er ſei. Der nannte
ſich ſo, wie es ihm gut ſchien. Thorkel ſagte: „Ich glaube, du
ſagſt nicht die Wahrheit; du ſchieneſt mir eher, nach allem was
ich von ihm gehört habe, dem Gunnar Thidrandi⸗Toͤter gleich;
und wenn du ein ſolcher Kaͤmpe biſt, wie die andern ſagen,
da wirſt du doch deinen Namen nicht verheimlichen wollen.“
Da antwortete Gunnar: „Du forderſt das mit großem Nach⸗
druck; ich glaube auch, daß ich nicht nötig habe, mich vor dir
zu verbergen; du haſt deinen Mann richtig erkannt; und was
haſt du nun mit mir vor? “ Thorkel fagte, er wolle ihm das ſehr
bald wiſſen laſſen; er rief ſeinen Leuten zu, daß ſie ihn feſt⸗
nehmen ſollten.
Aber Gudrun ſaß drinnen auf der Querbank und bei ihr die
Frauen in ihren Seſtſchleiern; und ſobald fie den Vorgang be⸗
merkt hatte, kam ſie herunter von der Brautbank und rief ihren
Leuten zu, Gunnar zu helfen; fie befahl auch, keinen zu ſchonen,
der ſich da etwas herausnehmen ſollte. Gudrun hatte eine
viel größere Schar, die Sache wandte ſich da anders, als man
gedacht hatte.
Snorri der Bode trat zwiſchen die Männer und bat fie, dieſen
Sturm zu beſaͤnftigen, — „es iſt das einzig vernuͤnftige fuͤr
1 Vgl. Bd. 12, XXVI.
2
207
dich, Thorkel, in dieſer Sache nicht fo hitzig zu verfahren. Du
kannſt ſehen, was für ein Herrenweib Gudrun ift, daß fie uns
beide zu uͤberwaͤltigen vermag.“ Thorkel wies darauf hin, daß
er feinem Namensvetter Thorkel,! dem Sohne Geitirs, ver:
ſprochen habe, Gunnar, wenn er ſich hier im Weſten zeige,
zu töten — „und Thorkel ift einer meiner beſten Freunde.“
Snorri ſprach: „Weit größer iſt deine Verpflichtung, nach
unſerm Willen zu handeln; und das iſt auch fuͤr dich ſelbſt
das allernotwendigſte, denn niemals bekommſt du eine ſolche
Frau wie Gudrun iſt, magſt du auch weit ſuchen.“
Und infolge der Reden Snorris, und weil er ſelbſt erkannte,
daß Snorri recht hatte, beſaͤnftigte ſich Thorkel, aber Gunnar
wurde während des Abends anderswohin geleitet.
Die Bewirtung ging dann weiter in Luft und Pracht. Und als
das Seft zu Ende war, machten ſich die Leute auf die Heim:
reiſe. Thorkel gab Snorri ſehr koſtbare Geſchenke und ebenſo
allen andern vornehmeren Maͤnnern. Snorri lud Bolli, Bollis
Sohn, zu ſich ein und bat ihn, ſich uͤberhaupt bei ihm jeder⸗
zeit aufzuhalten, wie es ihm gut ſchiene. Bolli nahm das an
und ritt mit ihm nach Tunga.
Thorkel nahm nun feinen Wohnſitz in Zelgafell und begann
ſich mit der Wirtſchaft zu befaſſen; da konnte man bald ſehen,
daß ihm das nicht weniger lag als die Kauffahrtei. Er ließ
gleich im gerbſt das Schlafhaus niederlegen, es wurde im
Winter wieder vollendet und war groß und anſehnlich. Große
Liebe entſtand zwiſchen Thorkel und Gudrun.
Der Winter verging. Im Fruͤhjahr darauf fragte Gudrun,
was er für Gunnar Thidrandi⸗Toter tun wolle. Thorkel fagte,
das ſolle fie nur beſtimmen, — „ du haft dich der Sache fo eifrig
angenommen, daß du nicht anders zufrieden ſein wirſt, als
wenn er von uns ehrenvoll entlaſſen wird.“ Gudrun ſagte,
feine Dermutung ſei ganz richtig. „Ich will,“ ſagte fie, „daß
du ihm ein Schiff gibſt und dazu alles das, was er dabei nicht
entbehren kann.“ Thorkel antwortete und laͤchelte dazu: „Du
denkſt nicht klein, Gudrun; in vielen Dingen zeigt ſich das,“
1 Dem Bruder des Tyidrandi, einem aus mebreren Erzdbiungen bet᷑annten
Häuptling.
208
fagte er. „Dir ift es nicht dienlich, einen armen Kerl zum
Mann zu haben; das paßt gar nicht zu deinem Weſen; ich
werde dies nach deinem Willen tun.“ Das wurde nun aus⸗
gefuͤhrt. Gunnar nahm die Gabe mit dem groͤßten Dank an,
„mein Arm iſt leider nicht lang genug, euch etwas zuruͤckzu⸗
reichen für alle die Ehre, die ihr beiden mir antut.“ Gunnar
ſegelte aus und kam nach Norwegen. Darauf begab er ſich
auf feinen Hof. Gunnar war ſehr reich und ein mächtiger Herr
und ein wackerer Mann.
70. Thorleik, Bollis Sohn, reiſt nach Nor⸗
wegen. Bolli, Bollis Sohn, verheiratet ſich
mit Thordis, der Tochter Snorris
horkel, Eyjolfs Sohn, wurde ein großer Häuptling. Er
ging ſehr darauf aus, ſich Freundſchaften und Anſehen
zu erwerben. Er uͤbte im Bezirk einen maͤchtigen Einfluß aus
und war eifrig und geſchickt in Prozeſſen; aber von ſeinen
Thinghaͤndeln wird hier nichts erwaͤhnt. Thorkel war der
maͤchtigſte Mann im Breidifjord, ſolange er lebte, wenn man
von Snorri abſieht.
Thorkel hielt feinen Hof gut im Stande, er ließ alle Gebaͤude
in gelgafell groß und feſt auffuͤhren. Er legte auch den Grund
zu einer Kirche und gab bekannt, daß er beabſichtige, ſich
Kirchenbauholz zu verſchaffen. Thorkel und Gudrun hatten
einen Sohn, der wurde Gellir genannt, er war bald ein viel⸗
verſprechendes Kind.
Bolli, Bollis Sohn, war abwechſelnd in Tunga oder Helgafell;
Snorri hatte ihn ſehr gern. Thorleik, fein Bruder, war in Zelga⸗
fell. Die Bruͤder waren große und ſehr tuͤchtige Maͤnner, aber
Bolli durchaus der uͤberlegnere. Thorkel ſtand ſich gut mit ſei⸗
nen Stiefſoͤhnen. Gudrun liebte Bolli am meiſten von ihren Kin⸗
dern. Bolli war nun ſechzehn Winter und Thorleik zwanzig.
Da redete Thorleik mit Thorkel, feinem Stiefvater, und feiner
Mutter, daß er eine Reife ins Ausland machen wolle, — „es
iſt mir zuwider geworden, daheim zu ſitzen wie die Weiber;
ich möchte, daß man mir Mittel für eine Reife gäbe.“ Thor⸗
kel erwiderte: „Ich bin, glaube ich, euch Brüdern gegenüber
14 Meißner, Cachstalſaga 209
niemals ungefällig geweſen, ſeitdem wir verwandtſchaftlich
uns verbunden haben; ich verdenke es dir durchaus nicht, daß
es dich drängt, die Sitten anderer Länder kennen zu lernen,
denn ich glaube, daß du als ein tuͤchtiger Mann gelten wirſt,
wohin du auch unter wackere Leute kommen magſt.“ Thor⸗
leik ſagte, er wolle nicht viel Gut mit haben, — „denn es iſt
unſicher, ob ich es wohl in acht nehmen werde, ich bin jung
und in vielen Dingen unerfahren.“ Thorkel bat ihn, das nach
ſeinem Wuͤnſchen zu halten.
Darauf kaufte Thorkel Thorleik einen Anteil an einem Schiffe,
das in Dagverdarnes auflag; Thorkel begleitete ihn zum
Schiff und ſorgte in jeder Weiſe gut fuͤr ihn zur Ausreiſe.
Thorleik ſegelte im Sommer ab. Das Schiff kam nach Nor⸗
wegen, der Landesherr war damals Rönig Olaf der Heilige,
Thorleik begab ſich fofort an den Hof Rönig Olafs. Er nahm
ihn gut auf und zeigte ſich wohl unterrichtet über feine Familie
und lud ihn zu ſich ein. Thorleik nahm das anz; er blieb beim
Könige den Winter uͤber und wurde ſein Gefolgsmann, der
König ſchaͤtzte ihn hoch. Thorleik erwies ſich als beſonders
tuͤchtiger Mann und blieb bei Koͤnig Olaf, ſo daß Jahre dar⸗
uͤber vergingen.
Nun iſt von Bolli, Bollis Sohn, zu erzaͤhlen. In dem Fruͤh⸗
ling, als er achtzehn Winter alt geworden war, redete er mit
Thor kel, feinem Stiefvater, und feiner Mutter, er wolle, daß
fie ihm fein Vatererbe heraus zahlten. Gudrun fragte, was er
vorhabe, daß er Geldforderungen gegen ſie erhebe. Bolli ant⸗
wortete: „Es iſt mein Wille, daß man um eine Frau fuͤr mich
werbe. Ich moͤchte, Stiefvater Thorkel,“ ſagte Bolli, „daß du
mein Brautwerber ſein wollteſt, damit es gelinge.“ Thorkel
fragte, um welche Srau er anhalten wolle. Bolli antwortete:
„Ein Maͤdchen heißt Thordis, ſie iſt die Tochter des Goden
Snorriz fie iſt die Frau, die ich unter allen andern beſitzen moͤchte.
Und nicht werde ich mich ſo bald verheiraten, wenn aus dieſer
Verbindung nichts wird. So liegt mir alſo viel daran, daß die
Sache zum Ziele kommt.“ Thorkel erwiderte: „Ich ſtehe zu
deiner Verfügung, Stiefſohn, dieſe Werbung in die Hand zu
nehmen, wenn du meinſt, daß dir damit ein Dienſt geleiſtet
210
wird. Ich glaube, daß Snorri gern auf deinen Wunſch eins
gehen wird; denn er wird doch wohl einſehen, daß der Antrag
eines Mannes, wie du bift, ehrenvoll für ihn iſt.“ Gudrun
ſprach: „Um es kurz zu ſagen, Thorkel, ich will es an nichts
fehlen laſſen, daß Bolli die Heirat erlangt, die ihm gefällt;
der Grund dafuͤr iſt, ſowohl, daß ich ihn am liebſten habe,
als auch, weil er von meinen Kindern darin der zuverlaͤſſigſte
geweſen ift, nach meinem Willen zu handeln.“ Thorkel ſagte,
er gedenke ſich mit Bolli zu deſſen Zufriedenheit auseinander zu
ſetzen, —„ das iſt aus vielen Gruͤnden gebuͤhrlich, denn ich glaube,
es iſt ein reicher Beſitz, Bolli zum Verwandten zu haben.“
Einige Zeit ſpaͤter ritten Thorkel und Bolli ab, es waren viele
Männer beiſammen; fie ritten, bis fie nach Tunga kamen.
Snorri empfing ſie gut und mit großer Herzlichkeit und er⸗
wies ſich ihnen als der freundlichſte Wirt. Thordis, Snorris
Tochter, war zu Zauſe, ſie war ein ſchoͤnes und anziehendes
Mädchen; und als fie einige Naͤchte in Tunga geweſen waren,
trug Thorkel die Werbung vor und begehrte fuͤr Bolli Verſchwie⸗
gerung mit Snorri und die Ehe mit Thordis, ſeiner Tochter.
Da antwortete Snorri: „Das iſt ein ehrenvoller Antrag, wie
ich es von dir nicht anders erwarte; ich kann darauf nur eine
günftige Antwort geben, denn Bolli halte ich für einen Mann
von den ſchoͤnſten Hoffnungen, und die Frau ſcheint mir gut
verheiratet, die ihn bekommt; aber den Ausſchlag muß vor
allem geben, wie ſich Thordis dazu ſtellt, denn ſie ſoll nur den
Mann haben, der ganz nach ihrem Sinne iſt.“ Dieſer Antrag
kam nun vor Thordis, und ſie antwortete in der Weiſe, daß
ſie hierin dem Kate ihres Vaters folgen wolle, ſie ſagte, ſie
wolle ſich lieber mit Bolli verheiraten in ihrer Gegend, als
mit einem unbekannten Manne weiter fort. Und als Snorri
ſah, daß ihr dies nicht gegen ihren Sinn ging, Bolli als Gattin
zu folgen, da wurde die Heirat beſchloſſen, und die Verlobung
fand ſtatt. Snorri ſollte die Hochzeit bei ſich ausrichten, und
zwar ſollte fie im Mittſommer ftatıfinden. Darauf ritten Thor⸗
kel und Bolli heim nach Helgafell, und Bolli blieb daheim, bis
der Hochzeitstag heran kam. Sie brachen nun von Haufe auf,
Thorkel und Bolli und die Leute mit ihnen, die dazu auser⸗
14 211
ſehen waren; das war eine große Menge und ein ſehr praͤch⸗
tiges Gefolge. Sie ritten nun ihres Weges und kamen nach
Tunga; dort war die Aufnahme ſehr gut. Da war eine große
Menge beiſammen, und die Seftbewirtung ganz vortrefflich,
und als das Seft zu Ende ging, brachen die Leute auf. Snorri
gab Thorkel wertvolle Geſchenke und Gudrun ebenfalls, in
gleicher Weiſe auch feinen übrigen Freunden und Verwandten;
jeder ritt nun heim nach ſeiner Wohnung von den Maͤnnern,
die zum Sefte gekommen waren. Bolli blieb in Tunga, und
zwiſchen ihm und Thordis entſtand bald herzliche Liebe.
Snorri gab ſich auch große Muͤhe, es Bolli behaglich zu machen,
und bewies ihm viel mehr Neigung als ſeinen eignen Kindern.
Bolli nahm das dankbar an und lebte das Jahr uͤber in Tunga,
von allen hochgeachtet.
Im Sommer darauf kam ein Schiff von der See in die Zvita.
Das Schiff gehörte zur Hälfte Thorleik, Bollis Sohne, die
andere Hälfte hatten Norweger. Und als Bolli erfuhr, daß
ſein Bruder nach Island gekommen war, ritt er ſogleich nach
dem Borgarfjord ins Suͤdland, und zum Schiffe; jeder der
beiden Bruͤder war da froh uͤber den andern. Bolli blieb dort,
ſo daß einige Naͤchte vergingen, dann ritten beide Bruͤder ins
Weſtland nach Zelgafell. Thorkel nahm fie auf mit aller
Freundlichkeit und Gudrun ebenſo, und ſie luden Thorleik ein,
den Winter uͤber bei ihnen zu bleiben, und das nahm er an.
Thorleik verweilte in Helgafell eine Zeitlang und ritt dann zur
Zvita und ließ das Schiff an Land bringen und ſeine Waren
nach dem Weſtlande ſchaffen. Thorleik war es gut gelungen,
ſich Geld und Anſehen zu verſchaffen, denn er war ein ge⸗
ſchworener Mann des hervorragendſten Sürften, des Königs
Olaf, geweſen. Er blieb nun in Helgafell im Winter, aber
Bolli in Tunga.
71. Thorleik und Bolli beſchließen, die Bruͤ⸗
der Ajartans anzugreifen. Snorri bringt
eine endguͤltige Suͤhne zuſtande
Inn dieſem Winter trafen ſich die Bruͤder oft und hatten
Unterredungen miteinander, und durchaus nicht kuͤmmer⸗
212
ten fie ſich um Spiele und andern Zeitvertreib; und einmal, als
Thorleik in Tunga war, redeten die Brüder tagelang mit⸗
einander. Snorri glaubte da zu wiſſen, daß ſie irgend etwas
großes mit einander berieten. Da ging Snorri zu den beiden
Bruͤdern, waͤhrend ſie miteinander redeten. Sie begruͤßten ihn
herzlich und brachen ſofort ihr Geſpraͤch ab. Er erwiderte ihren
Gruß freundlich.
Darauf ſprach Snorri: „Was habt ihr beide fuͤr Anſchlaͤge
in Beratung, daß ihr Schlaf und Eſſen daruͤber vergeßt?“
Bolli antwortete: „Das ſind keine Anſchlaͤge, die wir be⸗
raten; unſer Geſpraͤch iſt von geringer Bedeutung, das wir
miteinander fuͤhren.“ Und als Snorri bemerkte, daß ſie das
alles vor ihm verheimlichen wollten, was ihnen im Sinne
lag, und er hatte doch den Verdacht, daß ſie gerade uͤber
etwas redeten, das zu großen Verwicklungen fuͤhren konnte,
wenn es ins Werk geſetzt wuͤrde — Snorri ſprach da zu
ihnen: „Ich vermute, daß es weder Narreteien noch luſtige
Geſchichten ſind, die ihr beide ſo ausfuͤhrlich zu verhan⸗
deln habt, und ich verdenke es euch gar nicht, wenn es ſich
wirklich ſo verhaͤlt; ſeid nun ſo gut und verheimlicht mir das
nicht. Juſammen werden wir ebenſowohl diefe Sache beraten
koͤnnen, denn ich werde euch gewiß nicht im Wege ſtehen, wenn
etwas geſchehen ſoll, wodurch euer beider Anſehen gefoͤrdert
wird.“ Thorleik dachte, daß Snorri ihre Sache gut aufnehme,
und ſagte ihm in kurzen Worten, daß ſie, die Bruͤder, vor⸗
haͤtten, die Olafsſoͤhne anzugreifen, und dieſe ſollten nun ihre
Strafe erdulden; fie ſagten, fie ſeien durchaus in der Lage,
ſich mit den Olafsſoͤhnen zu meſſen, ſeitdem Thorleik ein ges
ſchworner Mann des Rönigs Olaf und Bolli der Schwieger⸗
ſohn eines ſolchen Haͤuptlings wie Snorri fei.
Snorri antwortete in folgender Weiſe: „Genug iſt damit
für den an Bolli veruͤbten Totſchlag getan, daß Zelgi mit
feinem Leben dafür bezahlen mußte, der Sohn Zardbeins;
und auch, wenn es damit zum Abſchluß gekommen iſt, ſcheint
mir Unheil genug geſchehen zu ſein.“ Bolli ſagte da: „Was
bedeutet das, Snorri? biſt du auf einmal nicht mehr ſo eifrig,
uns Hilfe zu leiſten, wie du eben noch vorgabſt? Übrigens
213
würde dir Thorleik diefen Plan nicht mitgeteilt haben, wenn
er mich vorher darüber zu Rate gezogen hätte. Und wenn du
ſagſt, daß Zelgis all als Rache für Bolli zu gelten habe, fo
ift allgemein bekannt, daß für den erſchlagenen Helgi Bußgeld
bezahlt worden iſt, aber mein Vater iſt ungebuͤßt.“
Als aber Snorri ſah, daß er ihnen ihre Gedanken nicht aus⸗
reden konnte, da erbot er ſich dazu, zu verſuchen, ob er von
den Olafs ſoͤhnen einen Ausgleich erlangen konnte, lieber, als
daß es wieder ʒu Totſchlaͤgen kaͤme; und damit erklaͤrten ſich
die Brüder einverftanden.
Darauf ritt Snorri nach Zjardarholt mit einigen Männern.
galldor empfing ihn gut und lud ihn ein, dazubleiben. Snorri
ſagte, er muͤſſe am Abend heimreiten,! — „aber ich habe etwas
Wichtiges mit dir zu beſprechen.“ Darauf begannen ſie ihre
Unterredung, und Snorri trug ſein Anliegen vor, indem er
ſagte, er ſei gewahr geworden, daß Bolli und Thorleik es
nicht laͤnger ertragen wollten, daß fuͤr ihren Vater keine Buße
kaͤme von den Olafsſoͤhnen, — „und nun wollte ich ver⸗
ſuchen, einen Ausgleich herbeizufuͤhren, und ſehen, ob nicht
einmal ein Ende gemacht werden koͤnnte mit dem Unheil unter
euch Verwandten.“
Zalldor wies das durchaus nicht von ſich und antwortete: „Sehr
wohl ift mir bekannt, das Thorgils, der Sohn der alla, und
die Bolliſoͤhne vorhatten, mich und meine Bruͤder zu uͤberfallen,
bis du ihrer Rache eine andere Richtung gabſt, ſo daß ſie infolge⸗
deſſen beſchloſſen, Helgi, Hardbeins Sohn, zu töten; du haft dir
in dieſen Handeln große Verdienſte erworben, fo wie du dich auch
ſchon verhalten haft bei den früheren zwiſtigkeiten zwiſchen uns
Verwandten.“ Snorri ſprach: „Es ſcheint mir ſehr wichtig zu
ſein, daß mein Verſuch gluͤckt und es hier nun ſo weiter⸗
geht, wie es mein hoͤchſter Wunſch iſt, daß unter euch Ver⸗
wandten eine gute Suͤhne zuftande kommt; denn ich kenne die
Sinnesart der Maͤnner, mit denen ihr es in dieſer Sache zu
tun habt: ſie werden alles getreulich halten, wie ſie es bei der
Suͤhne vereinbaren.“ galldor erwiderte: „Dazu werde ich mich
bereit erklaͤren, wenn es auch der Wille meiner Brüder iſt,
1 Typiſche wendung, Vgl. S. 154, Anm. 1.
214
Geld zu bezahlen für den Totſchlag an Bolli, eine Summe,
wie fie durch das Urteil der Männer, die zur Abmachung be⸗
ſtimmt werden, feſtgeſetzt wird; aber ich will ausgeſchloſſen
wiſſen alle Achtungen, ebenſo den Verluſt meiner Godenwuͤrde
und Veraͤnderung meiner Wohnſtaͤtte; letzteres ſoll auch von
den Wohnſtaͤtten meiner Bruͤder gelten; ich will, daß ſie im un⸗
geſtoͤrten Beſitz bleiben beim Abſchluß der Verhandlungen.
Serner ſoll jede Partei ihren Mann ernennen fuͤr die ſchieds⸗
gerichtliche Entſcheidung.“
Snorri ſagte: „Was du anbieteſt, iſt gut und hochſinnig; die
Bruͤder werden auf dieſen Vorſchlag eingehen, wenn ſie auf
meine Mithilfe rechnen.“
Darauf ritt Snorri heim und ſagte den Bruͤdern, welchen Er⸗
folg ſeine Sendung gehabt hatte, und dabei zugleich, daß er ſich
voͤllig von ihrer Sache zuruͤckziehen wuͤrde, wenn ſie nicht ihre
Juſtimmung gaͤben. Bolli ſagte, Snorri ſolle zu entſcheiden
haben, — „und ich wuͤnſche, Snorri, daß Ihr fuͤr unſere Partei
Schiedsrichter ſeid.“ Darauf ſandte Snorri Nachricht an Sall⸗
dor, daß die Suͤhneverhandlung beſchloſſen ſei, und bat ihn
einen Mann von der Gegenſeite zu beſtimmen, der mit ihm
Schiedsrichter fein ſolle. Halldor wählte zum Schiedsrichter
Steinthor, den Sohn des Thorlaf von Eyr.! Die Juſammen⸗
kunft zum Schiedsſpruch ſollte fein in Drangar am Skogar⸗
ſtrand, vier Wochen nach Sommeranfang.
Thorleik, Bollis Sohn, ritt nach Helgafell, und während des
Winters ereignete ſich gar nichts. Und als die Jeit heranruͤckte,
die für die Zuſammenkunft beſtimmt war, da kam der Bode
Snorri mit den Bolliföhnen, fie waren im ganzen fünfzehn
zuſammen; ebenſoſtark waren die andern auf Steinthors
Seite zur Stelle. Snorri und Steinthor verhandelten nun mit
einander und kamen zu einem Ausgleich in dieſer Sache. Dar⸗
auf entſchieden ſie auf eine Geldbuße, doch iſt es hier nicht an⸗
gegeben, wie hoch ſie feſtgeſetzt wurde; aber es wird erzaͤhlt,
daß die Summe richtig bezahlt und die Suͤhnebeſtimmungen
gut gehalten wurden. Auf dem Thorsnesthing fand die Aus⸗
zahlung ſtatt. Halldor gab Bolli ein gutes Schwert, und Steins
1 Er iſt im Kap. 3 erwähnt; vgl. S. 29, Anm. 3.
215
thor, Olafs Sohn, gab Thorleif einen Schild, das war auch
ein wertvolles Stuͤck; dann wurde das Thing geſchloſſen, und
beide Parteien ſchienen durch dieſen Abſchluß an Ehren ge⸗
wachſen zu ſein.
72. Bolli beſchließt mit ſeinem Bruder
Thorleik auszureiſen
achdem Bolli und Thorleik ſich mit den Olafsſoͤhnen
ausgeſoͤhnt hatten und Thorleik einen Winter in Island
geweſen war, erklaͤrte Bolli, daß er ausreiſen wolle. Snorri
ſuchte ihn davon zuruͤckzuhalten und ſprach: „Mir ſcheint viel
auf dem Spiele zu ſtehen, wie es dir dabei ergehen mag; wenn
du aber Verlangen traͤgſt, mehr unter dir zu haben, als du
bisher haſt, ſo will ich dir einen eigenen Wohnſitz geben und
dir einen Hof einrichten und zugleich Leute deiner Leitung
unterſtellen und in jeder Weiſe fuͤr dein Anſehen Sorge tragen.
Ich glaube, das macht keine Schwierigkeit, denn die meiſten
Männer find dir wohlgeſinnt.“
Bolli antwortete: „Ich habe es lange im Sinn gehabt, einmal
nach dem Suͤden zu reiſen. Der Mann ſcheint mir ſein Wiſſen
wenig zu mehren, der ſich nicht weiter umſieht als hier in Js⸗
land.“ Und als Snorri ſah, daß Bolli feſt entſchloſſen war, ſo
daß es nichts half, ihn zuruͤckzuhalten, da erbot ſich Snorri, ſo
großes Gut, wie Bolli wuͤnſche, ihm zur Sahrt mitzugeben. Bolli
ging gern darauf ein, großes Gut mitzunehmen, — „ich will“,
ſagte er, „vom Mitleid keines Mannes abhaͤngig ſein, weder
hier noch im Auslande.“ Darauf ritt Bolli ins Suͤdland zur
Zvita an den Borgarfjord und kaufte den Männern, die die
Zaͤlfte von Thorleiks Schiff hatten, ihren Teil ab. So gehoͤrte
nun das Schiff den beiden Bruͤdern. Bolli ritt dann heim ins
Weſtland.
Bolli und Thordis hatten eine Tochter, die Zerdis hieß; Gudrun
er bot ſich, das Mädchen zu erziehen. Es war damals ein Jahr
alt, als es nach Helgafell kam. Thordis hielt ſich dort ebenfalls
oft auf, Gudrun hatte ſie ſehr gern.
216
73. Thorleik und Bolli reifen nach
Norwegen
Nu. begaben ſich die beiden Bruͤder zum Schiff. Bolli nahm
großes Gut mit auf die Reiſe. Sie machten nun das Schiff
ſegelfertig, und als ſie ganz klar waren, gingen ſie in See. Sie
hatten nicht gleich Sahrwind und waren lange unterwegs. Im
Zerbſt erreichten ſie Norwegen und kamen im Norden an, bei
Thrandheim.! König Olaf war im Oſtlande und ſaß in der
Wik? und hatte dort Vorbereitungen fuͤr den Winteraufent⸗
halt getroffen.
Und als die Bruͤder das erfuhren, daß der Koͤnig nicht mehr in
den Norden nach Thrandheim kommen wuͤrde in dieſem gerbft,
da ſagte Thorleik, daß er an der Büfte entlang nach dem Oſt⸗
lande ſegeln und den Rönig aufſuchen wolle. Bolli erwiderte:
„Wenig behagt es mir, von Handelsplatz zu Handelsplatz mich
durchzuſchlagen zur gerbſtʒeit; das ſcheint mir eine große Plage
und Unluſt. Ich will hier den Winter uͤber in der Stadt ſitzen.
Mir iſt geſagt, der Rönig werde im Fruͤhjahr nach dem Norden
kommen; und wenn er nicht kommt, will ich mich nicht wider⸗
ſetzen, daß wir beide uns aufmachen, ihn aufzuſuchen.“ Bolli
behielt feinen Willen; fie loͤſchten nun ihre Ladung und nahmen
ſich eine Wohnung in der Stadt.
Sehr bald zeigte ſich, daß Bolli ehrgeizig war und ſich hervor⸗
tun wollte vor andern Maͤnnern; das gelang ihm auch, denn
er war freigebig; er kam bald zu hohem Anſehen in Norwegen.
Bolli hielt ſich ein Gefolge waͤhrend ſeines Winteraufenthaltes
in Thrandheim, und auf den erſten Blick ſah man, wenn er zu
Trinkgelagen ging, daß ſeine Leute beſſer ausgeſtattet waren
an Kleidern und Waffen als anderes Volk in der Stadt. Er
bezahlte auch allein fuͤr alle ſeine Gefolgsleute, wenn ſie an
Trinkgelagen teilnahmen. Ebenſo zeigte ſich auch ſonſt ſeine
Sreigebigkeit und fein Zerrenweſen.
Die Bruͤder waren nun in der Stadt waͤhrend des Winters.
In dieſem Winter ſaß Rönig Olaf im Oſtlande in Sarpsborg,?
! dgl. S. 126, Anm. 1. gl. S. 42, Anm. 3. Sarpsborg, mit dem be⸗
ruͤhmten waſſerfall Sarpsfoß, liegt nicht weit landeinwaͤrts von Srede⸗
riksſtad am Glommen.
217
und vom Oſtlande kam die Runde, daß man im Norden nicht
auf die Ankunft des Rönigs rechnen ſollte. Gleich zu Anfang
des Srühlings machten die Brüder ihr Schiff ſeeklar und ſegel⸗
ten nach dem Oſtlande längs der Kuͤſte. Ihre Sahrt verlief
guͤnſtig, und ſie kamen ins Oſtland nach Sarpsborg und be⸗
gaben ſich ſofort zu Koͤnig Olaf; der König begrüßte freund lich
Thorleik, ſeinen Gefolgsmann, und die Gefaͤhrten mit ihm.
Dann fragte der Rönig Thorleik, wer der kuͤhne Geſell ſei, der
ihn begleite; er antwortete, „das iſt mein Bruder und er heißt
Bolli.“ „Wahrhaftig, das iſt ein praͤchtiger Mann,“ ſagte der
König.
Darauf lud der Rönig die Brüder ein, bei ihm zu bleiben; fie
nahmen das mit Dank an und waren beim Rönige im Fruͤh⸗
ling. Der Rönig behandelte Thorleik freundlich wie fruͤher,
doch ſchaͤtzte er Bolli weit hoͤher, denn er erſchien dem Koͤnige
als ein durchaus uͤberragender Mann.
Und als der Fruͤhling verging, redeten die Bruͤder uͤber ihre
Reifepläne; Thorleik fragte, ob Bolli im Sommer nach Island
fahren wolle, — „oder willſt du Länger in Norwegen bleiben?“
Bolli antwortete: „Ich denke keins von beiden zu tun; und die
Wahrheit zu ſagen, es war nicht meine Abſicht, als ich von
Island ausreiſte, nur vom Haus ins Nachbarhaus zu ziehen;
ich will nun, Bruder, daß du unſer Schiff uͤbernimmſt.“ Thor⸗
leik empfand das ſchmerzlich, daß ſie ſich trennen ſollten, —
„aber du ſollſt hierin, wie in allem andern, zu entſcheiden haben,
Bolli.“ Was ſie ſo beſprochen hatten, trugen ſie dem Koͤnige vor,
aber er antwortete folgenderweiſe: „Willſt du nicht, Bolli, länger
dich bei uns aufhalten?“ ſagte der Konig, „das würde mir
das beſte ſcheinen, wenn du eine Zeitlang bei uns bliebeſt; ich
wuͤrde dir dieſelbe Stellung verleihen, die ich deinem Bruder
Thorleik gegeben habe.“ Da antwortete Bolli: „Sehr gern
wäre ich dazu bereit, Herr, in Eure Hand zu ſchwoͤren, doch
will ich zuerft dorthin, wohin ich ſchon früher mir vorgenom⸗
men hatte zu reifen, und wohin ſeit langem mein Wunſch mich
zieht; aber Euer Anerbieten will ich gerne annehmen, wenn mir
die Kuͤckkehr vergoͤnnt iſt.“ „Du ſollſt beſtimmen, wohin du
fahren willſt, Bolli,“ ſagte der König, „denn ihr ſeid in allen
218
Dingen eigenwillig, ihr Islaͤnder; aber das will ich zum Schluß
noch ſagen, daß meiner Überzeugung nach, Bolli, du der an⸗
ſehnlichſte Mann biſt, der in meinen Tagen aus Island ge⸗
kommen ift.“
Und als Bolli Urlaub vom Rönige bekommen hatte, rüftete
er ſich zur Reife und ging an Bord eines Kauffahrers, der
nach Daͤnemark beſtimmt war; er nahm großes Gut mit ſich;
ihn begleiteten auch einige feiner Gefährten. Rönig Olaf und
er ſchieden in großer Freundſchaft; der Rönig gab Bolli wert⸗
volle Geſchenke zum Abſchied. Thorleik blieb da bei Koͤnig Olaf
zuruͤck, aber Bolli fuhr ſuͤdwaͤrts ſeines Weges, bis er nach
Dänemark kam; er blieb den Winter über dort in Daͤnemark
und empfing da große Ehren von maͤchtigen Männern; er hielt
ſich dort auch in keiner Weiſe weniger ſtattlich, als er in Nor⸗
wegen getan hatte.
Und als Bolli einen Winter in Daͤnemark geweſen war, da brach
er auf zur Weiterreiſe von Land zu Land und unterbrach feine
Reife nicht, bis er hinunter nach Miklagard! kam. Nicht lange,
nachdem er dort Aufenthalt genommen hatte, trat er in die
kaiſerliche Leibgarde. Wir haben keine Runde darüber ge⸗
hoͤrt, daß ein Nordmann vor Bolli, Bollis Sohn, in den Dienſt
des Rönigs von Miklagard getreten ſei. Er war in Miklagard
ſehr viele Jahre und zeigte ſich als der kuͤhnſte Mann bei allen
Maͤnnerproben und ſtand immer unter den erſten. Die Maͤnner
der Leibgarde hielten viel von Bolli, ſolange er in Miklagard
war.
74. Thorkel reiſt mit ſeinem Sohne nach
Norwegen und bringt eine Laſt Kirchen⸗
bauholz nach Island
It: muß fich die Erzählung dorthin wenden, wo Thor:
kel, Eyjolfs Sohn, als Häuptling auf feinem Zofe ſaß.
Gellir, ſein und Gudruns Sohn, wuchs daheim auf, er war
bald ein wackerer und allbeliebter Geſell.
1 Ronftantinopel. ? Die aus den waͤringern, den nordgermaniſchen Soͤld⸗
nern, beſtand. Bolli war nicht der erſte bekannte Islaͤnder, ſondern einer
der letzten, die in der byzantiniſchen Garde dienten.
219
Einmal, wird berichtet, erzählte Thorkel Gudrun, was er ge⸗
träumt hatte: „Das traͤumte mir,“ ſagte er, „daß ich einen fo
großen Bart zu haben ſchien, daß er ſich uͤber den ganzen Breidi⸗
fiord legte.“ Thorkel bat fie, den Traum zu deuten. Gudrun
fragte: „Was meinſt denn du, daß dieſer Traum befagen fol!“
„Das ſcheint mir ſicher, daß meine Macht den ganzen Breidifjord
umfaſſen fol.“ „Moͤglich, daß es fo iſt,“ ſagte Gudrun, „aber
eher wuͤrde ich glauben, daß du deinen Bart in den Breidifjord
eintauchen ſollſt.ꝰ
In demſelben Sommer brachte Thorkel ſein Schiff zu Waſſer
und ruͤſtete ſich zur Sahrt nach Norwegen. Gellir, ſein Sohn,
war damals zwölf Winter alt, er reiſte aus mit feinem Vater.
Thorkel gab bekannt, daß er vorhabe, ſich Kirchenbauholz zu
holen, und ging ſofort in See, nachdem er klar war. Er hatte
eine bequeme, aber nicht beſonders raſche uͤberfahrt. Sie er⸗
reichten Norwegen im Norden. Konig Olaf ſaß zu dieſer Zeit
in Thrandheim. Thorkel begab ſich ſogleich an den Hof des
Königs Olaf und mit ihm Gellir, fein Sohn. Sie wurden da
gut aufgenommen. In ſo hohem Anſehen ſtand Thorkel beim
Bönige während des Winters, daß es allgemein erzählt wird,
der König habe ihm nicht weniger als hundert Mark reinen
Silbers geſchenkt. Der Konig gab Gellir zu Weihnachten
einen Mantel, der war von hoͤchſter Koſtbarkeit und ein herr⸗
liches Stuͤck.
In dieſem Winter ließ Rönig Olaf in der Stadt eine Kirche aus
Holz bauen; fie war als große Hauptkirche geplant und ſollte
praͤchtig ausgeſtattet werden. Im Fruͤhling wurde das golz an
Bord geſchafft, das der Konig Thorkel geſchenkt hatte. Dies Bau⸗
holz war lang und gut, denn Thorkel fuͤhrte genaue Aufſicht.
Es war eines Morgens in der Fruͤhe, daß der König ausging
mit wenigen Begleitern. Er ſah einen Mann oben auf der
Kirche, die dort im Bau war in der Stadt. Er wunderte ſich
ſehr daruͤber, weil es noch fruͤher am Tage war, als die Jim⸗
merleute gewohnt waren aufzuſtehen. Der Rönig erkannte den
Mann, es war Thorkel, Eyjolfs Sohn; er maß alle die groͤß⸗
ten Balken, ſowohl Querbalken wie Laͤngswandbalken und
ſtehende Pfoſten.
220
Der Rönig begab ſich fofort dorthin und ſprach: „Was be:
deutet das, Thorkel? Zaſt du die Abſicht, hiernach die Maße
zu nehmen für das Kirchenbauholz, das du nach Island ſchaf⸗
fen willſt? / Thorkel antwortete: „So iſt es, Herr.“ Da ſprach
Rönig Olaf: „ Hau du zwei Ellen ab von jedem großen Bal⸗
ken, und die Kirche wird dennoch die größte in Island fein.“
Thorkel erwiderte: „Behalte dir dein Holz, wenn du meinft
zu viel gegeben zu haben oder dich das Verlangen plagt, es
zuruͤck zu bekommen; ich will auch nicht eine Elle davon ab⸗
hauen; ich werde Mittel und Wege finden, mir anderes Bau⸗
holz zu verſchaffen.“
Da ſagte der Koͤnig und blieb ganz ruhig dabei: „Beides ift
wahr, Thorkel, daß du ein tuͤchtiger Mann biſt und daß du
dich jetzt ſehr uͤberhebſt; denn gewiß iſt es Hochmut von einem
Bondenſohn, wenn er ſich mit uns meſſen will; und das iſt
nicht wahr, daß ich dir das Bauholz mißgoͤnne, ſollte es dir
beſchieden ſein, damit eine Kirche zu bauen; ſie wuͤrde doch
niemals fo groß werden, daß dein ganzer Zochmut drin Platz
haben koͤnnte. Aber eine Ahnung ſagt mir, als werde man
wenig Nutzen von dieſem Holze haben, und als werde es nicht
dazu kommen, daß du einen Bau mit dieſem Holze auffuͤhrſt.“
Damit brachen fie ihre Unterhaltung ab, der König wandte
ſich zum Gehen, und man merkte, wie er daruͤber boͤſe war,
daß Thorkel ſich gar nichts daraus machte, was der Rönig
ſagte. Doch ließ der König es nicht zum Ausbruch kommen.
Er verabſchiedete Thorkel in großer Freundlichkeit. Thorkel
ſtieg an Bord und ging in See.
Sie hatten guten Wind und waren nicht lange unterwegs.
Thorkel kam mit feinem Schiff in den Srutafjord.! Er ritt ſo⸗
gleich vom Schiffe heim nach Helgafell; jedermann freute ſich
ſeiner Ankunft. Thorkel hatte ſich große Ehre erworben durch
dieſe Fahrt. Er ließ fein Schiff an Land bringen und ſicher ver⸗
forgen und gab das Kirchenbauholz an einer Stelle in Ver⸗
wahrung, wo es gut aufgehoben war; es wurde im Herbfte
noch nicht nach dem Suͤden geſchafft; denn er hatte immer
vieles andere zu tun.
I Vgl. S. 67, Anm. 1.
221
Thorkel ſaß nun daheim während des Winters auf feinem
Hof. Er hatte ein Weinachtsgelage in Zelgafell, dabei waren
eine große Menge Menſchen, und überhaupt trieb er großen
Aufwand in dem Winter. Aber Gudrun hielt ihn hierbei nicht
zuruͤck; fie ſagte, das ſei der Fweck des Geldes, daß die Maͤn⸗
ner ſich dadurch Anſehen verſchafften, und da mußte auch alles
herhalten, wenn Gudrun etwas noͤtig ſchien fuͤr ſtandesge⸗
maͤßes Weſen. Thorkel gab in dem Winter ſeinen Freunden
viele koſtbare Geſchenke, die er mit nach Island gebracht hatte.
75. Thorſtein und Thorkel machen einen
vergeblichen Verſuch, Halldor zum Verkauf
von giardarholt zu zwingen
n dieſem Winter nach Weihnachten brach Thorkel von
gauſe auf nach dem Hrutafjord im Nordlande, um feine
Bauhölzer ſuͤdwaͤrts zu ſchaffen. Er ritt zuerſt in den Täler:
bezirk hinein und zwar nach Cjarſkogar zu feinem Verwandten
Thorſtein und beſorgte ſich Maͤnner und Pferde. Dann ritt er
weiter nordwaͤrrs zum grutafjord und hielt ſich da eine Zeitlang
auf und überlegte ſich, wie er die Kuͤckreiſe einrichten ſollte;
er brachte da aus der Sjordgegend Pferde zuſammen, denn
er wollte, wenn es moͤglich waͤre, nicht mehrere Fahrten ma⸗
chen. Es ging das nicht ſo ſchnell. Thorkel hatte damit bis in
die Zeit der Langfaſten zu tun, ehe dieſes Unternehmen in
Gang kam; er ſchleppte das Bauholz mit mehr als zwanzig!
Pferden aus dem Nordlande und ließ das Holz an der Muͤn⸗
dung der Lija aufſtapeln. Von dort gedachte er es zu Schiff
hinaus nach gelgafell zu ſchaffen.
Thorſtein beſaß ein großes Reiſeboot, und Thorkel hatte vor,
das Schiff zu benutzen, wenn er den Heimweg antreten wuͤrde.
Thorkel war in Ljarffogar während der Saftenzeit; denn zwi⸗
ſchen den Verwandten? beſtand herzliches Einvernehmen.
Thorſtein redete mit Thorkel darüber, daß es ihm gut paſſen
würde, wenn fie zuſammen nach Zjardarholt ritten, — „ich
1 Dieſe Zahl iſt ſicher falſch, es muͤſſen weit mehr Pferde geweſen fein; in
der Erzählung vom Hühnerthorir (Rap. 3) find 120 Pferde notwendig, um
eine Schiffsladung fortzufchaffen. ? OgL S. 177, Anm. 5.
222
will das Land von Halldor kaufen, denn er hat wenig Geld,
ſeitdem er den Bolliſoͤhnen die Vaterbuße hat zahlen muͤſſen,
und das Land ift fo, daß ich es ſehr gern beſitzen möchte.“
Thorkel ſagte, er habe nur zu beſtimmen. Sie ritten von Haufe
fort und waren zuſammen an zwanzig Mann. Sie kamen nach
Zjardarholt; galldor nahm fie gut auf und war ſehr geſpraͤchig
mit ihnen. Es waren wenig Maͤnner daheim, denn Halldor
hatte Leute ins Nordland zum Steingrimsfjord! geſchickt. Da
war ein Walfifch angetrieben, an dem er Anteil hatte. Beinir der
Starke war zu Zauſe. Er war allein noch von den Maͤnnern
am Leben, die bei Olaf, Zalldors Vater, geweſen waren.
galldor hatte mit Beinir geſprochen, gleich als er Thorſtein
und feine Leute heranreiten ſah: „Ich ſehe deutlich voraus,
was dieſe beiden Vettern wollen; fie werden mir mein Land
abkaufen wollen, und wenn es fo iſt, fo werden fie mich zu einer
Unterredung holen. Ich vermute, daß ſie ſich rechts und links
von mir niederſetzen werden, und wenn fie mir irgend ein Leid
antun wollen, ſo ſei du ebenſo ſchnell, Thorſtein anzugreifen,
wie ich Thorkel. Du biſt feit langer Zeit unſerer Samilie treu
geweſen. Ich habe auch auf die naͤchſten Höfe nach Männern
geſchickt; ich möchte, daß es ſich genau fo traͤfe, daß dieſe
Leute kaͤmen, wenn wir mit unferm Geſpraͤch zu Ende find.“
Und als der Tag weiter vorgeſchritten war, ſchlug Thorſtein
Zalldor vor, daß fie zuſammen zu einer Unterredung gehen
wollten. „Wir haben etwas mit dir zu beſprechen.“ Halldor
ſagte, es ſei ihm recht. Thorſtein ſprach zu ſeinen Gefaͤhrten,
es ſei nicht noͤtig, daß ſie mitkaͤmen. Aber Beinir ging nichts
deſtoweniger mit; denn ihm ſchien die Sache ganz ſo zu ver⸗
laufen, wie Halldor vermutet hatte. Sie gingen ein weites
Stuͤck hinaus auf die Zofwieſe. Halldor hatte einen engan⸗
ſchließenden Mantel an mit langer Bruſtſpange, wie es da⸗
mals Brauch war. Halldor ſetzte ſich nieder auf die Erde und
rechts und links von ihm die beiden Vettern, und fie ſetzten
ſich dicht zu ihm auf den Mantel.! Aber Beinir ſtand hinter
ihnen und hatte eine große Axt im Arme.
1 vgl. S. 30, Anm. 1. Ahnliche Situation in einer meiſterhaft ent⸗
worfenen Szene der Saga vom Suͤhnerthorir (Kap. 10). Auch hier draͤn⸗
223
Da ſprach Thorftein: „Das ift mein Geſchaͤft hier, daß ich dir
dein Land abkaufen will. Ich bringe das deshalb jetzt zur
Beſprechung, weil gerade mein Vetter Thorkel dabei iſt. Ich
meine, dies muͤßte auch dir gut paſſen, denn mir iſt geſagt,
daß du nicht genuͤgend Geld haſt und daß dein Land dir viele
Boften macht. Ich werde dir dafür einen Wohnſitz geben, der
dir anſtaͤndig iſt, und dabei ſo viel noch, wie wir beide unter⸗
einander ausmachen werden.“
galldor wies das zuerſt durchaus nicht von ſich, und fie gingen
auf die Kaufbedingungen ein, und da er ihnen nicht abgeneigt
ſchien, ſo miſchte Thorkel ſich eifrig in die Verhandlung ein
und wollte den Kauf zwiſchen den beiden zum Abſchluß bringen.
Da begann Halldor ſich ihnen um fo mehr zu entziehen, als fie
eifriger ihm zuredeten, und ſchließlich kam es fo, daß das Ziel
ihnen um fo ferner ruͤckte, je mehr fie auf Zalldor eindrangen.
Da ſprach Thorkel: „Siehſt du nicht, Vetter Thorſtein, wie es
ſteht? Er hat dieſe Sache den ganzen Tag hingezogen vor
uns, und wir haben hier geſeſſen für ihn zu Spott und Hohn.
Wenn dein Sinn auf dem Landkauf befteht, fo find wir genoͤtigt,
ſchaͤr fer vorzugehen.“ Thorſtein ſagte, er wolle nun ſeinen Be⸗
ſcheid haben. Er forderte Zalldor auf, ihnen nun keinen Dunft
mehr vorzumachen; ob er ſich auf den CLandkauf einlaſſen wolle
oder nicht. Halldor antwortete: „Ich denke, wir wollen das
nicht im Dunkeln laſſen, daß du ohne Kauf nach Haufe reiten
mußt heute abend.“ Da ſagte Thorſtein: „Ich glaube, wir
brauchen nun auch nicht Länger mehr mit der Erklaͤrung zuruͤck⸗
zuhalten, was wir im voraus beſchloſſen haben, naͤmlich dir die
Wahl zwiſchen zwei Dingen zu ſtellen, denn wir meinen, die
ſtaͤrkere Sache zu haben durch unſere Übermacht. Das eine
iſt, daß du dieſen Handel freiwillig eingehſt und dafuͤr unſere
Sreundfchaft bekommſt. Aber das andere und gewiß das
ſchlimmere ift, daß du gezwungen deine Hand ausſtrecken mußt
und Hof und Land Zjardarholt in meine Hand uͤbergibſt.“ Und
als Thorſtein ihn auf dieſe Weiſe bedrohte, da ſprang Halldor
ſo heftig auf, daß die Spange des Mantels zerbrach, und ſagte:
gen ſich die beiden Beſucher ſo nahe an Gunnar, daß ſie auf ſeinem Mantel
ſitzen.
224
„Eher wird noch anderes gefchehen, als daß ich etwas aus⸗
ſpreche, was ich nicht will.“ „Und was wird geſchehen?“
fragte Thorſtein. „Eine Holzart wird dir in den Kopf ge⸗
ſchlagen werden von dem elendeften Mann und fo dein Über-
mut und deine Ungerechtigkeit zu nichte werden.“! Thorkel
antwortete: „Das iſt eine boͤſe Prophezeiung, und wir hoffen,
daß ſie nicht in Erfuͤllung gehen wird; und nun, ſage ich, liegt
genug Grund vor, wenn du, Salldor, dein Land laſſen mußt
und gar kein Geld dafür bekommſt.“ Da antwortete Halldor:
„Eher ſollſt du nach den Tangblaſen greifen im Breidifjord,?
ehe ich gezwungen mein Land verkaufe.“
galldor ging zum Haufe zuruͤck nach dieſen Worten.
Zu gleicher Zeit ſammelten ſich die Männer auf dem Zofe, nach
denen er geſchickt hatte. Thorſtein war furchtbar zornig und
wollte auf der Stelle Halldor angreifen. Thorkel bat ihn, das
nicht zu tun, — „das waͤre ſehr unſchicklich in dieſer heiligen
Zeitz aber wenn fie vorüber iſt, will ich mich nicht widerſetzen,
daß wir es auf einen Zufammenftoß ankommen laſſen.“ Hall:
dor ſagte, er traue ſich zu, jederzeit für fie geruͤſtet zu fein.
Darauf ritten die beiden fort und redeten noch viel miteinander
uͤber ihre Sahrt. Thorſtein ſprach, es ſei wahr, ſagte er, ihre Sahrt
ſei ganz jaͤmmerlich verlaufen, — „aber warum haft du dich fo
geſcheut, Vetter Thorkel, Halldor anzugreifen und ihm eine
Schmach an zutun? / Thorkel antwortete: „Sahſt du nicht Bei⸗
nir, wie er hinter dir ſtand mit der bereiten Axt. Das war ja
gerade das allerbedenklichſte dabei; denn er haͤtte dir ſofort die
Axt in den Kopf geſchlagen, wenn ich Miene gemacht hätte,
irgend etwas zu wagen.“ Sie ritten nun heim nach Cjarſkogar.
Die Faſtenzeit ging weiter und die Karwoche kam heran.
76. Thorkel ertrinkt
m Gruͤndonnerstag früh am Morgen ruͤſtete ſich Thorkel
zur Sahrt. Thorſtein ſuchte ihn auf jede Weiſe zuruͤck⸗
zu halten, — „denn das Wetter ſcheint mir unſicher,“ ſagte er.
1 Halldor ſagt dem Thorſtein einen gewaltſamen Tod voraus. Die islaͤndi⸗
ſchen Annalen berichten davon, die näheren Umſtaͤnde find nicht bekannt.
1 Diefe Prophezeiung geht nach kurzer Zeit in Erfuͤllung.
15 Meißner, Cachstalſaga 225
Thorkel fagte, das Wetter würde ſehr gut werden — „und du
ſollſt mich nun nicht zuruͤckhalten, Vetter, denn ich will nach
gauſe vor Oſtern.“ Nun brachte Thorkel das Reiſeboot zu
Waſſer und belud es. Thorſtein trug immer wieder ans Land,
was Thorkel und ſeine Gefaͤhrten einluden. Da ſprach Thorkel:
„Hör nun auf, Vetter, und hindere nicht unſere Fahrt, du be⸗
kommſt deinen Willen nicht diefes Mal. Thorſtein erwiderte:
„So wird nun von uns beiden der ſeinen Willen haben, der
das Unheil auf ſich zieht, und dieſe Sahrt wird verhaͤngnis⸗
voll werden.“ Thorkel ſagte, er hoffe, ſie wuͤrden ſich geſund
wiederſehen.
Thorſtein ging nun heim und war ſehr niedergeſchlagen. Er
ging in die Stube und bat, ihm etwas unter den Kopf zu
legen, und ſo geſchah es; die Magd ſah, daß die Traͤnen aus
feinen Augen hinab aufs Kiffen floſſen. Und etwas ſpaͤter
fuhr ein ſtarker Windſtoß gegen das Haus; da ſprach Thor⸗
ſtein: „Jetzt koͤnnen wir hören, wie der Mörder meines Vetters
Thorkel einherbrauſt.“
Nun ift von der Reife Thorkels und feiner Gefährten zu er⸗
zaͤhlen. Sie ſegelten an dem Tage hinaus, den Hvammsfjord
entlang, und waren zehn auf dem Schiffe; das Wetter begann
ſehr ſcharf zu werden und ſteigerte ſich ſchließlich zu einem
heftigen Sturme. Sie hielten wacker ihr Schiff in Fahrt; es
waren Männer von größter Unerſchrockenheit. Thorkel hatte
das Schwert Skoͤfnung mit ſich, es lag in einem Kaſten.
Thorkel ſegelte, bis er in die Naͤhe von Bjarnarey kam, von
beiden Ufern des Sjords konnte man ihre Fahrt beobachten.
Und als fie ſoweit gekommen waren, fuhr eine 85 ins Segel
und brachte das Schiff zum Bentern. Thorkel ertrank da und
alle Maͤnner, die mit ihm waren. Die Bauhoͤlzer wurden weit
unter den Inſeln herumgetrieben, die Eckpfeiler trieben auf die
Inſel, die ſeitdem Stafey (Pfeilerinſel) heißt. Skoͤfnung wurde
gehalten durch die Innenhoͤlzer des Reiſeboots; er fand ſich
auf Skoͤfnungsey wieder.
Aber am Abend desſelben Tages, an dem Thorkel mit ſeinen
Gefährten ertrunken war, geſchah es in Zelgafell, daß Gudrun
zur Kirche ging, als die Ceute ſchon zu Bett waren; und als
226
fie zur Kirchhofstuͤr kam, ſah fie einen Wdiergaͤnger vor ſich
ſtehen. Er beugte ſich uͤber ſie und ſprach: „Große Neuig⸗
keiten, Gudrun,“ ſagte er. Gudrun antwortete: „So ſchweige
du davon, Elender.“ Gudrun ging auf die Kirche zu, wie ſie
ſich vorgenommen hatte, und als ſie zur Kirche gekommen
war, glaubte ſie zu ſehen, daß Thorkel und ſeine Ceute heim⸗
gekommen waren und daß ſie draußen vor der Kirche ſtanden.
Sie ſah, wie das Meerwaſſer aus ihren Kleidern tropfte. Gud⸗
run redete ſie nicht an, ſondern ging hinein in die Kirche und
verweilte dort ſo lange, wie es ihr gut ſchien; dann ging ſie
in die Stube, weil fie dachte, Thorkel wuͤrde mit feinen Leuten
ſich dorthin begeben haben, und als ſie in die Stube kam, war
dort niemand. Da fiel Gudrun ſchwer aufs Herz alles, was
ihr begegnet war.
Am Karfreitag ſandte Gudrun ihre Leute aus, die fich nach
Thorkel und ſeinen Begleitern erkundigen ſollten, einige die
Kuͤſte entlang, einige nach den Inſeln; da war das Schiffsgut
ſchon weit umher angetrieben, an den Inſeln und den beiden
Sjordufern. Am Sonnabend vor Oſtern erfuhr man, was
geſchehen war, und die Runde machte tiefen Eindruck, denn
Thorkel war ein großer Häuptling geweſen. Thorkel war acht⸗
und vier zig Winter alt, als er ertrank; das geſchah vier Wins
ter bevor Konig Olaf der Heilige fiel.“
Gudrun empfand den Tod Thorkels ſchwer, aber trug doch
den Verluſt mit Seelenſtaͤrke. Nur wenig von dem Kirchenholz
wurde geborgen. Gellir war damals vierzehn Jahr; er über:
nahm die Wirtſchaft gemeinſam mit ſeiner Mutter und die
Zaͤuptlingswuͤrde. Es war bald an ihm zu erkennen, daß er
wohl geeignet war fuͤr eine fuͤhrende Stellung. Gudrun wurde
ſehr fromm. Sie war die erſte Frau in Island, die den Pſalter
lernte. Lange lag ſie in der Kirche zur Nachtzeit im Gebet.
Zerdis, Bollis Tochter, begleitete ſie immer in der Nacht. Gud⸗
run liebte Zerdis ſehr.
In einer Nacht, wird erzählt, traͤumte der jungen Herdis, daß
eine Frau zu ihr kaͤme, die war in wollenem Mantel, und um
den Kopf hatte ſie ein Tuch geſchlungen; ſie ſchien ihr nicht
1 Rönig Olaf fiel 1030 in der Schlacht von Stiklaſtadir.
15° 227
angenehm von Ausſehen. Die Srau begann zu fprechen: „Sag
du das deiner Großmutter, daß ich fchlecht mit ihr zufrieden
bin, denn ſie waͤlzt ſich alle Naͤchte uͤber mir und laͤßt ſo heiße
Tropfen auf mich fallen, daß ich ganz und gar davon brenne.
Und das ſage ich zu dir deshalb, weil du mir etwas beſſer ge
faͤllſt; indeſſen ſchwebt auch uͤber dir etwas Sonderbares, und
doch wuͤrde ich mit dir ſchon auskommen, wenn ich nur Ruhe
fände vor Gudrun.“ Darauf erwachte gerdis und erzählte
Gudrun ihren Traum. Gudrun meinte, daß die Erſcheinung
gutes bedeute.
Am Morgen darauf ließ Gudrun die Bretter des Fußbodens
in der Kirche aufheben, dort, wo ſie gewohnt war, zum Gebet
niederzuknien. Sie ließ dort in die Erde graben. Da fand man
in der Tiefe Gebeine, die waren ſchwarz und unheimlich; man
fand da auch ein Bruſtgehaͤnge und einen großen Jauberſtab.
Daraus ſchloß man, daß dort das Grab einer Jauberin ge⸗
weſen war. Die Gebeine wurden weit fortgeſchafft an eine von
Menſchen moͤglichſt wenig begangene Stelle.
77. Bolli kehrt heim
a: vier Winter ſeit dem Ertrinken Thorkels, des Sohnes
des E yjolf, vergangen waren, kam ein Schiff in den Eyja⸗
fjord; das gehörte Bolli, dem Sohne Bollis; die Mannſchaft
darauf waren meiſtens Norweger. Bolli brachte viel Gut mit
nach Island und viele koſtbare Kleinode, die Sürften ihm
geſchenkt hatten. Bolli hatte ein ſo prunkvolles Weſen an⸗
genommen, nachdem er von dieſer feiner Reife zuruͤckgekehrt
war, daß er keine andern Kleider tragen mochte als Kleider aus
Scharlach oder andern koſtbaren Stoffen, und alle ſeine Waffen
waren mit Goldſchmuck verſehen; man nannte ihn Bolli den
Stolzen. Er erklaͤrte ſeinen Schiffsgenoſſen, daß er die Ab⸗
ſicht habe, nach dem Weſtland in feine Heimatgegend zu reiten,
und gab Schiff und Ladung in die Obhut ſeiner Schiffsge⸗
noſſen. Bolli ritt vom Schiffe mit elf Mann; ſie waren alle
in Scharlachkleidern, die Gefolgsleute Bollis, und ritten auf
vergoldeten Saͤtteln; alle waren ſie Maͤnner von gutem Aus⸗
ſehen, aber Bolli uͤbertraf ſie doch noch. Er war in den koſt⸗
228
baren Kleidern, die ihm der Koͤnig von Miklagard geſchenkt
hatte; daruͤber trug er einen roten Scharlachmantel, am Guͤrtel
hing ihm Sußbeißer, Querſtange und Knauf waren mit Gold⸗
arbeit geſchmuͤckt, der Griff mit Golddraht umwunden; er
hatte einen vergoldeten Helm auf dem Kopf und einen roten
Schild an der Seite, auf dem ein Ritter in Gold dargeſtellt
war; in der Hand trug er eine Stoßlanze, wie es Brauch iſt
im Auslande; und wo ſie uͤber Nacht blieben, hatten die Srauen
nichts anderes zu tun, als auf Bolli zu ſchauen, auf ſeine
Pracht und die ſeiner Gefaͤhrten.
In dieſem ritterlichen Aufzuge ritt Bolli in die Bezirke des
Weſtlandes ein, immer weiter, bis er nach Helgafell kam mit
ſeiner Schar; Gudrun war hocherfreut uͤber ihren Sohn.
Bolli hielt ſich da nicht lange auf; dann ritt er wieder land⸗
einwaͤrts nach Saͤlingsdalstunga, um ſeinen Schwiegervater
Snorri und Thordis, ſeine Frau, zu treffen. Das war ein ſehr
frohes Wiederſehen; Snorri lud Bolli zu ſich ein, mit fo viel
Mann, wie er wollte. Bolli nahm das an, und er war bei
Snorri den Winter uͤber und ebenſo die Maͤnner, die mit ihm
von Norden gekommen waren. Bolli wurde beruͤhmt durch ſeine
Reife. Snorri war nicht weniger bemuͤht, Bolli mit aller Sreund⸗
lichkeit zu bewirten, als fruͤher, da Bolli bei ihm gewohnt hatte.
78. Snorri ſtirbt. Gudruns hohes Alter
und Tod
U: als Bolli einen Winter in Island geweſen war, fiel
Snorri in Krankheit. Die Krankheit machte keine ſchnellen
Sortſchritte. Snorri lag ſehr lange danieder, und als die Krank⸗
heit ſtaͤrker wurde, ließ Snorri feine Verwandten und Verſchwaͤ⸗
gerten zu ſich rufen. Da ſprach er zu Bolli: „Es iſt mein Wille,
daß du hier den Hof und die Gewalt über die Leute nach mei⸗
nem Tode uͤbernimmſt; ich gönne dir nicht geringere Ehre als
meinen Söhnen; der unter meinen Söhnen iſt nun auch nicht
im Lande, von dem ich denke, daß er der erſte unter ihnen ſein
wird, ich meine Zalldor.“ ! Darauf ſtarb Snorri. Er war ſieben⸗
1 Halldor, der Sohn des Snorri, wurde berühmt durch feine Sahrten mit
Konig Harald Hardradi.
229
undſechzig Jahre alt. Das war ein Jahr nach dem Tode Rönig
Olafs des Heiligen; fo ſagt der Prieſter Ari der Gelehrte.“
Snorri wurde in Tunga begraben.
Bolli und Thordis übernahmen den Hof in Tunga, fo wie
Snorri beſtimmt hatte; die Söhne Snorris waren völlig da⸗
mit einverſtanden. Bolli wurde ein ſehr tuͤchtiger und allgemein
beliebter Mann.
gerdis, Bollis Tochter, wuchs in Helgafell auf und war ein
wunderſchoͤnes Maͤdchen. Um ſie warb Orm, der Sohn des
Zermund, des Sohnes des Illugi;“ und erhielt fie zur Frau;
ihr Sohn war Rodran, der mit Gudrun, der Tochter Sigmunds,
vermaͤhlt war. Der Sohn Kodrans war germund, vermaͤhlt
mit Ulfeid, der Tochter des Runolf, des Sohnes des Biſchofs
Ketil; ihre Söhne waren Ketil, der Abt war in Zelgafell, und
Rein und Rodran und Styrmir; ihre Tochter war Thorvoͤr,
die mit Skeggi, dem Sohne Brands, vermaͤhlt war, und da⸗
von ſtammt das Geſchlecht der Skogarleute.“
Oſpak hieß ein Sohn des Bolli und der Thordis. Die Tochter
Oſpaks war Gudrun, die mit Thorarin, dem Sohne des Brand,
vermaͤhlt war; ihr Sohn war Brand, der Zuſafell“ zum Prieſter⸗
gut machte; ſein Sohn war der Prieſter Sighvat, der dort
lange wohnte.
Gellir, der Sohn Thorkels, verheiratete ſich; er nahm Valgerd
zur Frau, die Tochter des Thorgils, des Sohnes des Ari von
Reykjanes;? Gellir fuhr nach Norwegen und war bei Koͤnig
Magnus dem Guten; und empfing von ihm zwölf re Gold und
ſonſt noch großes Gut. Die Soͤhne Gellirs waren Thorkel und
Thorgils; Thorgils Sohn war Ari der Gelehrte; Aris Sohn
hieß Thorgils, deſſen Sohn war Ari der Starke.
Nun begann Gudrun ſehr alt zu werden und lebte in ihrem
Trauerſtande, wie oben geſagt wurde, noch lange Zeit. Sie war
die erſte Nonne in Island und Einſiedlerin; und das iſt die
1 Nicht in der Islendingabok, vgl. S. 30, Anm. 3. Illugi war der vater
des Dichters Gunnlaug Schlangenzunge. ? Skogar, ein Hof im Suͤdlande
am Suͤdabhange des Spjafiallajökull.“ Huſafell liegt im innerſten Tal⸗
gebiet der Zita, die in den Borgarfiord muͤndet. Vgl. 8.33, Anm. 4.
° Dem Sohne Olafs des Heiligen. Nicht wörtlich zu nehmen.
230
allgemeine Rede, daß Gudrun die hervorragendſte Frau ihres
Standes hierzulande geweſen iſt.
Einmal, fo wird erzählt, kam Bolli nach Zelgafell, denn Gud⸗
run freute ſich immer, wenn er ſie beſuchte. Bolli ſaß lange
bei ſeiner Mutter und ſie redeten vieles miteinander. Da ſprach
Bolli: „Willſt du mir etwas ſagen, Mutter, was ich ſehr gern
wiſſen mochte? welchen Mann haft du am meiſten geliebt?“
Gudrun antwortete: „Thorkel war der maͤchtigſte und der
groͤßte Zaͤuptling, und keiner war tuͤchtiger als Bolli und von ſo
vollkommener Männlichkeit. Thord, der Sohn der Ingunn, war
der kluͤgſte von ihnen und der beſte Rechtskenner; Thorvald
nenne ich gar nicht.“ Da ſagte Bolli: „Ich verſtehe das ſehr gut,
was du mir von dem Weſen aller deiner Maͤnner erzaͤhlſt, aber
das iſt damit noch nicht geſagt, wen du am meiſten geliebt haſt. Du
ſollſt mir das nun nicht laͤnger verbergen.“ Gudrun antwortete:
„Stark draͤngſt du mich, mein Sohn,“ ſagte Gudrun, „doch
wenn ich das jemanden bekennen ſoll, fo möchte ich dich am lieb⸗
ſten dazu auserſehen.“ Bolli bat ſie, es zu ſagen. Da ſprach
Gudrun: „Dem ſchuf ich die bitterſte Stunde, den ich liebte aus
Zerzensgrunde.“ „Nun glaube ich,“ erwiderte Bolli, „daß du
ganz aus der Seele geſprochen haſt,“ und er fuͤgte hinzu, ſie
habe recht daran getan, ihm das zu ſagen, was er gern wiſſen
wollte.
Gudrun erreichte ein hohes Alter und ſo erzaͤhlen die Leute,
daß fie ihr Augenlicht verloren habe. Gudrun ſtarb in Helga=
fell, und dort liegt fie begraben.!
Gellir, Thorkels Sohn, wohnte in Zelgafell bis in fein Alter,
und vieles Merkwuͤrdige wird von ihm erzaͤhlt; er kommt auch
in vielen Erzaͤhlungen vor, wenn auch hier wenig von ihm be⸗
richtet wird. Er ließ eine Kirche bauen in Helgafell, ſehr ſtatt⸗
lich, wie Arnor der Skalde der Tarle? bezeugt in dem Nachrufs⸗
gedicht, das er auf Gellir gemacht hat; da ſpricht er deutlich
hieruͤber.
Und als Gellir ſchon in ein ziemlich hohes Alter gekommen
Ihr Grab wird dort gezeigt. Berühmter Dichter; den Beinamen erhielt
er, weil er die Jarle der Orkneys gefeiert hat. von dem hier erwähnten
Gedicht auf Gellir, der 1073 geſtorben iſt, hat ſich nichts erhalten.
231
war, rüftete er ſich zur Ausreiſe. Er kam nach Norwegen, hielt
ſich da aber nicht lange auf, ſondern verließ das Land gleich
wieder und wanderte ſuͤdwaͤrts nach Rom, um das Grab des
heiligen Apoſtels Petrus zu beſuchen. Auf dieſer Sahrt brachte
er ſehr lange Jeit zu, dann reiſte er nach dem Norden zuruͤck
und kam nach Dänemark; da wurde er krank und lag ſehr lange
danieder und empfing alle geiſtlichen Segnungen. Dann ſtarb
er und liegt in Roskilde begraben.
Gellir hatte Skoͤfnung mit ſich genommen, und das Schwert
kam nicht mehr in den Beſitz eines andern; es war aus dem
Grabhuͤgel des rolf Krake geraubt worden. Und als der Tod
Gellirs in Island bekannt wurde, da übernahm Thorkel, fein
Sohn, das Vatererbe in Helgafell; aber Thorgils, der andere
Sohn Gellirs, ertrank jung! im Breidifjord und alle, die mit
ihm auf dem Schiffe geweſen waren. Thorkel, der Sohn Gel⸗
lirs, war ein ſehr tuͤchtiger Mann und wurde geruͤhmt wegen
ſeines ungewoͤhnlichen Wiſſens.
Und hiermit ſchließt nun die Geſchichte von den Leuten aus
dem Lachswaſſertal.
1 einige Jahre vor dem Tode feines vaters. Thorgils Sohn iſt der berühmte
Geſchichtsſchreiber Ari.
232
2
Skizze des Hvammsfjords
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880
I
Inhalt
Emleiunngsgada‚.. Seite
Die Geſchichte von den Leuten aus dem Cachswaſ⸗
fer a a BI
1. Retil Flachnaſe und feine Samilie .. 2. 22 22 20 20
2. Retil befchließt, Norwegen zu verlaſſen
3. Björn und Zelgi, die Söhne Ketils, und ihr Schwa⸗
ger Zelgi der Magere fiedeln ſich in Island an
4. Ketil und Unn in Schottland. Unn verläßt Schottland
5. Unn kommt nach Island und nimmt Land am
Zvemmsſſe sss a a er
6. Unn teilt Land aus
7. Unn ſtirbt. Olafs Nachkommenſchaft. Zöͤs kuld, der
Bohn 888. Rolli ĩ²ð¹¾. ³⁰ ¼ / ei
8. Hrut, der Sohn Zerjolfs und der Thorgerd, wird ge⸗
boren. Nach dem Tode Zerjolfs kehrt Thorgerd nach
Island ʒuruͤck und ſtirbbt e
9. Zoͤskuld verheiratet ſich mit Jorunn. Ihre Rinder ..
10. Hrapp der Totſchlaͤger und feine Leute
11. oͤskuld reift nach Norwegen.
12. Zoͤskuld kauft eine Sklavin
13. Zoͤskuld kehrt nach Island zuruͤck. Olaf pfau wird
geboren. Melkorka gibt ſich zu erkennen
14. Thorolf erſchlaͤgt Hall, den Bruder des Ingjald, und
findet Schutz bei Digdis auf Goddaſtadir
15. Vigdis rettet Thor oll.
16. Vigdis ſcheidet ſich von Thorr d..
17. Hrapp ſtirbt und geht uu nini
18. Thorſtein Surt ertrinkt mit Tochter, Schwiegerſohn
und eff”. a
19. Hrut kommt nach Is ladet
20. Melkorka verheiratet ſich mit Thorbjoͤrn Skrjup und
ſendet Olaf ins Ausland
21. Olaf in Norwegen und Irland.
22. Olaf kehrt nach Island zurüd .. eke
23. Olaf wirbt um Thorgerd, die Tochter Egils
24. Olaf baut den Hof Hiardarholt . .. .. .. .. er
25. Streit zwiſchen Hrut und Höskuld. ge der Sohn
Thorleiks, wird . CC
26. Zoͤskuld ſtirbt. % Br ae Era
27. Olaf erbietet ſich, Boli. den Sohn . zu er⸗
ziehen”nnnnnnnznnn ne ne ne 00 ee
28. Olafs Rinder .. 2. 02 20 00 00 ee ne ee en en en en
29. Olaf holt Bauholz aus Norwegen und baut eine große
Zalle. Vermaͤhlung der Thurid mit Geirmund Lärm
30. Geirmund verlaͤßt Thurid. Sie raubt ihm das Schwert
Sußbeißer. Er legt einen Fluch auf das Schwert
31. Olafs Töchter. Der Stier Zarri. Olafs Traum
32. Oſvifr auf Laugar und feine Sami lie
33. Der weiſe Geſt deutet die Träume der Gudrun
34. Gudruns erſte Che.
35. Thord ſcheidet ſich von Aud und heiratet Gudrun.
Thord ertrinkt infolge der Zauberei des Kotkel
36. Rotfel wird von Thorleik, dem Sohne des 5
im Lachs waſſertal angeſiedelt =
37. Kari, Hruts Sohn, wird durch Zauber getötet. ir
38. Olafveranlaßtfeinen Bruder Thorleik aus zuwandern
39. Rjartan und Gudruunnn.nn ne en an ee
40. Rjartan und Bolli in Norwegen
41. Rönig Olaf ſendet Thangbrand nach Island.
42. In Island wird das Chriſtentum angenommen. Bolli
z 0.0 2: Su 35 Rene
43. Bolli verheiratet ſich mit Gudrun. es o ent.
Ast -Kjarian: 22.00. gn u 6
44. Rijartan kehrt nach Island zuruͤck.
an Kjartan wirbt um Hrefna und ſchenkt 95 bei der Zoch⸗
zeit das koſtbare Kopftuch. eee
46. Kjartans Schwert wird geſtohlen und wiedergefun⸗
den, das Kopftuch der Hrefna wird entwendet und
Venicht
47. Kjartan reitet nach dem Saurbkoodd
48. An der Schwarze hat einen böfen Traum
49. Kjartan wird von Bolli getötet . 2. 2... cr 00 00
50. Olaf ſchuͤtzt Boll. en
51. Die Söhne des Oſpifr werden geächtet und verlaſſen
IJsland, Plaf ſtitttttttte a
52. Halldor, Olafs Sohn, tötet Thorkel von gafratindar
53. Thorgerd reizt ihre Söhne auf, Rache an Bolli zu
54. Der Jug gegen Bolli wird beſchloſſen. Thorgerd rei⸗
ter Mik. a erden
55. Bolli wird uͤberfallen und getoͤteeet tete
56. Snorri der Gode uͤbernimmt Tunga, Gudrun zieht
nach Zelgafelllll 00 00 20 00 00 00 0°
57. Thorgils, der Sohn der Halle, unterrichtet Gudruns
Sohn Thorleik im Recht. Thorkel, der Sohn des Ey⸗
jolf, zieht aus, den geaͤchteten Grim zu uͤberfallen und
leiht ſich das Schwert Skoͤfnuunn g
58. Thorkel wird von Grim beſiegt, der ihm das Leben
ſchenkt. Snorri gibt dem Thorkel guten Rae
59. Snorri gibt Gudrun liſtige Katſchlaͤ ge
60. Gudrun reizt ihre Söhne zur Rache auff
61. Thorgils überredet Thorſtein und Lambi, an dem
Kachezuge teilzunehmen
62. Thorgils reitet mit ſeiner Schar nach dem Zofe des
63. Ein Hirt Helgis entdeckt die Seinde im Wald und be⸗
ſchreibt ſie ihm 3 27%k
64. Helgi wird getötet. 2. 3 ne
65. Thorgils mahnt Gudrun an ihr Eheverſprechen und
erfährt, daß er betrogen iſe 00 00 00 00
66. Oſvifr und Geſt fterben und werden beide in Zelga⸗
fell begrabens 00 00 ne se
67. Audgiſl, Thorarins Sohn, erſchlaͤgt Thorgils auf
dem Allt hinge
68. Thorkel, Eyjolfs Sohn, kehrt nach Island zuruͤck.
Snorri wirbt für ihn um Gudrun. Die Hochzeit wird
feſtgeſetz t aaa
69. Hochzeit in gelgafall. Gudrun ſchuͤtzt den geaͤchteten
Gunnar Thidrandi⸗Toͤter gegen Thorkel
. 163
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207
70. Thorleik, Bollis Sohn, reift nach Norwegen. Bolli,
Bollis Sohn, verheiratet ſich mit Thordis, der Toch⸗
ter nere .
. Thorleif und Bolli befchließen, die Brüder Kjartans
anzugreifen. Snorri bringt eine endguͤltige Suͤhne
ZUIIANOR a aa a ĩðͤ 88
72. Bolli beſchließt mit feinem Bruder Thorleit auszu⸗
reiſen 85 TREE
73. Thorleif und Bolli reifen nach Norwegen .
74. Thorkel reiſt mit ſeinem Sohne nach Norwegen und
bringt eine Laſt Kirchenbauholz nach Island
75. Thorſtein und Thorkel machen einen vergeblichen
Verſuch, Zalldor zum Verkauf von Zjardarholt zu
zwingen
76. Thorkel ertrin n
77. Bolli kehrt hein
78. Snorri ſtirbt. Gudruns hohes Alter und cod.
—
7
‘ 9 0
Beilagen:
Stammtafel der Zauptperſonen
Skizze des Fvammsfjorddddz ce 00 un 00 00 er
. 209
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217
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225
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. 229
24
232
Gedruckt bei Dietſch & Bruͤckner in Weimar
Von dieſem Buche wurden 50 Abzuͤge auf Buͤttenpapier herge⸗
ſtellt / in Ganzleder gebunden / und handſchriftlich numeriert
Thule
Altnordifche Dichtung und Proſa
Herausgegeben von Profeſſor Felix Niedner
eln ne Felix Niedner, Islands Kultur zur Wikinger⸗
zeit. Mit 24 Anſichten u. 2 Karten. br. M 4.50, geb. M 6.—
Die Aufgabe dieſes einleitenden Bandes iſt, das hiſtoriſche Verſtaͤndnis der Sagas
und der Skalden dichtung zu erſchließen. Große Sachkenntnis und Mare Darſtellungs⸗
gabe vereinigen ſich mit knapper kůnſtleriſcher Sorm. Unentbehrlich iſt aber dieſer
Band fuͤr die Räufer der Sagas, weil er zwei von Profeffor Herrmann geseich⸗
nete Rart en enthält. Die eine verdeutlicht die Schauplaͤtze der Sagas, die andere
gibt einen Überblid über die wiringerzůge bis nach Amerika und bis zum Mittelmeer.
25.1 Edda IJ, Zeldendichtung. Überfegt von Selir Genzmer. Mit Anmer⸗
kungen und Einleitung von Andreas Zeusler. br. M 3z.—, geb. M4. 50
Leipziger Neueſte Uachrichten: Genzmer kommt der Rongruenz mit dem
Originale ſo nahe, daß man das Empfinden, eine Übertragung Zur Hand zu haben,
vollſtändig verliert. Sie iſt vielfach von fo konzentriert anſchaulicher Darſtellung,
daß fie wie gebämmert erſcheint, gehaͤmmert mit der Wucht bildſtarker, kurzer
nadter Sätze. Dieſe Üverfeung geftattet uns ein Einleben in die heidnifch-heldige
Zeit wie keine ihrer Vorgängerinnen.
8e. 3 Die Geſchichte vom Skalden Egil. uͤberſetzt von Selix
Niedner. br. M 4.—, geb. M 5.50
Citerariſcher Sand weiſer: In Egli iſt der wilde Geiſt des alten heidniſchen
nordiſchen Reckentums noch treu erhalten. Schrankenloſe Rachſucht, Habſucht, Zer:
ftörungsluft, raffiniertefte Zinterlift gegen den Verräter auf der einen Seite, auf
der anderen heldenhafte Surchtioſigkeit und Tapferkeit, Sreundestreue, Grotzmuͤtig⸗
keit, Rechts⸗ und Mannesſtolz — all das erſcheint hier ins Gigantiſche geſteigert
und in der großen wilden Geſtalt dieſes Skalden zu lebendig Individueller Einheit
verkörpert. Dem Beſten, was der moderne menſch in ſich trägt, kommt das bedeu⸗
tende Werk entgegen: feiner Sehnſucht nach Kraft.
80. Die Geſchichte von dem ſtarken Grettir, dem Ge⸗
aͤchteten. uͤberſetzt von Paul Zerrmann. Mit 8 Anſichten und
1 Karte. br. M 5.—, geb. M 6.50
Diefe Saga gibt uns das herbtragiſche, von aberglaͤubiſchen Vorftellungen und
maͤrchen umſponnene Bild eines vom Schickſal verfolgten Mannes. Grettir it Je:
lands ſagenumwobener Nationalheld geworden, unter allen Charakteren der Saga
ſteigt er allein ins Symboliſche hinauf. In dieſem ſtreitbaren, vom Ungluͤck gehetz⸗
ten, friedloſen Manne ſahen die Jslaͤnder ein Spiegelbild ihres eigenen bolksweſens,
ihres eigenen Volksgeſchickes.
—
—
837. 1 &
150
Die Geſchichte von den Leuten aus dem Lachs v0 6
waſſertal. Übertragen von Rudolf Meißner. br. M 4.—,
geb. M 5.50
Die Saga umfaßt die Schickſale von 8 Geſchlechtern; ſie ſpielt im Taͤlerbezirk des
z vammsfjords und reicht von der mitte des 9. Jahrhunderts bis 1073. Dieſe Bauern:
geſchichte erhebt ſich in ihrem Hauptteil zu ergreifender Tragik. Schon um der Ge⸗
ſtalt der Gudrun willen gehört fie zu den ewigen meiſterwerken der Weltliteratur.
. — . —7—v˖ð en
Sieben Geſchichten von den Oſtland⸗ Familien. ».. 1.
Überfegt von Guſtav Neckel. br. M 3.50, geb. M 5.—
Inhalt: Die Erzählung von Thorſtein dem Weißen. Die Geſchichte von den Männern
an der waffenfoͤrde. Die Erzählung von Thorſtein Stangenhieb. Die Erzählung von
Gunnar, dem Töter Thidrandis. Die Geſchichte vom Sreysprieſter Hrafnkel. Die
Geſchichte von den Söhnen der Droplaug. Das Bruchſtůck von Thorſtein, dem Sohn
Siduhalls.
Diefe Geſchichten find geographiſch und innerlich eine Einheit. Mehr novellſtiſch
gehalten als andere Sagas ſtellen fie die Sagawelt mit ihrem Thema: „Menſchen⸗
größe und menſchenſchickſal / im Heinen dar. Ernft und unſentimental lehren fie
eine weltbetrachtung, die nichts vertuſcht und nichts zu entſchuldigen braucht,
keinen anklagt und jedem das Seine gibt.
Groͤnlaͤnder und Faͤringer Geſchichten. uberſetzt ze. 13
von Erich von Mendelsſohn. br. M 5.—, geb. M 6.50
Inhalt: Die Geſchichte von Erich dem Roten. Die Erzählung von den Brönländern.
Die Geſchichte von Einar, dem Sohne Sokkis. Die Geſchichte der Ceute aus Sloi.
Die Geſchichte von Suche dem Ziſtigen. Die Geſchichte von den Schwurbruͤdern.
Die Geſchichte der Ceute auf den Särdern.
General-Anzeiger für Zamburg⸗ Altona: Wie die Egilſaga die Entdeckung
und Beſiedelung Islands, fo behandeln die vorliegenden Geſchichten zum größten
Teil die Beſiedelung Groͤnlands und Abenteuerfahrten nach dem amerikaniſchen
Seſtland. Der geld, der ſtarke Menſch, iſt auch hier der Mittelpunkt der Erzählungen,
die in dem vorliegenden Bande aus mehreren geſonderten, nur durch den hiſtoriſchen
Hintergrund zuſammengehaltenen Schickſals ſchilderungen beſtehen . . Beſonders
die Geſchichte von den Schwurbruͤdern mit ihrem wundervoll durchgefuhrten Ron:
flirt einer Maͤnnerfreundſchaft iſt ein Meiſterſtuͤck voll feinfinniger Charakteriſtik.
Dieſe Sagas uͤbertreffen bei weitem die weltberühmten Novellen der Romanen ...
Im Zerbſt 1913 erſcheint:
Fuͤnf Geſchichten aus dem weſtlichen Nord⸗ xs. 10
land. Übertragen von Frank Sifcher und W. 3. Vogt.
Inhalt: Die Geſchichte von den Ceuten aus dem Seetal. Die Geſchichte von Sinn⸗
bogi dem Starken. Die Geſchichte von Thord und feinem Jiehſohn. Die Geſchichte
vom durchtriebenen Ofeig. Die Erzählung von Thorhall Biermuͤtze.
. N N l 2 > 7
Es ſchließen ſich an:
8d. 2 Edda II, Goͤtterdichtung und Spruchdichtung. Übertragen von
Felix Genzmer.
Bd. 4 Die Geſchichtevomweiſen Njaluͤbertragen von Andreasgeusler.
80. 7 Die Geſchichte vom Goden Snorri. übertragen vondelir Niedner.
Bd. 8 Fuͤnf Geſchichten von Achtern und Blutrache. Übertragen von
Friedrich Ranke.
Inhalt: Die Geſchichte vom Hühnerthorir. Die Geſchichte von Zoͤrd dem Geaͤchteten.
Die Geſchichte von Gisli dem Geaͤchteten. Die Geſchichte Havards aus dem Eis⸗
fiord. Die Geſchichte vom Sochlands kampf.
85.9 Vier Skaldengeſchichten. Übertragen von Selir Niedner.
Inhalt: Die Geſchichte von Gunnlaug Schlangenzunge. Die Geſchichte von Bjorn
und Thord. Die Geſchichte von Rormak, dem Ciebes dichter. Die Geſchichte von gall
fred. dem Königs ſkalden.
Bb. 11 Fuͤnf Geſchichten aus dem Sftlihen Nordland. Übertragen
von Wilh. Raniſch und Aug. Lütjens.
Inhalt: Die Geſchichte der Ceute vom Cauterſee. Die Geſchichte der Leute aus dem
Sparftal. Die Geſchichte des Cjot von vellir. Die Geſchichte vom Haudegen Blum.
Die Geſchichte der Leute aus dem Kauchtal.
Die erſten 13 Baͤnde werden 1915 vollſtaͤndig
vorliegen. Die weitern Baͤnde werden nur in
Angriff genommen, wenn der Verlag das entſpre⸗
chende Intereſſe des Publikums für Thule findet.
85. 14/16 Snorris Königsbuch.
858.17 Kleinere Novellen aus der Umgebung der älteren nor⸗
wegiſchen Könige.
85. 18/19 Die Geſchichten der Rönige Sperri und akon im Auszuge.
Die Geſchichte von den Seekriegern auf Jomsburg. Die Geſchichte
von den Daͤnenkoͤnigen und die Geſchichten von den Jarlen auf den
Orkneys im Auszug.
8b. 20 Islands Landes» und Kirchengeſchichte. Aris Islaͤnder⸗
buͤchlein. Ausgewählte Stuͤcke aus dem Beſiedlungsbuch, den Stur⸗
lungengeſchichten und etlichen Biſchofsgeſchichten.
Bb. 21 Heldenromane, Die Geſchichte von den Waͤlſungen, die Geſchichte
von rolf Krake / und ein paar andere.
88. 22/23 Die Thidreksſaga (Die Geſchichte von Dietrich von Bern).
Bd. 24 Islands Grammatik und Poetik. Zwei grammatiſche Traktate
aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Snorris Skaldenlehrbuch:
Die jüngere Edda.
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